«Vergessen werde ich das Saanenland nicht»
09.10.2026 InterviewNach gut zwölf Jahren als Pfarrer in Saanen und Gsteig verabschiedet sich Peter Klopfenstein in die Frühpension. Im Interview spricht er unter anderem darüber, ob sich sein Glaube verändert hat oder auch über die direkte Art der Menschen im ...
Nach gut zwölf Jahren als Pfarrer in Saanen und Gsteig verabschiedet sich Peter Klopfenstein in die Frühpension. Im Interview spricht er unter anderem darüber, ob sich sein Glaube verändert hat oder auch über die direkte Art der Menschen im Saanenland.
JONATHAN SCHOPFER
Peter Klopfenstein, Sie waren während gut zwölf Jahren als Pfarrer für die Gemeinden Saanen und Gsteig tätig, zuvor im Raum Interlaken. Ist Ihnen an den Menschen hier oben etwas besonders aufgefallen?
Die Einheimischen im Saanenland sind stark mit der Natur verbunden, weil sie in und mit ihr leben und arbeiten. Auch die Verbundenheit mit der Familie ist gross, weil man aufeinander angewiesen ist. Ich finde, das trägt die Menschen hier oben.
Gab es auch etwas, woran Sie sich zuerst gewöhnen mussten?
Ja: Die Menschen im Saanenland machen gerne direkte Ansagen – manchmal auch taffe. Wenn sie eine Meinung haben, dann sagen sie das klar und deutlich. Das kann sowohl positiv wie negativ sein. An diese direkte Art musste ich mich schon ein wenig gewöhnen.
Sie sind in der Stadt Bern im Länggassquartier aufgewachsen. Weshalb sind Sie nach Gsteig gekommen?
Das Berner Oberland und seine Menschen waren mir eigentlich immer schon vertraut. Mein Grossvater war ein Bergbauer in Achseten bei Frutigen. Wir waren im Sommer und Winter häufig bei den Grosseltern in den Ferien. Für uns Stadtkinder war es etwas vom Schönsten, auf dem Bauernhof zu sein. Das Berner Oberland wurde dadurch zur zweiten Heimat. Zuerst bot sich die Gelegenheit, durch eine Stellvertretung nach Saanen zu kommen. Und dann bin ich im Gsteig geblieben (schmunzelt).
Nun gehen Sie früher als ursprünglich geplant in Pension. Wieso haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?
Ich habe gemerkt, dass ich meine Arbeit auf Dauer nicht mehr mit einem vollen Pensum weiterführen kann. Da habe ich mir letztes Jahr gesagt: Ich gebe mir und der Kirchgemeinde noch dieses eine Jahr. Eigentlich hatte ich das Ziel, bis zur ordentlichen Pensionierung im Mai 2028 zu arbeiten. Aber ich habe gemerkt: So diene ich weder mir noch der Gemeinde. Und ich gehe lieber, solange die Leute es noch bedauern… So höre ich oft, sie fänden es schade, dass ich gehe.
Also sind Ihre Kräfte weniger geworden?
Ja, vom Alter her. Und die Zeit während Corona hat mich mit ihren Ungewissheiten sehr gefordert. So bin ich müder geworden.
Ich höre heraus, dass Sie Ihre Arbeit gut machen wollen. Sind Sie ein Perfektionist?
Ich würde es so sagen: Ich habe früh gelernt, dass Arbeit etwas Wichtiges ist. Wenn ich etwas mache, versuche ich es recht zu machen.
Wurde Ihnen diese Haltung von Ihrer Familie mitgegeben?
Ja. Mein Grossvater ging nie in die Ferien. Irgendwann, als er etwa 80 war, sagten meine Eltern: «Komm doch vier Tage mit uns nach Venedig.» Am zweiten Tag sagte er, er müsse nach Hause holzen gehen. Es gehe nicht anders. Und mein Vater hat eine akademische Karriere gemacht. Er war selber Pfarrer und Theologieprofessor. Da arbeitet man auch sehr viel.
