Weltpremiere: David Garrett öffnet seinen Del-Gesù-Club
31.07.2026 KulturDavid Garrett brachte beim Menuhin Festival Gstaad erstmals Mitglieder seines Del-Gesù-Clubs zu einem öffentlichen Konzert zusammen. Im Zentrum standen Instrumente, die zu den kostbarsten der Musikgeschichte zählen. Jüngster Del-Gesù-Spieler des Abends war der ...
David Garrett brachte beim Menuhin Festival Gstaad erstmals Mitglieder seines Del-Gesù-Clubs zu einem öffentlichen Konzert zusammen. Im Zentrum standen Instrumente, die zu den kostbarsten der Musikgeschichte zählen. Jüngster Del-Gesù-Spieler des Abends war der 20-jährige Andrea Cicalese.
SONJA WOLF
«Ich will hier niemanden verschrecken», sagte David Garrett in den ersten Minuten des Konzerts. «Aber der Wert der Geigen, die hier auf dem Tisch liegen, übersteigt bei weitem eine Viertelmilliarde Dollar.»
Ein erstauntes Raunen ging durch die Kirche Saanen. Hinter Garrett lagen 26 Geigen, fein säuberlich nach der Reihenfolge ihrer Auftritte angeordnet: Instrumente, die sonst in Tresoren, privaten Sammlungen oder auf den Schultern weniger Solisten zu finden sind. Beim Menuhin Festival Gstaad wurden sie für einen Abend hörbar.
Im Programm beschränkte sich der Del-Gesù-Club nicht auf die Geigen seines Namensgebers (siehe Kasten). Neben 21 Guarneri-Geigen erklangen auch vier Stradivaris und eine Violine von Carlo Bergonzi.Die Bergonzi von 1733, die «Tschudi–Martzy», war eine seltene Ausnahme: eines von nur rund 47 erhaltenen Instrumenten dieses Cremoneser Meisters.
Aus der privaten Runde auf die Bühne
Musiker:innen, Eigentümer, Geigenbauer und Experten des Clubs waren extra für den Konzertabend aus Tokio, Los Angeles, New York und verschiedenen Teilen Europas angereist. «Die vergangenen Clubtreffen waren privat», sagte Garrett, aber Festivalintendant Daniel Hope habe ihn überzeugt, das Konzept in Saanen erstmals vor Publikum zu zeigen.
Der Meister selbst eröffnete den Abend auf einer Guarneri «Baltic» von 1734, die laut Garrett bei einer New Yorker Auktion für zehn Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatte. Garrett moderierte, erzählte und führte das Publikum durch eine konzentrierte Folge kurzer Stücke. Viele der Instrumente tragen die Namen grosser früherer Besitzer: Fritz Kreisler, Karol Lipiński oder Yehudi Menuhin. Die Namen sind nicht Dekoration. Sie verweisen auf eine Geschichte, die für Spieler und Sammler ebenso wichtig ist wie Baujahr und Zustand.
Ein Streifzug durch Epochen und Stile
Zu hören waren in der Mehrzahl Kennerstücke, doch gab es auch Melodien, die weit über das klassische Stammpublikum hinaus bekannt sind: Gershwins «Summertime» aus «Porgy and Bess», Glucks «Melodie» aus «Orpheus und Eurydike», Morricones «Love Theme» aus «Cinema Paradiso» oder Schumanns «Träumerei». So wurde der Abend neben der Vorführung von Instrumenten auch zu einem Streifzug durch verschiedene musikalische Epochen und Stile, von der Klassik und Romantik bis zu Oper oder Filmmusik.
Viele Geigen, schwieriger Vergleich
Das Programm war dabei sehr ambitioniert – vielleicht zu ambitioniert. Über zweieinhalb Stunden folgte eine Miniatur auf die nächste, meist nur wenige Minuten lang, jeweils unterbrochen von einer Einführung zur Geschichte des Instruments. Das ermöglichte zwar einen Überblick über erstaunlich viele Geigen, machte den Abend mit der Zeit aber schematisch. Und weil so viele Personen so unterschiedliche Stücke auf verschiedenen Instrumenten spielten, blieb ein unmittelbarer Klangvergleich begrenzt.
Eine persönliche Note erhielt der Abend, als Garrett ein Duett mit seinem Vater Georg Bongartz spielte. Bongartz ist zwar als Geigenexperte und Auktionator bekannt, nicht aber als Konzertsolist. Gerade deshalb war der gemeinsame Auftritt als familiärer Moment an einem Abend voller grosser Künstlernamen bemerkenswert. Ein weiteres Duett spielte Garrett mit Daniel Hope, dem Intendanten des Menuhin Festival Gstaad und ebenfalls Besitzer einer Guarneri del Gesù.
