Wenn die Geige tanzt und zur Fiddle wird
24.07.2026 Kultur«Die Geige singt, die Fiddle tanzt.» Unter diesem Motto führte Daniel Hope das Publikum beim Fiddlefest des Gstaad Menuhin Festivals durch die unterschiedlichsten Musiktraditionen. In der voll besetzten Kirche Saanen begegneten sich Volksmusik, Klassik, Swing und Jazz zu ...
«Die Geige singt, die Fiddle tanzt.» Unter diesem Motto führte Daniel Hope das Publikum beim Fiddlefest des Gstaad Menuhin Festivals durch die unterschiedlichsten Musiktraditionen. In der voll besetzten Kirche Saanen begegneten sich Volksmusik, Klassik, Swing und Jazz zu einer musikalischen Weltreise.
MAXIME VÖGELE
«Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Geige und der Fiddle?» Diese Frage habe er sich selbst immer wieder gestellt, erzählt Daniel Hope während seiner Begrüssung beim Fiddlefest im Rahmen des Gstaad Menuhin Festivals. Seine Antwort: «Die Geige singt, die Fiddle tanzt.» Mit diesen Worten lädt der renommierte Geiger das Publikum ein, diesen Unterschied im Verlauf des Abends selbst kennenzulernen. Im gefüllten Kirchenschiff von Saanen begibt sich das internationale Publikum auf eine musikalische Weltreise im Zeichen der Fiddle.
Spontanes Programm
Wohin diese Reise geht, weiss das Publikum zunächst nicht. Ein gedrucktes Konzertprogramm erhalten die Besucherinnen und Besucher nicht. Warum, das erklärt Daniel Hope, der nicht nur Violine spielt, sondern den Abend auch moderiert. Die Musikerinnen und Musiker trafen sich in dieser Formation erst am Sonntagnachmittag zur ersten gemeinsamen Probe. Entsprechend liessen sie sich offen, wie das Programm am Abend endgültig aussehen würde. Von dieser Spontaneität ist während des zweistündigen Konzerts allerdings kaum etwas zu spüren. Mit lockerer Moderation führt Hope durch den Abend, stellt die Musikerinnen und Musiker vor und erzählt, woher er sie kennt und nimmt das Publikum jeweils mit zur nächsten Station der musikalischen Reise.
Über Norwegen...
Nach dem Auftakt mit dem ukrainischen Stück «Odessa Bulgar» setzt sich die musikalische Reise nach Norwegen fort. Ragnhild Hemsing spielt nicht auf einer klassischen Violine, sondern auf einer norwegischen Hardangerfiedel.
Dass ihr Instrument anders klingt, liegt nicht nur an der Spielweise, sondern auch an seiner Bauweise. Neben den vier Spielsaiten besitzt die Hardangerfiedel zusätzliche Resonanzsaiten. Wo andere Geigen eine Schnecke tragen, ziert ein Drachenkopf das Instrument. Früher habe die Hardangerfiedel deshalb als «Teufelsinstrument» gegolten und sei in Kirchen nicht gespielt worden, erklärt Hemsing. «Das ist heute nicht mehr so – hoffe ich», sagt sie lachend mitten in der Kirche von Saanen und sorgt damit für Schmunzeln im Publikum.
...bis in die Schweiz
Mit Tanja Sonc führt die Reise weiter nach Slowenien, mit Antonis Sousamoglou nach Griechenland und mit Helen Maier schliesslich in die Schweiz. Besonders eindrücklich begegnen sich die slowenische und die Schweizer Kultur in einem für Sonc und Maier arrangierten Duett. Das Stück verbindet die Klänge beider Volksmusiken und greift Elemente wie Alphorn, Hackbrett und Jodel auf. Bereits bei der Einführung sorgt Sonc mit ihrem charmanten Akzent und Schweizer Ausdrücken für Sympathien im Publikum.
Im Stück zeigt sich, wie unterschiedlich Kulturen klingen und wie schnell Bekanntes erkannt wird: Als die Melodie vom slowenischen in den schweizerischen Teil wechselt, ist die Anlehnung an den Jodel unverkennbar. Auch Melodien wie «Min Vater isch en Appezeller» werden angespielt und entlocken dem Publikum ein leises Lachen. Um den Klang des Hackbretts nachzuahmen, nehmen die beiden Geigerinnen Stifte zur Hand und schlagen damit auf die Saiten ihrer Instrumente – mit einem Ergebnis, das verblüffend an das Schweizer Saiteninstrument erinnert.
Grenzenlose Musik
Im Fiddlefest begegnen sich unterschiedlichste Musiktraditionen. Neben norwegischer Volksmusik erklingen klassische Werke wie Brahms’ «F.A.E.- Sonate», irische Folklore und Gypsy Swing. Dass all diese Stilrichtungen selbstverständlich nebeneinander Platz finden, führt Daniel Hope auch auf Yehudi Menuhin zurück. Der Gründer des Festivals habe musikalische Grenzen schon früh aufgebrochen: «Menuhin war einer der Ersten, der die Grenzen zwischen den Musikgenres geöffnet hat.» Gemeinsam mit Sandro Roy interpretiert er anschliessend George Gershwins «Summertime» nach einem Arrangement von Yehudi Menuhin und Stéphane Grapelli.
Mehr als Begleitung
Auch wenn die Violine in all ihren Facetten im Mittelpunkt des Abends steht, tragen die weiteren Musiker mit ihren Instrumenten wesentlich zur musikalischen Vielfalt bei. Gitarrist Joscho Stephan setzt mit seinen Soli immer wieder Akzente. Stéphane Logerot zeigt am Kontrabass die Vielseitigkeit seines Instruments – mal mit dem Bogen gestrichen, mal gezupft und stellenweise beinahe gitarrenähnlich gespielt. Gemeinsam mit Julia Okruashvili am Klavier begleiten sie die Musikerinnen und Musiker durch die verschiedenen Musikstile des Abends.
Ein letzter Tanz
Zum Abschluss versammelt Daniel Hope noch einmal alle Musikerinnen und Musiker auf der Bühne. Das Publikum bedankt sich nach der rund zweistündigen musikalischen Weltreise mit langem Schlussapplaus und Standing Ovations. Die Begeisterung des Publikums wird mit einer Zugabe belohnt. Gemeinsam spielen die Musikerinnen und Musiker einen griechischen Tanz – ganz im Sinne von Hopes eingangs formulierter Erklärung: «Die Geige singt, die Fiddle tanzt.»
Welt der Musik
Vom Bergdorf zum Klassik-Mekka: Eine kleine Geschichte des Menuhin Festivals Gstaad
Wer mehr über die Geschichte des Gstaad Menuhin Festivals erfahren möchte, kann die einstündige NDR-Radiosendung «Welt der Musik» zum 70-Jahr-Jubiläum online nachhören. In «Welt der Musik» zeichnet Autor Mathias Heller den Weg des Festivals von den ersten Konzerten Yehudi Menuhins bis zum internationalen Klassikfestival nach. Zu Wort kommen Menschen, die das Festival über Jahre geprägt haben, ergänzt durch historische Aufnahmen, die während des Festivals entstanden sind.
REDAKTION «ANZEIGER VON SAANEN»


