Venezianische Theaterkultur im Turbach
05.11.2024 KulturAm Samstag, 2. November wurde in der Turnhalle im Turbach wieder Theater gespielt. Vor vollem Haus präsentierte das Ensemble die «Diener zweier Herren» von Carlo Goldoni. Die Prosakomödie wurde von Carmen und Emanuel Raaflaub mit viel Herzblut inszeniert. Ein besonders feines Gespür bewies das Regieteam mit dem Engagement des Akkordeonisten Gyorgi Spasov, der mit seinen musikalischen Beiträgen die Szenen meisterhaft begleitete.
EUGEN DORNBIERER-HAUSWIRTH
Wie durch einen Trichter, durch den Turbacher Waldhonig fliesst, tröpfelten die Theaterbesucher: innen ein. Im Theatersaal, wo für einmal nicht geturnt wurde, herrschte gute Laune. Der Geräuschpegel schwoll an und endete in einem dezenten Applaus, als Sigi Amstutz, geistiger Vater des Theaters Turbach, den Saal betrat. Danach begrüsste Emanuel Raaflaub die Anwesenden.
Und dann ging es los! Die Premiere war grossartig. Das Publikum wurde mit einem turbulenten und witzigen Theaterabend unterhalten, bei dem die Verwirrungen für viele Lacher sorgten. Und so wurden die Schauspieler: innen mit begeistertem Applaus beschenkt.
Jede:r einzelne überzeugte mit seiner ganz speziellen Leistung:
1. Hans-Ruedi Romang verkörpert den Wirt Brighella. Obwohl in seinem Gasthaus noble Herrschaften ein- und ausgehen, bleibt Brighella die Ruhe selbst. Demütig, jedoch fachlich kompetent, erfüllt er die Wünsche seiner Gäste. Erfrischend ist auch, dass er sich vom geschäftigen Getue des Dieners Truffaldino nicht irritieren lässt. So ein Wirt ist gern gesehen.
2. Debora Perreten, als Magd Smeraldina von Clarice, gefällt einerseits wegen ihrer Schüchternheit und andererseits wegen ihrer Herzhaftigkeit. Im Sternzeichen Jungfrau geboren, pariert sie die Avancen von Truffaldino (Stefan von Siebenthal) souverän. Das Publikum mag die unschuldige, zarte Dienerin, weil sie sich auch kämpferisch geben kann und wie ein ausbrechender Vulkan heisse Magmaluft von der Bühne bläst.
3. Mathias Reichenbach schlüpfte in die Rolle des gelehrten Dottore Lombardi. So etwas von stolz – und das auf der Theaterbühne in Turbach! Er beherrscht das Abgehobensein venezianischer Gelehrter. Mit seiner brillant artikulierten Sprache erreicht er das Publikum auch auf den hintersten Rängen. Seine Wut und die geballten Fäuste, begleitet von lateinischen Belehrungen, entlocken bei manchen Theatergästen staunende Verwunderung.
4. Zoe Herrmann als Clarice, Tochter des Aristokraten Pantalone, hat allen Grund, himmelhoch zu jauchzen und zu Tode betrübt zu sein. Aus ihrer Gefühlswelt macht sie keine Mördergrube. Als Spielball zwischen Rasponi und ihrem Vater fühlt sie sich ihres Glücks beraubt. Diese aufwühlende Gefühlswelt bringt sie ausdrucksstark zur Geltung. Zoe ist gut darin, Emotionen wie Freude, Angst oder Trauer mit ihrer Mimik darzustellen.
5. Patrick Matti, alias Silvio, Sohn des selbstherrlichen Dottore Lombardi, ist über beide Ohren verliebt in Pantalones Tochter Clarice. Er lässt die Zuschauenden im Saal an seinen Emotionen teilhaben. Er überzeugt mit seiner inneren und äusseren Haltung.
6. Stefan von Siebenthal steht als Truffaldino, der gleichzeitig den Herren Rasponi und Florindo dient, im Mittelpunkt. In der Rolle einer verflochtenen Harlekinfigur scheint sich Stefan sehr wohl zu fühlen. Bauernschlau, oft auch schelmisch tölpelhaft, meistert er allerlei Schwierigkeiten, in die er sich verstrickt. Ernsthaften Auseinandersetzungen mit seinen Dienstherren begegnet er mit fragenden Blicken, staunendem Gesichtsausdruck oder spitzbübischem Lachen. Seine liebeswerbenden Bemühungen um Smeraldina sind märchenhaft.
