Vom Swing in die Clubnacht
11.08.2026 Kultur
Kuhglocken, Swingklassiker und später elektronische Beats: Auf dem Eggli trafen am Donnerstagabend musikalische Welten aufeinander, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Doch unter dem Motto «Family Matters» gelang den Swingin’ Hermlins, Natascha Polké ...
Kuhglocken, Swingklassiker und später elektronische Beats: Auf dem Eggli trafen am Donnerstagabend musikalische Welten aufeinander, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Doch unter dem Motto «Family Matters» gelang den Swingin’ Hermlins, Natascha Polké und Kellerkind ein Abend, der zeigt, dass guter Groove keine Stilgrenzen kennt.
ANDREA VON ALLMEN
Kuhglocken statt Konzertglocken: Bereits beim Verlassen der Gondel werden die Besucherinnen und Besucher auf dem Eggli von ihrem Klang empfangen. Die entspannte Stimmung auf dem Berg bildet den passenden Auftakt für einen Konzertabend, der ganz im Zeichen des Festivalmottos «Family Matters» steht. Dass sich dieses nicht nur auf familiäre Beziehungen, sondern auch auf das verbindende Element der Musik beziehen lässt, wird im Verlauf des Abends eindrücklich deutlich.
Mit einem herzlichen «Guten Abend» eröffnet Andrej Hermlin den ersten Konzertteil und nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die goldene Ära des Swing. Schon beim ersten Blick auf die Bühne fühlt man sich in die 1930erund 1940er-Jahre zurückversetzt. Elegante Kleidung, historische Mikrofone und Notenpulte schaffen eine Atmosphäre, die perfekt zum Programm passt. Mit Klassikern wie «Stormy Weather», «A-Tisket, A-Tasket» und «Taking a Chance on Love» lässt das Programm die goldene Ära des Swing wieder aufleben.
Doch es ist nicht allein die Musik, welche den Auftritt der Swingin’ Hermlins auszeichnet. Andrej Hermlin versteht es, sein Publikum mit Geschichten und Anekdoten abzuholen. Jedes Stück erhält eine kleine Einführung – mal mit Hintergrundwissen über den Komponisten, mal mit einer humorvollen Episode.
So verrät Hermlin augenzwinkernd, seine Tochter Rachel fahre einen weissen BMW und man solle sich gut überlegen, ob man sie auf der Strasse überholen wolle. Die Pointe? Es folgt «Lonesome Road». Rachel Hermlin kontert die Kommentare ihres Vaters mit einem Lächeln oder einer schlagfertigen Bemerkung. Mit ihrem lockeren Zusammenspiel holen sie ein Stück jener familiären Wohnzimmeratmosphäre auf die Bühne, mit der sie während der Pandemie Tausende von Zuschauerinnen und Zuschauern begeisterten.
Diese Lockerheit zieht sich durch den gesamten Auftritt. Die Musiker werfen sich vielsagende Blicke zu, flüstern miteinander oder necken sich liebevoll. Als der Klarinettist einmal etwas zu früh für sein Solo aufsteht, sorgt das auf der Bühne für amüsierte Blicke. Wenig später erhält er sogar Applaus, noch bevor der erste Ton erklingt. Die zahlreichen Soli unterstreichen die Klasse des Ensembles und werden vom Publikum begeistert aufgenommen.
Das Publikum lässt sich von der Spielfreude anstecken. Es wird mitgewippt, gelacht und nach jedem Solo begeistert applaudiert.
Als Andrej Hermlin schliesslich mit den Worten «Es ist nun Zeit, auf Wiedersehen zu sagen» den Abschied ankündigt, raunt ein trauriges «Ohhh» durch die Reihen. Nach einer Standing Ovation kehrt das Quintett noch einmal zurück und verabschiedet sich mit «Bei Mir Bistu Shein» der Andrews Sisters.
Während der Pause lohnt sich der Blick über die Bühne hinaus. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Berggipfel in ein sanftes Violett, während sich über den Seitentälern dunkle Wolken zusammenziehen. Es wirkt fast, als bereite sich die Natur selbst auf den zweiten Teil des Abends vor.
