Turbach ist wieder im Theaterfieber
06.10.2026 GesellschaftKostüme sitzen, Requisiten liegen bereit und die Souffleuse wird noch gelegentlich gebraucht: Im Turbach wird für «Hinter den sieben Gleisen» geprobt. Bis zur Premiere bleibt noch ein Monat – genug Zeit für den letzten Schliff.
MAXIME ...
Kostüme sitzen, Requisiten liegen bereit und die Souffleuse wird noch gelegentlich gebraucht: Im Turbach wird für «Hinter den sieben Gleisen» geprobt. Bis zur Premiere bleibt noch ein Monat – genug Zeit für den letzten Schliff.
MAXIME VÖGELE
Ein paar Kurven und Kehren entfernt von Gstaad brennt im Schulhaus Turbach während der Herbstferien noch Licht. In der Turnhalle hat sich die Theatergruppe Turbach eingenistet und probt für ihr neues Stück «Hinter den sieben Gleisen». Eine Geschichte von der ungewollten Schwangerschaft eines Dienstmädchens vom Herrensohn, drei Landstreichern, die an einem Bahnhof leben – und vielen Bananen. «Mittlerweile sind fast alle Textbücher von der Bühne verschwunden», verrät Hans-Ruedi Romang, Präsident der Theatergruppe, der im Stück den wohlhabenden Herrensohn Paul Eberhart spielt.
Die Bühne nimmt Gestalt an
Während des Gesprächs mit Hans-Ruedi Romang und Emanuel Raaflaub, dem Regisseur der Theatergruppe, sind die Vorbereitungen für die Probe schon in vollem Gang: Die Schauspieler:innen laufen die Treppen hoch und runter, schmeissen sich in ihre Kostüme, tragen Requisiten in die Turnhalle und üben auf den Blechblasinstrumenten ihre Stücke. Auch die drei «Flachmänner», die Raaflaub mit sich trägt, sind Requisiten – für die drei trinkfreudigen Landstreicher.
An der Probe am Mittwochabend sind Bühnenbild, Kostüme und Requisiten schon fast vollständig. Nur hier und da läuft noch jemand ohne Schuhe auf der Bühne herum oder kleine Gegenstände fehlen – das überbrücken die Schauspieler:innen mit etwas Vorstellungskraft. Sich in die Kostüme zu werfen, gebe ihnen immer ‹finechly e Ruck›, sich besser in die Rolle hineinzuversetzen, meint Raaflaub. Zum Bühnenbild sagt er: «Vielfach braucht man da etwas Fantasie.» Denn die Bühne in der Turbacher Turnhalle reicht nicht aus, um jedem Schauplatz des Theaterstücks ein eigenes Bühnenbild zu geben. Umso wichtiger sei es für die Schauspieler, sich bei Szenen, die sich vom Bühnenbild lösen, vorne auf der Bühne zu positionieren, erklärt Raaflaub der Gruppe, bevor die Probe beginnt.
Am Rhythmus wird noch gefeilt
Vieles steht schon, ganz bereit ist die Theatergruppe einen Monat vor der Premiere aber noch nicht. Am Fluss und am Rhythmus müsse noch gearbeitet werden. «Man hat das Gefühl, da fehlt noch viel – und da fehlt auch noch viel», sagt Emanuel Raaflaub lachend. Zeitlich sei die Theatergruppe aber auf Kurs. Ab und zu geht während der Probe ein fragender Blick der Schauspieler:innen zur Souffleuse Carmen Raaflaub. Über Fehler kann die Gruppe an diesem Abend aber noch herzlich lachen.
Zum zweiten Mal in der Regie
Raaflaub übernahm 2024 zum ersten Mal die Regie bei der Theatergruppe Turbach. «Hinter den sieben Gleisen» ist sein zweiter Einsatz als Regisseur. Er fühle sich wohl in dieser Aufgabe und sei nach wie vor motiviert – für ihn eine Voraussetzung für den zeitintensiven Einsatz. «Bei 85 Prozent von allen Proben muss man motiviert ausrücken», meint Raaflaub. «Ein ‹ungrads› Mal wäre man lieber zu Hause», fügt er lachend an.
Besonders gefällt ihm an der Aufgabe die Gemeinschaft. Schliesslich seien Theatergruppe und Regisseur aufeinander angewiesen: «Man muss spüren, dass das Projekt von der Breite getragen wird.» Die Aufgaben seien dieses Mal besser verteilt als noch vor zwei Jahren. Diese Verbesserung sei auch in der Atmosphäre und Stimmung spürbar.
