«Viermal 50 Minuten im Schweizer Fernsehen zur besten Sendezeit: Das ist unbezahlbar.»
22.12.2025 InterviewDie vierteilige SRF-DOK-Serie «Inside Gstaad Palace» hat für viel Diskussionsstoff gesorgt. Viele fanden sie super, sie sei authentisch und gebe einen Einblick hinter die Kulissen eines Fünfsternhotels. Es gab aber auch kritische Stimmen, vereinzelte Aussagen von ...
Die vierteilige SRF-DOK-Serie «Inside Gstaad Palace» hat für viel Diskussionsstoff gesorgt. Viele fanden sie super, sie sei authentisch und gebe einen Einblick hinter die Kulissen eines Fünfsternhotels. Es gab aber auch kritische Stimmen, vereinzelte Aussagen von Protagonist:innen seien nicht akzeptabel, sondern an der Grenze der Vertraulichkeit. Was sagt der Patron dazu? Wir haben den Inhaber Andrea Scherz zum Gespräch getroffen.
ANITA MOSER
Andrea Scherz, die Wintersaison hat soeben begonnen. «Inside Gstaad Palace» war ein Grosserfolg. Spüren Sie einen Einfluss auf das Buchungsverhalten?
Bis jetzt nicht. Über Weihnachten/Neujahr ist das Hotel jeweils weit im Voraus gebucht. Es kann schon sein, dass es die eine oder andere Buchung gegeben hat, aber einen Ansturm aufgrund der DOK-Serie gab es nicht.
Haben Sie auf die Ausstrahlung der Serie Reaktionen – von Gästen oder Kollegen – bekommen?
Sehr viele – per Mail, Post, WhatsApp-Nachrichten.
Positive und negative?
Eigentlich durchs Band weg positive. Ich würde sagen, 98 Prozent waren positiv. Negative Reaktionen betrafen den Food Waste. In der Sendung wurden die Gründe dafür nicht thematisiert – wir haben es aber auch nicht erwähnt. Das Lebensmittelgesetz gibt vor: Frischware, die einmal im Restaurant war, darf nicht mehr verwendet werden, sondern muss weggeworfen werden. Mitarbeitende dürfen sich gemäss Gesetz auch nicht bedienen. Das ist doch eigentlich verrückt. Meine Grossmutter ist während der Kriegsjahre stundenlang in der Küche gestanden und hat jede Platte zerpflückt und sortiert. «Das kommt weg, das können wir in der Küche noch gebrauchen – für Fonds, Suppen oder Bolognese – und das können wir an die Mitarbeitenden geben.»
Früher wurden die Speisereste eingesammelt und den Schweinen verfüttert. Seit dem 1. Juli 2011 ist dies verboten. Seit dann werden die Speisereste in der ARA in der Oey zu Biogas verarbeitet.
Genau. Über 100 Jahre wurden die Reste von Familie Hauswirth abgeholt für ihre Schweine. Sie haben sogar eine Art Magnetring erfunden, um Besteck aus den Speiseresten herauszufischen. Seit 2011 müssen wir teuer für die Entsorgung der Speisereste bezahlen – rund 34’000 Franken im Jahr.
Ist das Schweizer Fernsehen mit der Anfrage für die DOK-Sendung auf Sie zugekommen oder umgekehrt?
Das Schweizer Fernsehen hat sich bei uns gemeldet. Ich habe das Konzept gekannt von der SRF-DOK «Kronenhalle». Ich fand sie toll. Und so war ich sehr schnell sehr offen. Ich sehe diese Serie auch als Geschenk. Viermal 50 Minuten im Schweizer Fernsehen zur besten Sendezeit: Das ist unbezahlbar.
Wer hat die Protagonisten ausgewählt? Hatten Sie ein Mitspracherecht?
Man hat uns gesagt, welche Bereiche man zeigen will. Wir haben eine Vorselektion gemacht an Leuten, die mitmachen wollten und die Deutsch können. Aber letztendlich hat das Fernsehteam die Leute ausgesucht.
Durften die Mitarbeitenden, die in der Serie vorkommen, frei sprechen oder haben Sie ihnen Vorgaben gemacht?
Sie bekamen zwei Anweisungen von mir. Erstens: Die Diskretion muss gewahrt werden, es werden keine Namen von unseren Gästen genannt. Zweitens: Wenn sie ein Problem mit dem Hotel Palace oder mit mir haben, sollen sie mir das persönlich sagen und nicht in die Kamera. Ansonsten waren sie frei.
Haben Sie die Aufnahmen vor der Ausstrahlung gesehen?
Ja, ich habe die Aufnahmen auf den sachlichen Inhalt prüfen dürfen. Ich hatte aber keinen Einfluss auf den Inhalt.
Hätten Sie gerne?
