Vom Häftling zum Seelsorger
17.04.2026 GesellschaftNach Jugendkriminalität und Gefängnis fand der ehemalige Straffällige und Soldat Paul Cowley über die Armee und den Glauben einen Neuanfang und wurde Priester. Heute setzt er sich mit einer eigenen Organisation für die Resozialisierung von Haftentlassenen ein. Seine ...
Nach Jugendkriminalität und Gefängnis fand der ehemalige Straffällige und Soldat Paul Cowley über die Armee und den Glauben einen Neuanfang und wurde Priester. Heute setzt er sich mit einer eigenen Organisation für die Resozialisierung von Haftentlassenen ein. Seine Geschichte zeigt, wie ein zweiter Anfang gelingen kann. Vor seiner Predigt am vergangenen Sonntag in Château-d’Oex sprach er über seinen aussergewöhnlichen Lebensweg.
Eine zweite Chance: «Für Gott und mich war das ein ziemlicher Schock»
Reverend Paul Cowley, ehemaliger Häftling, Soldat, Priester und Gefängnisseelsorger, hielt am vergangenen Sonntag in der Anglican Church St. Peters von Château-d’Oex einen Gottesdienst. Mit seiner gemeinnützigen Organisation hilft er mit, Tausende Haftentlassene zu resozialisieren. Und zusammen mit seiner Ehefrau schrieb er die vielbeachtete Autobiografie «Thief, Prisoner, Soldier, Priest». Wir konnten ihm ein paar Fragen zu seinem Leben stellen.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Reverend Paul Cowley, «Dieb» und «Häftling» – die ersten zwei Wörter im Titel Ihrer Autobiografie sind nicht gerade schmeichelhaft. Was ist in Ihrer Jugendzeit schiefgelaufen?
Ich bin in Manchester im Norden Englands aufgewachsen, in einer ziemlich rauen Umgebung. Meine Eltern waren beide alkoholkrank. Meine Kindheit wurde von Streit, Instabilität und Überforderung geprägt. Mein Vater war gewalttätig, zu Hause herrschte oft Chaos. Mit fünfzehn geriet ich mit meinem Vater heftig aneinander, und er warf mich raus. Also ging ich – und war plötzlich obdachlos. Ich lebte eine Zeit lang auf der Strasse, stahl in Geschäften, geriet mit der Polizei in Konflikt. Schliesslich stand ich vor einem Gericht. Ich dachte, ich käme mit einer Geldstrafe davon, stattdessen sagte der Richter zu mir: «Cowley, Sie wollen nicht auf uns hören – Sie gehen jetzt ins Gefängnis.»
Wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Ich kam in eine Jugendhaftanstalt. Diese Zeit war kurz, aber prägend. Sie hat mir grosse Angst gemacht. Als ich wieder herauskam, lebte ich zurückgezogen. Ich wollte mit niemandem etwas zu tun haben – aus Angst, erneut auf die schiefe Bahn zu geraten. Meine Eltern hatten sich in der Zwischenzeit getrennt, es gab für mich kein familiäres Netz mehr. Ich war auf mich allein gestellt und nahm jede Arbeit an, die ich bekommen konnte. Es war aber nicht leicht, mit meiner Vorstrafe überhaupt eine Stelle zu finden.
Als Nächstes folgt im Buchtitel das Wort «Soldier», Soldat.
Richtig. Eines Tages, ich fuhr gerade einen Lieferwagen für einen Umzugsjob, sah ich ein grosses Armeeposter: «Willst du ein Leben voller Abenteuer? Komm zur britischen Armee!» Das war 1976. Ich parkte den Wagen, ging ins Rekrutierungsbüro und sagte: «Ich möchte genau das erleben, was auf eurem Plakat steht.» Zunächst hiess es Nein – wegen meines Strafregisters. Aber ein Sergeant Mayor meinte beim Hinausgehen, ich solle nicht aufgeben und es weiter versuchen. Wochenlang ging ich danach regelmässig ins Rekrutierungsbüro. Irgendwann führte man mich in ein Hinterzimmer, wo mir ein Offizier mitteilte: «Wir beobachten dich seit Längerem, du scheinst es ernst zu meinen. Wir geben dir eine zweite Chance – aber enttäusche mich nicht!»
Sie enttäuschten ihn nicht?
