Zusammenspiel von Konzentration und Hingabe

  03.02.2025 Kultur

Der junge Pianist Jean-Paul Gasparian entzückte im Rahmen der Sommets Musicaux de Gstaad sein Publikum in der Kapelle Gstaad. Das Konzert endete mit vielen Zugaben und stehenden Ovationen.

KEREM S. MAURER
Die Kapelle in Gstaad füllte sich am Samstag für das Konzert des Pianisten Jean-Paul Gasparian relativ schnell, was sicher auch an ihrer bescheidenen Grösse lag. Und es ist genau diese bescheidene Grösse, die es dem 1995 in Paris geborenen Pianisten – der es gewohnt ist, auf weit grösseren Bühnen aufzutreten – besonders angetan hat. «Ich fühle mich in dieser kleinen, bezaubernden Kapelle, in der eine wirklich intime Atmosphäre herrscht, sehr wohl», sagte Gasparian gegenüber dieser Zeitung. Er verbindet mit der Kapelle besondere Erinnerungen, weil er im Februar 2020 zum ersten Mal hier spielte und den Thierry-Scherz-Preis für junge Talente gewann. Dass er damals diesen Preis verdient hatte, bewies er am Samstag mit emotionsgeladenem, pointiertem Spiel.

Dramatik und Erlösung
Ob Jean-Paul Gasparian mit seinem Flügel verschmolz oder ob er mit der Musik, die er spielte, eins wurde oder ob die Musik direkt aus seiner Seele durch die Hände in die Tasten floss, lag wohl im Auge des Betrachters. Zuweilen schien es sogar, als wäre Gasparian selbst zu seiner Musik geworden. Seine Mimik und seine Bewegungen widerspiegelten das komplette Zusammenspiel von Konzentration und Hingabe. Oft liess er einen Ton lange nachhallen, hob derweil in einer anmutig langsamen Bewegung seinen Arm, zögerte den Moment dramatisch hinaus, um dann im gefühlt einzig richtigen Zeitpunkt auf der Zeitachse des Musikuniversums mit wohldosiertem Gefühl den nächsten Ton anzuschlagen, der die schiere Spannung endlich löste. Diese Erlösung war nicht nur in den Zügen des Pianisten sichtbar, sondern im Publikum deutlich spürbar. «Ich wusste gar nicht, dass man aus einem Flügel derartige Klänge hervorzaubern kann», staunte ein Besucher nach dem Konzert. Das begeisterte Publikum forderte mehrere Zugaben, die Gasparian allesamt mit derselben Leidenschaft zum Besten gab. Am Ende gab es für den Pianisten anhaltenden Applaus, laute Bravorufe und stehende Ovationen.

Teil der Familie
«Ich habe am Samstag ein romantisches Programm angeboten: die Jahreszeiten von Tschaikowski und einige Operntranskriptionen», sagte Gasparian rückblickend, und: «Es freut mich sehr, dass die Organisatoren der Sommets Musicaux de Gstaad an dieser Jubiläumsausgabe, die offensichtlich ein sehr wichtiger Moment im Leben des Festivals darstellt, an mich gedacht haben.» Die Sommets Musicaux seien ein Festival, bei dem man sich wirklich als Teil einer grossen Familie fühle.


«Es hat mich berührt, die Kapelle  in Gstaad voll zu sehen!» Der Pianist Jean-Paul Gasparian im kurzen Gespräch mit dem «Anzeiger von Saanen» nach dem Konzert im Rahmen der Sommets Musicaux de Gstaad vom letzten Samstag in der Kapelle Gstaad.

KEREM S. MAURER

Jean-Paul Gasparian, Sie waren schon öfters hier, was verbindet Sie mit Gstaad?

Es gibt viele Erinnerungen, die mich mit Gstaad verbinden. Und das Festival der Sommets Musicaux hat in den letzten Jahren eine wirklich wichtige Rolle in meiner Karriere gespielt.

Inwiefern denn?

Weil ich 2020 den Thierry-Scherz-Preis gewonnen hatte, bekam ich die Möglichkeit, mein erstes Studioalbum aufzunehmen. Die Aufnahme mit dem Berner Symphonieorchester für das Claces-Label von Patrick Peikert war für mich ein sehr wichtiges Ereignis.

Was haben Sie damals aufgenommen?

Patrick Peikert hatte – völlig zu Recht – darauf bestanden, Rachmaninows zweites Konzert mit der «Heroic Ballad» von Arno Babadjanian, aufzunehmen. Dies war letztendlich mein Einstieg in das Repertoire dieses armenischen Komponisten, den ich zwar kannte, aber nicht so oft spielte.

Arno Babadjanian?

Genau Babadjanian war eine äusserst faszinierende Figur. Als Komponist und Pianist gehörte er zu jener grossen Linie von Komponisten-Pianisten, die auf die Romantik und besonders auf Rachmaninow folgten. Er selbst hatte seine Werke auf eine fantastische Weise aufgezeichnet. Man nannte ihn den armenischen Rachmaninow. Das sagt schon alles.

Spielen Sie heute mehr armenische Musik?

Ja, ich habe der armenischen Musik ein ganzes Soloalbum gewidmet. Und ich bin sehr glücklich, dass ich die «Heroic Ballad» aufnehmen konnte, da es in gewisser Weise die erste westliche Aufnahme dieses Klavierkonzertes war. Dies hat mich dazu ermuntert, das Repertoire der armenischen Musik des 20. Jahrhunderts, die voller Schätze ist, weiter zu erkunden.

Welche Schätze meinen Sie?

Sein Kompositionsstil war äusserst vielseitig. Die «Heroic Ballad» gehört eindeutig zur romantischen oder postromantischen Phase, aber er schrieb auch Werke mit modernistischer Inspiration, versuchte sich am Zwölftonstil, in Filmmusik und Chansons.

Sie spielen auf grossen internationalen Bühnen. Wie sehen Sie im Vergleich dazu das Publikum in Gstaad?

Es ist ein sehr interessantes, internationales Publikum in Gstaad, die Leute kommen von überall her zu den Sommets Musicaux und es ist ein musikbegeistertes, sachkundiges Publikum. Es ist anregend für den Künstler mit diesen Menschen zu sprechen, die als treue Konzertbesucher in der Lage sind, bereichernde Kommentare zu den Interpretationen und zur Musik im Allgemeinen abzugeben.

Sie haben als Künstler schon viele Preise gewonnen. Welcher ist für Sie der wichtigste Preis und warum?

Ich würde gerne an dieser Stelle den Thierry-Scherz-Preis hervorheben. Zunächst einmal, weil er mir von einer Jury aus erstklassigen Musikern und Persönlichkeiten der Musikwelt verliehen wurde wie Patrick Peikert, Nicolas Angelich und Renaud Capu- çon. Es war für mich eine grossartige Anerkennung, diesen Preis aus den Händen jener zu bekommen, die ich selbst so bewundere.

Wenn Sie an das Konzert vom Samstag zurück denken, was wollen Sie Ihrem Publikum sagen oder zurufen?

Es hat mich sehr berührt, die Kapelle in Gstaad voll zu sehen und ein derart herzliches, begeistertes Publikum zu erleben, das sich am Ende des Konzertes sogar erhoben hatte. Ich spiele schon seit mehreren Jahren an diesem Festival. Es gibt Menschen, die mich bereits kennen, die mir folgen und mich schätzen und es ist immer eine grosse Freude, sie im Laufe der Jahre wiederzusehen.


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