«Von nichts kommt nichts»: Der Mensch und sein Buch
10.04.2026 Wirtschaft«Das Hotel Spitzhorn ist eigentlich eher Nebensache – im Mittelpunkt stehen hier der Mensch und sein Buch» – so fasst der Autor, der Saaner Hotelier Michel Wichman, das anregende Gespräch über ihn, sein Leben und sein Buch zusammen. Ein Buch, das am 5. Mai in ...
«Das Hotel Spitzhorn ist eigentlich eher Nebensache – im Mittelpunkt stehen hier der Mensch und sein Buch» – so fasst der Autor, der Saaner Hotelier Michel Wichman, das anregende Gespräch über ihn, sein Leben und sein Buch zusammen. Ein Buch, das am 5. Mai in einem deutschen Verlag erscheinen wird und das sein Leben, sein Wirken, aber auch das Thema «Erfolg» thematisiert.
Der Mensch Michel Wichman
Der Hotelier und Inhaber des Dreisternehotels Spitzhorn in Saanen-Gstaad, Michel Wichman, neigt nicht zu Übertreibungen, aber er ist auch kein Mann des geheuchelten Understatements. Er weiss, was er kann, und vor allem: Er tut es auch. Noch mehr: Er sagt es auch, in einer bescheiden wirkenden Manier, aber deutlich und mit straffen Sätzen.
Jetzt schreibt er, was ihm wichtig ist, in seinem Buch, dem sein Verlag den Titel «Die radikale Wahrheit über Erfolg» gegeben hat. Ein Titel, der Wichman nicht wirklich zufrieden macht. Das Gespräch mit ihm beginnt dann auch damit, dass er – fast ein wenig versteckt – eine Art Aufgabe gibt. Nämlich die, dass er wissen will, ob es zu diesem Titel nicht auch Alternativen gäbe.
Dazu gibt es keine praktikable Lösung, denn der Titel steht ja schon fest.
Aber es ist ein guter Einstieg in das Gespräch und das tiefere Kennenlernen dieses – wie sich herausstellt – stilvollintelligenten und emphatischen Menschen mit einer leidenschaftlichen Verbundenheit zu seinem Beruf. Einem Beruf, der ihn nach eigenem Bekunden rund um die Uhr nicht loslässt.
Beruf und Berufung gehören zusammen
Bei Michel Wichman gehören, das ist offensichtlich, Beruf und Berufung zusammen. Es macht von daher Sinn, sich Stichworte zu seinem beruflichen Werdegang vor Augen führen zu lassen:
Der gebürtige Niederländer ist Eigentümer der Wichman Horeca AG, welche das Hotel Spitzhorn in Saanen-Gstaad seit 15 Jahren und zehn Monaten führt. Seit gut zehn Monaten gehört er zudem zu einer Beratergruppe der University of Southern California in Los Angeles, die sich «The Trojan Family» nennt.
Im Hotel Spitzhorn fokussiert man sich auf den Gast und sein Wohlbefinden. Ein luftiges, lockeres, modernes Ambiente und die authentische Herzlichkeit der Gastgeber und aller Angestellten sind dort das Rezept des Erfolges. Schon ein Jahr nach der Eröffnung im Jahr 2013 erreichten sie Spitzenergebnisse in Hotelratings.
Das 3-Sterne-Superior-Hotel Spitzhorn bietet, so die vielfach verwendete Eigen-Charakterisierung des Hotels, den «Komfort und Service eines 4-Sterne-Superior-Hotels in einer atemberaubenden 5-Sterne-Superior-Umgebung». Das ist auch nach kurzem Kontakt gut nachvollziehbar.
In Gstaad sagt man von Michel Wichman, er sprühe vor Ideen und ziehe mit eisernem Willen durch, was er sich in den Kopf gesetzt habe. Vor allem habe er den Mut, anders zu sein als die andern. Und genau dann sei er oft ein ganzes Stück besser.
«Von nichts kommt nichts.» Der Hotelier zitiert diesen Satz von Lukrez, dem römischen Philosophen, nicht nur in seinem Buch, sondern er prägt auch seine berufliche Praxis, auf die er in seinem Buch immer wieder zurückkommt. «Nicht immer mehr von allem, aber das Beste vom Wichtigen», ist ein weiterer seiner Leitsätze.
Seit Februar 2020 ist Michel Wichman ebenfalls Inhaber der SwissGlobe Group AG in Saanen. Dort konzentriert er sich auf das Feld der strategischen Unternehmensberatung mit Spezialisierung auf Hospitality, Immobilien und Lifestyle-Konzepte. Ebenso war er sechs Jahre lang am Neubau des Hotels The Mansard in Gstaad beteiligt. 2015 war er Mitgründer und anschliessend bis 2021 Präsident des neuen Schweizer Verbandes für Dreisternehotels TOP 3-STERNE-HOTELS der Schweiz. Zuvor reüssierte er von 2002 bis 2010 als General Manager des Hotels Le Grand Bellevue Gstaad, dessen stellvertretender Geschäftsführer er zwei Jahre lang gewesen war. Die «echte» Arbeit hat er aber vorher bei Franz Rosskogler im Le Grand Chalet Gstaad gelernt.
