Wenn die Natur mit voller Kraft zuschlägt
19.06.2026 GsteigMitte Februar hat eine grosse Staublawine auf der Alp Topfel eine grosse Fläche Wald zerstört sowie Weiden mit Geröll, Bäumen und Ästen übersät. Die Aufräumarbeiten dauern immer noch an.
ANITA MOSER
Wann die Lawine niederging, weiss man nicht genau. Niemand ...
Mitte Februar hat eine grosse Staublawine auf der Alp Topfel eine grosse Fläche Wald zerstört sowie Weiden mit Geröll, Bäumen und Ästen übersät. Die Aufräumarbeiten dauern immer noch an.
ANITA MOSER
Wann die Lawine niederging, weiss man nicht genau. Niemand hat weder etwas gehört noch gesehen. «Wahrscheinlich Mitte Februar», mutmasst Christian Linder. Es habe damals in höheren Lagen viel Schnee gegeben und vermutlich sei starker Wind dazugekommen. Erfahren von der Lawine hat Linder am 20. März anlässlich der Generalversammlung der Waldbesitzer. «Förster Daniel Schneider ist die Zerstörung auf einer Skitour aufs Gstellihorn aufgefallen.» Gleich am nächsten Tag seien sein Sohn Mathias und er mit den Ski hochgestiegen, erzählt Christian Linder bei einer Begehung mit dieser Zeitung am 21. Mai. «Und hei blöd gugget! Überall lagen entwurzelte Bäume, Äste, grosse Felsbrocken, Geröll, Erde und viel Schnee, rund zwei Meter – darunter und darüber. Als die Lawine kam, muss es laut geworden sein.» Ihm seien fast die Tränen gekommen und auch zwei Monate später gehen ihm die Bilder nahe.
Noch nie erlebt
Die Alp Topfel liegt auf knapp 1500 Metern über Meer. Die Staublawine donnerte von weiter oben zwischen der Wandfluh und dem Schluchhorn, dem sogenannten Äugi, hinunter: Erst durch die Verengung und dann ergoss sie sich in die Breite, auf fast 300 Meter. Auf ihrem Weg hat sie grosse Zerstörung angerichtet an Wald und Wiesen. «Das Gebiet ist in einem Lawinenzug, wir sind Lawinen gewohnt, aber nicht in diesem Ausmass», betont Christian Linder. Er kenne diesen Berg seit über 60 Jahren, sei schon als Kind mit den Grosseltern auf dem Topfel «z Bärg» gegangen. Und seit 40 Jahren mit seiner Frau Antoinette. «Ich kann mich nicht erinnern, je eine so grosse Lawine erlebt zu haben. Auch meine Vorfahren haben nie von etwas Vergleichbarem erzählt.» Die letzte Staublawine gab es im Lawinenwinter 1999, auch sie richtete Schaden an, aber weit weniger.
Vor allem Jungwald betroffen
Die Lawine hat mehr als zwei Hektaren Wald zerstört. Vor allem Jungwald. «Er war noch zu wenig widerstandsfähig und wurde einfach weggeputzt. Wobei auch ein gesunder, alter Wald keine Chance gehabt hätte.» Vereinzelte Lärchen konnten der Lawine standhalten. «Lärchen sind viel zäher und besser verwurzelt», erklärt Linder.
Auch der familieneigene Grillplatz samt Hüttli wurde zerstört, das ganze Dach wurde in einem Stück rund 70 Meter weit weggeschleudert, der Metalltisch wurde von der Wucht der Lawine in mehrere Teile zerschlagen, das ganze Inventar verstreut.
Fast wie Snowfarming
Am 24. April wurde mit den Aufräumarbeiten begonnen. «Wir sahen auch bald einmal, dass wir professionelle Hilfe brauchen.» Die MvS AG war schnell mit einem Bagger und einem Maschinisten vor Ort. «Sonst wären wir noch nicht so weit.»
Zusammen mit dem eigenen Maschinenpark gingen die Aufräumarbeiten zügig voran. Das Grobe wurde mit dem Bagger herausgenommen, die Stöcke abgesägt und geschichtet fürs Häckseln. Was nicht gehäckselt werden kann und trocken ist, wird vor Ort verbrannt. «Der Schnee unter dem Teppich von Ästen, Nadeln, Steinen und Erde schmilzt nur langsam. Es ist fast wie Snowfarming», sagt Linder und blickt wehmütig über das zerstörte Gebiet. «Es war ein schöner Jungwald mit Lärchen Fichten, Ahorn und Vogelbeerbäumen.»