Nein, denn das war der Beginn meiner 17-jährigen Militärkarriere. Ich diente in vier verschiedenen Regimentern – unter anderem in Deutschland, Nordirland und auf den Falklandinseln. Die Armee hat mir Struktur, Disziplin und eine Perspektive gegeben. Sie hat mir das Leben gerettet, aber innerlich war ich noch immer nicht okay. Ich war verwirrt, ging durch zwei Ehen und zwei Scheidungen. Ich wusste, dass ich unbedingt Ordnung in mein Leben bringen musste.
Und so wurde aus dem Soldaten ein Priester – einfach so?
Das war natürlich ein längerer Weg, denn ich bin als Atheist aufgewachsen. In meiner Familie spielte Glaube überhaupt keine Rolle, das sagte mir damals gar nichts. Kurz bevor ich aus dem Militärdienst ausschied, meldete sich meine Mutter, die ich praktisch nicht mehr gesehen hatte, plötzlich wieder. Sie kam uns besuchen, zu dieser Zeit lebte ich bereits mit meiner heutigen Fau Amanda zusammen. Kurz darauf wurde sie schwer krank ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: unheilbarer Krebs. Ich verbrachte ihre letzten zehn Tage bei ihr, sie starb in meinen Armen. Das war ein einschneidendes Erlebnis.
Als ich zu Hause ihre Sachen durchging, fand ich eine Bibel. Es überraschte mich, dass meine Mutter ein solches Buch besass. Darin fand ich hinten eine Telefonnummer. Ich rief an und fragte, wieso sich diese Nummer in Mutters Bibel befand. Die Frau am anderen Ende antwortete: «Dann musst du Paul sein. Deine Mama war Christin. Diese Bibel hat sie bei ihrer Taufe erhalten. Wir haben in der Kirche für dich gebetet.» Das hat mich erschüttert und ich stellte mir die Frage: «Wie konnte meine Mutter zum Glauben finden?»
Meine Frau und ich begannen, in London eine anglikanische Kirche zu besuchen und machten einen sogenannten Alpha-Kurs, einen Einführungskurs in den christlichen Glauben. Ich begann zu glauben, dass all das vielleicht wahr sein könnte. Ob Gott mir helfen könnte, ein besserer Mensch zu werden? Ich betete – 1994 machte ich den Schritt und wurde Christ. Für Gott und mich war das ein ziemlicher Schock! Danach engagierte ich mich in der Kirche zunächst in der Gefängnisarbeit, später studierte ich neben meiner Arbeit Theologie. 2002 wurde ich dann als anglikanischer Priester ordiniert.
Sie wünschten sich, ein besserer Mensch zu werden. Inwiefern hat der Glaube Ihr Leben verändert?
Der Wandel hatte eigentlich schon begonnen, als ich Amanda kennenlernte. Sie war ein ganz anderer Mensch als diejenigen, mit denen ich zuvor zu tun hatte. Sie brachte mir neue Dinge nahe: Bücher, Kunst, Kultur. Amanda ist eine Künstlerin, durch sie öffneten sich mir neue Welten.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mich verändern wollte. Der Glaube hat mir dabei geholfen. Das war jedoch kein plötzlicher Zauber, sondern ein Prozess. Ich war meinem Vater in vielem ähnlich: ein Frauenheld, Trinker, Schläger – kurz: kein guter Mensch. Doch allmählich begann Gott, mein Denken zu verändern. So, wie ein altes Haus neu verkabelt wird. Man denkt plötzlich anders. Und ich bin bis heute auf diesem Weg. Veränderung ist nichts, das irgendwo abgeschlossen ist.
Man kann nur raten, dass sich Ihr Dienst als Priester nicht auf die Kirchenkanzel beschränkte.
Nein, überhaupt nicht. Mein Dienst spielte sich immer dort stark ab, wo Menschen am Rande stehen. Daraus entwickelte sich viel. So engagierte ich mich nach meiner Ordination erneut in der Gefängnisarbeit – auch wegen meiner Geschichte. Ich wurde Gefängnisund zeitweise Armeeseelsorger.
Zunächst baute ich in Grossbritannien Alpha-Kurse im Strafvollzug auf, später auch international. Aufgrund meiner militärischen Vergangenheit wollte ich auch Soldatinnen und Soldaten helfen, die aus der Spur geraten waren. So entstand «Alpha for Forces», also Alpha für Streitkräfte. Gemeinsam mit anderen gründete ich ausserdem Projekte für Obdachlose, für Menschen mit Suchtproblemen, für Frauen in Krisensituationen, für Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen wurden.
