Amerikaner «US» Gsteig
15.07.2024Wenn Familien zusammenkommen, die theoretisch verwandt sind, sich aber durch eine lang zurückliegende Auswanderung entfremdet haben, gibt es viel zu erzählen und den gemeinsamen Stammbaum zu erforschen.
KEREM S. MAURER
Vor ziemlich genau einem Monat, am ...
Wenn Familien zusammenkommen, die theoretisch verwandt sind, sich aber durch eine lang zurückliegende Auswanderung entfremdet haben, gibt es viel zu erzählen und den gemeinsamen Stammbaum zu erforschen.
KEREM S. MAURER
Vor ziemlich genau einem Monat, am 11. Juni, kam es in Gsteig zu einem Familientreffen der besonderen Art. Zwei seit sechs oder sieben Generationen in den USA lebende Familien reisten auf den Spuren ihrer Vorfahren nach Gsteig und trafen die weit entfernt verwandten Brüdern Toni-Beat und Arno Romang und dessen Ehefrau sowie Silvia Ueltschi, geborene Romang. Man traf sich im Restaurant Bären Gsteig, ass etwas typisch Schweizerisches – es gab Pastetli – und man unterhielt sich über die eigenen Stammbäume, die es nach diesem Familientreffen zu ergänzen gilt. Denn nicht nur Toni-Beat Romang betreibt hobbymässig engagiert Ahnenforschung, sondern auch Robert Brent Rawlings ennet dem grossen Teich in Virginia.
1854 ausgewandert
Vor ziemlich genau 170 Jahren, nämlich anno 1854, sei ein gewisser Jakob Romang mit zwei Söhnen in die USA ausgewandert, erklärt Erwin Fässler, der diese Ahnenforschungstour im Auftrag der Amerikaner organisiert hat. Und erst vier Jahre später, nämlich 1858, sei Jakobs Frau Anna Maria zusammen mit den restlichen Kindern ihrem Mann in die USA nachgefolgt. «Die beiden heirateten am 26. Juni 1828 in Gsteig und hatten sieben Kinder», weiss Fässler, der von den «US-Gsteigern» mit der Bitte kontaktiert wurde, er möge sie mit den echten, eingeborenen und heute noch lebenden Romangs aus Gsteig in der Schweiz zusammenführen. Fässler wandte sich darauf an Benz Hauswirth, den ehemaligen Bauverwalter und Archivar bei der Gemeinde Saanen, der ihn an Toni-Beat Romang verwies.
Eine «Riesenbüez»
«Natürlich wussten wir, dass einige unserer Vorfahren ausgewandert sind», erklärt Toni-Beat Romang im Gespräch mit dem «Anzeiger von Saanen» und ergänzt, er habe an der richtigen Stelle im Stammbaum bereits einen entsprechenden Vermerk gemacht. «Doch diese Auswanderung war in unserer Familie eigentlich nie ein grosses Thema.» Er berichtet, dass er sich schon lange mit dem Stammbaum der Romangs im Saanenland beschäftigt. Doch dies sei eine «Riesenbüez», schliesslich sei der Name Romang seit dem Jahr 1300 im Saanenland nachgewiesen. Und obschon sein Stammbaum bereits zahllose Seiten und Tausende von Namen enthalte, gäbe es immer noch Romangs, die noch nicht in diesen eingebunden seien. «Jene vom Schuhhaus, die vom Chocolatier und noch viele in der Bissen», sagt Toni-Beat Romang schmunzelnd. Dann wird er ernst, legt seinen Finger auf eine bestimmte Stelle im Stammbaum, den er vor sich ausgebreitet hat. «Hier, Anna Maria Romang, bestattet in den USA», liest er vor. «Das war die Auswanderin.» Aber man habe eben nie genau gewusst, wo die Romangs in den USA genau hingegangen seien und wo sie gelebt hätten.
Möglicher Besuch in den USA
Das Treffen mit den beiden Familien aus den USA habe Toni-Beat Romang motiviert, auch diesen Teil der Familiengeschichte in den Stammbaum zu integrieren und aktiv weiterzuforschen. «Mit Robert Brent Rawlings stehe ich in Mailkontakt, er hat mir die Ergebnisse seiner Ahnenforschung geschickt», erzählt er. Diese Daten gelte es jetzt einzuordnen. Und immerhin wüssten sie jetzt, dass die Verwandten in Illinois und in Virginia zu Hause seien. «Wenn wir einmal in die USA reisen, ziehen wir sicher einen Besuch bei ihnen in Betracht. Aber nur ihretwegen würden wir diese Reise kaum unternehmen, weil sie tatsächlich nur ein kleiner Zweig unseres Stammbaums ausmachen.»
Fünf Fragen an Toni-Beat Romang
INTERVIEW: KEREM S. MAURER
Was hat Ihnen das Zusammentreffen mit den Amerikanern bedeutet?
Es war schon imposant. Da ich nicht gut Englisch spreche, war der Austausch für mich etwas schwieriger. Aber die Amerikaner hatten grosse Freude, es war witzig.
Spürten Sie ein gewisses Gefühl von Verwandtschaft oder war man sich völlig fremd?
Es war schon ein spezielles Treffen, aber verwandtschaftliche Verbindungen spürte ich keine. Es waren eigentlich Fremde für mich. Also wenn man sich auf der Strasse begegnet wäre, hätte man sich bestimmt nicht erkannt.
Warum sind denn einige Ihrer Familie damals ausgewandert?
Das entzieht sich meiner Kenntnis, wir haben in der Familie nie gross darüber gesprochen. Wir haben uns auch nie dafür interessiert, bis Erwin Fässler mit dem Anliegen der Amerikaner an uns herangetreten war. Diese wollten uns im Rahmen einer Schweizerreise, die sie unternahmen, besuchen.
Hat sie diese Anfrage überrascht?
Nein, wir wussten ja, dass es irgendwo noch Nachfahren von gemeinsamen Vorfahren gab.
War es das erste Zusammentreffen dieser Art für Sie?
Nein. Die Burri-Linie mütterlicherseits organisiert jedes Jahr ein Verwandtentreffen. Da waren wir auch schon mit dabei. Da kommt es immer wieder vor, dass man Verwandte trifft, die man zuvor noch nie gesehen hat. Für die Ahnenforschung sind solche Treffen immer sehr ergiebig. Wie jetzt auch mit den Amerikanern. Zusammen konnten wir den Stammbaum sechs Generationen weit zurückverfolgen. Das finde ich jeweils sehr spannend.