Wenn Beethovens Musik Bilder bekommt
05.02.2026 KulturRaunen, lachen, staunen am Les Sommets Musicaux: Zeichner Grégoire Pont und die Musik von Beethovens «Symphonie pastorale» begeisterten am Dienstagmorgen zahlreiche Schulkinder in der Kirche Saanen.
JONATHAN SCHOPFER
In der Kirche Saanen ...
Raunen, lachen, staunen am Les Sommets Musicaux: Zeichner Grégoire Pont und die Musik von Beethovens «Symphonie pastorale» begeisterten am Dienstagmorgen zahlreiche Schulkinder in der Kirche Saanen.
JONATHAN SCHOPFER
In der Kirche Saanen warteten am Dienstag um 10 Uhr zahlreiche Schulkinder und Gäste gespannt auf den Beginn der Aufführung. Das Festival Les Sommets Musicaux hatte den Zeichner Grégoire Pont und sechs Streicher:innen eingeladen, die eine rund 40 Minuten lange Aufführung von Beethovens «Symphonie pastorale» präsentierten. Das Konzert wurde von farbenreichen Animationen und Live-Zeichnungen begleitet, welche das Thema – die Schönheit und die Sehnsucht nach der Natur – visuell aufnahmen.
Die von Ludwig van Beethoven komponierte Symphonie Nr. 6 in F-Dur, op. 68, gehört zu den wenigen Werken, die Beethoven selbst benannte: «Pastoral-Sinfonie oder Erinnerungen an das Landleben». Die Uraufführung fand 1808 in Wien statt.
Bilder im Takt der Musik
Grégoire Pont ist ein französischer Zeichner und Animator, der für seine Verbindung zur klassischer Musik und visueller Kunst bekannt ist. Er hatte im Voraus Bild für Bild auf seinem Tablet gezeichnet, vorbereitet und zu Animationen zusammengestellt. Diese liessen sich präzise mit der Musik synchronisieren: Sequenzen wurden abgespielt, einzelne Bilder angehalten und während des Konzerts live mit dem Touchscreen-Stift vollendet.
Heitere Empfindungen der Kinder
Den Auftakt bildete der erste Satz von Beethovens «Pastorale»: «Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande» (Allegro ma non troppo). Passend zur beschwingten Musik der Streicher zeigten die Animationen auf der Leinwand Vögel in luftiger Höhe mit farbigem, prächtigem Federkleid. Doch dann trat ein Vogel auf, der über keine solche Pracht verfügte. Zum Glück verlieh der Zeichner ihm während der Vorführung drei goldig-bernsteinfarbene Federn. Als der Vogel mit neuem Selbstvertrauen versuchte, ein Vogelweibchen mit einer Mandoline zu beeindrucken und scheiterte, führte das beim jungen Publikum zu lautem Gelächter in der Kirche. Erst eine neue Begegnung des Vogels führte zum glücklichen Ende. Der Applaus der Kinder fiel entsprechend gross aus.
Wenn die Nachtigall musiziert
Im zweiten Satz, «Szene am Bach» (Andante molto moto), prägte ruhige Musik das Geschehen. Grégoire Pont verlagerte die Szene ins nächtliche Waldleben. Er arbeitete mit dunklen Schattierungen und löschte Flächen, sodass aus dem Weiss der Leinwand ein Uhu entstand, später auch sein Junges.
Am Ende des Satzes waren drei Vögel zu sehen – ob Nachtigall, Wachtel oder Kuckuck blieb offen. Entscheidend war das gemeinsame Musizieren, ganz im Sinne von Beethovens Musik, die am Ende des zweiten Satzes Vogelstimmen imitiert. Dabei zeichnete der Künstler goldene Noten, die die Leinwand erfüllten, das zuvor dunkle Bild wurde warm und leuchtend. Musik und Zeichnung verschmolzen zu einer poetischen Einheit.
Wie der Mensch zum Feuer kam
Ein Szenenwechsel führte ins Steinzeitalter: Erzählt wurde vom Leben in der Natur, von unerwiderter Liebe und davon, wie aus Eifersucht, Stockschlag und Blitzeinschlag das Feuer entstand. Das junge Publikum raunte und amüsierte sich.
Beim Satz «Gewitter. Sturm» (Allegro) angelangt, folgten rasche Bilder und erzählen vom menschlichen Fortschritt: Licht, Elektrizität, Städte, Verschmutzung.
Schliesslich erschien ein Nachkomme des Steinzeitmanns als moderner Mensch mit der Sehnsucht nach der Natur. Ein Ausflug ins Grüne und eine verlorene Socke führten ihn zur Begegnung mit einer Aussteigerin im Baumhaus.
Im «Hirtengesang. Frohe, dankbare Gefühle nach dem Sturm» (Allegretto) kehrten Ruhe und Harmonie zurück: Der Vogel aus der Anfangsszene setzte sich wieder auf einen Ast – die Aufführung endete musikalisch wie visuell in einem Happy End.
Ein Wort mit dem Zeichner
Auf Anfrage erklärte Grégoire Pont, er habe die Animationen ganz traditionell, Bild für Bild, auf dem Tablet gezeichnet.
Zu seiner Geschichte und Motiven sagte er, dass er zunächst die Musik höre. Die visuelle Gestaltung entstehe aus Bewegungen und Zeichenstrichen, die er von Hand eng an den musikalischen Verlauf synchronisiere. Da Beethovens «Pastorale» von der Natur handle, habe er dieses Thema auf die Menschheitsgeschichte übertragen.
Im Satz «Gewitter. Sturm» (Allegro) habe er sich daher für kurze Bildsequenzen entschieden, welche die Progression der Menschheitsgeschichte widerspiegeln.
Besonders wichtig sei ihm, dass die Kinder Zugang zur Klassik bekommen: «Durch die Bilder und die Musik lernen die Kinder zuzuhören, sie können ganz in die Musik eintauchen.» Das Lachen, Staunen und der Jubel der Kinder während der Aufführung gaben ihm recht.




