Sonnenstrahlen für ein visionäres Projekt: Saanen feiert zwölf autofreie Jahre
09.06.2026 SaanenFast wirkte es wie vor Jahren, als die Idee einer Dorfumfahrung noch Zukunftsmusik war: Zögerlich, aber rechtzeitig vertrieb die Sonne am Samstag, 6. Juni, die dichte Wolkendecke. Exakt um 11 Uhr starteten die Feierlichkeiten zu «Zäme dür Saane»: zwölf Jahre autofreies ...
Fast wirkte es wie vor Jahren, als die Idee einer Dorfumfahrung noch Zukunftsmusik war: Zögerlich, aber rechtzeitig vertrieb die Sonne am Samstag, 6. Juni, die dichte Wolkendecke. Exakt um 11 Uhr starteten die Feierlichkeiten zu «Zäme dür Saane»: zwölf Jahre autofreies Saanen».
EUGEN DORNBIERER-HAUSWIRTH
Das Wetter spielte mit: Nach einem zunächst bewölkten Start lockerte sich die Wolkendecke im Laufe des Vormittags zunehmend auf. Pünktlich um 11 Uhr sorgten milde Temperaturen dafür, dass auf dem gut besuchten Sanonaplatz vielerorts die Jacken abgelegt wurden. Die Moderation übernahm Ivo Paroni, der das Publikum begrüsste und einen Überblick über das Tagesprogramm gab. Anschliessend übergab er das Mikrofon an David Schmid, den Vizegemeindepräsidenten von Saanen.
In seiner Ansprache blickte Vizegemeindepräsident David Schmid auf die Entwicklung Saanens seit der Einführung des autofreien Dorfkerns zurück. Die Bauphase sei von unterschiedlichen Meinungen und teils hitzigen Diskussionen begleitet gewesen. Rückblickend hätten sich Mut und Ausdauer jedoch ausbezahlt. «Saanen hat gewonnen», sagte Schmid.
Heute lade das Mittel-, Hinder- und Märetgässli zum Verweilen ein. Die belebten Strassen mit Musik, Gesprächen und Begegnungen seien Ausdruck eines lebendigen Dorfes. Gleichzeitig habe Saanen den Wandel genutzt, ohne seinen Charakter zu verlieren.
Besonders hob Schmid die Bedeutung der Bevölkerung sowie des lokalen Gewerbes hervor. Nicht die Gassen und Plätze allein machten das Dorf aus, sondern vor allem die Menschen und die Geschäfte, die dem Dorfkern täglich Leben einhauchten.
David Schmid erntete grossen Applaus für seine philosophisch angehauchte Rede. Auch Moderator Paroni zeigte sich begeistert, empfahl Schmid jedoch schmunzelnd, für die Spickzettel künftig das handlichere A5- statt des A4-Formats zu verwenden.
Einsatz für Dorf und Region
Flurin Riedi, Tourismusdirektor und CEO von Gstaad Saanenland Tourismus, würdigte in einer Ansprache das lokale Zusammenspiel. Riedi hob dabei in seiner Rede insbesondere den ausgeprägten Gestaltungswillen der Dorforganisation sowie das kreative Engagement des Jubiläums-OKs hervor. Ein besonderes Lob sprach er zudem dem lokalen Gewerbe aus, dessen vielfältiges und nachhaltiges Schaffen das Dorf Saanen massgeblich präge.
Bethli Küng-Marmet aus Saanen darf als eine der Schlüsselpersonen im Zusammenhang mit der Umfahrung des Dorfes Saanen bezeichnet werden. Im Grossen Rat des Kantons Bern, in dem sie in den Jahren 1998 bis 2014 das Berner Oberland vertrat, setzte sie sich unter anderem vehement für dieses Infrastrukturprojekt und die Sanierung der Saanenmöserstrasse ein. Ihr Leitmotiv war stets, den ländlichen Regionen in der Berner Politik Gehör zu verschaffen.
Das OK «Zäme dür Saane»
Die kreativen und engagierten Mitglieder des Organisationskomitees mussten im Vorfeld der Feier an tausend Dinge denken. Eine der Hauptaufgaben bestand darin, am frühen Morgen des Festes die Dorfstrasse in eine riesige Open-Air-Tafelrunde zu verwandeln. So ermöglichte man den lokalen Betrieben aus Gewerbe und Gastronomie, Verpflegungsangebote für die gesamte Bevölkerung zu schaffen. Es machte fast den Eindruck, als wolle man einen Eintrag im «Guinness-Buch der Rekorde» ergattern.
Lockeres Gespräch mit einer gemütlichen Tafelrunde
Heute schlendert man friedlich durch Saanen. Doch vor dem Bau der Umfahrungsstrasse war die Hauptgasse eine staubige Verkehrshölle. Zwischen 600 und 800 Lastwagen sowie bis zu 8000 Autos drängten sich täglich durch die enge Passage. Ein Albtraum für Familien: Die Trottoirs waren so schmal, dass Kinderwagen auf die Strasse ausweichen mussten und spielende Kinder verschwanden komplett aus dem Dorfbild.
Nach der nervenaufreibenden Bauzeit war die Eröffnung der Umfahrungsstrasse die grosse Erlösung. Endlich konnte man wieder unbeschwert mit den Kindern an der Hand durchs Dorf spazieren, – das soziale Leben kehrte zurück.