Geschichten aus Holz und Lack
Zwischen jedem Stück erzählten die Musikerinnen und Musiker von Instrumenten, die sie als Leihgabe erhalten hatten, von berühmten Vorgängern und von der Ehre, auf so einem Instrument spielen zu dürfen. Garrett lenkte den Blick aber auch auf die handwerkliche Seite. Früher, erklärte er, sei bei einem Riss bisweilen die ganze Klangdecke ersetzt worden. Heute versucht die Restaurierung, selbst beschädigtes originales Holz zu bewahren – weil gerade dieses Material Klanggeschichte, Authentizität und Wert eines Instruments trägt.
Auch die Legenden der Geigenwelt hatten ihren Auftritt. Garrett erzählte die Geschichte einer Stradivari, die Yehudi Menuhin als junger Geiger gespielt hatte, und von Albert Einstein, der nach einem Konzert Menuhins hinter der Bühne gesagt haben soll: «Jetzt glaube ich, dass es einen Gott gibt.» Solche Anekdoten gehören zum kulturellen Kapital dieser Instrumente. Sie machen aus Holz, Lack und Lackrissen Erzählungen.
Besitz und Stimme
Der Del-Gesù-Club ist ein Begegnungsort für zwei Gruppen, die aufeinander angewiesen sind: für die Eigentümer historischer Instrumente und für die Musikerinnen und Musiker, die ihnen eine Stimme geben. Einmal im Jahr treffen sie sich, um Bauweise und Klang der wertvollen Geigen zu vergleichen und Wissen auszutauschen. Normalerweise geschieht das im Privaten. In Saanen wurde daraus erstmals ein Konzertabend.
Entscheidend an diesem Abend war aber nicht die Viertelmilliarde auf dem Tisch. Entscheidend war, dass die Instrumente gespielt wurden. Dass Garrett seinen exklusiven Kreis erstmals öffnete und der Reinerlös an die Menuhin Festival String Academy geht, gibt dem Abend eine zusätzliche Bedeutung. Die Academy ermöglicht 20 ausgewählten jungen Musikerinnen und Musikern kostenlose Masterclasses, Einzelunterricht und Kammermusik. Das Erbe soll nicht nur bewahrt, sondern weitergegeben werden.
WER WAR GUARNERI «DEL GESÙ»?
Bartolomeo Giuseppe Guarneri, genannt «del Gesù», lebte von 1698 bis 1744 und gehört neben Antonio Stradivari zu den berühmtesten Geigenbauern der Geschichte. Seine erhaltenen Violinen datieren ungefähr von 1721 bis 1744, seinem Todesjahr. Als um 1730 sein Vater starb, übernahm Giuseppe dessen Werkstatt, und ab dieser Zeit kennzeichnete er seine Instrumente mit den Buchstaben IHS — den griechischen Initialen des Namens Jesu. Deshalb trug er fortan den Beinamen «del Gesù», unter dem man ihn noch heute kennt. Schätzungen gehen von 150 bis 200 erhaltenen Del-Gesù-Violinen aus. Fachleute und Musiker beschreiben ihren Klang oft als dunkel, tief und kraftvoll. Solche Urteile bleiben abhängig vom einzelnen Instrument, vom Raum und vor allem von der Person, die es spielt.
SWO
«Diese Geige ist extra dafür gebaut, mit Freiheit zu musizieren»
Der 20-jährige Italiener Andrea Cicalese war der jüngste Del-Gesù-Spieler des Abends. Seit knapp drei Jahren spielt er eine Guarneri del Gesù von 1731, die ihm über eine philanthropische Initiative geliehen wird. Der «Anzeiger von Saanen» hatte nach dem Konzert die Gelegenheit, ihm ein paar Fragen zu stellen.
SONJA WOLF
Andrea Cicalese, vor Ihrem Auftritt berichteten Sie dem Publikum, dass Sie die «Marchesa Guasco» zu Ihrem 18. Geburtstag als Leihgabe erhielten. Sind Sie so gut?
Man gibt sein Bestes... (lacht).
Wie lange dürfen Sie diese wertvolle Geige behalten?
Ich habe das Glück, keine Zeitbegrenzung bekommen zu haben. Ich darf dieses wunderschöne Instrument also weiterhin kennenlernen und spielen.
