Stau während Feiertagen: Warum Gstaad an Spitzentagen an seine Grenzen kommt
13.01.2026 TourismusGstaad steckte über die Feiertage im Stau. Während viele von Chaos sprachen, arbeiteten Tourismus, Bergbahnen und Gemeinde im Hintergrund an Lösungen. Ein Überblick über Ursachen, Sofortmassnahmen und die grossen Fragen für die Zukunft.
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Gstaad steckte über die Feiertage im Stau. Während viele von Chaos sprachen, arbeiteten Tourismus, Bergbahnen und Gemeinde im Hintergrund an Lösungen. Ein Überblick über Ursachen, Sofortmassnahmen und die grossen Fragen für die Zukunft.
«Das grosse Mengengerüst des Skigebietes betrifft nicht Gstaad, wo der Stau war»
SONJA WOLF
Matthias In-Albon, im Dorf Gstaad und seinen Zufahrtswegen staute sich an den Spitzentagen in der Altjahrswoche der Verkehr stark. Wie sah die Verkehrs- und Parkplatzsituation an den Talstationen aus?
Die Parkplatzkapazitäten haben über die Spitzentage gereicht. Die eingeleiteten Massnahmen haben sich bewährt. Es kam zu keinen grösseren Problemen.
Es sind also nicht die Skifahrenden, die den Verkehrsstau verursachten?
Das grosse Mengengerüst des Skigebietes betrifft nicht Gstaad, wo der Stau war. Dieses Jahr waren über die Spitzentage im Gstaad Eggli weniger Skifahrer als im Vorjahr und zusätzlich war die Wispile geschlossen. Der Stau konzentrierte sich auf Montag und Dienstag in Gstaad, am Samstag und Sonntag war das Mengengerüst auf dem Eggli ähnlich und es hatte keinen Stau. Ergo war nach den Festtagen und geschlossenen Geschäften das Bedürfnis der Gäste, im Dorf einzukaufen, sehr gross oder das Event beim Sportzentrum zu besuchen.
Wie sehen die eingeleiteten Massnahmen aus?
Wir haben in diesem Jahr die Landparkplätze mit mehr Holzrosten ausgelegt, damit man auf den Parkplätzen nicht im weichen Untergrund versinkt. Ausserdem haben wir mehr Parkplatzeinweiser beschäftigt und die Markierungen und Beschilderungen verbessert. Am Abend haben Beschäftigte einer Sicherheitsfirma dafür gesorgt, dass die Einleitung der Rückkehrer auf die Kantonsstrassen in Saanenmöser, Schönried und Gstaad optimaler verläuft.
Und dennoch gab es Probleme bei der Rückkehr von der Eggli-Talstation.
Ja, an den bereits genannten Spitzentagen 29. und 30. Dezember mussten sich die Gäste vom Eggli-Parkplatz aus in den sich bereits stauenden Verkehr einordnen.
Generell ziehen Sie also ein positives Fazit bezüglich der Parkplatzkapazitäten an den Talstationen und den Einstiegsportalen?
Ja. Es hat alles funktioniert. An Spitzentagen kann es immer zu punktuellen Überlastungen kommen. So auch diesen Sonntag, 11. Januar, an dem wir nach den Schneefällen am Morgen die Videmanette und das Horneggli verspätet öffnen konnten und dies in Saanenmöser zu Einfahrtsproblemen führte. Auch nächsten Sonntag wird in Schönried aufgrund der Durchführung des Grand Prix Migros die Verkehrsinfrastruktur am Limit sein.
TOURISMUSDIREKTOR FLURIN RIEDI IM INTERVIEW
«Die Infrastruktur im Talboden ist nicht auf diese Frequenzen ausgelegt»
SONJA WOLF
Flurin Riedi, viele Einheimische und Gäste sprachen zwischen Weihnachten und Neujahr von Verkehrschaos, teilweise sogar von einem Kollaps. Teilen Sie diese Wahrnehmung?
Ich glaube, diese Beobachtung muss man ernst nehmen. Wenn man selber im Stau steht und für eine Strecke von drei Kilometern plötzlich eine Stunde braucht, dann fühlt sich das nach Kollaps an. Natürlich ist die Infrastruktur im Talboden, vor allem in und um Gstaad, nicht auf diese Frequenzen ausgelegt. Allerdings kann man eine Infrastruktur auch nicht nur auf zwei oder drei Spitzentage im Jahr auslegen. Aber ich stelle fest, dass die Tage mit stauähnlichen Situationen zunehmen. Und ich glaube, es wäre falsch, erst aktiv zu werden, wenn wir 50 Tage im Jahr Stau haben.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die Hauptursachen für diese Staus?
