Vier Tage, viele Stimmen – der Literarische Herbst Gstaad 2026
27.10.2026 KulturVon Essenskurier:innen über eine Berliner WG der 1980er-Jahre bis zu den Bergdörfern des Engadins: Am Literarischen Herbst Gstaad lasen vom 22. bis 25. Oktober Autor:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich aus ihren Texten. Dabei verrieten sie, wie diese entstanden ...
Von Essenskurier:innen über eine Berliner WG der 1980er-Jahre bis zu den Bergdörfern des Engadins: Am Literarischen Herbst Gstaad lasen vom 22. bis 25. Oktober Autor:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich aus ihren Texten. Dabei verrieten sie, wie diese entstanden sind.
MARIE-LINE MICHEL
Wenn die Tage kürzer werden und es draussen nass und kalt ist, beginnt die beste Zeit zum Lesen und Zuhören – und eben auch für den Literarischen Herbst Gstaad. Seit 2011 lockt das Festival Literaturbegeisterte ins Saanenland.
Wie findet man als Autor:in die Sprache der eigenen Hauptfigur? Wie weit darf eine Geschichte gehen? Kann man jederzeit frei entscheiden, eine Geschichte nun doch nicht zu schreiben? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab es am Literarischen Herbst Gstaad. Vom 22. bis 25. Oktober 2026 lasen Autor:innen aus ihren Büchern, beantworteten Fragen und erzählten über ihre Arbeit als Schriftsteller:innen.
Literatur hat viele Formen
Wie weit der Begriff «Literatur» reicht, zeigte das Programm. Zeitgenössische Romane und gesellschaftskritische Geschichten gehörten ebenso dazu wie musikalisch begleitete Lyrik und Comics. Das ist ganz absichtlich, die Programmverantwortlichen möchten so ganz unterschiedlichen Menschen einen Zugang in die Welt der Literatur bieten.
Eine etwas andere Lesung war denn auch diejenige von Eric Schwarz am Samstagabend. In seiner Graphic Novel «Fühl zu viel» bringt er poetische Gedanken über Liebe und Freundschaft in jeweils vier Bildern auf den Punkt. Sein neues Märchenbuch «Feuer, Feuer, Ungeheuer» erzählt in Scherenschnitten von vier Brüdern, die vom Feuer überrascht und aus ihrem Haus vertrieben werden.
Ganz anders, aber nicht weniger eindrücklich war die Lesung von Ariane von Graffenried. Sie performte eigene Texte sowie Gedichte von Endo Anaconda, teilweise mit musikalischer Begleitung. So gab sie den Worten einen Rhythmus, der das Publikum in den Bann zog.
Einblicke in ganz unterschiedliche Welten
In «Liefern» folgt Tomer Gardi Essenskurier:innen, die mit ihren viereckigen Rucksäcken auf E-Bikes, Velos und Motorrädern rund um den Globus Mahlzeiten ausliefern. Für seine Recherchen schaffte er sich Zugang zu Menschen, die sonst übersehen werden. Er zeigt globale Verstrickungen auf, erzählt von Ungerechtigkeit und Solidarität, immer mit einer Prise Humor.
Was ist Freiheit? Dass es nicht einfach die Abwesenheit von Regeln ist, macht Lilli Tolkien in ihrem Roman «Mit beiden Händen den Himmel stützen» greifbar. Ihre Hauptfigur wächst im Berlin der 1980er-Jahre in der Männer-WG ihres Vaters auf. Die Mutter ist heroinabhängig, Regeln gibt es für das Mädchen keine – dafür Erwachsene, viele Drogen und freie Liebe.
Wut, Schockstarre und Verzweiflung: In «Nebelflüchtige» setzt sich Flurina Badel damit auseinander, was die Immobilienverkäufe in den Engadiner Bergdörfern für jene bedeuten, die wegziehen, bleiben oder zurückkehren. Es ist einer der wenigen Romane, die komplett auf Valader geschrieben wurde. Weil das Unterengadiner Romanisch im Alltag oft mit Schweizerdeutsch vermischt wird, musste Badel für manches erst neue Wörter finden.
So setzte sie sich nicht nur mit dem Wandel ihrer Heimat, sondern auch mit ihrer Sprache auseinander.
Wie aus einer Idee ein Buch wird
Der Weg zu einer zusammenhängenden Geschichte und schliesslich zu einem Buch ist ganz unterschiedlich. Bei Flurina Badel war es die Auseinandersetzung mit ihrer Heimat. Lilli Tolkien schrieb zuerst einzelne Texte, die von Körperteilen und Räumen eines Hauses ausgingen und mit der Zeit zu einem Ganzen zusammenwuchsen. «Es gibt einen Point of no return», erzählte Tomer Gardi. Während seinen Recherchen spürte er irgendwann, dass es kein Zurück mehr gab: Diese Geschichte musste geschrieben werden, ob er Lust hatte oder nicht.
