Tag des Lokaljournalismus 2026: Wir stellen die Fragen – diesmal uns selbst
05.05.2026 InterviewZum Tag des Lokaljournalismus drehen wir den Spiess um: Wir haben uns selbst interviewt. Vier Journalistinnen und Journalisten des «Anzeigers von Saanen» geben Einblick in ihren Berufsalltag, erzählen von besonderen Momenten und sprechen darüber, was sie antreibt, fordert und manchmal ...
Zum Tag des Lokaljournalismus drehen wir den Spiess um: Wir haben uns selbst interviewt. Vier Journalistinnen und Journalisten des «Anzeigers von Saanen» geben Einblick in ihren Berufsalltag, erzählen von besonderen Momenten und sprechen darüber, was sie antreibt, fordert und manchmal auch beschäftigt.
SONJA WOLF, JOURNALISTIN UND STELLVERTRETENDE CHEFREDAKTORIN
Wie bist du zu diesem Beruf gekommen und warum hast du dich für den Journalismus entschieden?
Nach fast 30 Jahren im Lehrberuf war es Zeit für einen Wechsel. Ich war ursprünglich Gymnasiallehrerin mit den Fächern Deutsch und Französisch, habe wegen meinem griechischen Mann aber in Griechenland gelebt und war dort naturgemäss eher Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, nicht für Literatur und Erörterungen. In der Schweiz angekommen habe ich direkt weitergemacht mit Deutsch als Fremdsprache: in Lausanne – und nun für Erwachsene, die Deutsch für ihren Beruf brauchten. Auf halbmotivierte Teenager hatte ich da bereits weniger Lust. Allerdings ist Lausanne recht weit zum Pendeln. Und was gibt es im Saanenland, was mit kreativem Umgang mit der deutschen Sprache zu tun hat? Juhu, Müller Medien und der «Anzeiger von Saanen»! Nach meiner Phase als freie Mitarbeitende und mehrfachem Anklopfen für eine feste Stelle – die es natürlich nicht genau dann gab, als ich sie brauchte –, wurde meine Hartnäckigkeit belohnt: Seit Oktober 2019 bin ich Teil des super Anzeiger-Journi-Teams!
Was fasziniert dich am Lokaljournalismus?
Nahe bei den Leuten zu sein. Interviewpartner werden zu Bekannten, denen man dann Hallo sagt und mit ihnen auch privat ein paar Worte wechselt, wenn man sie auf der Strasse trifft. Und zudem begeistert es mich, Teil eines Nischenprodukts zu sein: Bei uns liest man über Ereignisse und Fakten, die man in der restlichen Presse weltweit nicht findet.
Was ist im Lokaljournalismus im Alltag besonders schwierig oder herausfordernd?
Herausfordernd finde ich vor allem den Umgang mit Interviewten, die beim Gegenlesen stark in den Text eingreifen möchten. Fehler bei Fakten korrigiere ich selbstverständlich. Beim Stil und beim Storytelling gibt es ein definitives Nein. Im Lokaljournalismus ist zudem die Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten spürbar. In einer kleinen Region wie dem Saanenland kann das dazu führen, dass Berichterstattung zu stark in Richtung Schönwetter-Journalismus geht. Eine besondere Herausforderung sind auch die jährlich wiederkehrenden Veranstaltungen. Diese immer wieder neu und spannend aufzubereiten, erfordert Kreativität. Gleichzeitig ist genau das für mich eine der schönsten Aufgaben.
Es braucht Fantasie und gute Ideen bereits im Vorfeld.
Welches Vorurteil über Lokaljournalismus kannst du nicht mehr hören?
Dass Lokaljournalismus als der minderwertige kleine Bruder des «Weltjournalismus» belächelt wird. Nur weil wir teilweise über kleinere Events berichten oder Porträts von Menschen wie du und ich bringen, heisst es nicht, dass wir keinen qualitativ hohen Journalismus bieten. Wir nehmen unsere Aufgabe sehr ernst, recherchieren gewissenhaft, schreiben mit Elan und Herzblut und stecken in jeden einzelnen Artikel all unser Können hinein. Zudem wird der Beitrag mehrfach auf seine Richtigkeit verifiziert und nach den Regeln des Presserates überprüft.
Was war dein schönster Moment im Job?
