Stimmen Afrikas – ein Konzertabend voller Glanz, Seele und Erinnerung
12.01.2026 KulturDrei junge afrikanische Künstler haben das Publikum des Gstaad New Year Music Festivals in der Kirche in eine andere Welt versetzt: Mit Oper, Spirituals und eigenen Werken spannten sie einen Bogen von Europa nach Afrika – und direkt in die Gegenwart.
CLAUDIA ...
Drei junge afrikanische Künstler haben das Publikum des Gstaad New Year Music Festivals in der Kirche in eine andere Welt versetzt: Mit Oper, Spirituals und eigenen Werken spannten sie einen Bogen von Europa nach Afrika – und direkt in die Gegenwart.
CLAUDIA HEINE
Wenn Musik Brücken baut, dann geschah es an diesem Abend mit überwältigender Kraft. Am Freitag, 9. Januar, dem nationalen Trauertag für die Opfer von Crans-Montana, fand in der frisch verschneiten Kirche Rougemont ein grandioses Konzert des Gstaad New Year Music Festivals statt. Drei junge afrikanische Künstler – Adja Thomas-Mbaye (Sopran), Boris Mvuezolo Panzu (Tenor) und Francis Paraïso (Klavier) – entführten das Publikum auf eine Reise durch Klangwelten, die von klassischer Oper über Spirituals bis zu zeitgenössischen Eigenkompositionen reichten.
Das begeisterte Publikum spendete den Künstlern stürmischen Applaus. Es war ein Abend, der eindrucksvoll zeigte, wie afrikanische Wurzeln und europäische Klassik in berührender Harmonie zusammenfinden können.
Ein anmutiger schwarzer Steinway-Flügel inmitten der szenisch mit Bühnenspots ausgeleuchteten romanischen Kirche, gespanntes Warten auf den Auftritt. Caroline Murat begrüsst mit «Bonsoir, les amis du festival…» das Publikum. Professionell und höchst empathisch führte die künstlerische Leiterin des Festivals persönlich durch den Abend. Es ist heute ein besonderer Tag: «Wir möchten heute ein musikalisches Zeichen der Hoffnung setzen. Unsere Gedanken werden heute bei den Opfern von Crans-Montana sein. Deshalb bitte ich, dass wir für sie mit einer Schweigeminute beginnen…»
Die Liebe zur Musik und die Bindung der Künstler an ihren Heimatkontinent Afrika sind das übergreifende Thema des Abends.
Eleganz und Leidenschaft
Mit Puccinis «O mio babbino caro» eröffnet Adja Thomas-Mbaye das Konzert in strahlender Klarheit. Ihre Stimme, biegsam und warm, füllt den Raum mit Gefühl und technischer Brillanz. Mit der bekannten Sopranarie aus Puccinis Oper «Gianni Schicchi» stimmt die junge, aus Senegal, Tobago und New York stammende Musikerin auf den Abend ein.
Es folgt der Auftritt des kongolesischen Tenors Boris Mvuezolo mit dem bekannten «O sole mio». Mit lässig gezöpfelten, nach hinten gebundenen Haaren erfüllt er mit seiner kraftvollen Stimme die ganze Kirche. Er nimmt sich Zeit, wichtige Passagen zu akzentuieren und gestikuliert oder stützt sich stellenweise locker am Flügel ab und interagiert mit dem Pianisten und dem Publikum, das sichtlich den Drang verspürt, mitzuschwingen.
Francis Paraïso, der am Flügel mit bemerkenswerter Sensibilität begleitet, erweist sich als stiller Erzähler am Klavier – ein Musiker, der atmet und mit den Stimmen lebt, die er trägt.
Gänsehaut im Duett
Ein Höhepunkt des Abends war zweifellos das Duett «Parle-moi de ma mère» aus Bizets «Carmen». Faszinierend, die derart innige musikalische Verbindung der beiden Stimmen – die beiden Musiker verwandeln sich förmlich in Micaëla und Don José, sie spielen mit der Stimme und versprühen stimmlich und dramaturgisch dramatische Intensität, inklusive dem finalen Kuss.