Was ich selber beobachtet habe – und das haben mir viele andere bestätigt: 70, wenn nicht 80 Prozent der Fahrzeuge sind keine Skifahrer. Also ist es nicht der Magic Pass, der den Stau verursacht hat. Es sind Tagesgäste, Chaletgäste und Einheimische, aber auch Berufstätige, Lieferanten, Taxis und Kutschen, die ins Dorf kommen, sei es zum Einkaufen, fürden Restaurantbesuch, beruflich odereinfach nur, weil sie durch die Promenade flanieren möchten. Ein grosses Problem dabei ist der grosse Suchverkehr: Autofahrer, die keinen zentrumsnahen Parkplatz finden und wieder zurückfahren. Das erzeugt zusätzliche Frequenzen auf ohnehin stark belasteten Strassen.
Heisst das: Das Problem liegt weniger auf den Pisten als im Dorf?
Ja, ganz klar. Auf den Pisten hatten wir nicht mehr Frequenzen als in anderen Jahren bei ähnlichen Wetterund Schneeverhältnissen (siehe auch das Interview mit Matthias In-Albon). Die Verkehrsproblematik spielt sich im Talboden ab, auf den Zufahrtsachsen und im Zentrum. Dort zeigt sich, dass die vorhandene Infrastruktur an ihre Grenzen kommt.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Besucherlenkung?
Eine gut funktionierende Besucherlenkung ist matchentscheidend. Nicht nur kurzfristig, sondern langfristig. Es geht darum, die hohe Qualität, von der diese Destination lebt, nachhaltig sicherzustellen. Und Qualität heisst am Ende auch: Der Aufenthalt funktioniert und das Erlebnis leidet nicht unnötig.
Wie organisiert sich diese Besucherlenkung konkret?
Ein Beispiel: Mit dem Entscheid zur Einführung des Magic Passes wurde sehr früh eine Arbeitsgruppe geschaffen, die sich genau mit diesen Fragen befasst. Darin vertreten sind die Gemeinden Saanen, Lauenen, Gsteig und Zweisimmen, dazu die Bergbahnen, GST, der Hotelierverein und der Gewerbeverein. Unser Ziel ist es, immer wieder einen Gesamtüberblick über alle Besucherlenkungsmassnahmen zu haben und deren Wirkung zu überprüfen.
Wie eng war der Austausch während der Hochsaison?
Sehr eng. Über die rund zwei Wochen standen wir praktisch täglich im Austausch. Es ging darum, die Situation laufend zu beobachten, zu analysieren und dort, wo möglich, sofort nachzujustieren – etwa bei Einsatzzeiten von Verkehrsdiensten oder an einzelnen neuralgischen Punkten.
Was für Massnahmen hatten Sie für die Feiertage vorgesehen?
Kurzfristig ging es vor allem um Organisation und Abläufe: Verkehrsdienste an Kreiseln, Kreuzungen und Einfahrten, die Schaffung von zusätzlichen Parkierflächen bei den Talstationen oder des Langlaufparkplatzes zwischen Saanenmöser und Schönried. Auch die Gstaad Card spielt eine Rolle, weil sie dazu beiträgt, dass Übernachtungsgäste vermehrt den öffentlichen Verkehr nutzen, anstatt mit dem Auto von A nach B zu fahren.
Wichtig ist auch: Die Festtage werden noch diese Woche in einer gemeinsamen Sitzung ausgewertet. Diese Erkenntnisse fliessen direkt in die Planung für die Sportferien ein.
Ein wiederkehrendes Stichwort ist das geplante Park- und Verkehrsleitsystem. Was versprechen Sie sich davon?
Das Leitsystem ist ein wichtiger nächster Schritt und hoffentlich bis zur nächsten Wintersaison bereits realisiert. Ziel ist es, so auch den Suchverkehr zu reduzieren. Wenn man frühzeitig sieht, dass ein Parkplatz voll ist, fährt man nicht mehr unnötig ins Dorf und belastet die Strassen zusätzlich. Das löst das grundlegende Infrastrukturproblem nicht, aber es kann den Verkehr spürbar flüssiger machen.
Gehört zur Besucherlenkung auch die Frage, wann Anlässe stattfinden? Die Classic Car Auction zum Beispiel fällt ja jedes Jahr direkt in die Zeit mit der grössten Besucherdichte.
Ja, das muss man zumindest prüfen. Die Frage ist, ob gewisse Anlässe zwingend an Tagen stattfinden müssen, an denen es ohnehin schon sehr voll ist – oder ob man sie in Randzeiten legen kann. Das ist nicht immer einfach, aber es gehört zur Gesamtbetrachtung dazu.
Sie betonen immer wieder die langfristige Perspektive. Warum ist die so wichtig?
Weil die Infrastruktur im Talboden nicht beliebig ausgebaut werden kann. Deshalb braucht es ein Zielbild, eine Vision – vielleicht mit Blick auf 2050. Man muss sich fragen: Wie erfolgt die An- und Abreise in die Region? Wo sind Parkierflächen? Wie ist der öffentliche Verkehr ausgestaltet? Und das geht nur über Gemeindegrenzen hinweg.
Welche Optionen stehen dabei im Raum?
