Theologie der kleinen Dinge – Kuchenbacken
31.07.2026 KircheZwischen Weltpolitik und Alltag liegt manchmal nur ein Stück Kuchen. Oder: Warum ausgerechnet das Backen eines Apfelkuchens zu einer theologischen Übung werden kann, und weshalb Hoffnung oft kleiner beginnt, als wir denken.
Die Idee stammt nicht von mir, sondern ...
Zwischen Weltpolitik und Alltag liegt manchmal nur ein Stück Kuchen. Oder: Warum ausgerechnet das Backen eines Apfelkuchens zu einer theologischen Übung werden kann, und weshalb Hoffnung oft kleiner beginnt, als wir denken.
Die Idee stammt nicht von mir, sondern von Paneeraq Siegstad Munk, der Bischöfin von Nuuk in Grönland. Als vor einigen Monaten die politischen Diskussionen um die arktische Insel hohe Wellen schlugen und die Sorge in der Bevölkerung gross war, stellte sich ihr die Frage: Was kann ein einzelner Mensch eigentlich tun im Angesicht all dessen, was in der Welt geschieht? In einer Welt, in der Konflikte, Machtspiele, Unsicherheit und die Nachrichtenlage oft den Eindruck vermitteln, dass alles aus den Fugen gerät?
Die Antwort der Bischöfin war überraschend simpel: «Wenn der Druck zu gross wird, schalte ich auch mal das Internet aus und backe Kuchen. Da muss ganz konkret Butter geschmolzen werden, und ein paar Eier müssen mit Milch vermischt werden. Das entspannt und erdet.»
Natürlich löst ein Kuchen keine politischen Krisen. Er beendet keinen Krieg, heilt keine zerbrochenen Beziehungen und entschärft auch keine wirtschaftlichen Sorgen. Aber er erinnert uns an etwas Wesentliches: Wir sind nicht ohnmächtig.
In einer Welt, die uns allzu oft das Gefühl gibt, nur Zuschauerin, nur Zuschauer zu sein, gibt es vieles, das wir tatsächlich tun können: Wir können unsere Hände gebrauchen, etwas erschaffen, für andere sorgen, etwas teilen.
Vor einigen Wochen habe ich den Rat der Bischöfin in die Tat umgesetzt – obwohl Kuchenbacken eigentlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt.
Am Ende eines turbulenten Tages, an dem ich mit vielen Themen konfrontiert war, stellte ich mich mit meinem Mann abends in die Küche. Es war bereits nach neun Uhr. Wir schmolzen Butter, rührten Teig, füllten ihn in die Backform, öffneten die beiden letzten Gläser mit eingeweckten Apfelschnitzen, garnierten ihn damit und schoben unser kleines Werk in den Ofen.
Eigentlich nichts Weltbewegendes.
Und doch geschah etwas.
Während wir Zutaten abwogen, Eier aufschlugen und darauf warteten, bis der Kuchen fertig gebacken war, verloren die Sorgen des zurückliegenden Tages ein wenig von ihrem Gewicht. Nicht, dass sie verschwunden wären, aber weil meine Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit auf etwas ganz anderes gerichtet war. Auf etwas Konkretes. Auf etwas, das wir gestalteten. Den fertigen Kuchen probierten wir noch ofenwarm gegen elf Uhr nachts. Er war erstaunlich gut gelungen – vielleicht gerade deshalb, weil er nicht perfekt sein musste.
Die Bibel berichtet von solchen Erfahrungen.
Jesus spricht oft anhand alltäglicher Dinge vom Reich Gottes, etwa von Samen, die wachsen, von Brot, das gebacken wird, oder von einem Sauerteig, der einen ganzen Teig durchdringt. Das Reich Gottes offenbart sich nicht immer in grossen Zeichen und Wundern, sondern nimmt seinen Anfang oft im Kleinen, fast unscheinbar: Eine Frau mischt etwas Sauerteig unter Mehl. Ein Bauer streut Samen aus. Menschen teilen Brot miteinander.
Und Gott wirkt mittendrin.
Für mich liegt gerade hier eine wichtige geistliche Erkenntnis für eine Welt, in der uns ständig eine Flut an Informationen in Echtzeit über Kriege, Katastrophen und Krisen erreicht. Die biblische Antwort darauf lautet nicht: Ignoriere die Welt. Aber sie lautet auch nicht: Trage die Last der ganzen Welt auf deinen Schultern.
Vielmehr lädt sie uns dazu ein, treu das zu tun, was heute vor uns liegt:
– einen Menschen besuchen
– einem Nachbarn helfen
– einen Garten pflegen
– ein Kind trösten
– einen Kuchen backen
Martin Luther soll einmal gesagt haben: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.» Ob er das tatsächlich so gesagt hat, wissen wir nicht. Aber der Gedanke trifft etwas Wesentliches. Christlicher Glaube besteht nicht darin, angesichts aller Krisen zu verzweifeln. Er besteht darin, trotz allem das Gute zu tun, das heute möglich ist.
Vielleicht ist genau deshalb auch das Kuchenbacken mehr als ein schlichtes Kuchenbacken. Es ist ein kleines Zeichen dafür, dass das Leben weitergeht. Dass Gemeinschaft möglich bleibt. Dass Zuversicht ihren Platz hat. Dass Gott uns nicht nur in den grossen Fragen begegnet, sondern auch und vor allem in den kleinen Handgriffen des Alltags – so etwa beim Schmelzen von Butter, dem Aufschlagen von Eiern und dem Duft eines frisch gebackenen Kuchens. So wie in der Küche der Bischöfin von Nuuk, so wie in meiner Küche, so wie in Ihrer Küche.
Übrigens: Der Kuchen, der zu diesem Artikel geführt hat, war ein Apfelkuchen mit Joghurtteig.

