Wenn die Erinnerung verblasst – und Gott nicht vergisst
30.10.2026 KircheDer Duft eines frisch gebackenen Kuchens kann Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken. Doch was geschieht, wenn Erinnerungen verblassen und vertraute Menschen fremd werden? Demenz stellt uns vor schwierige Fragen über Identität, Würde und Menschsein. Die Bibel hält ...
Der Duft eines frisch gebackenen Kuchens kann Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken. Doch was geschieht, wenn Erinnerungen verblassen und vertraute Menschen fremd werden? Demenz stellt uns vor schwierige Fragen über Identität, Würde und Menschsein. Die Bibel hält eine tröstliche Antwort bereit: Wir mögen vergessen – Gott vergisst uns nicht.
Vor Kurzem haben Sie von mir über das Kuchenbacken in schwierigen Zeiten gelesen und auch heute beginnt mein Artikel wieder mit einem Kuchen – um genau zu sein, geht es dieses Mal um den Duft des Kuchens.
Als Kinder reisten wir im Frühling und Herbst zu den Grosseltern. Nach der langen Fahrt führte mich mein erster Gang stets in die alte Speisekammer, wo mich unzählige Blechkuchen erwarteten. Dieser Duft ist für mich der Geruch meiner Kindheit. Ich kann ihn noch heute abrufen. Düfte können Erinnerungen wecken, die längst vergessen schienen.
Doch was, wenn man sich nicht nur an die Düfte nicht mehr erinnern kann, sondern wenn alle Erinnerungen langsam verblassen? Wenn vertraute Gesichter fremd werden, Namen nicht mehr einfallen und selbst die eigene Lebensgeschichte Stück für Stück verloren geht?
Im Herbst (21. September) wurde wie jedes Jahr der Welt-Alzheimertag begangen. Er macht auf eine Erkrankung aufmerksam, die Millionen Menschen betrifft und auch für ihre Angehörigen eine grosse Herausforderung darstellt. Demenz ist längst kein Randthema mehr. Sie kann jede Familie treffen und stellt uns vor grundlegende Fragen: Was macht einen Menschen aus? Was bleibt von seiner Persönlichkeit, wenn das Gedächtnis nachlässt? Und wie begegnen wir Menschen, die sich zunehmend in ihrer eigenen Welt verlieren?
Mehr als die Summe unserer Erinnerungen
Wir alle leben von unseren Erinnerungen. Sie erzählen, wer wir sind und woher wir kommen. Wir erinnern uns an Gegebenheiten in unserer Kindheit, an die Menschen, die uns geprägt haben, an glückliche Momente und an schwierige Zeiten. Unsere Erinnerungen geben uns ein Gefühl von Identität und Heimat.
Bei einer Demenzerkrankung verändert sich dieses vertraute Bild. Was gestern noch selbstverständlich war, kann heute schwierig werden. Der Weg zum Dorfladen wird plötzlich zur Herausforderung, ein bekanntes Gesicht lässt sich nicht mehr zuordnen und ein Gespräch verliert seinen Zusammenhang. Für die Betroffenen kann das beängstigend sein. Für die Angehörigen ist es oft schmerzhaft, mitzuerleben, wie ein geliebter Mensch sich verändert.
Ein Gott, der nicht vergisst
In der Bibel begegnet uns zwar keine klassische Demenz, aber es gibt Szenen über nachlassende Sinne, körperliche Schwäche oder spirituelle Vergessenheit im Alter. So zum Beispiel der Erzvater Isaak, der im hohen Alter körperlich gebrechlich wird und erblindet. Oder König David, der am Ende seines Lebens so friert, dass ihm trotz warmer Kleider nicht mehr warm wird, was die körperliche Erschöpfung des Herrschers zeigt.
Besonders berührend finde ich die Worte aus dem Buch Jesaja. Das Volk Israel fühlt sich von Gott verlassen und fragt, ob er es vergessen habe. Gott antwortet mit einem eindrücklichen Bild: Kann eine Mutter ihr Kind vergessen? «Selbst wenn diese es vergessen würden, werde doch ich dich nicht vergessen!» (Jesaja 49,15)
Diese Zusage bekommt im Zusammenhang mit Demenz eine besondere Bedeutung. Was geschieht, wenn ein Mensch sich nicht mehr an seine Kinder erinnern kann? Wenn er den Namen des Ehepartners vergisst oder nicht mehr weiss, wo er sein Leben verbracht hat?
Bestimmt ist das eine der schmerzlichsten Erfahrungen für Angehörige: Man ist noch zusammen, aber ein Teil der gemeinsamen Geschichte scheint verloren zu gehen.