Spirituelle Tiefe und kraftvolle Botschaften
Besonders eindrucksvoll erklingen daraufhin drei Spirituals, «Walk Together, Children», «Give Me Jesus» und «Sometimes I Feel Like a Motherless Child». Diese Musikrichtung stammt aus der Zeit der Sklaverei in den Südstaaten der USA und bildet den Ursprung des heutigen Gospels.
Anschliessend zeigt der begnadete Pianist Paraïso seine kompositorische Seite mit der Eigenkomposition «A mes ancêtres». Zart, meditativ, wie ein Gespräch mit der eigenen Vergangenheit. In diesem Stück spiegelte sich die tiefe Verbundenheit zu seinen Wurzeln, aber auch ein Versprechen an die Zukunft der afrikanischen Klassik.
Klang der Gemeinschaft
Mit dem südafrikanischen Wiegenlied «Thula Baba», in Paraïsos raffinierter Bearbeitung, kehrt eine fast familiäre Zärtlichkeit ein. Mvuezolo und Thomas-Mbaye tragen es als Duett vor – zärtlich und berührend, man könnte fast sagen, als melodisches Schlaflied mit Ohrwurmcharakter.
Danach folgt Christopher Tins mitreissendes «Baba Yetu», eine Hymne, die afrikanische Rhythmik, Chortradition und westliche Harmonik zum glanzvollen Finale führt. Bei dieser Suaheli-Version des «Vater Unser» lädt Mvuezolo das hingerissene Publikum zum Klatschen und Mitsingen ein.
Finale mit Andacht
Doch der Abend endet nicht mit Jubel, sondern mit Andacht: «Amazing Grace», in einem ergreifenden Arrangement von Boris Mvuezolo Panzu, widmet das Trio den Opfern der Katastrophe von Crans-Montana. Während die letzten Töne verklingen, scheint der Saal in stillem Respekt zu verweilen – ein Moment, in dem Musik Trost spendet und Erinnerung lebendig macht.
Mehr als ein Konzert
Dieser Abend war mehr als ein Konzert. Es war eine Begegnung mit drei Künstlern, die zeigen, dass afrikanische Stimmen in der Welt der klassischen Musik nicht nur Platz haben, sondern sie mit neuer Seele erfüllen. Vor Ort war auch die aus Kamerun stammende Patricia Djomseu, Präsidentin der «Grandes Voix d’Opéra d’Afrique», die von den Musikern am Ende des Konzerts auf die Bühne gebeten wurde.
Stehende Ovationen nach diesem eindrucksvollen Abend mit einer kraftvollen Botschaft: Musik kennt keine Grenzen.
SPOTLIGHT AUF DIE KÜNSTLER
– Adja Thomas-Mbaye – Sopran mit Weltformat: Studiert im zweiten Masterjahr am Royal College of Music in London bei Patricia Rozario und ist Stipendiatin des Sir Gordon Palmer-Stipendiums. Sie ist unter anderem bereits an der renommierten Carnegie Hall in New York aufgetreten.
– Boris Mvuezolo Panzu – Tenor zwischen Versailles und Gstaad: Nach seiner Ausbildung in Kinshasa und Tunis setzte er sein Studium am Conservatoire à rayonnement régional de Paris sowie am Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris fort. Er ist Preisträger des internationalen Wettbewerbs Les Grandes Voix Lyriques d’Afrique und ist auf Bühnen wie der Philharmonie de Paris und im Schloss Versailles aufgetreten.
– Francis Paraïso – Pianist, Pädagoge und Klangarchäologe: Mit mehreren ersten Preisen in Klavier, Kammermusik, Gesangsbegleitung und Komposition sowie drei Masterabschlüssen in Gesangsbegleitung, Musikmanagement und musikwissenschaftlicher Forschung arbeitet Paraïso als gefragter Pianist, Kammermusiker und Pädagoge (unter anderem am Conservatoire à Rayonnement Régional d’Angers). Ausserdem ist er ein Sammler seltener Partituren und Gründer des YouTube-Kanals «Francis Paraïso joue», auf dem er sich vergessenen und unbekannten Werken widmet.