Michel Wichman kennt und liebt seinen Beruf über alles. Und seine Vita hat etwas Überragendes. Woher kommt das? Es ist eben diese Frage, die sein Buch beantwortet.
Die Synergie von Mensch und Buch
Und an dieser Stelle begann das Gespräch zu Michel Wichmans Buch. Der Einstieg, dass das Buch nach Ansicht des Interviewers keine Autobiografie ist, scheint zunächst provokativ, handelt es doch in weiten Teilen vom Leben des Hoteliers, seinen Erfolgen und Rückschlägen und wie er damit umgegangen ist. Michel Wichman bestätigt diese Einschätzung jedoch mit einem Lächeln. er scheint sich zu entspannen, wenn er herausgefordert wird.
«Worüber handelt das Buch dann?», fragt er, nun selbst ein wenig provozierend. Wir führen das Gespräch als Antwort darauf weiter mit der Behauptung, es sei kein «Buch über etwas», sondern «ein Buch wozu», auch wenn die Formulierung ein wenig «gestelzt», ein wenig künstlich wirkt. Das Buch weise in die Zukunft, in die Zukunft derjenigen, die sich dadurch anregen lassen, ergänzen wir. Nun lacht der gastfreundliche «Holländer mit dem Schweizer Pass – oder umgekehrt», wie es einmal eine Gastronomiezeitschrift über ihn gesagt hat.
Das in dem Gespräch nie dagewesene «Eis» ist nun endgültig «geschmolzen». Denn als er gefragt wird, wie er denn denke, dass sein Buch auf «halbwegs kundige» Leser wirken würde, da nickt er gespannt, und es ist klar: Er ist bereit für eine «kleine Reise». Der hervorragende Gastgeber hört gerne zu.
Wir nehmen ihn im Interview mit auf eine Reise durch die Wirkungsgeschichte berühmter biografischer Literatur Europas. Einfach um das Buch einzuordnen, was bekanntlich eine der wichtigsten journalistischen Aufgaben ist.
Gerade weil auch Michel Wichman keine Autobiografie schreiben wollte, lohnt sich der Blick in die Geschichte berühmter Autoren: «Miss dich an den Grossen», ist dabei das Motto. Und der Satz könnte vom Hotelier selbst stammen. Das Gespräch ist ein Experiment mit der Garantie auf einen Erkenntnisgewinn.
Da ist zuerst die Zielgruppe: Im Klappentext zu Wichmans Buch «Die radikale Wahrheit über Erfolg» legt der Verlag Wert darauf, dass es ein Lehrbuch ist: «Anhand persönlicher Erfahrungen, inspirierender Beispiele und praktischer Werkzeuge lernen Sie, sich selbst treu zu bleiben, Ihre Gedanken bewusst zu lenken und durch harte Arbeit alles zu erreichen, was Sie sich vornehmen.» Und so machen wir uns – anhand «grosser Autoren der Antike» – auf den Weg des Abwägens der Absichten, die Wichman mit seinem Buch verfolgt.
Das beginnt beim Lebensalter: Die meisten wegweisenden Autobiografien der europäischen Geschichte wurden in einem «reifen mittleren Alter» geschrieben, nämlich dann, wenn die Autoren in eine Art «Erntephase» eingetreten waren. Michel Wichman kann dies in seinem Leben rund zehn Jahre früher tun als die berühmten Autoren, die wir dann besprechen.
Im Gespräch betreten wir – metaphorisch – die «erste Treppe zum Verständnis»: Das Buch scheint nicht wie ein Sachbuch über ein Thema geschrieben, sondern es wirkt wie ein konkretes Handlungsvorbild, nicht nur ein abstraktes Konzept. Das Buch wirkt auf diese Weise, als sei es für eine kommende Generation geschrieben. Vielleicht im Sinne eines «Ein Beispiel gebe ich euch». Dies aber völlig, ohne den Autor und sein Leben allzu weit in den Vordergrund zu schieben.
Wieder nickt der Hotelier zustimmend, und es fliessen einige biografische Details ein. Denn das Verhältnis zu Menschen – Führende und Geführte – bestimmt seinen Lebensweg. Michel Wichman ist zutiefst ein Beziehungs-Täter.
Ein Fazit zieht er geradezu am Ende seines Buches: «Ich will nicht als jemand gelten, der immer alles richtig gemacht hat, sondern als jemand, der aufrichtig war.» Und weiter: «Mein echtes Vermächtnis besteht nicht aus Dingen, die man anfassen kann, sondern aus Eindrücken, die ich hinterlasse.»
