Trotzdem Ja zum Leben sagen – was uns Mut machen kann
30.12.2025 KircheDer Jahreswechsel lädt uns ein, innezuhalten. Gerade in diesen Zeiten, in denen viele von «Verdichtung», «Dauerkrise» oder «Überforderung» sprechen, wirkt die Frage, wie wir trotzdem Ja zum Leben sagen können, aktueller denn je. Die grossen Themen ...
Der Jahreswechsel lädt uns ein, innezuhalten. Gerade in diesen Zeiten, in denen viele von «Verdichtung», «Dauerkrise» oder «Überforderung» sprechen, wirkt die Frage, wie wir trotzdem Ja zum Leben sagen können, aktueller denn je. Die grossen Themen – geopolitische Unsicherheiten, Klimaextreme, wirtschaftliche Spannungen, gesellschaftliche Polarisierung – mischen sich mit persönlichen Sorgen: Wie gehe ich mit Unsicherheiten um? Woher nehme ich die Kraft für den nächsten Schritt? Wie bewahre ich Hoffnung, wenn vieles fragil erscheint?
Mitten in diese Fragen hinein steht über unserem neuen Jahr ein kurzer, kraftvoller Satz aus der Offenbarung des Johannes als Jahreslosung: «Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!» (Offb 21,5). Das ist eine Zusage, die nicht Vertröstung meint, sondern Verwandlung: Nicht alles wird neu, weil wir uns so sehr anstrengen, sondern weil Gott selbst Neues möglich macht – mitten im Unfertigen.
Mut in unruhigen Zeiten: Was uns die Psychologie lehrt
Die Psychologie zeigt seit Jahren, dass Menschen in Krisen nicht nur leiden, sondern auch wachsen können. Das Konzept der «Resilienz» – der inneren Widerstandskraft – beschreibt Fähigkeiten, die uns durch schwierige Zeiten tragen. Dazu gehören:
– Verbundenheit: Menschen, die tragfähige Beziehungen pflegen, sind nachweislich seelisch robuster. Ein Telefonat, ein ehrliches Gespräch nach dem Gottesdienst, ein Besuch bei jemandem, der einsam ist – solche Momente geben beiden Seiten Kraft.
– Sinnorientierung: Wer einen Sinn sieht – im eigenen Tun, im Glauben, im Dienst am Nächsten – hält Belastungen besser aus. Sinn entsteht nicht nur in grossen Taten; oft wächst er im Kleinen: im Zuhören, im Teilen, im Staunen über das Schöne.
– Akzeptanz und aktive Schritte: Die Psychologie spricht von heilsamer Balance zwischen Annehmen und Gestalten. Nicht alles liegt in unserer Hand – doch im Kleinen können wir handeln: einen Streit klären, einen Spaziergang machen, Hilfe annehmen, Grenzen setzen, Dankbarkeit einüben.
Solche Hilfen ersetzen nicht den Glauben, aber sie können ihn stützen – wie zwei Hände, die einander ergänzen.
Mut aus dem Glauben: Theologische Perspektiven
Die Jahreslosung ist ein Satz voller Zukunftsmusik. Doch sie beginnt mit einem Blick auf die Gegenwart: «Siehe…» – Schau hin. Nicht wegschauen, nicht verdrängen. Christliche Hoffnung entsteht nicht durch Realitätsflucht, sondern durch einen Blick, der tiefer geht.
– Gottes neues Handeln geschieht mitten im Alten: Johannes schreibt diese Worte nicht aus einem Paradies, sondern aus der Bedrängnis. Gerade dort hört er: Gott schafft Neues. Das tröstet auch uns: Wir müssen nicht warten, bis alles perfekt ist. Gottes Erneuerung beginnt heute – in uns, mit uns, manchmal gegen unsere Erwartungen.
– Ein Ja zum Leben ist ein geistlicher Akt: Wenn wir trotz allem Ja sagen zum Leben, sagen wir letztlich Ja zu dem Gott, der uns dieses Leben schenkt. Das bedeutet nicht, alles schönzureden. Es heisst: Ich traue Gott zu, dass er Wege hat, die ich noch nicht sehe.
– Hoffnung ist mehr als Optimismus: Optimismus glaubt: «Es wird schon gut gehen.» Hoffnung glaubt: «Gott geht mit – auch wenn es nicht gut ausgeht.» Das gibt eine tiefere, tragfähige Art von Mut.
«Ich mache alles neu» – Was heisst das für den Alltag?
