Was von diesem Sommer nachklingt
11.09.2026 GstaadFür Daniel Hope war es der erste Sommer an der Spitze des Menuhin Festival Gstaad. Im Interview zieht er Bilanz – und erzählt, warum ausgerechnet das Fiddlefest für ihn zum Sinnbild dieser 70. Ausgabe wurde. Was ihn besonders überrascht und berührt hat und welche Ideen er aus diesen sieben ...
Für Daniel Hope war es der erste Sommer an der Spitze des Menuhin Festival Gstaad. Im Interview zieht er Bilanz – und erzählt, warum ausgerechnet das Fiddlefest für ihn zum Sinnbild dieser 70. Ausgabe wurde. Was ihn besonders überrascht und berührt hat und welche Ideen er aus diesen sieben Wochen für die Zukunft mitnimmt, lesen Sie hier.
Die Tür zur Musik ein wenig weiter öffnen
52 Festivaltage, mehr als 100 Konzerte und Veranstaltungen, über 1000 Künstlerinnen und Künstler und knapp 27’000 Besucherinnen und Besucher: Am vergangenen Samstag ist das 70. Menuhin Festival Gstaad zu Ende gegangen – und damit auch die erste Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Daniel Hope.
SONJA WOLF
Es war ein Jubiläumssommer mit grossen Namen und Produktionen, und auch erstmals mit der neuen Handschrift von Daniel Hope. Neben Klassikgrössen und Orchesterkonzerten fanden neue Formate ihren Platz im Programm: Beim Fiddlefest trafen unterschiedliche musikalische Welten aufeinander, die President’s Hikes verbanden Musik und Landschaft, eine Filmreihe rückte Yehudi Menuhin in den Fokus und mit dem Summit kam erstmals ein Forum für Fragen rund um Kultur und Gesellschaft hinzu. Auffällig war zudem, dass bei mehreren Konzerten die Distanz zwischen Bühne und Publikum kleiner wurde: Künstlerinnen und Künstler moderierten, erzählten und gaben Einblick in die Musik.
Was nimmt Daniel Hope aus seinem ersten Sommer mit? Wo sieht er noch Luft nach oben? Und wie möchte er die lokale Bevölkerung künftig stärker einbeziehen? Im Gespräch mit dem «Anzeiger von Saanen» zieht der neue Intendant Bilanz.
Daniel Hope, Ihre erste Saison als Intendant und zugleich das 70. Menuhin Festival ist zu Ende. Was hat Sie in diesem ersten Sommer persönlich am meisten überrascht?
Mich hat vor allem überrascht, wie schnell aus einer Idee tatsächlich ein gemeinsames Gefühl entstanden ist. Ich bin mit sehr viel Respekt vor der Geschichte dieses Festivals angetreten – schliesslich wurde es von Yehudi Menuhin und Benjamin Britten gegründet, und Menuhin war für mich persönlich ein ganz entscheidender Mensch. Aber irgendwann während dieser 52 Tage hatte ich plötzlich das Gefühl: Jetzt lebt dieses Festival nicht nur von seiner grossen Vergangenheit, sondern entwickelt eine neue Energie.
Besonders berührt hat mich, wie sehr das Publikum diesen Weg mitgegangen ist – von den grossen Abenden im Zelt bis zu den Konzerten in den Kirchen und unseren Next-Generation-Künstlern. Und vielleicht war die schönste Überraschung der unglaubliche Teamgeist, der sich entwickelt hat.
Was ist Ihrer Meinung nach besonders gut gelungen?
Besonders glücklich bin ich über die Vielfalt. Mir war wichtig, dass ein Festival dieser Grösse nicht nur aus einer Reihe grosser Namen besteht, sondern dass unterschiedliche Generationen, Stile und Konzertformen miteinander ins Gespräch kommen. Mehr als 1000 Künstlerinnen und Künstler waren in diesem Sommer dabei, und trotzdem hatte ich häufig das Gefühl, dass wir ein sehr persönliches Festival geschaffen haben.
Und gibt es etwas, das Sie im kommenden Jahr anders machen möchten?
Natürlich gibt es nach einem ersten Jahr vieles, was man verbessern kann. Mehr als 100 Veranstaltungen in 52 Tagen sind enorm – für das Publikum, aber auch für unser Team. Deshalb möchte ich im nächsten Jahr an einigen Stellen etwas mehr Luft schaffen. Ein Festival braucht nicht nur Höhepunkte, sondern auch Raum, damit diese Höhepunkte nachwirken können.
Und ich möchte in Zukunft versuchen, noch stärker die Menschen einzubeziehen, die hier leben. Gstaad und das Saanenland sind schliesslich der Ursprung dieses Festivals, und diese Verwurzelung ist etwas ganz Besonderes. Ich würde mir wünschen, dass wir noch mehr Möglichkeiten schaffen, die lokale Bevölkerung – von den Schulkindern bis zu den Erwachsenen – aktiv am Festival teilhaben zu lassen. Ein Festival mit einer solchen Geschichte sollte nicht nur in einer Region stattfinden, sondern wirklich Teil dieser Region sein.
Die Offenheit, die Neugier und die Nähe zu den Künstlern und zum Publikum möchte ich auch unbedingt weiterführen.
Welcher Moment hat für Sie das diesjährige Motto «Family Matters» am schönsten verkörpert?
Es gab nicht den einen Moment. Genau das war vielleicht das Schöne. «Family Matters» war für mich nie nur Familie im biologischen Sinn. Es ging um musikalische Familien, Freundschaften, Generationen und darum, Wissen und Begeisterung weiterzugeben.
Wenn ich aber ein Bild wählen müsste, dann vielleicht das Fiddlefest: Musikerinnen und Musiker verschiedener Generationen und musikalischer Welten gemeinsam auf einer Bühne, ohne Berührungsängste und mit grosser Spielfreude. Das kam meiner Vorstellung von Familie sehr nahe. Und ich habe dieses Gefühl auch hinter den Kulissen erlebt: bei unserem Team, den freiwilligen Helferinnen und Helfern, den jungen Künstlern und Künstlerinnen und den grossen Namen. Für sieben Wochen entstand tatsächlich so etwas wie eine Festivalfamilie.
Bei mehreren Konzerten wurden die Werke moderiert – etwa beim Fiddlefest oder bei David Garrett – und dem Publikum nähergebracht. Gehört diese direkte Ansprache auch zu dem «neuen Geist», den Sie dem Festival geben möchten?
Unbedingt – wobei ich das gar nicht als revolutionär empfinde. Yehudi Menuhin selbst war ein grosser Kommunikator. Er wollte Menschen mit Musik erreichen und nicht zwischen Bühne und Publikum eine unsichtbare Mauer errichten.
Ich glaube sehr an die unmittelbare Kraft der Musik. Aber manchmal kann ein einziger Satz eine Tür öffnen. Wenn eine Künstlerin erzählt, warum ihr ein Werk etwas bedeutet oder weshalb wir gerade dieses Stück ausgewählt haben, hört man anschliessend vielleicht anders zu. Das bedeutet keineswegs, jedes Werk erklären zu müssen – manchmal ist Schweigen genau richtig. Aber ich möchte, dass sich niemand bei uns ausgeschlossen fühlt, nur weil er nicht schon alles über klassische Musik weiss.
Ein Festival sollte neugierig machen und einladen. Die Musik verliert nichts von ihrem Geheimnis, wenn man die Tür zu ihr ein wenig weiter öffnet.