Man muss offen denken. Ein regionales Mobilitätskonzept, vielleicht ein stärker ausgebautes Busangebot – ergänzend zur Bahn –, wie man es aus anderen Destinationen wie zum Beispiel Davos kennt. Auch infrastrukturelle Visionen gehören dazu, vielleicht eine neue Umfahrung zur Entlastung der Hauptstrasse, unterirdische Lösungen, Parkhäuser. Die Gemeinde prüft immer wieder solche Projekte wie zum Beispiel damals ein Parkhaus mit Busterminal beim Bahnhof mit unterirdischen Verbindungen, das dann aber im Sommer 2021 verworfen wurde. Heute würde man gewisse Dinge vielleicht anders beurteilen.
Welche Rolle sehen Sie dabei für GST?
Als GST sehen wir uns in der Mitverantwortung bei der Koordination. Die grossen, langfristigen Infrastrukturentscheide liegen bei den Gemeinden. Aber wir fühlen uns mitverantwortlich, weil wir wissen: Der Tourismus hier lebt von hoher Qualität. Und diese Qualität lässt sich nur sichern, wenn man auch das Thema Verkehr ernst nimmt. Natürlich sprechen wir im Vergleich zu Städten oder grossen Ferienorten nur von wenigen Spitzentagen – mit der Tendenz, dass die Anzahl solcher Spitzentage zunehmen wird. In diesem Sinn hat Gstaad momentan nur ein «Luxusproblem». Aber eines, das man nicht ignorieren darf.
PHILIPP BECKER, ABTEILUNGSLEITER INFRASTRUKTUREN DER GEMEINDE SAANEN, UND MIRJAM OERTLE, ABTEILUNGSLEITERIN SICHERHEIT UND GESUNDHEIT, IM INTERVIEW
«Ein ‹Luxusproblem› – dennoch arbeiten wir an Lösungen»
SONJA WOLF
Philipp Becker, auf welcher Grundlage treffen Sie Entscheidungen zu Verkehrsmassnahmen? Führen Sie regelmässige Verkehrsmessungen durch, an denen man eine allfällige Tendenz ablesen kann?
Philipp Becker (PB): Ja, punktuell werden jährlich mehrere Messungen durchgeführt. Zusätzlich erfolgen alle fünf bis sieben Jahre grossräumige globale Erhebungen, um die Verkehrsflüsse zu analysieren und daraus gegebenenfalls Massnahmen abzuleiten. Dazu gehört auch die Erfassung der Auslastung der Parkplätze.
Flurin Riedi sprach von einem fast täglichen Austausch und häufigen Nachjustierungen. Wie kurzfristig konnten Sie über die Feiertage die Massnahmen an die Besucherdichte anpassen?
PB: Am 31. Dezember wurde in Saanen der provisorische Parkplatz kurzfristig wegen eines grossen Anlasses geöffnet. Normalerweise steht dieser Platz nur im Zusammenhang mit der bevorstehenden Sanierung zur Verfügung. In Gstaad, Schönried und Saanenmöser wurden an Kreuzungen und Kreiseln als Sofortmassnahmen Verkehrsdienste und Verkehrskadetten eingesetzt, um den Verkehrsfluss zu verbessern. Ausserdem wurden zusätzliche Parkplätze angeboten. Es fanden verschiedene Testläufe mit und ohne Verkehrsdienst statt, die wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des Konzepts für die nächste Saison lieferten.
Arbeiten Sie bereits an Massnahmen, um den Verkehr in Zukunft langfristig weiter zu entlasten?
PB: Eine Arbeitsgruppe der Gemeinde entwickelt gemeinsam mit verschiedenen Partnern unterschiedliche Optionen, um die Verkehrssituation in mittel- und langfristig zu verbessern. Sobald konkrete Ergebnisse vorliegen, wird die Bevölkerung über die üblichen Kanäle informiert.
In Gesprächen mit dem Kanton bekommen wir freilich immer wieder gesagt, es handle sich bei uns verglichen mit verkehrsreichen Städten um ein Luxusproblem – dennoch ist es uns wichtig, die Situation für Gäste und Einheimische bestmöglich zu lösen.
Mirjam Oertle, gerne würde ich Ihnen als Abteilungsleiterin Sicherheit der Gemeinde Saanen noch eine Frage stellen: Was, wenn die Ambulanz, die Feuerwehr oder die Polizei dringend ins Zentrum gelangen müssen und die Blechlawinen dicht an dicht stehen?
Mirjam Oertle: Für möglichst offenbleibende und schnelle Wege für die Einsatzkräfte wie Feuerwehr, Polizei, Ambulanz ist die Gschwendstrasse sowie die Promenade/Bahnhof Gstaad vorgesehen. In einem Einsatzfall könnten deren Barrieren geöffnet werden und die Wege für die Einsatzkräfte möglichst effizient erfolgen. Zudem sind die Verkehrsteilnehmenden verpflichtet, den Weg für Blaulichtorganisationen freizumachen.


