«Superkalifragilistikexpialigetisch»
09.01.2026 Kolumne2025 konnte ich als Journalist über Julie Andrews´ 90. Geburtstag schreiben und ihre besondere Beziehung zum Saanenland. Dabei stöberte ich in alten Archiven, sammelte Erinnerungen von Einheimischen und tauchte in eine vergangene Welt ein, die für mich ganz lebendig ...
2025 konnte ich als Journalist über Julie Andrews´ 90. Geburtstag schreiben und ihre besondere Beziehung zum Saanenland. Dabei stöberte ich in alten Archiven, sammelte Erinnerungen von Einheimischen und tauchte in eine vergangene Welt ein, die für mich ganz lebendig wurde.
JONATHAN SCHOPFER
«Superkalifragilistikexpialigetisch», sagte meine 19-jährige Arbeitskollegin Paula Mittag einwandfrei, als ich ihr im Büro erzählte, dass ich einen Artikel über Julie Andrews schreibe. Sie habe den Film gesehen, das Original, meinte sie. Das erstaunte mich: Erstens, dass man diesen Zungenbrecher so problemlos wiedergeben kann und zweitens, dass der Filmklassiker von 1964 tatsächlich noch beim jungen Publikum bekannt ist.
Auch bei mir tauchten sofort Bilder auf: Vor meinen Augen sehe ich sie mit dem Regenschirm mit dem markanten Entenkopfgriff zu den Kindern fliegen und für Recht und Ordnung sorgen.
Da Julie Andrews seit 1968 regelmässig Zeit im Saanenland verbrachte, konnte ich auf zahlreiche Archivberichte des «Anzeigers von Saanen» und auf weitere Quellen zurückgreifen.
Julie Andrews ist etwa auf einer Schwarz-Weiss-Fotografie zu sehen: in Gstaad mit ihrem Ehemann Blake Edwards, im Hintergrund ein alter VW-Käfer mit Gepäckträger. Einige Jahre später, im Jahr 1975, erscheint Andrews in den Fernsehnachrichten: in eleganter Abendgarderobe, wie sie im Gstaad Palace zur Premiere des «Pink Panther» im Blitzlicht über den roten Teppich schreitet. Nochmals später, im Jahr 2014, hält sie auf der Promenade in Gstaad eine Dankesrede anlässlich ihrer Ehrenbürgerschaft. Durch verschiedene Blickpunkte und -winkel – Nahaufnahme, Weitwinkel, fliessende Übergänge – über die Jahre hinweg konnte ich Andrews Leben folgen.
Besonders zu erwähnen ist dabei, dass Gottfried von Siebenthal mit Ideen und Bildern über Julie Andrews den Artikel überhaupt erst angestossen hat.
Anschliessend versuchte ich, für ein Interview Andrews’ Management ausfindig zu machen, allerdings ohne Erfolg. Zudem riefen wir in der Zeitung zur Einsendung von Anekdoten auf.
In der Folge machten die Einsendungen der Einheimischen den Artikel zu etwas Besonderem. Ein Foto mit ihr an Silvester im Parkhotel Gstaad, ein signiertes Buch oder ein persönlicher Besuch galten als kostbare Begegnungen, die auch Jahrzehnte später nachhallen. Wenn Einheimische ins Büro des «Anzeigers von Saanen» kamen und von «unserer Julie» erzählten, lösten ihre Erinnerungen noch immer ein Schmunzeln aus oder rührten zu Tränen. Das wurde zu meinem eigentlichen Highlight. Dabei überkam mich immer wieder eine gewisse Nostalgie. Diese Zeit kommt mir bodenständiger und weniger hektisch vor, wenn ich mich ein wenig aus dem Fenster lehnen darf.
Nachdem der Artikel publiziert worden war, beschäftigten mich die Geschichten der Einheimischen noch lange. Dabei suchte ich automatisch in meinem Gedächtnis nach Erinnerungen, aus meiner Kindheit, aus der Jugend, aus dem Berufsleben. Kann ich mich auch so lange zurückerinnern? Was mir dabei auffällt: Die schönsten Momente sind Begegnungen – mit meiner Familie, Verwandten, Bekannten, Nachbarn sowie Kolleginnen und Kollegen. Meine persönlichen VIP im Gedächtnispalast sozusagen. Daraus leitete ich einen Vorsatz ab, meine innere Kamera bewusster auf das Positive im Zwischenmenschlichen zu richten – aufnehmen, speichern, archivieren.
Die Beschäftigung mit der Persönlichkeit Julie Andrews, die Zusammenarbeit mit den Einheimischen und die Schreibarbeit schätze ich sehr, diese Vielfalt macht den Journalismusberuf im Saanenland zu einem Erlebnis.
Durch alle Rückmeldungen entstand für mich das Gefühl, Julie Andrews aus einer bestimmten Perspektive ein wenig kennengelernt zu haben. Übrigens beschrieben fast alle die Schauspielerin als äusserst herzlich und wertschätzend.
Für die zahlreichen Einsendungen möchte ich mich herzlich bedanken.
Das ganze Jahr über sind wir Journalistinnen und Journalisten mit Leidenschaft im Einsatz, um jede Woche zwei Zeitungen zu gestalten, die nicht nur über Relevantes und Wichtiges informieren, sondern auch Geschichten enthalten, die fesseln und manchmal zum Schmunzeln bringen. In unserer Serie «Mein persönliches Highlight» teilen wir stets Ende Jahr die Geschichten, die uns tief berührt, zum Lachen gebracht, zum Grübeln angeregt oder einfach begeistert haben. Kurz gesagt: Momente, die uns nicht losgelassen haben.