– Neues wahrnehmen: Vielleicht beginnen wir das Jahr damit, kleine Aufbrüche zu suchen: Ein guter Vorsatz, der nicht Druck macht, sondern Raum schenkt. Ein Gespräch, das lange überfällig war. Ein Schritt, der uns mehr Leben ermöglicht.
– Neues Zulassen: Manchmal sind wir selbst die grössten Verhinderer des Neuen. Wir halten fest an alten Mustern, Verletzungen, pessimistischen Gedanken. Die Jahreslosung lädt dazu ein, die Türen innerlich einen Spalt breit zu öffnen.
– Neues Teilen: Gottes Erneuerung ist nie nur individuell. Sie möchte Kreise ziehen – in Familien, im Dorf, in der Kirchgemeinde. Wo wir anderen Mut machen, wird etwas von Gottes Neuschöpfung erfahrbar.
Ein Wort für den Beginn des Jahres
Vielleicht können wir dieses Jahr mit einem einfachen Gebet beginnen:
Gott, lass mich sehen, was du neu machen willst – in meinem Leben, in meinen Beziehungen, in unserem Dorf, in dieser Welt.
Schenke mir Mut, zu vertrauen, wo ich nicht weitersehe.
Und gib mir die Kraft, heute einen kleinen Schritt im Leben weiterzugehen.
Möge diese Jahreslosung uns 2026 begleiten wie ein leiser, verlässlicher Grundton:
Gott spricht: «Siehe, ich mache alles neu!»
Ein Satz, der nicht entfernt klingt, sondern mitten im Alltag aufscheinen will. Ein Satz, der uns einlädt: Trotz allem – Ja zum Leben zu sagen.
Ein gesegnetes neues Jahr wünscht Ihnen
PETER KLOPFENSTEIN
Viktor E. Frankl: «Trotzdem Ja zum Leben sagen» Das Buch des jüdischen Psychiaters Viktor E. Frankl (1905–1979), entstanden aus Vorträgen unmittelbar nach seiner Befreiung aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern in Deutschland, ist ein eindringliches Zeugnis dafür, dass der Mensch selbst unter extremsten Bedingungen Sinn finden und damit überleben kann. Frankl schildert nicht nur seine persönlichen Erfahrungen in Auschwitz und anderen Lagern, sondern entwickelt daraus die Grundgedanken seiner späteren Logotherapie: Der Mensch ist auf Sinn ausgerichtet – und dieser Sinn kann selbst im Leiden entdeckt werden.
Sinnerfahrung unter extremen Bedingungen
Frankl beschreibt, wie das Leben im Lager auf das Allernotwendigste reduziert wurde. Dennoch beobachtete er, dass diejenigen Gefangenen, die eine innere Aufgabe, ein Ziel oder eine Verantwortung vor Augen hatten – etwa gegenüber geliebten Menschen, einem unvollendeten Werk oder einer Haltung, die sie bewahren wollten –, psychisch widerstandsfähiger waren. Sinn ist für Frankl keine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Antwort, die jeder Mensch in jeder Situation geben kann.
Die Grundlagen der Logotherapie
Dabei unterscheidet er drei Wege des Sinnfindens: durch schöpferisches Tun, durch Erleben und Liebe, sowie durch die Haltung, mit der man unvermeidliches Leid trägt.
Die «letzte Freiheit» des Menschen
Gerade im Lager zeigte sich für Frankl, dass Freiheit nicht völlig ausgelöscht werden kann: Die «letzte der menschlichen Freiheiten» besteht darin, zur gegebenen Situation eine eigene Einstellung zu wählen. Diese Freiheit macht den Menschen verantwortlich. Niemand kann Leid romantisieren, doch der Mensch kann – so Frankl – trotz allem Ja zum Leben sagen, wenn er einen Sinn erkennt, der grösser ist als das, was er erleidet.
Ein Ja zum Leben trotz Leid
«Trotzdem Ja zum Leben sagen» ist darum weit mehr als ein historischer Bericht. Es ist ein Plädoyer für eine Lebenshaltung, die den Menschen nicht auf Trieb, Macht oder Zufall reduziert, sondern ihm zutraut, selbst im Dunkeln ein Warum zu finden. Frankls zentrale Botschaft lautet: Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie. Seine Erfahrungen ermutigen dazu, auch in heutigen Krisen nach Sinn zu fragen – nicht um Leid zu verherrlichen, sondern um Wege zu finden, an denen Hoffnung festgemacht werden kann.
PETER KLOPFENSTEIN