Nein. Gewisse Sachen wurden recht klar und geradeheraus gesagt, auch Äusserungen über Gäste. Aber nur das macht es ja auch interessant. Ich habe von Anfang an gewusst: Wenn die DOK-Sendungen Erfolg haben und interessant sein sollen, dürfen wir nichts überschminken, sondern müssen wir reden, leben und sein, wie wir sind.
Gewisse Wünsche sind schon sehr dekadent: Rollrasen in der Duschkabine für einen Hund oder Tournedos für Hunde usw.
Das ist so. Aber wir sind nun mal ein Fünfsternebetrieb. Aber wenn ich es nicht mache, machen es andere. Dann heisst es vielleicht: «Der Scherz hat zwar ein schönes Hotel, aber er weiss nicht, was wir wollen oder was Service ist.»
Es wurden auch Hotelgäste gefilmt. Wurden diese vorher gefragt, ob man sie filmen darf?
Sie sind «gewarnt», informiert worden, dass gedreht wird. Gewisse Gäste haben es genossen, vor der Kamera zu sein.
Die Serie hat viele Diskussionen ausgelöst. Von Lob bis zu heftiger Kritik. Schauen Ihre Gäste diese Serie?
Viele sind internationale Gäste. Ich glaube nicht, dass sie die Sendung schauen.
Waren gewisse Aussagen nicht an der Grenze der Vertraulichkeit? Ist es Ihnen nicht peinlich, wenn Angestellte über Gäste «herziehen», am Telefon das Gesicht verziehen usw.?
(Überlegt.) Klar, das macht man eigentlich nicht. Aber dann wäre es nicht authentisch. Manchmal gehen die Wünsche unserer Gäste halt schon sehr weit. Die Protagonisten zeigen sich authentisch, ihre Mimik, ihre Äusserungen zeigen, dass wir auch Menschen sind und ebenfalls unsere Grenzen haben. Das Konzept der Serie ist, dass man ehrlich ist und einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen zeigt.
Befürchten Sie negative Auswirkungen – dass vereinzelte Gäste Ihr Haus meiden?
Ich denke nicht. Und sonst muss ich das akzeptieren. Ich glaube, der Werbeeffekt ist viel grösser als das Risiko, einen Gast zu verlieren, weil er sagt: «Die sind frech im Palace, die verziehen die Minen usw.» Meine Partnerin Ivonne arbeitet nicht im Hotel. Wir schauten die DOK zusammen, sie fand sie sehr amüsant und betonte: «Cool, seid ihr ehrlich gewesen.»
Palace Family: Viele Ihrer Mitarbeitenden betonen, sie seien wie eine Familie. Ist das nur ein Schlagwort oder wie ist Ihre Wahrnehmung?
Es tönt wie ein Schlagwort, etwas abgedroschen, aufgesetzt. Aber das Wort kommt nicht von mir, sondern von den Mitarbeitenden. Sie fühlen das. Es hat sicher auch damit zu tun, dass wir noch ein Familienunternehmen sind. Dass der Chef, der Inhaber, selber da ist, mitanpackt, mal motiviert, mal tröstet. Wir sind ein kleines Unternehmen. Manchmal, wenn das Hotel geschlossen ist, geniessen wir auch mal ein Feierabendbier oder grillieren draussen zusammen. Es gibt bei uns eine Art Familiengefühl. Ich habe das auch selber gespürt in schweren Zeiten – beim Tod meines Bruders beispielsweise oder nach meiner Scheidung. Ich war damals eine Zeit lang Single.
Zwei der Protagonistinnen – die Eventmanagerin Lucy Fröhlich und die junge Sattlerin Sandra Hirschi – haben das Gstaad Palace verlassen. Weshalb?
Sandra Hirschi kam aus dem Emmental frisch aus der Sattlerlehre als Polsterin zu uns. Am Anfang hat sie wohl gedacht: «In diesem Haus spinnen alle.» Am Schluss war sie voll integriert, ist richtig aufgeblüht. Sie absolviert nun eine Weiterbildung zur Innendekorateurin. Lucy Fröhlich hat als Direktionsassistentin zu einem Mitbewerber gewechselt. Ich kann das irgendwie nachvollziehen. Die Jungen wollen aufsteigen, Karriere machen. Mein Haus ist nicht gross, ich kann nicht viele Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Es ist einfach so: Wenn du junge, ambitionierte Leute hast, bleiben sie nicht ewig.
Franz Fäh, der kulinarische Direktor, ist einer der zentralen Personen im Film. Wie lange bleibt er dem Palace noch erhalten?
Er wird nächstes Jahr pensioniert. Wie lange er bleibt und wie es weitergeht, steht noch nicht fest. Wir haben Pläne, diese sind aber noch nicht spruchreif.
Franz Fäh distanziert sich im Film klar von der Sternenküche. Wie stehen Sie zu seinen Aussagen und zur Sternenküche?
Ich bin heilfroh. Wir kochen nicht für Sterne, wir kochen für Gäste. Unser Ziel ist, dass unsere Gäste während ihres Aufenthaltes bei uns total happy sind mit unserem kulinarischen Angebot.