Es gibt viele schöne Momente, immer wenn ich exklusiv bei einem Auftrag hinter die Kulissen blicken kann. Als Journalistin darf man hemmungslos neugierig sein und alles hinterfragen, beispielsweise als Gast bei der Modenschau von Guess beim Igludorf. Ich kann aber auch alles miterleben wie die Begleitung einer Band beim Slopesound, von der Anreise im Tal bis auf den Berg mit Soundcheck und Konzert. Grande! Ich schätze aber auch die schönen Gesprächen mit Menschen für ein Porträt. Sie öffnen dir ihre persönliche Welt. Man lernt einen bisher fremden Menschen etwas genauer kennen und versucht, ihn auf das Wesentliche und Spannende beschränkt wiederum dem Lesepublikum zu präsentieren. Dies durfte ich wieder jüngst bei Elisabeth Kohler-von Siebenthal erleben, als ich sie über ihr Leben als Pflegefachfrau und ihr neuestes Buch interviewen durfte.
Wann hast du zuletzt an deiner Arbeit gezweifelt?
Das kommt selten, aber doch in regelmässigen Abständen vor: immer, wenn ich zu viele Tage hintereinander nur am Schreibtisch arbeite und 8,5 Stunden auf den Bildschirm starre. Dann wünsche ich mir eine körperlich aktive Arbeit: in einem Gartenbaubetrieb am liebsten, auf vielen schönen Ausseneinsätzen.
Welche Anfrage bekommst du so oft, dass du sie schon im Schlaf beantworten kannst?
«Bitte schicken Sie mir das PDF des Artikels und wenn möglich auch ein Belegexemplar der entsprechenden Printausgabe.» (lacht)
Lokaljournalismus in drei Worten?
Nah an den Leuten, am Geschehen und herzig.
Was war dein schrägster Termin bzw. deine schrägste Arbeit?
Ein sehr abgehobener Künstler beim Interview im Hotel, in dem er abgestiegen war. Er redete sowieso schon sehr abstrakt von verschiedenen Farbsymboliken und mystischen Zusammenhängen in seinem Werk, die ich nicht so gut nachvollziehen konnte. Und dann liess er mich abrupt sitzen, als er dachte, er wäre fertig. Ich hatte keine Gelegenheit noch weitere Verständnisfragen zu stellen. Er sprang auf und meinte noch im Weggehen: «Die Rechnung für die Kaffees überlasse ich Ihnen» – und schwupps war er weg.
Warum ist Lokaljournalismus deiner Meinung nach wichtig?
Um wirklich tief in eine Region einzutauchen. Die Infos aus der Lokalberichterstattung sind für Einheimische und Gäste der Region Gold wert und so detailreich nirgends anders zu finden.
ANITA MOSER, JOURNALISTIN UND EHEMALIGE LANGJÄHRIGE CHEFREDAK TORIN
Wie bist du zu diesem Beruf gekommen und warum hast du dich für den Journalismus entschieden?
Ich bin Quereinsteigerin und in den Lokaljournalismus hineingerutscht. Die Branche war mir nicht fremd: Ich habe bei einer Lokalzeitung im Baselbiet Schriftsetzerin gelernt und danach in Zürich und Bern in Druckereien gearbeitet. Anfang der 1980er-Jahre zog ich ins Saanenland und gründete eine Familie. Im März 1996 habe ich mich auf eine Stellenausschreibung beim «Anzeiger von Saanen» als Texterfasserin beworben und die Teilzeitstelle bekommen. Mir lag das Handwerk, Journalismus habe ich mir nicht zugetraut. Ich habe immer viel gelesen, habe schon als Kind Bücher verschlungen, hingegen waren mir Aufsätze stets ein Gräuel. Mein Chef Frank Müller traute es mir jedoch zu. Und so habe ich 1999 meinen ersten Artikel geschrieben – über den Aufstieg von zwei lokalen Nachwuchsbergsteigern auf den Eiger. Dem Journalismus bin ich seitdem treu geblieben und es gefällt mir immer noch. Ich bin zwar seit drei Jahren pensioniert, arbeite aber noch 20 Prozent.
Was fasziniert dich am Lokaljournalismus?