Immer wieder erzählten die Autor:innen, dass sie ihre Figuren erst kennenlernen und deren Sprache finden müssen. Manchmal werden die schreibenden gar überrascht von einem Plot-Twist der eigenen Geschichte. So merkte Yael Inokai bei der Arbeit an ihrem (Kriminal-)Roman «Die Auster», dass nicht die Kommissarin die Hauptdarstellerin ist, wie sie zunächst geglaubt hatte. Es war die Putzkraft, eine unscheinbare 70-Jährige, die plötzlich ins Rampenlicht rückte.
Stimmen, die nachklingen
Die vielen Stimmen bleiben den Festivalbesuchenden auch nach dem Wochenende im Ohr. Wer nach den Lesungen am Büchertisch blätterte, hörte die Stimmen weiterklingen, die soeben noch vorgelesen hatten. Das Festival zeigte einmal mehr: Es braucht weder Vorwissen noch einen Stapel gelesener Bücher, um sich von Literatur berühren zu lassen. Es reicht, hinzugehen, zuzuhören und die Geschichten sowie die Geschichten dahinter wirken zu lassen.
ÜBER DEN LITERARISCHEN HERBST
Der Literarische Herbst wurde 2011 ins Leben gerufen. Seither sorgt das Organisationskomitee jeden Herbst dafür, dass bekannte und aufstrebende Autor:innen den Weg ins Saanenland finden. Ein Wochenende lang finden zahlreiche Lesungen statt. Dazu gibt es weitere Formate: Unter anderem geben Autor:innen Schreibworkshops, seit einigen Jahren leitet Mitorganisatorin Therese Rütschi einen Zeichenworkshop und beim «Literarischen Spaziergang» wird ein spezifisches Thema vertieft. In Zusammenarbeit mit der Librairie des Alpages in Saanen findet am Samstagmorgen jeweils eine französische Lesung statt, die das Programm ergänzt. Zusätzlich zum Festival präsentiert der Literarische Herbst durch das Jahr hindurch einzelne Autor:innen bei den «Hotellesungen». Die nächste findet am 15. Dezember 2026 mit Christoph Simon im Hotel Gstaaderhof statt.
MLM
Die nächste Ausgabe des Literarischen Herbsts findet vom 21. bis 24. Oktober 2027 statt.
Vom Geheimtipp zum bekannten Namen in der deutschsprachigen Literaturszene
Im Gespräch geben Markus Iseli und Leonora Schulthess Einblicke hinter die Kulissen des Festivals. Iseli ist seit 2023 Präsident des Literarischen Herbsts Gstaad, Schulthess ist gemeinsam mit Noëmi Schöb und Aleksandra Schweizer-Milosevic für das Programm verantwortlich.
MARIE-LINE MICHEL
Wie hat sich der Literarische Herbst Gstaad entwickelt?
Markus Iseli (MI): Das Festival gibt es nun schon seit 16 Jahren und wird von einer kleinen Gruppe aus sieben Personen organisiert: Leonora Schulthess, Noëmi Schöb und Aleksandra Schweizer-Milosevic sind für das Programm zuständig, Rosa Reiter koordiniert Unterkünfte für die eingeladenen Autor:innen und die Leselocations, Therese Rütschi ist für die Kasse zuständig, Klaus Breuninger ist unser Kassier, und ich bin seit 2023 Präsident des Vereins.
Mit jeder Ausgabe wird das Festival professioneller. In den letzten Jahren haben wir an der Kommunikation gearbeitet, seit Kurzem haben wir einen neuen Webauftritt. Zudem konnten wir dieses Jahr ein neues Ticketingsystem einführen. Schon im letzten Jahr waren die Lesungen am Freitag und Samstag sehr voll, deshalb brauchten wir eine Lösung, wie die Leute ihren Platz reservieren können. Gerade diejenigen, die von weiter her anreisen, wissen nun, dass sie sicher einen Platz haben.
Dass wir immer professioneller werden, sorgt zwar für eine grössere Sichtbarkeit und mehr Besuchende, jedoch auch für mehr Kosten. Der Literarische Herbst ist finanziert durch Sponsoring und öffentliche Gelder. Dies sind Beiträge von Stiftungen, ein grosser Teil der Unterstützung kommt auch von lokalen Gönnern und dem einheimischen Gewerbe – wir sind sehr dankbar dafür. Unser Ziel ist es aber, künftig eine stabilere Finanzierung aufzubauen, damit wir nicht jedes Jahr wieder bei null anfangen müssen und mit einer gewissen Sicherheit auf die nächste Ausgabe des Festivals blicken können.
Was zeichnet den Literarischen Herbst Gstaad aus?
Leonora Schulthess (LS): Eine der Besonderheiten unseres Festivals ist, dass wir die Autor:innen immer gleich für das ganze Wochenende einladen. Einerseits der weiten Anreise wegen, andererseits damit die Schriftsteller:innen Zeit haben, sich untereinander auszutauschen.