7. Olivia Zmoos spielt die junge Beatrice Rasponi die als Mann verkleidet von Turin nach Venedig reist, um ihren Geliebten Florindo zu suchen. Ihrem Diener Truffaldino begegnet sie sehr selbstbewusst, irgendwie herablassend. Sie ist sich ihres Adelstandes sehr bewusst. Auch beherrscht sie die nonverbale Kommunikation. Ihre Körpersprache ist reich an Gesten, die mehr sagen als tausend Worte. Und wie sie ihrer Stimme das gewisse Etwas, das Timbre, verleihen kann, ist grossartig.
8. Alexander Raaflaub verkörpert in der Figur des Florindo den Prototyp der damaligen Turiner Oberschicht. Sein herrisches Getue wirkt so echt, dass ihm im Turbach wohl niemand begegnen möchte. Spass beiseite; es ist die Kunst des Schauspielers, auch weniger «herzige» Rollen spielen zu können. Alexander hat keine Angst vor jedem Wort, vor jeder Zeile, vor jedem Vers. Er wirkt so «echt»!
9. Mathias Moser, in der Figur als Pantalone, ist ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle. Seine diplomatischen Winkelzüge, vorgetragen in felsenfester Überzeugung, stiften hüben und drüben Verwirrungen. Er wirkt wie ein Fels in der Brandung, der unbeirrbar standhaft bleibt.
10. Orlando Hählen: Als Kellner jobbt er in Brighellas Gasthaus. Dieser robuste Mann hört das Gras wachsen. Er versprüht eine gewisse Heiterkeit, seine Schlitzohrigkeit ist nicht gekünstelt, scheint reell und für Turbacher zutreffend zu sein.
SIGI AMSTUTZ IM INTERVIEW
Sigi Amstutz, Sie kommen hierher, an ihre alte Wirkungsstätte. Wie fühlen Sie sich?
Ich bin überwältigt und berührt. Ich fühle mich nahe bei den Leuten, und das ist das Wichtigste.
An welches Theaterstück erinnern Sie sich besonders gerne?
Das ist eine schwierige Frage, weil ich bei sehr vielen Theaterstücken Regie führte. Aber sehr gut in Erinnerung sind mir die Stücke «Montserat» und die Komödie «Der böse Geist Lumpaci Vagabundus».
Wie beurteilen Sie den Stellenwert des Laientheaters in der von Social Media geprägten Welt?
Sehr hoch, weil man in direktem Austausch ist. Man sah das eindrücklich heute Abend, wie die schauspielenden Turbacher:innen sich ausdrückten, darstellten – das war einfach grossartig.
GYORGI SPASOV IM INTERVIEW
Gyorgi Spasov, im Jahr 2011 wurden Sie in Moskau mit dem Grand Prix des internationalen Festival-Wettbewerbs für Slawische Musik ausgezeichnet. Heute spielten Sie im Theater im Turbach! Wie kommt das?
Seit 2012 lebe ich in der Schweiz. Ich spielte schon oft in kleinen Theatern. Im Turbach spielte ich auch im Jahr 2017. Hier, in dieser kleinen Ortschaft, gefällt mir die Atmosphäre mit den Leuten besonders gut. Auch liebe ich die Natur hier im Sannenland. Das gibt mir viel Inspiration.
Welches Musikgenre wählten Sie für die Prosakomödie «Diener zweier Herren»
Ich wählte Musik mit italienischem Bezug, vor allem des norditalienischen Akkordeonisten Sergio Castelli. Auch traditionelle französische Musettes eignen sich besonders gut. Zudem muss man auch improvisieren, sich dem Rhythmus und der Dynamik des Theaterinhaltes anpassen.
EMANUEL RAAFLAUB IM INTERVIEW
Mani Raaflaub, das Theater Turbach hat eine lange Tradition. Nach einem längeren Unterbruch erwachte es aus dem Dornröschenschlaf. Was geschah?
Man fand keine Regisseure. Carmen und ich wollten das Theater nicht einschlafen lassen, also mussten wir anpacken. Und so konnten wir, zusammen mit dem Theaterverein das Schiff wieder in Fahrt bringen. Theater machen ist mir weder fremd noch fern, spielte ich doch schon während meiner Schulzeit und später, unter Sigi Amstutz, sporadisch Theater.
Mit der Prosakomödie «Diener zweier Herren» haben Sie einen zünftigen Fisch an Land gezogen. Wie kam es dazu?
Vor vielen Jahren, ich ging noch nicht in die Schule, spielte das Chörli unter der Regie von Sigi Amstutz dieses Stück. Wir unterbreiteten dem Vorstand zwei Theaterstücke zur Auswahl. Dieser entschied sich für «Diener zweier Herren».
Heute war Premiere: geglückt?
Aufgrund des begeisterten Zuschauerechos dürfen wir die Premiere sicherlich als geglückt bezeichnen.





