Wasserschloss Schweiz in Gefahr?
28.08.2026 NaturMit Impact Gstaad auf dem Gletscher: Auf dem Glacier 3000 erläuterte der Schweizer Gletscherforscher Dr. Matthias Huss (Glamos/ETH Zürich), was das Abschmelzen der Gletscher für die Wasserversorgung in der Schweiz und insbesondere im Saanenland bedeutet.
...Mit Impact Gstaad auf dem Gletscher: Auf dem Glacier 3000 erläuterte der Schweizer Gletscherforscher Dr. Matthias Huss (Glamos/ETH Zürich), was das Abschmelzen der Gletscher für die Wasserversorgung in der Schweiz und insbesondere im Saanenland bedeutet.
Am vergangenen Freitag lud Impact Gstaad Einheimische, Impact Circle Members und Gäste zum Impact-Erlebnis «Gletscher & Wasser» auf den Glacier 3000 am Col du Pillon ein. Die Halbtagesexkursion fand unter der fachlichen Begleitung von Dr. Matthias Huss statt, Leiter des Schweizerischen Gletschermessnetzes Glamos und Gletscherforscher an der ETH Zürich.
Den Auftakt bildeten eine thematische Einführung sowie eine Podiumsdiskussion, an der neben Huss auch Arno Romang (lokale Wasserversorgung) und Patrick Bauer (Gstaad Saanenland Tourismus) teilnahmen. Im Anschluss führte der Glaziologe die Gruppe auf einem Science Walk über den Gletscher, bevor ein gemeinsames Mittagessen im Bergrestaurant Botta den Ausflug abrundete.
Dass das diesjährige Impact-Erlebnis auf dem Gletscher stattfand, lag für Michel Hediger, Projektleiter Events & Projekte bei Impact Gstaad, auf der Hand. «Das Thema Wasser ist aktueller denn je und betrifft praktisch jeden Bereich der Region, von der Landwirtschaft über die Energieversorgung bis zum Tourismus. Deshalb wollten wir es dort ansprechen, wo der Wandel sichtbar wird: direkt auf dem Gletscher, zusammen mit Personen, die diese Daten seit Jahren erheben», sagt Hediger. «Ein Format wie der Science Walk schafft einen direkten Austausch zwischen Fachpersonen und Bevölkerung, den ein reiner Vortrag so nicht leisten kann.»
Ein Viertel des Volumens in zehn Jahren verschwunden
Rund 1300 Gletscher bedecken heute noch knapp 750 Quadratkilometer und enthalten schätzungsweise 45 Kubikkilometer Eis. Seit dem Hochstand der sogenannten Kleinen Eiszeit um 1850 hat die Schweiz bereits mehr als die Hälfte ihrer damaligen Gletscherfläche verloren. Besonders alarmierend ist für Huss das Tempo der letzten Jahre: Allein in den vergangenen zehn Jahren büssten die Schweizer Gletscher rund einen Viertel ihres verbleibenden Volumens ein. Die Extremjahre 2022 und 2023 zusammen kosteten etwa zehn Prozent des Volumens – ein Verlust, der noch vor wenigen Jahren erst für Jahrzehnte später erwartet worden war. Messungen, die Huss wenige Tage vor dem Anlass am Grossen Aletschgletscher vornahm, deuten darauf hin, dass sich 2026 in die Nähe des bisherigen Extremjahres 2022 einreiht.
Auch für das Saanenland lieferte Huss konkrete Zahlen: Die verbleibenden Gletscher der Region bedecken zusammen kaum einen Quadratkilometer, liefern aber gerade während Hitzewellen einen spürbaren Beitrag zur Wasserversorgung. Nach seinen Berechnungen stammt in solchen Phasen bis zu einem Viertel des regionalen Sommerabflusses aus diesem kleinen Eisrest. Der Tungel- und der Gältegletscher, die beiden verbleibenden relevanten Gletscher der Region, dürften ab etwa 2060 bis 2070 grösstenteils verschwunden sein.
Der Gletscher Scex Rouge auf der Waadtländer Seite des Passes könnte sein Eis bereits zwischen 2030 und 2040 vollständig verloren haben.
Wenn der Speicher fehlt
Die zentrale Botschaft des Tages betraf weniger die Gesamtmenge als die zeitliche Verteilung des Wassers. Die Schweiz befinde sich derzeit an oder nahe dem sogenannten «Peak Water» – jenem Punkt, an dem die Gletscherschmelze ihren grösstmöglichen Beitrag zum Wasserabfluss leistet. Die jährliche Niederschlagsmenge in den Alpen werde sich laut Huss nicht grundsätzlich verringern, wohl aber ihre Verteilung übers Jahr: weniger Wasser im Sommer, wenn es am dringendsten gebraucht wird, mehr im Winter. Sobald die Gletscher diesen Ausgleich nicht mehr leisten können, verschärft sich die Konkurrenz um das verbleibende Sommerwasser zwischen Stromproduktion, Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung. Huss sprach zudem die weiteren Folgen des Gletscherschwunds an: Veränderungen im Landschaftsbild und für den Tourismus sowie zunehmende Naturgefahren. Er verwies dabei auf den Bergsturz von Blatten im vergangenen Frühling als Weckruf für die Region. Mögliche Antworten waren bereits Thema der Podiumsdiskussion zu Beginn des Tages: von zusätzlichem Speichervolumen in Stauseen bis zu künstlicher Beschneiung und Gletscherabdeckungen. Letztere dienen laut Huss aber in erster Linie dem Skibetrieb und wirken bestenfalls symptombekämpfend.
Der Gletscherschwund selbst ist nur eine sichtbare Folge des Klimawandels. Die Erwärmung in der Schweiz ist bereits heute doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt – mit spürbaren Folgen: Die diesjährige Trockenperiode traf Bevölkerung, Landwirtschaft und regionale Wirtschaft konkret. Für Michel Hediger ist damit klar, wo die Gesellschaft als Ganzes ansetzen muss: «Wir müssen das Problem an der Wurzel packen, unsere Treibhausgasemissionen umgehend senken und so versuchen, diese Entwicklung abzuschwächen», sagt Hediger.
IMPACT GSTAAD






