MAXIME VÖGELE
«Nächste Woche hat Maxime schon wieder Montag und Dienstag Ferien», bemerkte meine Arbeitskollegin Sonja. Ich war am Montag nach meinen Ferien kaum zurück im Büro, da standen schon meine nächsten Ferientage im Kalender. Auf die Frage, warum ...
MAXIME VÖGELE
«Nächste Woche hat Maxime schon wieder Montag und Dienstag Ferien», bemerkte meine Arbeitskollegin Sonja. Ich war am Montag nach meinen Ferien kaum zurück im Büro, da standen schon meine nächsten Ferientage im Kalender. Auf die Frage, warum ich nach nur einer Woche am Schreibtisch schon wieder Ferien brauche, gab es für mich als Thunerin eine klare Antwort: «Ausschiesset.»
Auf die Frage, was das ist, gibt es zwei Antwortmöglichkeiten: entweder kurz und knapp «ein dreitägiges Fest in Thun» oder eine ausführliche Erklärung über das Kadettenwesen, welches so geschichtsträchtig ist, dass viele Thuner:innen es kaum vollständig erklären können.
Für Nicht-Thuner:innen klingt es zunächst befremdlich, wenn ich erzähle, dass ein Mann mit Teufelsmaske – «Fulehung» genannt – durch die Gassen von Thun rennt, in einer Hand «Söiblattere» und in der anderen ein «Holzschyt», und den Leuten damit hinterherjagt. Die Verwunderung wird nicht kleiner, wenn ich ergänze, dass Kinder uniformiert im Gleichschritt zu Marschmusik durch die Innenstadt marschieren und mit alten Armbrustbögen über eine befahrene Strasse auf den Gessler schiessen.
Und all diese Dinge passieren, weil das Kadettenjahr zu Ende geht. Im Saanenland kennt man zwar die Verkehrskadetten – klingt ähnlich, ist es aber nicht. Die Kadetten Thun sind aus der Vorbereitung auf den Militärdienst entstanden. Heute würde ich es aber als Mischung zwischen Musikgesellschaft und Turnverein beschreiben.
So weit, so gut, aber warum nehme ich für den «Ausschiesset» unbedingt zwei Tage frei. Reicht es nicht, abends mit Freunden in der Stadt ein Bier trinken zu gehen? Kurz und knapp: Nein.
An diesen drei Tagen steht nicht nur für die aktiven Kadettinnen und Kadetten ein volles Programm an, sondern auch für uns Ehemalige. Einige Momente lösen dabei Gefühle aus, die sonst unantastbar bleiben: Der Kanonenschuss auf der Allmendbrücke, der die drei Tage eröffnet. Das «Chribele» im Bauch, wenn um fünf Uhr morgens auf dem vollen Rathausplatz das Licht ausgeht und aus einer Ecke die Schellen des «Fulehung» zu hören sind. Die Kadettinnen und Kadetten im letzten Jahr, die sich nach dem Schlussumzug weinend in den Armen liegen. Und zwischen all diesen Momenten ganz viel Nostalgie und Gemeinschaft. So nennen wir Thunerinnen und Thuner den Ausschiesset gerne «die drü schönste Täg im Jahr», und auch dieses Jahr habe ich meine Ferientage dafür wieder gerne hergegeben.
maxime.voegele@anzeigervonsaanen.ch