Die Themenvielfalt und die Abwechslung. In unserer Redaktion gibt es keine zugewiesenen Ressorts. Im Prinzip schreiben alle über alle Themen. Man hat einen Termin bei einem Landwirt in seinem Stall, trifft den Direktor eines Fünfsternehauses zum Interview, nimmt an einer Hauptversammlung eines lokalen Vereins teil, trifft sich mit der Gemeindepräsidentin zum Besprechen der Legislaturziele oder sitzt in einem klassischen Konzert mit einem Starpianisten. Ich war in meinem Job schon Figurantin bei einer Gondelrettung, bin Fallschirm gesprungen oder war bei einer Canyoningfahrt auf der Saane mit Sehbehinderten und blinden Menschen dabei. Aber natürlich haben wir Journalist:innen unsere Präferenzen. Mir liegen beispielsweise Politik, Tourismus, Wirtschaft und Gesellschaft mehr als klassische Musik oder Vernissagen. Darauf wird bei der Zuteilung der Aufträge auch Rücksicht genommen.
Was ist im Lokaljournalismus im Alltag besonders schwierig oder herausfordernd?
Objektiv und neutral zu sein oder anders gesagt: der Spagat zwischen Nähe und Distanz. Wir sind sehr nah bei den Leuten, man kennt sich, ist mit vielen per Du und läuft sich immer wieder über den Weg. Das ist klar auch ein Vorteil, man muss aber aufpassen, dass man neutral und objektiv bleibt und dass man sich nicht instrumentalisieren lässt.
Welches Vorurteil über Lokaljournalismus kannst du nicht mehr hören?
Dass Lokaljournalisten «Hofberichterstatter» seien und Gefälligkeitsjournalismus betrieben. Und zwei Vorurteile, die allerdings nicht nur den Lokaljournalismus betreffen, sondern die Medien allgemein. «Die schreiben sowieso, was sie wollen» und «Die Journalisten sind eh alle links».
Was war dein schönster Moment im Job?
Da gibt es viele. Etwas bleibt mir aber unvergessen: Wir hatten vor Jahren die Rubrik «Schon gesehen…?»: jeweils in der Dienstagsausgabe ein Bild samt Legende. Zum Beispiel ein schöner Schneemann, eine Blumenwiese, eine spezielle Sitzbank, die erste Züglete usw. Die Bilder kamen meistens von den Redaktionsmitgliedern, mit der Zeit gab es aber auch viele Einsendungen von Leserinnen und Lesern. Je nach Sujet haben wir die Rubrik adaptiert: «Schon gelesen…?», «Auch gehört…?» und einmal «Auch nicht gesehen…?» (Der Tross der Tour de Romandie hatte einen (zu) grossen Vorsprung auf die Marschtabelle, ich kam zu spät und habe im Kreisel grad noch den Besenwagen fotografieren können… ). Die Rubrik kam gut an bei der Leserschaft und auch wenn ich privat unterwegs war, tönte es oft: «Hey, Anita! Schon gesehen…?»
Wann hast du zuletzt an deiner Arbeit gezweifelt?
Es ging um einen handfesten Skandal, der vor Gericht endete. Ich musste feststellen, dass ich von verschiedenen Personen, die ich zu kennen glaubte, angelogen wurde. Da ging viel Vertrauen verloren.
Welche Anfrage bekommst du so oft, dass du sie schon im Schlaf beantworten könntest?
Keine…
Lokaljournalismus in drei Worten?
Nah, relevant, verlässlich – sagt KI zu dieser Frage (grinst) – und ich würde das genau so unterschreiben!
Was war dein schrägster Termin bzw. deine schrägste Arbeit?
Schräg ist vielleicht etwas hoch gegriffen, speziell trifft es eher. Ich bin zwar sehr sportinteressiert, aber nicht wirklich ein Fussballfan – mehr als Allgemeinwissen und die wichtigsten Clubs und Resultate national und international kann ich nicht bieten. Im Rahmen der Vorbereitung für die Fussballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika gastierte die Mannschaft aus der Elfenbeinküste im Saanenland. Mit dem international bekannten Profispieler Didier Drogba. Es gab öffentliche Trainings – es reisten Fans aus der ganzen Schweiz an. Weil gerade niemand anders zur Verfügung stand, bekam ich den Auftrag, ein öffentliches Training zu besuchen und wenn möglich ein Interview zu machen mit einem Spieler oder dem Trainer. Das könnte schwer werden, dachte ich. Einerseits weil sich Spieler von Nationalmannschaften und ihre Trainer in der Regel eher abschotten und andererseits, weil ich mit meinem Englisch nicht grad brillieren kann. Ich kam auf den Platz, sprach einen Funktionär an, stellte mich und mein Anliegen vor. «Mit wem möchten Sie denn ein Interview machen?», fragte er zurück. «Drogba…?», antwortete ich schüchtern und ein Nein erwartend. «Okay, warten Sie hier nach der Pressekonferenz.» Ich war wirklich baff und fragte spontan anwesende Zuschauer, was sie von diesem Profifussballer – der unter anderem beim FC Chelsea unter Vertrag war – würden wissen wollen. Drogba fielen meine Nervosität und mein fehlendes Fussballwissen bestimmt auf, er blieb aber ganz cool, beantwortete lächelnd meine Fragen und stand auch noch geduldig für Fotos zur Verfügung.