Die gedankliche Reise beginnt – daran anknüpfend – beim Lehrer des römischen Kaisers Nero (berüchtigt durch den Brand von Rom): Dem Politiker und fleissigen Schreiber Seneca, der schon nach dem erzwungenen Ende seines politischen Lebens schreibt: «In welcher Verfassung zieht sich der Weise in die nicht-politische Tätigkeit (wörtlich ‹in die Musse›) zurück? Er tut es in dem Wissen, dass er damit auch dasjenige tun wird, womit er der Nachwelt nützt.» («Über die Musse», VI.3– VI.4)
Ist so etwas Ähnliches auch Ziel des Autors, der «Nachwelt zu nützen»?
Dann beeindruckt aber auch der Stil von Wichmans Buch. Ein Stil, der sprachlich an einen anderen Kaiser erinnert, der bis heute sehr viele politische Grössen tief geprägt hat: Marc Aurel.
Er lebte von 161 bis 180 n. Chr. und war eventuell der Erste, der Selbstreflexionen über sein Leben im Sinne eines literarischen Tagebuchs während der letzten Jahrzehnte seiner politischen Karriere schrieb. Oft während er im Feldlager war – wie Wichman, wenn er «bei der Arbeit» ist. Also immer.
In kurzen Sätzen schrieb dieser Kaiser oft, nicht lange herleitend, sondern fast aphoristisch, aber mit hoher Disziplin und augenscheinlicher Selbstgenügsamkeit. Ein Beispiel: «Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes zun sprechen – vielmehr ein solcher zu sein.»
Marc Aurel war der Erste, der ein «Für-sich-Schreiben» mit dem Impuls verband, frei von Hochmut der Nachwelt ein Beispiel zu geben.
Im Buch von Michel Wichman sind die Formulierungen noch motivierender. Er schreibt zum Beispiel in einem seiner ersten Kapitel: «Viele geben schon auf, bevor sie überhaupt losgehen, weil ihnen die Aufgabe zu gross und nicht zu bewältigen scheint.» Der Hotelier garniert und illustriert das mit Beispielen aus seinem eigenen Leben.
Und dann sprechen wir als letztes über den Mann, der eine der ersten, weltbekannten Selbstbiografien explizit mit einem Erbe an die Menschheit verband: den nordafrikanischen Bischof und berühmten Kirchenmann Aurelius Augustinus und sein Buch «Bekenntnisse», das er um das Jahr 400 n. Chr. herum schrieb. Er war der Lieblingsautor Karls des Grossen, des Kirchenlehrers Thomas von Aquin und des Reformators Martin Luther.
Auch Augustinus war, wie Michel Wichman, ein «Arbeiter an den Menschen», und ein Macher – nicht «nur» ein weltferner Philosoph. Literarisch war Augustinus aber ein «Italiener», wie wir heute vielleicht sagen würden: Weit weniger nüchtern und fast bescheiden. Denn so wirkt der empathische Gastgeber auf seine Zuhörer. In der persönlichen Zurücknahme, in der Bescheidenheit liegt sicher einer der Hauptunterschiede zu diesen grossen Namen.
Und siehe: Da «rudert» denn auch der erfahrene Hotelier zurück. Damit würde er zu sehr mit «zu Grossen» verglichen. Wichman wiegelt ein wenig ab, aber das ist keine Taktik, er meint es ernst.
Eben weil der Servicegedanke bei ihm zentral ist. Er will auch als Erfolgreicher nicht dominieren, sondern integrieren, aber eben in ein Erfolgskonzept. Michel Wichman will befähigen. In Abwandlung eines berühmten Satzes von Tom Peters könnte man sagen «Empowerment is all there is». Oder auf Deutsch: «Menschen zu befähigen ist das Wichtigste überhaupt.» Doch das ist auch klar: Michel Wichman geht es um noch mehr: Es geht ihm um eine Art Berufsbildung. Letztlich scheint er aber «Lebensbildung» zu meinen.
Der Mensch ist die Botschaft
So ist in allem, was Michel Wichman schreibt und macht, der Mensch die Botschaft. Das Buch scheint ein Zeichen dafür zu sein, dass es ihm – Michel Wichman – um die Zukunft von Menschen geht, um seine Wirksamkeit in einer kommenden Generation. Wirksam, indem er diese jungen – oder jung gebliebenen – Menschen befähigt.
Am Ende des Gesprächs entsteht der Eindruck, dieser Hotelverantwortliche, der als Direktor auch und vor allem ein Diener seiner Aufgabe ist, wäre auch ein exzellenter Lehrer. Vielleicht ist dies auch einer der nächsten Schritte, die er in seinem Leben gehen könnte. Dies aber ist eher Hoffnung als eine begründete Vermutung.
MARTIN NATTERER