War für Sie schon als Kind klar, dass Sie Pfarrer werden wollten?
Bei uns wurde am Küchentisch häufig über theologische Themen diskutiert. Das hat mich von Anfang an interessiert. So bin sozusagen in die Theologie hineingewachsen.
Welcher Beruf hätte Sie sonst noch fasziniert?
Als Bub hatte ich einmal den Traum, Lokführer zu werden (lacht). Aber ich bin nicht der Handwerker. Ich konnte mir eigentlich nichts anderes als Pfarrer vorstellen.
Braucht es für Sie beim Glauben eine theoretische Auseinandersetzung?
Ja, das ging für mich immer zusammen. Das Intellektuelle und der Glaube – beides war mir immer wichtig. Ich konnte mich im Theologiestudium intensiv mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzen.
Wenn Sie Ihren Glauben von damals mit heute vergleichen, hat er sich verändert?
Ich würde vor allem sagen: Er hat sich vertieft und geklärt. Die unterschiedlichsten Menschen, auch Nichtchristen und Agnostiker, haben mir viele Impulse gegeben. Eines meiner obersten Mottos stammt vom Apostel Paulus: «Prüft alles und das Gute behaltet.» Das habe ich versucht, in meinem Leben anzuwenden. Dabei ist Jesus Christus für mich immer der Mittelpunkt geblieben: das Evangelium, Jesus als wahrer Gott und zugleich wahrer Mensch. Das ist mir über die Jahrzehnte immer wichtiger geworden. Und zugleich die Einsicht: Niemand hat die ganze Wahrheit für sich allein gepachtet. Da gibt es einen schönen Spruch auf einem Kalenderblatt: «Die Wahrheit hat so viele Facetten wie das Licht, das von einem Prisma gebrochen wird.»
Gab es dabei eine Begegnung, die Sie besonders geprägt hat?
Ganz wichtig ist mir eine Begegnung aus meiner Studienzeit in Bern. Da war eine ältere Frau, das Lisi, eine Tetraplegikerin. Sie hat mit einem Pinsel im Mund gemalt. Sie war Tetraplegikerin, weil die Hebamme bei ihrer Geburt einen Fehler gemacht hatte. Ihre Eltern hatten sie damals aus Scham in einem Zimmer versteckt. Später kam sie ins Krankenheim in Köniz und hat dort die «Regenbogen»-Gruppe für Menschen mit und ohne Behinderung aufgebaut, um über Glaubensthemen zu sprechen.
In ihrem Zimmer hing über ihrem Bett ein fluoreszierendes Kreuz mit einem gelblich-weissen Schimmer. Jeden Abend hat sie das «Vaterunser» gebetet und zum Kreuz geschaut. Sie sagte mir, das helfe ihr, mit ihrer Geschichte umzugehen. Das hat mir mindestens so viel gegeben wie viele Vorlesungsstunden an der Uni.
Sie sind seit 1992 Pfarrer. Was ist heute anders als zu Beginn Ihrer Laufbahn?
Die Lebensentwürfe der Menschen werden immer individueller. Der eine geht in diese Richtung, der andere in eine andere. Der Umgang mit den Gemeindemitgliedern wird dadurch herausfordernder. Zugleich ist es eine Bereicherung, wenn einem die Beziehung zu den Menschen gelingt.
Wie findet man trotzdem einen Zugang zu den Menschen?
Nähe zu den Menschen kann man nicht herstellen. Sie ist in meinen Augen immer ein Geschenk. Was ich versuchen kann, ist möglichst offen für die anderen zu sein. Wichtig war für mich immer, dass man sich auf Augenhöhe begegnen kann. Dass es einen Austausch gibt und man nachher ein Stück weiter ist als vorher. Ich bin dankbar für jede Begegnung, die gelungen ist und mich oder mein Gegenüber weitergebracht hat.
Wie gelingt das in schwierigen Momenten, etwa bei einer Beerdigung?