Warum ist Lokaljournalismus deiner Meinung nach wichtig?
Die Lokalzeitung informiert die Bevölkerung, was quasi vor ihrer Haustüre passiert. Lokale Medien berichten über Gemeindeversammlungen, über das Vereinsleben, über Abstimmungen, Tourismus, Wirtschaft, Gesellschaft, Events usw. Sie stellen Menschen und ihre Geschichten vor. Nur wer gut informiert ist, kann sich einbringen, sich integrieren. Und wer sich einbringt, stärkt die Gemeinschaft. Lokale Medien greifen aber auch nationale oder internationale Themen auf und brechen sie auf die eigene Region herunter. Welche Auswirkungen hat ein Krieg auf unsere Tourismus-Region? Was bedeuten höhere Zölle für das lokale Gewerbe? Welche Auswirkungen hat der Milchpreis auf die hiesige Landwirtschaft? Welche Folgen haben kantonale oder nationale Abstimmung auf unsere Region? In der Lokalpresse kommen lokale oder regionale Pro- und Kontra-Stimmen zu Wort – das hilft mit zur Meinungsbildung. Und nicht zuletzt ist Lokaljournalismus auch wichtig für die – in unserem Fall – Heimwehsaaner:innen. Dank der Lokalzeitung bleiben sie informiert, was in ihrer alten Heimat passiert.
JOCELYNE PAGE, JOURNALISTIN UND CHEFREDAKTORIN
Wie bist du zu diesem Beruf gekommen und warum hast du dich für den Journalismus entschieden?
Schon als Mädchen faszinierten mich Frauen in Filmen, die als Journalistinnen die Wahrheit suchten. Sie wirkten klug und taff. Dieses Image gefiel mir. Nach meiner KV-Lehre studierte ich an der Universität Freiburg Medienforschung und Kommunikationswissenschaft. Danach erhielt ich eines dieser begehrten Stages bei den «Freiburger Nachrichten»: ein zweijähriges Vollzeitpraktikum, intensiv und herausfordernd. Und plötzlich arbeitete ich als Journalistin. Ich konnte es kaum fassen! Es erfüllte mich mit Stolz, aber auch mit grosser Ehrfurcht. Aber klug und taff würde ich mich selbst bis heute nicht nennen (lacht).
Was fasziniert dich am Lokaljournalismus?
Mich fasziniert am Lokaljournalismus, dass kein Tag wie der andere ist. Die Themen wechseln ständig, man ist viel unterwegs und oft vergehen die Stunden wie im Flug. Dabei lernt man kontinuierlich Neues, weil man in so viele unterschiedliche Bereiche Einblick erhält. Man bekommt Zugang zu Lebenswelten, die einem sonst verschlossen bleiben und darf Fragen stellen, die man im Alltag so nie stellen würde. Gerade im Lokalen wird auch die politische Dimension greifbar. Man erlebt direkt, wie Entscheidungen entstehen und trägt mit der Berichterstattung Verantwortung. Man bildet ab, was vor Ort passiert und wird so Teil des gesellschaftlichen und politischen Lebens in der Region. Genau diese Mischung macht den Lokaljournalismus für mich so besonders.
Was ist im Lokaljournalismus im Alltag besonders schwierig oder herausfordernd?
Als Journalist:in ist man nie Feind, aber auch nie Freund. Diese Distanz im Lokaljournalismus einzuhalten, ist manchmal herausfordernd. Man muss die eigene Rolle erklären und Verständnis schaffen, gleichzeitig aber auch die Perspektive des Gegenübers verstehen und ernst nehmen. Deshalb hat Lokaljournalismus viel mit Empathie zu tun. Aber am Ende schreibe ich für die Bürgerinnen und Bürger, nicht für eine Organisation, eine Gemeinde oder ein Unternehmen. Ich will Fakten neutral und sachlich darlegen und kritisch hinterfragen.
Welches Vorurteil über Lokaljournalismus kannst du nicht mehr hören?