Sternenküche ist fein, aber das isst man vielleicht alle paar Wochen oder Monate, aber nicht jeden Tag. Wir müssen gut kochen, aber auch Hausmannskost bieten können. Das ist meine Philosophie und Franz zieht da voll mit. Sie essen zu Hause wahrscheinlich auch nicht jeden Tag Gourmet, manchmal ist man doch zufrieden mit einem Stück Brot und Käse oder einem Joghurt. Wenn unsere Gäste zwei Wochen bei uns verbringen, wollen sie auch nicht täglich ein Gourmetmenü.
Ihr Personal ist täglich top rasiert. Einige freuen sich, nach der Saison den Rasierer weglegen zu können.
Täglich rasiert zu sein, ist in der Luxushotellerie eigentlich seit eh und je gang und gäbe. Gewisse Kollegen werden in dieser Hinsicht lockerer, erlauben Bart, ein Piercing oder so. Wir verkörpern eher die Traditionshotellerie, wo «Mann» rasiert ist und die Damen nicht zu stark geschminkt sind und nicht zu viel Schmuck tragen.
Sie selber tragen aber einen Dreitagebart. Das gab zu reden. Sollten Sie nicht Vorbild sein?
Ich war auch immer rasiert. Aber ich hatte Gürtelrose im Gesicht und konnte nicht rasieren. Das hat meiner Partnerin so gut gefallen, dass sie wollte, dass ich weiterhin einen Bart trage. Und da sie mir sehr wichtig ist, habe ich ihrem Wunsch nachgegeben. Und zweitens sieht man sofort, wer der Chef ist… (lacht)
Sie führen das Gstaad Palace in dritter Generation. Steht die vierte am Start?
Es sieht danach aus. Mein Sohn Alexander (26) hat die Hotelfachschule in Glion absolviert und zuletzt ein Jahr lang in Basel bei einem Automobilunternehmen gearbeitet. Er ist momentan hin- und hergerissen zwischen Automobilindustrie und Hotellerie. Meine Tochter Sabrina (24) hat den Bachelor in Psychologie. Sie betätigt sich gerne handwerklich, hat hier im Haus oft bei den Malern gearbeitet – man sieht sie ja auch im Film. Und während dieser Zeit hat sie ihr Herz ein bisschen an das Hotel verloren und gemerkt, dass es etwas ganz Spannendes, etwas Eigenes ist. Sie hat den Familiy-Spirit gespürt, einen Mikrokosmos, der ihr eigentlich zusagt. Derzeit absolviert sie ebenfalls die Hotelfachschule in Glion, macht dort den Master. Ich habe eigentlich die doppelte Chance, dass eines meiner Kinder hier mal einsteigen möchte.
Der Entscheid hat aber noch ein paar Jahre Zeit.
Genau, ich habe noch knapp zehn Jahre bis zu meiner Pensionierung. Ich stimme überein mit meinem Vater: Es wäre schön, wenn das Hotel in der Familie bleiben würde. Aber nicht auf Biegen und Brechen. Wer es übernimmt, muss einen guten Job machen.
Sie und Ihr Bruder Thierry haben die Volksschule in Gstaad besucht. Ihre Kinder eine Privatschule. Weshalb?
Ursprünglich war der Plan, dass sie hier in die Schule gehen, zuvor aber zwei Jahre den Kindergarten in der Kennedy School besuchen, um Englisch zu lernen. Es kam dann aber leider aus familiären Gründen anders. Was ich bedaure. Mir hat es enorm geholfen, dass ich hier in die Schule ging. Ich bin hier verwurzelt. Mit Franz Fäh unterhalte ich mich auf Saanendeutsch. Das ist unsere Geheimsprache (schmunzelt).
Sie sprechen Englisch mit Ihren Kindern. Verstehen sie Schweizerdeutsch? Und ist Deutsch «eine Pflicht», wenn sie dereinst in Ihre Fussstapfen treten?
Sie verstehen beide Schweizerdeutsch, sprechen es auch gebrochen. Ich bin froh, hat mein Sohn in Basel gearbeitet. Wir sind ein internationales Haus, sprechen fünf Sprachen. Und Deutsch ist wichtig. Man hat oft mit Einheimischen zu tun, mit Lieferanten, Gästen, Geschäftspartnern usw. Es wäre wichtig, dass sie hier integriert sind.
Wie verbringen Sie Ihre Ferien? Im Fünfsternehotel oder lieber in einer Alphütte?
Eigentlich beides. Einmal pro Jahr mache ich Ferien in einem Airbnb. Ich gehe aber auch gerne in Fünfsternhäuser. Ich kann da viel lernen und bringe immer gute Ideen von solchen Aufenthalten mit. Und manchmal stelle ich auch fest, dass wir einiges recht gut machen.