Swing trifft auf elektronische Musik
Als die Dunkelheit endgültig hereinbricht, beginnt ein erstaunlich fliessender Stilwechsel. Die neongelben Ü18-Armbänder im Publikum leuchten plötzlich in der Nacht, beinahe zeitgleich setzen die ersten Beats von Natascha Polké ein. Für einen kurzen Moment stehen beide musikalischen Welten gemeinsam auf der Bühne: Die Musiker der Swingin’ Hermlins jammen gemeinsam mit der Schweizer Live-Electronic-Künstlerin, bevor diese das Konzert übernimmt. Es ist ein kurzer, aber symbolträchtiger Moment – Swing trifft auf elektronische Musik, Vergangenheit auf Gegenwart.
Kaum sind die letzten Swingklänge verklungen, verschwindet die Bestuhlung beinahe im Handumdrehen und macht Platz für Bewegung. Die Bühne gehört nun der Schweizer Live-Electronic-Künstlerin. Anders als bei einem klassischen DJ-Set beschränkt sich Natascha Polké nicht aufs Auflegen: Sie kombinierte elektronische Beats mit Livegesang und Keyboardspiel und schafft damit dichte, atmosphärische Klanglandschaften, die das Publikum langsam in ihren Bann ziehen.
Den Schlusspunkt setzt Kellerkind. Der Solothurner DJ und Produzent, seit vielen Jahren eine feste Grösse der Schweizer House- und Technoszene, versteht es, mit seinem Publikum zu spielen. Immer wieder baut er Spannung auf, deutet den ersehnten Drop an und lässt die Menge noch einen Moment länger warten – um sie im nächsten Augenblick mit voller Wucht aufzulösen.
Bemerkenswert bleibt auch das Publikum. Statt dass sich nach dem Swingkonzert die Reihen lichten, bleiben viele Gäste bis weit in die Nacht. Jung und Best Agers tanzen gemeinsam, geniessen die Musik und lassen sich vom Rhythmus mitreissen.
Genau darin liegt vielleicht die schönste Botschaft dieses Konzertabends: Swing und elektronische Musik trennen zwar Jahrzehnte musikalischer Entwicklung, doch wenn der Groove stimmt, verlieren Stilgrenzen plötzlich an Bedeutung.
Das Festivalmotto «Family Matters» bekommt damit eine zweite Ebene. Es beschreibt nicht nur die Familie Hermlin auf der Bühne, sondern auch das Miteinander im Publikum – dort, wo Musik Generationen verbindet und aus zwei scheinbar gegensätzlichen Welten einen gemeinsamen Abend macht.
GEMEINSAME IDEE ZWEIER VERANSTALTER
Der Konzertabend auf dem Eggli entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Gstaad Menuhin Festival und PlauschEvents. Während das Gstaad Menuhin Festival seit Jahrzehnten klassische Musik pflegt, bringt PlauschEvents regelmässig elektronische Musik an aussergewöhnliche Orte in der Region. Auf dem Eggli wurden beide Konzepte miteinander verbunden: Nach dem Swing-Konzert der Swingin’ Hermlins übernahmen Natascha Polké und Kellerkind die Bühne und führten den Abend mit elektronischen Klängen weiter. So entstand ein Abend, der unterschiedliche Musikwelten miteinander verband – ganz im Sinne des Festivalmottos «Family Matters».
ANDREA VON ALLMEN
DIE SWINGIN’ HERMLINS
Die Swingin' Hermlins rund um Pianist Andrej Hermlin und seine Tochter Rachel widmen sich seit vielen Jahren der Musik der 1930erund 1940er-Jahre. Internationale Bekanntheit erlangte die Berliner Musikerfamilie während der Coronapandemie mit ihren täglichen Wohnzimmerkonzerten, die über viele Monate per Livestream ausgestrahlt wurden und Zuschauerinnen und Zuschauer auf der ganzen Welt erreichten.
ANDREA VON ALLMEN