«Der Förster hat noch knapp 100 Kubikmeter Holz, das beschädigt war, angezeichnet.» Wegen des Borkenkäfers musste es so rasch als möglich gerüstet (aufbereitet) werden.
Eine gute Weidematte wurde geräumt und dort frisch angesät, wo die Grasnarbe stark beschädigt wurde. Sie kann aber noch nicht beweidet werden.
Viel Handarbeit
Nachdem die schweren Maschinen abgezogen worden waren, begann die Handarbeit. Herumliegende Äste wurden geschichtet, grosse und kleine Steine herausgenommen, für das Kleinmaterial kommen Heurechen zum Einsatz. «Nebst den Baggerführern war und ist vor allem die Familie engagiert», so Linder. An diesem 21. Mai kam sein Bruder Ernst zu Hilfe. Während Christian Linder und Sohn Mathias seit Mitte April praktisch täglich auf dem Topfel mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind, besorgt Antoinette Linder zu Hause den Stall mehrheitlich allein.
Schnitzel für die EBL
Das meiste Holz wird von der lokalen Firma MvS gehäckselt und die Schnitzel der EBL verkauft. Das entastete Holz – die meisten Bäume wurden durch die Wucht der Lawine entastet – gibt Schnitzel der ersten Klasse, und wo das «Chries» noch dran ist, Schnitzel zweiter Qualität. Gehäckselt wird vor Ort direkt in grosse Mulden. «Es ist viel Material», so Linder.
«Die Spuren der Verwüstung werden noch lange sichtbar sein», sagt Linder. Auch die grossen Maschinen haben Spuren im Gelände hinterlassen.
Alphütte wurde verschont
Gut zweihundert Meter vom Lawinenkegel entfernt liegt die Alphütte von Familie Linder. Sie wurde verschont. Auch dieses Gebiet sei ein Lawinengebiet, doch bisherige Lawinen seien über die Hütte – sie ist hangseitig mit einer Lawinenverbauung geschützt – hinweggefegt, ohne grosse Schäden zu hinterlassen.
Die Alpsaison ist nicht gefährdet. Die Hütte ist intakt und in ihrer unmittelbaren Nähe hat es auch noch genügend Weiden. 2023 haben Antoinette und Christian Linder den Betrieb mit rund 24 Kühen ihrem Sohn Mathias übergeben. Die Alpzeit hat am 6. Juni begonnen und dauert rund 100 Tage. So viel gibt die Alp für 22 Kühe und etwa zehn Kälber her. Auf dem Topfel wird auch Käse hergestellt, aber nur für den Eigenbedarf, wie Christian Linder sagt.
Schaden (noch) nicht bezifferbar
Den finanziellen Schaden, der die Lawine angerichtet hat, sowie die Kosten für die Aufräumarbeiten schätzt Christian Linder auf 25’000 bis 30’000 Franken. «Ohne unsere Eigenleistung.» Rund 80 Prozent der anfallenden Kosten wird vom Swissfonds – früher Elementarschadenfonds – vergütet. Es ist aber nicht nur der finanzielle Schaden, der Christian Linder beschäftigt. Dem «Wälderer» setzt der Verlust des Jungwaldes, den er so leidenschaftlich hegt und pflegt, sichtlich zu. Das Grossereignis hat Spuren hinterlassen – an Wald und Wiesen, aber auch im Herzen.
«Der Wald liegt mir am Herzen»
Christian Linder hat eine grosse Leidenschaft für den Wald. Er liebt das Holzen und die Hege und Pflege. «Der Wald liegt mir am Herzen, vor allem habe ich Freude am Jungwald», sagt der 67-Jährige. Seiner Meinung nach mache es Sinn, die alten Tannen zu schlagen, um Licht in den Wald zu bringen. «Wir mussten schon lange nichts mehr anpflanzen, der Jungwuchs spriesst von allein.» Früher sei es Pflicht gewesen, nach jedem Holzschlag aufzuforsten. «Dort, wo man noch nicht geholzt hat, ist es dunkel, da kommt nichts von selbst. Es braucht Licht.»
Sein Wald ist ein Mischwald. «Das, was man heutzutage möchte», sagt er und ergänzt: «Allerdings sind Tannen und Fichten der Brotbaum des Waldbesitzers, der Bergahorn bringt nicht so viel Ertrag.» Aktuell sei der Wald für viele eher ein Verlustgeschäft.
MOA