Wie sind Sie Mitglied des Del-Gesù-Clubs geworden?
David Garrett wusste, dass ich eine Del Gesù bekommen hatte, und hat seine Fühler ausgestreckt. Ich bin nun seit knapp drei Jahren Mitglied im Club und war schon bei zwei Treffen dabei.
Wie läuft so ein Clubtreffen ab?
Wir treffen uns einmal im Jahr, jeweils an einem anderen Ort, für zwei oder drei Tage. Es kommen Experten, die uns neue Forschungsergebnisse vermitteln, auch ganz spezifisch zu den Instrumenten, die wir spielen. Das ist enorm bildend und interessant. Das Schöne ist, dass die ganze Geigenszene zusammenkommt: nicht nur Spieler, sondern auch Händler, Menschen mit Sammlungen, Experten und Geigenbauer. Ich nutze diese Treffen sehr, um mein Instrument besser zu verstehen. Und natürlich geht es auch darum, die Liebe zu diesen speziellen Geigen und zur Geige generell zu teilen.
Wie stark unterscheiden sich solche Spitzeninstrumente?
Sehr stark. Abgesehen vom Offensichtlichen – manche sind grösser, kleiner, breiter oder schmaler – macht das spielerisch einen grossen Unterschied. Dann gibt es Unterschiede im Klang, in der Klangfarbe, im Ton und in den Nuancen, die man aus dem Instrument herausholen kann. Manche Geigen haben einen direkteren Ton, andere klingen wärmer, kälter oder schärfer.
Hatte das Publikum am heutigen Abend eine Chance, diese Unterschiede herauszuhören?
Das ist natürlich schwierig. Rein theoretisch müsste derselbe Geiger dasselbe Stück nacheinander auf allen Geigen spielen, um die Unterschiede unmittelbar hörbar zu machen. Das war heute Abend zum Glück nicht der Fall! Trotzdem finde ich, dass man die Unterschiede zwischen den Instrumenten heraushören konnte.
Heute Abend spielten Sie zuerst auf Ihrer «Marchesa Guasco» und dann noch auf der «Maggio». Wie wurden Instrumente und Stücke für den Abend ausgewählt?
Die «Maggio» hat David für mich ausgesucht. Ein sehr schönes Instrument, welches ich noch nicht kannte. Über das Programm haben David und ich uns telefonisch abgesprochen. Es ging darum zu entscheiden, welche Stücke zu den spezifischen Geigen und gleichzeitig zum Rest des Programms passen würden.
Wie war es, beim ersten öffentlichen Konzert des Clubs aufzutreten?
Das Konzert des Del-Gesú-Clubs war bislang im Grunde genommen ein Hauskonzert unter Freunden. Jetzt haben wir es im Rahmen des Menuhin Festivals dem Publikum präsentiert. So viele Del Gesùs wurden in einem einzelnen Konzert noch nie gespielt... Mir war also bewusst, Teil eines historisch relevanten Abends zu sein. Diese Erfahrung habe ich sehr genossen.
Verändert das Wissen um Wert und Geschichte einer Geige Ihre Freiheit beim Spielen – etwa bei der Körperhaltung?
Anfangs schon, selbstverständlich. Man will vorsichtig und sorgfältig mit dem Instrument auch beim Spielen umgehen. Mit der Zeit aber habe ich an Freiheit gewonnen und konnte mich wirklich entspannen. Klar hat man ein Stück Geschichte in der Hand und wenn es kaputt geht, löscht man einen grossen Teil davon aus. Aber andererseits ist so eine Geige extra dafür gebaut, mit Freiheit zu musizieren.
WER IST ANDREA CICALESE?
Cicalese wurde 2005 in Neapel geboren und zog mit sieben Jahren nach München. Er sprach kein Deutsch und wurde zunächst zum Aussenseiter. Die Geige, mit der er damals begann, wurde zu einer Sprache, die er noch vor dem Deutschen beherrschte.
Mit 18 debütierte Cicalese in der Münchner Isarphilharmonie. Im März 2026 spielte er beim Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI unter Hannu Lintu Glazunows Violinkonzert; im Mai folgte sein Debüt in der Elbphilharmonie Hamburg mit Beethovens Tripelkonzert. Seit 2025 steht er bei Sony Classical unter Exklusivvertrag.
Seine Guarneri del Gesù «Marchesa Guasco» von 1731 erhält Cicalese über die Initiative «Adopt a Musician» von Music Masterpieces SA in Lugano.
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