Manchmal wird unsere Relevanz ein wenig kleingeredet. Es werde im Lokalen nur über Nebensächliches berichtet und die Arbeit sei weniger anspruchsvoll als in grossen Medienhäusern. Zudem habe ich hin und wieder den Eindruck, dass unterschätzt wird, wie viel Arbeit hinter den Zeitungsseiten steckt und wie wichtig unabhängige Lokalmedien für die Meinungsvielfalt und die Demokratie sind.
Was war dein schönster Moment im Job?
Das hört sich vielleicht skurril an, aber mir wurde einmal mit rechtlichen Schritten gedroht, wenn ich eine bestimmte Story veröffentliche. Das ist wie der heilige Gral für einen Journalisten (lacht), denn es ist oft ein Zeichen, dass man auf einer heissen Spur ist. Im Rahmen meiner Recherche bat ich um ein Statement: Die Vergabe von mehreren Alpen führte zu Streit, weil ein Bewerber den Zuschlag erhielt, obwohl er die Bedingungen eigentlich nicht erfüllte. Eine Beschwerde wurde gutgeheissen und die zuständige Beschwerdeinstanz hob den Entscheid auf, dennoch umging die zuständige Stelle den Entscheid und der Bewerber durfte die Alpen weiter bewirtschaften. Die Pacht sollte in der Folge neu ausgeschrieben werden.
Wann hast du zuletzt an deiner Arbeit gezweifelt?
Es gibt vereinzelt Momente, in denen ich mich frage, ob unsere Rolle als Journalist:innen immer verstanden und ernst genommen wird. Das hinterlässt ein ungutes Gefühl, weil ich meinen Beruf unabhängig und den Fakten verpflichtet ausüben möchte, ohne, dass mir jemand vorschreibt, worüber ich berichten darf.
Welche Anfrage bekommst du so oft, dass du sie schon im Schlaf beantworten kannst?
«Bis wann ist Redaktionsschluss?»
Lokaljournalismus in drei Worten?
Relevant, einzigartig und spannend.
Was war dein schrägster Termin bzw. deine schrägste Arbeit?
Einen wirklich schrägen Termin hatte ich gar nicht, eher einen schrägen Moment, den ich selbst verursacht habe. In meinen Anfängen als Journalistin sollte ich über die Musikakademie des Freiburger Musikers Gustav berichten. In der Medienmitteilung war Pascal Vonlanthen als Kontaktperson angegeben, also rief ich ihn an und fragte, ob ich mit Gustav sprechen könne. Erst im Gespräch wurde mir klar, dass Pascal Vonlanthen und Gustav ein und dieselbe Person sind. Er musste zum Glück lachen, mir war es trotzdem ziemlich peinlich. Da habe ich gelernt: Recherche ist alles. Ein besonderer Termin war auch das Treffen mit den Herdenschutzlamas Benji und Ari, welche die Schafe von Alexandra Kropf und Sarah Jungen im Turbach bewachten. Die beiden wirkten auf den ersten Blick ruhig und fast schon gemütlich. Man merkte aber schnell, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen und kein Spass geduldet wurde. Am Ende ist das emotionale Spektrum im Lokaljournalismus sehr breit. Man erfährt viel über die Menschen, über ihre positiven Erlebnisse, aber auch über schwierige Schicksale. Lange beschäftigt haben mich zum Beispiel die Porträts von Familien in Mitholz, die ich begleitet habe. Sie mussten wegen des Munitionslagers ihre Häuser und ihre Heimat verlassen. Die Ungewissheit war gross, die Betroffenheit entsprechend auch. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, die Balance zu halten: Empathie zeigen, respektvoll schreiben, aber dennoch sachlich und neutral bleiben. Das ist nicht immer einfach.
Warum ist Lokaljournalismus deiner Meinung nach wichtig?
Lokaljournalismus ist wichtig, weil er die Dinge sichtbar macht, die unsichtbar scheinen und dort den Finger draufhält, wo niemand hinschaut. Er informiert über Entscheidungen, die den Alltag der Menschen konkret betreffen und schafft damit Transparenz, ein Garant für die direkte Demokratie und den Föderalismus. Zudem stärkt unabhängiger Lokaljournalismus die Meinungsvielfalt. Er ordnet ein, prüft Fakten und sorgt dafür, dass Diskussionen auf einer verlässlichen Grundlage geführt werden. Gerade in Zeiten einer grossen Informationsflut und schnell verbreiteter, ungeprüfter Inhalte auf Social Media wird ein sachlicher und ruhiger öffentlicher Diskurs oft schwieriger. Hier kann Lokaljournalismus Orientierung bieten und mit sorgfältiger Einordnung zu einer fundierten Diskussion beitragen. Ohne ihn würde ein wichtiger Teil des öffentlichen Lebens schlicht unsichtbar bleiben.
