Sonnenfinsternis: Wo das Himmelsspektakel am besten zu sehen ist
07.08.2026 UmweltAm 12. August wird der Mond kurz vor Sonnenuntergang bis zu 92 Prozent der Sonne verdecken. Doch wo befinden sich die besten Logenplätze für die partielle Sonnenfinsternis? Gemeinsam mit einem Astronomen und einem Bergführer hat der «Anzeiger von Saanen» nach den besten ...
Am 12. August wird der Mond kurz vor Sonnenuntergang bis zu 92 Prozent der Sonne verdecken. Doch wo befinden sich die besten Logenplätze für die partielle Sonnenfinsternis? Gemeinsam mit einem Astronomen und einem Bergführer hat der «Anzeiger von Saanen» nach den besten Standorten im Saanenland gesucht – und festgestellt, dass der schönste Blick nicht unbedingt am einfachsten zu erreichen ist. Wer den Aufstieg jedoch auf sich nimmt, könnte dafür gleich doppelt belohnt werden. Denn am Himmel wartet noch ein weiteres Naturschauspiel.
Sonnenfinsternis: auf der Suche nach freier Sicht
Bis zu 92 Prozent der Sonne werden am 12. August kurz vor Sonnenuntergang vom Mond verdeckt. Wer das Himmelsereignis im Saanenland beobachten möchte, braucht jedoch den richtigen Standort. Der «Anzeiger von Saanen» hat mit Astronom Dr. Thomas K. Friedli darüber gesprochen, worauf es bei der Beobachtung ankommt und weshalb sich Sonnenfinsternisse bereits Jahrhunderte im Voraus berechnen lassen.
MAXIME VÖGELE
Am Abend des 12. August lohnt es sich, den Blick für ein besonderes Ereignis Richtung Himmel zu wenden: Eine partielle Sonnenfinsternis wird dann bis zu 92 Prozent der Sonnenscheibe verdecken. Da die Schweiz lediglich im Halbschatten des Mondes liegt, wird die Sonne jedoch nicht vollständig verfinstert. Weil sich die Sonnenfinsternis unmittelbar vor Sonnenuntergang ereignet, wird die Standortwahl im Saanenland entscheidend. Vielerorts wird die Sonne dann bereits hinter den Bergen verschwunden sein. Wer das Naturschauspiel beobachten möchte, muss deshalb den Weg in die Höhe suchen.
Fasziniert seit Kindheitstagen
Schon als Kind war Thomas K. Friedli Mitglied der Astronomischen Jugendgruppe Bern. Besonders faszinierte ihn die Sonne. «Sie verändert sich ständig. Beim Beobachten wird es nie langweilig», erzählt er im Gespräch. Der studierte Astronom ist heute zwar nicht mehr beruflich in der Astronomie tätig, widmet sich der Sonnenbeobachtung aber in seiner Freizeit. Er leitet den Sonnenturm Uecht in Niedermuhlern und ist Chef der Fachgruppe Sonnenbeobachter der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft.
Wie berechnet man eine Sonnenfinsternis?
Damit eine Sonnenfinsternis entsteht, müssen sich Sonne, Mond und Erde so ausrichten, dass der Mond seinen Schatten auf die Erde wirft. Dank der bekannten Umlaufbahnen lassen sich solche Konstellationen Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte im Voraus berechnen. «Das ist klassische Himmelsmechanik», sagt Friedli. «Bereits die Griechen und Babylonier konnten Sonnenfinsternisse vorhersagen.» Schwieriger zu berücksichtigen sei hingegen die Erdrotation. Weil sie sich über Jahrtausende leicht verlangsamt, müsse dieser Effekt in die heutigen Berechnungen einfliessen.
