Wenn Gras und Wasser knapp werden
25.08.2026 InterviewSeit Anfang Juni ist kaum Regen gefallen und eine Hitzewelle löst die andere ab. Mit grossen Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Die Betriebe müssen auf das Winterfutter zurückgreifen, was zur Folge hat, dass das Futter nicht bis zum nächsten Frühjahr reicht. Es ...
Seit Anfang Juni ist kaum Regen gefallen und eine Hitzewelle löst die andere ab. Mit grossen Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Die Betriebe müssen auf das Winterfutter zurückgreifen, was zur Folge hat, dass das Futter nicht bis zum nächsten Frühjahr reicht. Es bleiben oft nur zwei Optionen: Futter zukaufen oder Tiere schlachten. Der Futterkauf ist im In- und Ausland allerdings schwierig, da es in den Nachbarländern bezüglich Trockenheit nicht besser aussieht. Und wie sieht es im Saanenland aus? Wir haben bei David Perreten, Präsident der Landwirtschaftlichen Vereinigung Saanenland (LVS), nachgefragt.
ANITA MOSER
David Perreten, wie geht es Ihnen und Ihren Tieren aktuell?
Grundsätzlich gut, die Hitze und Trockenheit sind aber auch für uns herausfordernd und beunruhigend.
Im Saanenland hat es immer mal wieder kurz geregnet, ging ein Gewitter nieder. Im Vergleich zu anderen Regionen sieht es hier grün aus. Also kein Problem – oder täuscht der Eindruck?
Sicher ist die Situation bei uns weniger prekär als in anderen Teilen der Schweiz, aber auch hier ist teilweise markant weniger Futter gewachsen. Auch die Wasserversorgung ist teils knapp geworden.
Sind die Alpen auch von der Trockenheit betroffen und mussten deshalb viele Bauern früher von der Alp?
Auf den Alpen ist sicher generell wenig Futter nach dem ersten Umtrieb nachgewachsen. Zusammen mit der Wasserknappheit führt dies vielerorts zu einem vorzeitigen Alpabtrieb.
Wurde Futter oder Wasser auf die Alpen geführt?
Ich habe keine Übersicht über die Anzahl Betriebe, aber bestimmt wird vielerorts zugefüttert, um die Alpzeit möglichst verlängern zu können. Allerdings müssen alle schauen, genug Futter für den Winter zu behalten und können somit kaum etwas entbehren für die Alpen. Ich selber habe Anfang Sommer auf der Alp etwas Heu gemacht, dies hilft nun sehr, um das Weidegras zu ergänzen.
Wasser wird vermutlich auch vereinzelt transportiert, häufig auch alpintern, um abgelegene Weiden zu versorgen. Allerdings wird die Infrastruktur laufend verbessert. Reservoirs, Pumpleitungen und Schwimmerventile bei den Weidetrögen helfen.
Verbleiben andere länger auf der Alp, weil die Vorsassen noch weniger Futter hergeben?
Ich denke, jeder versucht, möglichst lange auf der Alp auszuharren, jedoch ist das nur begrenzt möglich. Wenn Wasser und Futter zu Ende gehen, muss man runter.
Aufgrund der Trockenheit gibt es zwei Optionen: Futter zukaufen oder Tiere schlachten.
Bestimmt werden vermehrt Kühe geschlachtet, besonders solche mit gesundheitlichen Problemen. Allerdings werden dadurch früher oder später Tiere fehlen, daher heisst es gut abwägen, wie man reagiert.
Wie geht man als Landwirt damit um, wenn man Kühe schlachten muss? Welche Folgen hat das in wirtschaftlicher Hinsicht?
Man gibt nicht die gesunden und wirtschaftlichen Kühe in den Schlachthof, sondern solche, die vielleicht nicht sehr produktiv oder anfällig auf Krankheiten sind. Da die Situation grossflächig schwierig ist, muss mit einem Preiszerfall gerechnet werden. Falls man nicht viel Jungvieh zur Remontierung hat, müssen wahrscheinlich im Frühling wieder Kühe zugekauft werden, bei wenig Angebot. Das heisst, dass diese wohl teuer sein werden. So oder so ist ein solches Jahr wirtschaftlich sehr herausfordernd für einen Betrieb.
Man spricht oft von Milchschwemme, Butterberg usw. Wäre eine Regulierung/Verminderung des Viehbestandes nicht auch sinnvoll?
Der Milchviehbestand ist momentan in der Schweiz vergleichsweise sehr tief und wird weiter sinken. Letzten Winter gab es etwas zu viel Milch, dies liegt aber auch an den hohen Importmengen von Milchprodukten und der schwierigen Exportlage. Die Mengen wurden mit den zwei Vorjahren verglichen, da war die Futterqualität eher schlecht und daher die Milchmenge eher unterdurchschnittlich. Zudem werden bei Mengenüberschüssen die Preise immer sehr schnell gesenkt, jedoch jetzt bei deutlich tieferer Produktion nicht wieder angehoben. Eher müsste man über den wirtschaftlichen Druck sprechen, bei diesen ungenügenden Milchpreisen möglichst viel Milch pro Kuh zu produzieren, um überleben zu können.