Man muss einerseits emotional nahe bei den Leuten sein, sonst hat man ihnen nichts zu sagen. Andererseits braucht es auch eine gewisse Distanz, weil man weiterarbeiten muss. Zum Glück nicht immer, aber wenn es ein Suizid war oder wenn ein Kind früh gestorben ist, waren das zum Teil sehr schwierige Situationen. Da denkt man zuerst: Jetzt müsste ich eigentlich schweigen. Aber zugleich ist es ganz wichtig, dass man etwas sagt. Dass etwas aufbrechen kann, dass es weitergehen kann. Für mich heisst das: Entweder ich schaffe die Verbindung zu den Leuten, oder es ist für nichts gewesen.
Wie sind Sie mit solchen Situationen umgegangen?
Ich habe mir auch zugestanden, dass ich beim Vorlesen eines Lebenslaufs manchmal ins Stocken kam oder sogar Tränen bekam. Ich denke: Das darf sein. Für die Leute ist es wichtig, dass sie spüren: Der Pfarrer geht mit.
Gibt es Momente, die Ihnen aus diesen zwölf Jahren besonders in Erinnerung bleiben werden?
Es ist nicht etwas Spezielles. Es ist vielmehr die grosse Vielfalt. Man ist mit ganz unterschiedlichen Generationen in Verbindung, in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Das hat mir immer sehr gefallen: die Kasualien, also Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung, bei denen man in einen starken Kontakt mit den Leuten kommt. Und die KUW, also die kirchliche Unterweisung, habe ich nicht nur auf der Oberstufe gegeben, sondern auch auf der Unterstufe. Das war sehr bereichernd. Oder die Seniorenferien im Appenzell oder im Allgäu. Diese Vielfalt hat mir sehr gefallen.
Nun steht der Abschied bevor. Fällt Ihnen dieser schwer?
Einerseits ist da die Freude, jetzt nach Adliswil zu meiner Partnerin zu ziehen. Andererseits spüre ich eine starke Wehmut, das Saanenland zu verlassen. Bei meinen beiden letzten Berggottesdiensten im August auf Olden und Plani habe ich dies besonders gespürt. Das Wetter, die Atmosphäre, die Leute – das war einfach alles stimmig. Ich komme wohl einmal als Tourist wieder. Aber das ist dann etwas anderes. Vergessen werde ich das Saanenland nicht.
Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger?
Burnout-Gefährdung gehört mit zum Pfarrberuf. Daher wünsche ich ihnen, dass sie bei der Arbeit für sich ganz individuelle Inseln finden, wo sie sich erholen und sich so die Freude am Beruf erhalten können.
Mit Blick auf die Zukunft: Worauf freuen Sie sich nun?
Ich ziehe zu meiner Partnerin nach Adliswil bei Zürich. Darauf freue ich mich sehr. Ich möchte dort wieder in einem Chor singen, gemeinsam einen Hund anschaffen und mehr Zeit zum Lesen und Wandern haben. Ich möchte auch die eine oder andere Stellvertretung als Pfarrer machen. Mal schauen, was kommt...
Bevor Sie in Pension gehen, halten Sie noch eine letzte Predigt im Gsteig. Wissen Sie schon, worüber Sie sprechen werden?
Das Thema wird sein: «Was bestimmt meinen Wert als Mensch?» Mehr möchte ich jetzt nicht verraten (schmunzelt).
ZUR PERSON
Peter Klopfenstein wuchs in der Stadt Bern auf. Von 1983 bis 1992 studierte er Theologie in Bern und Basel. Von 1992 bis 2013 war er als Pfarrer im Raum Interlaken/Bödeli tätig. Dort lebte er mit seiner damaligen Frau und seinen Kindern. Danach wechselte er 2014 ins Saanenland. Zunächst war er vor allem für die Kirchgemeinde Gsteig tätig. Mit der Fusion der Kirchgemeinden Saanen und Gsteig im Jahr 2018 wurde sein Tätigkeitsgebiet grösser. Nun geht er mit 63½ Jahren in Frühpension und zieht zu seiner Partnerin nach Adliswil.
JSC