Mit freiem Blick nach Westen
Im Saanenland erreicht die Sonne zum Zeitpunkt der grössten Verdunkelung nur noch eine Höhe von rund drei Grad über dem Horizont. Genau darin liegt im Saanenland die Herausforderung. «Vom Tal aus mit Blick nach oben wird man nichts sehen», erklärt Friedli. Damit die Sonne bis kurz vor ihrem Untergang sichtbar bleibt, brauche es einen möglichst tiefen Horizont in Richtung Westen: «Es erträgt nicht einmal einen Baum, der im Weg steht.»
Doch auch der beste Standort garantiert noch keinen perfekten Blick. Entscheidend bleibt das Wetter. «Es muss nicht ‹chnütschblauen› Himmel haben», sagt Friedli. Selbst wenn Wolken am Himmel stehen, könne die Sonne kurz vor dem Horizont unter der Wolkendecke nochmals sichtbar werden.
Ein Algorithmus für freie Sicht
Für die Suche nach einem geeigneten Beobachtungsort empfiehlt Friedli das Tool Sunset Atlas. Entwickelt wurde es vom Belgier Arthur Van de Velde, der heute in Genf lebt. Eigentlich entstand die Idee gar nicht für die Astronomie. «Es gibt nichts Schöneres, als mit einem Bier den Sonnenuntergang zu geniessen», erzählt Van de Velde auf Anfrage. Weil ihn die Suche nach geeigneten Aussichtspunkten jedoch jeweils viel Zeit kostete, begann er nach einer einfacheren Lösung zu suchen. «Ich verbrachte Stunden damit, verschiedene Websites zu durchsuchen. Irgendwann dachte ich: Wäre es nicht einfacher, dafür einen Algorithmus zu entwickeln?»
Als Van de Velde später las, dass die partielle Sonnenfinsternis vom 12. August unmittelbar vor Sonnenuntergang stattfindet, erkannte er sofort die Parallele. «Es war genau dasselbe Problem, das ich bereits gelöst hatte.» Deshalb ergänzte er sein Tool um einen Sonnenfinsternis-Modus. Dieser berechnet zusätzlich, ob die Sonne zum Zeitpunkt der Finsternis an einem bestimmten Standort überhaupt noch über dem Horizont sichtbar ist. «Das liess sich leicht hinzufügen und war der logische nächste Schritt.»
DR. THOMAS FRIEDLIS TIPP
Sunset Atlas ist ein kostenloses Tool, das dabei hilft, europaweit geeignete Orte für die Beobachtung von Sonnenuntergängen zu finden. Für die partielle Sonnenfinsternis vom 12. August wurde es um einen speziellen Sonnenfinsternis-Modus erweitert. Dieser lässt sich oben rechts in der App oder Webanwendung auswählen. Mithilfe von Gelände- und Höhendaten analysiert das Tool den Horizont und berechnet, von welchen Standorten aus die tief stehende Sonne zum Zeitpunkt der Finsternis sichtbar ist.
Auf der Karte werden jene Bereiche rot markiert, von denen aus sich die Sonnenfinsternis besonders gut beobachten lässt. Mit der Funktion «Find best spots» können geeignete Beobachtungsorte in einem frei wählbaren Umkreis gesucht werden. Zusätzlich lassen sich verschiedene Filter – etwa nach der Nähe zu Strassen, Fusswegen oder Parkplätzen – anwenden.
Sunset Atlas ist kostenlos als Smartphone-App und als Webanwendung verfügbar.
MAV
https://www.sunsetatlas.ch/?mode=eclipse
Der beste Standort ist nicht der einfachste
Die App Sunset Atlas berechnet für die partielle Sonnenfinsternis Standorte mit möglichst freier Sicht auf den westlichen Horizont. Doch wie gut sind diese im Saanenland tatsächlich erreichbar? Der «Anzeiger von Saanen» hat die vorgeschlagenen Beobachtungsorte gemeinsam mit Bergführer Peter Sollberger überprüft und eingeordnet.
