Venezuela: Saaner Tierärztin führt Hundesuchteams durch die Trümmer
24.07.2026 GesellschaftAls Ende Juni zwei schwere Erdbeben Venezuela erschütterten, wurde auch die Schweizer Rettungskette alarmiert. Mit dabei war Tanja Aeberhard aus Saanen. Die Tierärztin engagiert sich seit fast 30 Jahren bei Redog und koordinierte vor Ort als Equipenleiterin zwei Hundeteams bei der Suche ...
Als Ende Juni zwei schwere Erdbeben Venezuela erschütterten, wurde auch die Schweizer Rettungskette alarmiert. Mit dabei war Tanja Aeberhard aus Saanen. Die Tierärztin engagiert sich seit fast 30 Jahren bei Redog und koordinierte vor Ort als Equipenleiterin zwei Hundeteams bei der Suche nach Verschütteten.
JOCELYNE PAGE
Am 25. Juni um 5.30 Uhr morgens klingelte das Telefon von Tanja Aeberhard. Die Tierärztin und Verschüttetensuchhundeführerin aus Saanen erhielt eine Anfrage für einen Auslandseinsatz. Rund fünfeinhalb Stunden zuvor hatten zwei schwere Erdbeben der Magnitude 7,2 und 7,5 den Norden Venezuelas erschüttert. Sie richteten massive Zerstörungen bis in die Hauptstadt Caracas an. Mehrere Medien berichten inzwischen von rund 5000 bestätigten Todesopfern, Zehntausende Menschen werden weiterhin vermisst.
Zum Zeitpunkt des Anrufs war noch unklar, ob Aeberhard tatsächlich nach Venezuela reisen würde. «Man erhält zuerst eine Anfrage, ob man grundsätzlich einsatzbereit wäre», erzählt das Mitglied von Redog, dem Schweizerischen Verein für Such- und Rettungshunde. Anschliessend beginne die Koordination zwischen Redog, der Rettungskette Schweiz und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Erst wenn definitiv feststehe, welche Teams aufgeboten würden, gehe alles sehr schnell. «Ich ging am Vormittag zwar noch arbeiten. Aber als die Wahrscheinlichkeit grösser wurde, begann ich zu packen.» Noch am selben Tag musste sie in Zürich bereitstehen.
Verantwortung für zwei Hundeteams
Seit 1997 engagiert sich Aeberhard bei Redog. Nach ihrer Ausbildung zur Verschüttetensuchhundeführerin übernahm Tanja Aeberhard bei Redog zunehmend Verantwortung. Heute ist sie Equipenleiterin, Leichensuchhundeführerin und Übungsleiterin für Verschüttetensuchhunde. In Venezuela war sie nicht mit ihrem eigenen Hund Dave im Einsatz, sondern als Equipenleiterin. Ihre Aufgabe bestand darin, zwei Hundeteams zu führen, deren Einsätze zu koordinieren und die Schadenplätze zu beurteilen. «Ich beobachte die Teams, unterstütze sie und entscheide mit, wie sie eingesetzt werden.» Gearbeitet wurde auf verschiedenen Schadenplätzen im Zwölfstundenrhythmus, jeweils von Mitternacht bis Mittag. So wurden die Hunde möglichst wenig der grossen Hitze ausgesetzt.
Hund vertraut blind
Die Suche gestaltete sich schwierig. Immer wieder wandten sich Angehörige an die Rettungskräfte. Sie berichteten von Stimmen unter den Trümmern oder davon, wo vermisste Personen zuletzt gesehen worden waren. Jeder Hinweis wurde mit Suchhunden und technischer Ortung überprüft. Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. «Wir haben leider keine lebenden Personen mehr gefunden», sagt Aeberhard. Eine Woche lang war sie im Katastrophengebiet. Dennoch war die Mission der internationalen Rettungskräfte erfolgreich: Der Einsatz von rund fünfzig Such- und Rettungsteams, darunter auch der Rettungskette Schweiz, hat die Rettung von vierzehn Menschenleben ermöglicht. Alle Teams haben durch die Bergungsarbeit und die Markierung der Orte zu diesem Ergebnis beigetragen.