M.I.: Dadurch entsteht jedes Mal eine kleine Festivalfamilie und eine gute Stimmung. Letztes Jahr waren Jonas Lüscher und Olga Grjasnowa da. Die beiden kennen sich schon lange, hatten sich aber seit längerer Zeit nicht gesehen und genossen es, mal wieder ohne Zeitdruck plaudern zu können.
L.S.: Die Autor:innen sollen untereinander in den Austausch kommen. So entstehen immer wieder neue Projekte.
M.I.: Die Autor:innen freuen sich immer sehr, wenn sie nach Gstaad kommen dürfen. Das Festival hat sich in der Literaturszene einen Namen gemacht. Und dadurch, dass sie das ganze Wochenende hier sind, lernen sie auch die Region kennen. Es gefällt ihnen immer sehr und für sie sind auch die gesellschaftlichen Facetten spannend.
L.S.: Dieses Jahr musste uns jemand absagen, weil sie eine Residency im Ausland hatte. Die Autorin hat uns aber nochmal geschrieben, dass sie sich sehr freuen würde, wenn sie dafür nächstes Jahr kommen dürfte.
Wie entsteht das Programm?
L.S.: Vor drei Jahren haben Noëmi und ich, und seit diesem Jahr mit Alexandra, die Programmleitung übernommen. Bei der Zusammenstellung des Programms schauen wir, was aktuell publiziert wird. Es spielt sicher eine Rolle, was wir selber spannend finden. Gleichzeitig versuchen wir, eine möglichst ausgeglichene Zusammensetzung der Autor:innen zu finden. Wir haben eine superdetaillierte Liste mit allen Angaben wie Alter, Herkunftsland, Genre etc. Wir wollen unser Programm möglichst breit aufstellen. Viele Schriftsteller:innen kommen aus der Schweiz, wir haben aber auch immer Gäste aus Österreich oder Deutschland zu Besuch.
Wir gehen jedes Jahr an die Frankfurter Buchmesse und hören uns um, was gerade läuft. Und wir erhalten Tipps für Autor:innen, die zu unserem Festival passen würden.
Seit drei Jahren haben wir Lesungen aus Graphic Novels auf dem Programm. Mit Comics können wir den Besucher:innen einen weiteren Zugang zur Literatur zeigen, gerade auch für diejenigen, die vielleicht mit klassischem Lesen nicht so viel anfangen können.
Die Schlussveranstaltung am Sonntagnachmittag machen wir jeweils gemeinsam mit der Literaturstiftung Litar aus Zürich; dabei lassen wir vergessene Stimmen wieder aufleben. Sozusagen ein Rückblick auf verstorbene Autorinnen – in den letzten Jahren waren es immer Frauen.
Wer besucht das Festival?
M.I.: Anfangs waren es persönliche Verknüpfungen der Organisator:innen, die die Besuchenden aus der ganzen Schweiz an die Lesungen lockten. Viele davon kommen seither immer wieder und gehören zum Stammpublikum. Für sie ist der Besuch am Literarischen Herbst Gstaad zu einem Fixpunkt im Jahr geworden. Mittlerweile haben wir auch ein gutes einheimisches Publikum und durch die professionellere Kommunikation kommen auch immer mehr Menschen ohne persönliche Verbindung zum Festival.
Unser Ziel ist es, den Leuten zu vermitteln, dass man nicht zehn Bücher im Jahr lesen muss, um an eine Lesung kommen zu dürfen, dass man kein Vorwissen braucht, sondern einfach hierherkommen darf, die Inhalte wirken lassen kann und dann wieder nach Hause geht. Wir wollen Berührungsängste abbauen.
L.S.: Mein Anliegen ist es zudem, Kultur von der Stadt aufs Land zu den Leuten zu bringen. Kultur soll nicht etwas sein, das nur mit Stadt zu tun hat, sondern für alle offen und zugänglich sein.
M.I.: Wir haben auch eine Kooperation mit dem Gymnasium hier in Gstaad. Autor:innen besuchen eine Unterrichtsstunde und die Schüler:innen besuchen eine Lesung. Es ist uns wichtig, auch jüngere Generationen anzusprechen und diese für Literatur zu begeistern.
Was erwartet uns in der Zukunft?
L.S.: Wir wollen kein riesiges Festival mit Parallelveranstaltungen werden. Wir möchten uns aber auf jeden Fall weiterentwickeln. Ich habe grosse Lust, andere Themen und Formate auszuprobieren. Sachbücher oder Poetry Slam zum Beispiel, Schreibwettbewerbe für Menschen, die noch nie etwas publiziert haben, ich könnte mir auch Residencies vorstellen, bei denen ein:e Autor:in für ein paar Wochen im Saanenland schreibt… Vernetzung ist ein Thema, das wir weiter ausbauen möchten.
M.I.: Unser Team ist voller Energie und Motivation, wir sind professionell unterwegs und arbeiten weiter daran, alles zu verbessern. Nach einem Rekordfestival dieses Jahr muss der Umgang mit der wachsenden Nachfrage und den Platzverhältnissen sicher auch Teil unserer Überlegungen sein.