MAXIME VÖGELE
Bereits nach den ersten Suchanfragen zeigt sich schnell, weshalb die Standortwahl im Saanenland anspruchsvoll ist. Weil die Sonnenfinsternis kurz vor Sonnenuntergang stattfindet, sind Beobachtungsorte mit freier Sicht auf den westlichen Horizont gefragt. Entsprechend schlägt die App Sunset Atlas (siehe Artikel auf der Seite 6) vor allem Berggipfel und Grate als ideale Beobachtungsorte vor.
Auch wer die Suchergebnisse auf die Nähe zu Strassen, Parkplätzen oder Wanderwegen eingrenzt, sollte genau hinschauen. Die Distanzen werden vom Programm als Luftlinie berechnet und sagen nichts darüber aus, wie einfach ein Ort tatsächlich erreichbar ist. Ob eine Strasse öffentlich befahrbar, gebührenpflichtig oder mit einem Fahrverbot belegt ist, kann Sunset Atlas nicht unterscheiden. Diese Angaben müssen deshalb vor der Anreise separat überprüft werden. Wer nach der Nähe zu einem Weg filtert, erhält im Saanenland ausschliesslich Standorte entlang von Bergwanderwegen der SAC-Skala T2 bis T5 (siehe Legende). Ein kurzer Spaziergang ist zu den vorgeschlagenen Beobachtungsorten deshalb nicht zu erwarten.
Der Blick des Experten
Um die Suchergebnisse einzuordnen, hat der «Anzeiger von Saanen» diese gemeinsam mit Bergführer Peter Sollberger überprüft. Sein Fazit: Wer die Sonnenfinsternis möglichst lange beobachten möchte, muss im Saanenland häufig einen längeren Fussmarsch oder eine Wanderung in Kauf nehmen. Selbst bei einer Suche in der Nähe einer Strasse liegen viele der vorgeschlagenen Standorte nicht unmittelbar an einem Parkplatz oder erfordern einen längeren Zustieg.
Rein algorithmisch seien die Berechnungen präzise, sagt Arthur Van de Velde, Entwickler von Sunset Atlas. «Wenn die App sagt, die Sicht ist gut, dann wird sie gut sein.» Nicht berücksichtigen könne das Tool jedoch die Bewölkung am Abend der Sonnenfinsternis. Die integrierte Wolkenvorhersage wurde ausschliesslich für Sonnenuntergänge entwickelt. Deshalb empfiehlt es sich, zusätzlich die Wetterprognose zu konsultieren.
Wer auf eine Bergbahn als Abkürzung hofft, wird enttäuscht. Die Bergbahnen Destination Gstaad bieten am Abend des 12. August keine Sonderfahrten an. Wer einen höher gelegenen Beobachtungsort aufsuchen möchte, sollte deshalb genügend Zeit für den Aufstieg einplanen.
Doppelte Belohnung
Eine Sonnenfinsternis mit solch hohem Bedeckungsgrad wird es in der Schweiz bis 2075 nicht mehr geben. Auch die nächste totale Sonnenfinsternis, die hierzulande zu sehen sein wird, lässt noch lange auf sich warten – sie wird erst 2081 erwartet. Wer nach der Sonnenfinsternis den Blick weiterhin zum Himmel richtet, kann mit etwas Glück gleich das nächste Schauspiel erleben: In derselben Nacht erreichen die Perseiden, besser bekannt als Sternschnuppen, ihr Maximum.
SAC-BERG UND ALPINWANDERSKALA ÜBERSICHT
T1 - Wandern
Breiter, flacher und gut ausgebauter Weg (oft gelb markiert).
T2 - Bergwandern
Überwiegend schmal, steiler angelegt, durchgehend sichtbare Spur (weiss-rot-weiss markiert).
T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Zeitweise schmal und steil, Wegspur am Boden nicht immer zwingend durchgehend, exponierte Stellen teils mit Seilen gesichert (weissrot-weiss markiert).
T4 - Alpinwandern
Die Spur fehlt zeitweise ganz, teils weglos (weiss-blau-weiss markiert).
T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Häufig weglos (weiss-blau-weiss markiert).
MAV