Auch wenn Aeberhards Team keine lebenden Personen mehr gefunden hat, war sein Einsatz nicht vergeblich. Genauso wichtig ist es, wenn die Hunde keine menschliche Witterung anzeigen. So können Einsatzkräfte Bereiche ausschliessen und ihre Suche auf andere Orte konzentrieren. Damit die Hunde unter den gefährlichen Trümmern arbeiten können, braucht es jedoch vor allem eines: absolutes Vertrauen. «Der Hund muss sich darauf verlassen können, dass ich ihn nicht in eine Situation schicke, aus der er nicht mehr herauskommt», sagt Aeberhard.
Ausmass des Schadens enorm
Obwohl Aeberhard bereits bei mehreren Katastrophen im Einsatz stand, übertraf Venezuela vieles, was sie bisher erlebt hatte. Das Ausmass der eingestürzten Gebäude sei enorm gewesen. «Sechszehnstöckige Häuser stürzten auf drei Meter Höhe zusammen. Alles war sehr kompakt. Derart riesige Schäden habe ich noch nie gesehen.»
Gleichzeitig mussten die Einsatzkräfte ständig zwischen Hoffnung und Sicherheit abwägen. Manche Bereiche waren so instabil, dass sie nicht betreten werden konnten. Bei Tiefgaragen beispielsweise sei oftmals die Armierung verbogen gewesen. «Am Ende müssen wir immer entscheiden, welches Risiko man als Retter und für den Hund eingehen kann.»
Auch mit den Erwartungen der Bevölkerung mussten die Rettungskräfte umgehen. Für viele Angehörige bedeutete jedes internationale Suchteam neue Hoffnung. «Die Angehörigen hofften natürlich, dass wir helfen können. Gleichzeitig wussten wir, dass die Chancen mit jedem Tag kleiner wurden», sagt Aeberhard.
Lange Anreise durch zerstörte Infrastruktur
Bei Naturkatastrophen dieses Ausmasses zählt jede Minute. Doch gerade davon verloren das Redog-Team und weitere internationale Hilfsorganisationen unerwartet viele. «Bei der Anreise steckten wir rund drei Stunden im Stau. Auf einer Strecke von wenigen Kilometern, die normalerweise in etwa 20 Minuten zu bewältigen ist», erinnert sich Aeberhard. Der Grund: Die Erdbeben hatten die Infrastruktur stark beschädigt, sodass praktisch alle Einsatzkräfte über dieselbe Zufahrtsstrasse ins Katastrophengebiet gelangen mussten.
Ein Bild ist ihr besonders geblieben: «Überall fuhren Töfffahrer auf Vespas mit meterhoch gestapelten Wasserflaschen auf dem Rücksitz. Sie schlängelten sich zwischen den stehenden Autos hindurch. Das war beeindruckend.»
Bevölkerung hat Lebenswillen nicht verloren
Trotz der enormen Zerstörung blieb Aeberhard vor allem eines in Erinnerung: die Menschen. «Innert weniger Tage waren die Trottoirs bereits wieder geputzt, die ersten Aufräumarbeiten liessen nicht lange auf sich warten. Direkt daneben lag noch ein riesiger Trümmerhaufen», erinnert sich Aeberhard. Viele Betroffene hätten selbst kaum noch etwas besessen und trotzdem den internationalen Rettungskräften Wasser oder Früchte gebracht. «Diese Freundlichkeit und dieser Lebenswille haben mich tief beeindruckt.»
Fast drei Jahrzehnte im Dienst von Redog
Für Aeberhard war Venezuela bereits der vierte internationale Katastropheneinsatz. Bereits 1999 beim Erdbeben in der Türkei, 2000 bei der Schlammlawine in Gondo sowie 2009 beim Erdbeben auf Sumatra war sie im Einsatz. In den vergangenen Jahren habe sich die internationale Zusammenarbeit stark professionalisiert. Rettungsteams würden heute nach internationalen Standards klassifiziert und die Abläufe seien deutlich strukturierter als früher.
Nach einer Woche im Einsatz wird das Schweizer Team eng begleitet. Alle Einsatzkräfte erhalten psychologische Unterstützung und werden auch Wochen nach dem Einsatz nochmals kontaktiert.
Für die Tierärztin aus Saanen gehört dieses Engagement trotz der belastenden Erlebnisse weiterhin zu ihrem Leben. «Ich wollte schon damals etwas Sinnvolles mit meinem Hund machen. Deshalb bin ich zu Redog gekommen. Und ich bin geblieben.»