Wie kam es dann zur Verbindung mit der Supermarktkette Iceland Foods?
Durch meine internationale Gefängnisarbeit war ich viel unterwegs, unter anderem auch in Afrika. In Botswana kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der erstaunt war, dass jemand mit meinem Hintergrund Priester werden konnte. Es war Malcolm Walker, der Gründer und Eigentümer der britischen Supermarktkette Iceland Foods, die in Grossbritannien 1500 Filialen unterhält. Er hätte sich selbst nicht als besonders religiösen Menschen bezeichnet, aber er wollte Gutes tun – das gefiel mir. Er sagte zu mir: «Kommen Sie zu uns, ich würde gerne etwas machen, um Menschen nach der Haft zu helfen.» So kam es, dass ich nach über zwanzig Jahren im kirchlichen Dienst von meiner Stelle zurücktrat und begann, bei Iceland Foods ein Programm aufzubauen, um ehemaligen Häftlingen eine zweite Chance zu geben.
Daraus entstand letztes Jahr schliesslich die Organisation Second Chance Partnership. Worum geht es dabei?
Zunächst begann alles innerhalb der Supermarktkette Iceland Foods. Ich wählte in Gefängnissen Frauen und Männer aus, die für eine Anstellung in Frage kamen. Wer geeignet war, erhielt nach der Haftentlassung eine Arbeitsmöglichkeit. Iceland Foods wurde in kurzer Zeit zum grössten Arbeitgeber ehemaliger Straffälliger.
Malcolm Walker war der Meinung, dass auch andere Unternehmen der Initiative beitreten sollten. Daraus entstand Second Chance Partnership als eigenständige Organisation. Wir gewannen weitere grosse Unternehmen als Partner, die ehemalige Häftlinge beschäftigten – begleitet und unterstützt durch unser Team. Je mehr Firmen mitmachen, desto mehr reale Jobchancen gibt es für Menschen nach dem Gefängnis. Das ist entscheidend für eine gelungene Resozialisierung. Die Organisation ist noch jung, aber ich glaube fest daran, dass es funktionieren wird.
Was glauben Sie, können andere aus Ihrem Lebensweg lernen?
Ich hatte keinen guten Start ins Leben. Aber meine Eltern waren keine schlechten Menschen, sie hatten selbst auch keine guten Voraussetzungen. Sie waren einfach überfordert, abwesend und alkoholkrank. Lange habe ich ihnen die Schuld an meinem eigenen Scheitern gegeben. Irgendwann erkannte ich, dass das zwar viel erklärt, aber nicht alles entschuldigt. Jeder Mensch trägt auch Verantwortung für das eigene Leben.
Ich bin überzeugt, dass man aus seinen Erfahrungen und Fehlern lernen kann – und man nicht dazu verdammt ist, ewig derselbe zu bleiben. Manche Menschen schaffen diesen Wandel zwar ohne Glauben, für mich jedoch war die Begegnung mit Gott entscheidend. Es hat mich überrascht, dass er jemanden wie mich überhaupt annehmen konnte. Und: Der Glaube sollte im Alltag lebendig sein, nicht nur sonntags in der Kirche. Das zeigt sich in Gesprächen, Entscheidungen und darin, wie man lebt und mit anderen umgeht. So versuche ich, auf Kurs zu bleiben. Ich schaffe es nicht immer perfekt, aber ich bleibe dran.
Die Autobiografie: Paul Cowley and Amanda Cowley: «Thief, Prisoner, Soldier, Priest». Hodder Faith Publishing, UK 2022.
SECOND CHANCE PARTNERSHIP (SCP)
Gemeinnützige, 2025 von Paul Cowley gegründete britische Organisation, die aus einem Arbeitsmarktprogramm für Tausende von Haftentlassenen hervorgegangen ist. Es ist ein Netzwerk aus Unternehmen verschiedener Branchen.
Ziel
- Nachhaltigen Wiedereinstieg von Haftentlassenen in den Arbeitsmarkt
- Senkung von Rückfallquoten
- Erschliessung von ungenutztem Fachkräftepotenzial
Wie funktioniert es?
Vermittlung von Kandidaten oft schon vor der Haftentlassung Zusammenarbeit mit Gefängnissen und Arbeitgebern Beratung und Unterstützung für Unternehmen bei Einstellung und Integration