Das Gespür für die richtige Besetzung
Auch Präsident Hans-Ruedi Romang zeigt sich zufrieden mit Regisseur Emanuel Raaflaub. Besonders dafür, die Rollen passend zu besetzen, hätten er und seine Frau Carmen Raaflaub ein gutes Gespür: «Mani und Carmen haben im Kopf, wer wen spielen kann», sagt Romang.
Weil die Gruppe an diesem Mittwochabend nicht vollständig ist, schlüpft Romang gleich in mehrere Rollen und zeigt sein Talent für verschiedene Dialekte: Mal spricht er mit italienischem Akzent als Bananenverkäufer, später mit Aargauer Dialekt als Paul Eberhart.
Das Gespür dafür, welche Schauspieler zu welchen Rollen passen, habe sich laut Raaflaub auch bei der letzten Produktion gezeigt. Damals hätten er und seine Frau das Drehbuch gemeinsam in ihren Dialekt übersetzt und anschliessend unabhängig voneinander festgelegt, wer welche Rolle spielen sollte. «Nur bei einer Person waren wir uns nicht direkt einig.»
Ein Gefühlsentscheid
Wer überhaupt welche Rolle spielen könnte, ist schon bei der Stückauswahl wichtig. In der Regel bringt Emanuel Raaflaub Vorschläge in den Vorstand ein, der schliesslich gemeinsam entscheidet, welches Stück gespielt wird. So überzeugt war Raaflaub von «Hinter den sieben Gleisen», dass er dem Vorstand dieses Mal nur dieses eine Stück zur Auswahl vorlegte.
Raaflaub hatte das Stück schon länger im Kopf. Ob ein Stück zur Theatergruppe passe, sei letztlich auch ein Gefühlsentscheid. Dabei stelle er sich die Frage, ob man die Figuren sehe, wenn man das Stück vor dem inneren Auge habe.
Das Theatervirus lebt weiter
Die passende Besetzung hat Emanuel Raaflaub allerdings nicht gänzlich im Turbach gefunden. Steffi Perreten, die das Dienstmädchen Inge spielt, kommt zum Beispiel aus Lauenen. «Das wird gerade noch so akzeptiert», sagt Raaflaub mit Ironie. «Ich bin halt ein Bissner», fügt Hans-Ruedi Romang vom Nachbarort lachend an. Auswärtige seien aber schon immer beim Turbacher Theater dabei gewesen. «Also von Gstaad», meint Raaflaub mit einem Augenzwinkern.
Nicht nur Schauspieler:innen finden ihren Weg in den Turbach. Auch beim Publikum hat das Turbacher Theater weitherum einen Namen. Eng mit dieser Geschichte verbunden ist Siegfried «Sigi» Amstutz. Von 1965 bis 2003 unterrichtete er im Turbach und führte über Jahrzehnte mit Schülerinnen und Schülern sowie Erwachsenen Theater auf. Unter seiner Regie wurde Turbach über die Region hinaus zu einem kulturellen Geheimtipp. Theater gespielt wurde im Tal zwar schon lange vor seiner Zeit. «Er hat aber schon ein bisschen das Virus ausgelöst», meint Emanuel Raaflaub.
Und dank diesem Virus soll auch dieses Jahr auf der Bühne in der Turnhalle gespielt, gesungen und gelegentlich geflucht werden.
Von der Requisite ins Weinglas
Nachdem das Stück in fast zwei Stunden einmal komplett durchgespielt worden ist, klatscht die Truppe für sich selbst. «So, machen wir es noch einmal», hört man jemanden im Raum lachend sagen. Dafür reicht die Energie wohl nicht mehr – durchaus aber noch, um miteinander zu verweilen und die Gemeinschaft zu geniessen.
«Wer nimmt noch ein Glas Wein?», fragt Emanuel Raaflaub in die Runde. Schnurstracks wird die Fiasco-Flasche dem Bühnenbild entrissen. «Aber wir hatten doch eigentlich eine Abmachung», entgegnen Margrit Brand, die Co-Regisseurin, und Carmen Raaflaub. Abgemacht war nämlich, erst anzustossen, wenn die Souffleusen den Schauspieler:innen auf der Bühne nicht mehr helfen müssen. Bevor das ausdiskutiert werden kann, stehen die Weingläser aber schon auf dem Tisch.