Was hätte ein kleinerer Viehbestand für Folgen für den betroffenen Landwirt? Weniger Einkommen?
Dies ist sehr abhängig vom jeweiligen Betrieb und dessen Ausrichtung, grundsätzlich aber sicher weniger Einkommen.
Viele Betriebe mussten auf das Winterfutter zurückgreifen. Mit welchen Folgen?
Dieses fehlt logischerweise dann im Winter, entweder man hat noch Reserven aus Jahren mit viel Futterwachstum, kauft Futter zu oder reduziert den Tierbestand.
Futterzukauf ist derzeit schwierig. Die Nachbarländer sind ebenfalls von der Trockenheit betroffen, brauchen das Futter selber. Welche Länder sind im Normalfall Futterlieferanten?
Hauptsächlich Frankreich, Deutschland und Italien, die derzeit alle auch unter der Trockenheit leiden. Dieses Jahr wird Futter aus Tschechien und Polen importiert, was höhere Transportkosten bedeutet, also werden die Futtermittelpreise sicher ansteigen.
Ist das zugekaufte Futter von guter Qualität?
Grundsätzlich ist die Qualität preisabhängig, normalerweise kann man gutes Futter zukaufen. Dieses Jahr wird man nehmen müssen, was man kriegen kann. Besonders bitter ist, wenn das teure Futter von schlechter Qualität ist, es aber keine Alternative gibt. Es kann auch mit mehr Kraftfutter etwas geholfen werden, dies ist aber auch sehr teuer.
Wie gehen die Tiere mit der Hitze um? Setzt sie ihnen zu – mit welchen Folgen?
Den Tieren setzt die Hitze zu, es gibt mehr Infektionskrankheiten, allerdings kann heute im Stall vielerorts mit Ventilatoren etwas Abhilfe geschaffen werden.
Die Böden sind wegen der Trockenheit hart – wie steht es um die Trittsicherheit der Tiere, vor allem der Kälber und Jungtiere? Kam es vermehrt zu Verletzungen?
Da hätte ich nichts gehört, bei uns nicht. Wir hatten den ganzen Sommer mit den Jungtieren sehr wenig Probleme. Allerdings habe ich gehört, dass es viele Augenentzündungen gab.
Aktuell scheint sich die Situation etwas zu entschärfen. Es hat bereits geregnet, weitere Regenfälle sind angekündigt, aber auch immer wieder Hitzetage. Was müsste passieren, respektive wie viel Regen müsste fallen, damit sich die Situation wieder normalisiert?
Hier im Saanenland kann schon eine etwas kühlere Woche mit regelmässigen Regenfällen die Situation stark entschärfen. In stärker betroffenen Gegen den braucht es mindestens 200 Liter in moderater Intensität.
Man geht davon aus, dass es aufgrund der Klimaveränderung vermehrt zu Hitzesommern kommt. Wie stellt sich die hiesige Landwirtschaft darauf ein, respektive wie kann sie sich darauf einstellen?
In der Alpwirtschaft ist sicher die Wasserversorgung ein grosses Thema. Schwinden die Gletscher, wird dies voraussichtlich starken Einfluss auf die Quellen haben. Daneben wird man lernen müssen, in guten Jahren etwas Futterreserve anzulegen, häufig ist aber der Platz in den Scheunen etwas knapp. Auch die Aufwertung der Wiesen mit trockenheitstoleranten Futterpflanzen kann etwas bringen. Das Problem ist aber, dass man nicht generell einfach künftig von heissen und trockenen Sommern ausgehen kann, sondern vermehrt von langandauernden Wetterperioden. Das heisst, es kann auch sehr lange übermässig nass und kühl sein, dann hat man vielleicht gerade die falschen Pflanzen eingesät. Das macht es so schwierig, sich anzupassen.
Kann die Bevölkerung etwas tun?
Was uns Landwirten enorm hilft, ist ein bewusster Konsum von regionalen Produkten, dass bringt direkt Wertschöpfung in die Region und auf den Betrieb!
LANDI SIMMENTAL-SAANENLAND UND FENACO ZUR AKTUELLEN FUTTERMITTELVERSORGUNG
«Die aktuelle Situation erfordert Flexibilität»
«Wir sind mit Hochdruck daran, bei fenaco und auch direkt bei Landwirten Ware sicherzustellen. Was wir schlussendlich erhalten, werden wir sehen. Denn oft wird die Ernte vorgängig verkauft, bevor man den effektiven Ertrag zur Erntezeit kennt», sagt Mario Cairoli, Geschäftsführer der Landi Simmental-Saanenland, auf Nachfrage.