JONATHAN SCHOPFER, JOURNALIST
Wie bist du zu diesem Beruf gekommen und warum hast du dich für den Journalismus entschieden?
Ich habe vorher fast vier Jahre ausschliesslich als Frontend-Programmierer vor dem Bildschirm gearbeitet. Als ich gesehen habe, dass die Müller Medien AG einen Journalisten sucht und sogar Quereinsteiger akzeptiert, habe ich meine Chance gewittert. Für mich gehören Texte und Bücher zum Faszinierendsten überhaupt. Die Frage, wie Texte die Realität möglichst wahrheitsgetreu beschreiben können, fasziniert mich seit etwa zehn Jahren. Man könnte die Realität auch mit Zahlen versuchen abzubilden oder mit einer Videokamera aufnehmen. Aber Wörter lösen bei mir mehr aus.
Was fasziniert dich am Lokaljournalismus?
Die Menschen, die Region und die Geschichten vor der eigenen Haustüre. Was die Bevölkerung zu sagen hat und wie sie es sagt.
Was ist im Lokaljournalismus im Alltag besonders schwierig oder herausfordernd?
Menschen möglichst authentisch in einem Artikel wiederzugeben. In einem Dorf kennt man sich. Für einen Artikel muss jedoch viel gestrichen werden, das Wesentliche herausgefiltert werden, damit der Artikel für eine möglichst grosse Leserschaft verständlich und interessant ist. Das ist oft eine Gratwanderung.
Welches Vorurteil über Lokaljournalismus kannst du nicht mehr hören?
Ab und zu habe ich gehört, dass wir die Artikel ja einfach erfinden könnten.
Was war dein schönster Moment im Job?
Es gibt viele schöne Momente. Besonders freue ich mich jeweils, den Menschen zuzuhören und das Interview später niederzuschreiben. Ich habe verschiedene Rückmeldungen bekommen, dass ich Menschen im Interview gut getroffen habe und manchmal auch nicht. Einmal bekam ich eine E-Mail: «Genau so habe ich die porträtierte Person erleben dürfen.» Ausserdem wurden meine Fragen gelobt. Diese Rückmeldung hat mich sehr gefreut.
Wann hast du zuletzt an deiner Arbeit gezweifelt?
Wegen ChatGPT und anderen KI-Tools habe ich mich schon gefragt, ob Teile meiner Arbeit standardisiert werden könnten.
Welche Anfrage bekommst du so oft, dass du sie schon im Schlaf beantworten könntest?
Im Moment gibt es keine, die mir einfällt.
Lokaljournalismus in drei Worten?
Nah, vielseitig, spannend.
Was war dein schrägster Termin beziehungsweise deine schrägste Arbeit?
Einmal sass ich im Büro des «Anzeigers von Saanen», als eine Person von einem Fünfsternehotel in Gstaad anrief. Sie fragte, ob ich in 20 Minuten vorbeikommen könne, weil sie wichtige Neuigkeiten hätte. Ich meinte, dass ich nicht passend gekleidet sei, aber sie sagte, das spiele keine Rolle. 20 Minuten später sass ich im Café des Hotels neben dem Hoteldirektor, erfuhr die Neuigkeiten, war etwas underdressed, trank den besten Espresso meines Lebens und hatte das Gefühl, in einem Film zu sein.
Warum ist Lokaljournalismus deiner Meinung nach wichtig?
Lokaljournalismus ist meiner Meinung nach wichtig, weil gewisse Anlässe und Geschichten in einem Dorf oft nur von der Lokalzeitung aufgegriffen werden. Damit kann sie zu einem lebendigen Dorfleben beitragen. Zudem habe ich schon mehrmals von Personen gehört, über die wir einen Artikel geschrieben haben, dass sie erstaunt waren, wie viel Zeit wir uns nehmen und mit welcher Sorgfalt wir arbeiten. Dementsprechend hoffe ich auch ein wenig, dass eine Lokalzeitung das Vertrauen in den Journalismus stärken kann.