Die biblische Botschaft setzt hier einen anderen Akzent. Unser Wert hängt nicht davon ab, was wir wissen, leisten oder erinnern können. Wir müssen uns nicht einmal selbst an Gott erinnern können, damit er uns nahe ist. Gottes Liebe ist nicht an unsere Fähigkeiten gebunden. Sie bleibt, auch wenn unser Gedächtnis uns im Stich lässt.
Wir leben aus Gottes Gnade, weil wir von Gott angenommen sind. Auch dann, wenn wir vergessen. Das ist tröstlich.
Kleine Gesten, grosse Bedeutung
Vermutlich kennen einige von Ihnen solche Begegnungen: Ich besuche meinen Vater im Altersheim und mit Begeisterung erzählt er vom grossartigen Mittagessen. Ich, die im Lift zu seinem Zimmer hochgefahren bin, habe das ausgehängte Menu gelesen, und es gab etwas ganz anderes, als mein Vater erzählte. Da läge es nahe, den Vater zu korrigieren und ihm das «richtige» Menu in Erinnerung zu rufen. Doch was wäre, wenn ich einfach nur zuhöre und mich freue, dass das Essen so gut geschmeckt hat.
Menschen mit Demenz brauchen nicht nur Betreuung und medizinische Unterstützung. Sie brauchen weiterhin Wertschätzung, Gemeinschaft und die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen.
Und auch Angehörige verdienen unsere Aufmerksamkeit. Vielfach gehen sie vergessen, obwohl sie oft über Jahre hinweg Enormes leisten und dabei nicht selten Einsamkeit und Erschöpfung erleben.
Eine demenzfreundliche Gemeinschaft beginnt dabei nicht erst bei professionellen Angeboten. Sie beginnt im Alltag: wenn wir jemanden freundlich grüssen, geduldig zuhören, eine Einladung aussprechen oder einfach einen Moment Zeit schenken. Das sind kleinen Dinge, die einen grossen Unterschied machen können.
In meiner Zeit als Vikarin in der Stadt Zürich durfte ich das Konzept eines demenzfreundlichen Quartiers kennenlernen und der Kirchenkreis sechs, mein Ausbildungsort, hat mit der «Drehscheibe Demenz» Angebote im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben betroffener Menschen geschaffen.
Diesen Sommer hat uns eine Gruppe von Zürchern aus dem Kirchenkreis sechs im Rahmen ihrer Seniorenferien besucht. Sie wurden von Freiwilligen aus Lauenen bei sommerlichen Temperaturen im Pfarrhausgarten mit den «besten Kuchen» bewirtet. Aus dem wunderschönen Nachmittag voller Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Demenz entstand die Idee einer Zusammenarbeit in diesem Bereich.
Gemeinsam das Gedächtnis trainieren
Ab diesem Oktober dürfen wir im Offenen Pfarrhaus Lauenen mit einem monatlichen Hirntraining beginnen. Die Unterlagen dazu bekommen wir aus Zürich. Mit dem Hirntraining soll ein Ort geschaffen werden, an dem Menschen in geselliger Runde ihr Gedächtnis und ihre Konzentration spielerisch fördern können. Es wird gerätselt, erzählt, überlegt und sicherlich auch gelacht. Dabei geht es nicht um Leistung. Vielmehr steht die Freude am gemeinsamen Tun im Mittelpunkt.
So ein Hirntraining kann weder Demenz verhindern noch heilen. Aber es kann geistige die Aktivität anregen, soziale Kontakte ermöglichen und der Einsamkeit entgegenwirken.
Was wir nicht vergessen sollten
In einer Gesellschaft, in der Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit und ein gutes Gedächtnis einen hohen Stellenwert haben, fällt es nicht immer leicht, Schwäche und Abhängigkeit anzunehmen.
Die christliche Botschaft erinnert uns daran, dass jeder Mensch einzigartig und von Gott geliebt ist. Nicht unsere Fähigkeiten machen uns wertvoll, sondern unser Menschsein. Und dieses Menschsein bleibt bestehen, auch wenn sich vieles verändert.
Wir sollten deshalb nicht nur darüber nachdenken, was Menschen mit Demenz vergessen, sondern auch darüber, was wir selbst nicht vergessen dürfen: dass jeder Mensch Zuwendung braucht, dass Geduld eine Form der Liebe ist und dass Gemeinschaft dort beginnt, wo wir einander annehmen.
Gott vergisst uns nicht. Auch dann nicht, wenn wir uns selbst nicht mehr an unsere Lebensgeschichte erinnern können.
CAROLA WATTS