Dass Saanen trotz dieser Renaissance von aussen oft übersehen wird, beweist eine Weltcup-Anekdote: Ein US-Speaker kündigte die ehemalige Saaner Snowboarderin Ursula Scherz einst als «aus Saanen, der Heimat von Pirmin Zurbriggen» an. Die Sportlerin entschied daraufhin kurzerhand, fortan nur noch unter «Gstaad» anzutreten. Ein Identitätsproblem, das man in Saanen bis heute mit einem Schmunzeln trägt. Schliesslich liegt ja auch der Gstaad Airport in Wahrheit auf Saaner Boden.
Kletterwand weckte Ambitionen bei den jüngsten Besuchenden
Am Fest gehörte die Kletterwand zu den grossen Highlights. Unter der professionellen Anleitung von erfahrenen Bergführern wagten sich zahlreiche Mädchen und Knaben in die steile Vertikale. Schritt für Schritt tasteten sie sich gesichert nach oben.
Der Ehrgeiz war gross: Alle Teilnehmenden wollten den höchsten Punkt erreichen. Den Zuschauenden bot sich ein eindrückliches Bild, das den Geist der vorangegangenen Rede von David Schmid widerspiegelte. Der Mut und der Wille, über sich hinauszuwachsen, standen den Jugendlichen ins Gesicht geschrieben.
In der Hüpfburg sowie beim Kinderschminken kamen die jüngsten Besucher:innen voll auf ihre Kosten. Ein abwechslungsreiches Programm, das vom Chinderhuus Ebnit und von Yara Annen liebevoll gestaltet und betreut wurde.
Ein Hauch von High Fashion wehte über den Sanonaplatz, als einheimische Models den Laufsteg eroberten. Die weiblichen und männlichen Models schritten graziös und mit professioneller Leichtigkeit über den Catwalk, hier und da lockerten sie die Atmosphäre durch ulkige, charmante Gesten auf. Die gezeigte Mode spiegelte die Bandbreite regionalen Designs wider: Präsentiert wurde eine gelungene Mischung aus eleganten Klassikern und funktionaler Sportbekleidung, die das Publikum begeisterte.
Die Schweizer Rock’n’Roll-Partyband «The Poorboys» spielte Klassiker der 50er- und 60er-Jahre (von Elvis bis zu den Beatles) sowie italienische Evergreens. Im Kontrast zu den «Armen Buben» begeisterte das Bläserensemble «The South Quintett» das Publikum mit klassischen, tendenziell lateinamerikanischen Melodien.
RÜCKBLICK
Die Nordumfahrung Saanen wurde am Freitag, 20. August 2010, offiziell eingeweiht. Die damalige Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer und der damalige Saaner Gemeinderatspräsident Aldo Kropf gaben die Strasse nach einer zweijährigen Bauzeit und über 20-jähriger Planung für den Verkehr frei.
In einem kurzen Telefongespräch blickte alt Regierungsrätin Egger-Jenzer auf die Entstehung der Umfahrung Saanen zurück. Das Projekt habe im Grossen Rat im Vorfeld für viel Gesprächsstoff gesorgt, wie dies bei grösseren Infrastrukturvorhaben üblich sei. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihr die engagierten Voten der damaligen Grossrätin Bethli Küng. Sie sei eine starke Stimme im Parlament gewesen und habe energisch und erfolgreich für das Projekt geworben.
Auch die Einweihung der Umfahrung sei ihr noch präsent. Es sei ein schöner und ergreifender Anlass gewesen, bei dem die Freude der Saanerinnen und Saaner über die lang erwartete Umfahrung deutlich spürbar gewesen sei. Die Aufwertung des Dorfes Saanen bezeichnete Egger-Jenzer als «grossartig».
EDH
MIT BETHLI KÜNG
Bethli Küng, wie erlebten Sie die (politischen) Jahre vor 2010?
Eigentlich wollte ich vor 2010 aus dem Grossen Rat austreten. Weil sich 2008 die Wege der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) trennten, riet man mir, noch vier Jahre zu bleiben.
Gab es im Dorf Saanen unterschiedliche Meinungen zur Umfahrung des Dorfes Saanen?
Ja, seitens der Bauern gab es Einwände, weil dafür Landwirtschaftsflächen beansprucht wurden. Aber im Grossen und Ganzen standen die Saanerinnen und Saaner hinter mir.
Von welcher Seite kam der Widerstand im Grossen Rat?
Grössere Bauvorhaben lösten immer Widerstand aus. Die Frage war auch, ob es für die Umfahrung des Dorfes Saanen wirklich einen Tunnel brauche. Die Umfahrung hing mit dem Ausbau der Hauptstrasse Zweisimmen–Saanenmöser zusammen. In den Oberländer Fraktionen war man sich einig, dass diese Verbindung ausgebaut werden müsse. Ich rief damals ins Mikrofon: «Schämt ihr euch eigentlich nicht, von Zweisimmen nach Saanenmöser eine Strasse zu haben wie einen Karrweg auf einen Berg?» Diese Worte verstanden die Mitglieder des Grossen Rates, und sie stimmten meinem Vorhaben zu.
Ist es richtig, dass es in Saanen nur eine Volksabstimmung brauchte?
Im Gegensatz zu Gstaad, wo es drei Abstimmungen brauchte, wurde die Nordumfahrung Saanen an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung im April 2007 mit 281 Jastimmen zu 37 Neinstimmen angenommen.
Heute feiern wir das Jubiläum. Wie fühlen Sie sich?
Ausgezeichnet, auch weil ich noch immer im Saanenland leben darf. Mit dem Erreichten bin ich rundum zufrieden.
EDH