Von was für Futter sprechen wir?
Vor allem von Heu, Luzerne, Malz und Mais. Dies muss auch in Bioqualität angeboten werden, was noch schwieriger ist.
Wie ist der Bestand an Futterreserven in der Landi Simmental-Saanenland aktuell?
Der Bestand in der Landi ist nie riesig, denn ab Lager werden nur Kleinmengen zur Überbrückung oder für kleinere Betriebe verkauft. Das meiste Futter wird direkt auf den Hof disponiert. Im Moment ist die Sicherstellung der Transporte schwierig, da niemand Zeit haben will und die Preise nach oben gehen.
Woher bezieht die Landi in der Regel das Futter?
Das meiste Mais beziehen wir aus dem Wallis und dem Waadtland. Heu und Luzerne grundsätzlich aus der ganzen Schweiz – vorallem aus dem Unterwallis und dem Waadtland, weiter aus dem Aargau und Baselbiet, aber diese beiden Kantone sind aktuell besonders von der Trockenheit betroffen. Danach aus dem grenznahen Ausland – Frankreich, Italien und Süddeutschland. Luzerne kann auch schon mal aus Spanien kommen. Die Schweiz hat in dieser Notlage die Zölle für Maisimporte aufgehoben. Aber Frankreich und Italien haben für diese Produkte ein Ausfuhrverbot erlassen, um den eigenen Bedarf abzusichern.
Was kann die Landi den hiesigen Landwirten (noch) anbieten?
Da die Disposition auf den erwarteten Mengen stattfindet oder bereits im Frühling mit Vorverkauf getätigt wurde, sind wir gespannt, was dann effektiv geliefert werden kann.
Was raten Sie den Landwirten?
Es ist aus meiner Sicht nicht falsch, wenn die Landwirte ihre Viehbestände reduzieren und sicher keine Überbestände im Stall haben.
«Versorgung mit Futtermittel ist anspruchsvoll, aber sichergestellt»…
…schreibt die fenaco in einer Medienmitteilung. Die anhaltende Hitze und Trockenheit liessen auf vielen Schweizer Bauernhöfen das selbst produzierte Futter knapp werden. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in verschiedenen Regionen Europas bestehe darum derzeit eine erhöhte Nachfrage nach Futtermitteln. Die Versorgung der Schweizer Landwirtschaft sei jedoch gewährleistet.
Aus heutiger Beurteilung werde ausreichend Raufutter verfügbar sein. Die Trockenheit führe allerdings dazu, dass auf Beschaffungsquellen aus weiter entfernten, internationalen Regionen zurückgegriffen werden müsse. «Die Transportwege sind vielfach länger und dadurch auch die Lieferfristen.
Auch im Mischfutterbereich sei die Verfügbarkeit einzelner Rohwaren wie Mühlennebenprodukte und Luzerne aktuell eingeschränkt, gleichzeitig seien die Preise gestiegen. «Die Versorgung ist jedoch gewährleistet, teilweise muss auf andere Produkte ausgewichen werden.»
Stark schwankende Preise
Die aktuelle Situation erfordere folglich Flexibilität. So hätten beispielsweise die Futtermittelherstellerin UFA und Melior Raufutterersatzwürfel speziell für die aktuelle Situation rezeptiert. «Wir gehen heute davon aus, dass für die Schweizer Tierhalterinnen und Tierhalter genügend Futtermittel verfügbar sein werden, die Produktepalette aber Einschränkungen erfahren wird. Die Preise schwanken stark und zeigen von der Nachfrage getrieben eine klar steigende Tendenz», wird Joseph von Rotz, Leiter fenaco GOF Schweiz, zitiert.
PD/ANITA MOSER
SCHLACHTVIEHMARKT
«Die Lage ist nicht dramatisch»
Die Lage sei im Saanenland nicht dramatisch, schreibt Christian Reichenbach, Betriebsleiter der Schlachthaus Bödemli AG, auf Anfrage. «Die Schlachtzahlen blieben von Juni bis August identisch zum Vorjahr, was sich aber für die Monate September bis Januar ändern könnte.» Das gelte auch für die Schlachtpreise, die momentan noch erstaunlicherweise hoch seien, so Reichenbach.
Die Schlachthaus Bödemli AG sei ein Lohnverarbeitungsbetrieb. «Das heisst, die Tiere werden bei uns geschlachtet und verarbeitet und der Landwirt verkauft die Produkte selbst an seine Kunden.»
«Ab Mitte August geht es wieder richtig los»
«Die Anzahl Schlachtungen ist abhängig von verschiedenen Faktoren», schreibt Rolf von Siebenthal, Betriebsleiter der Buure Metzg. Die Wochen zwischen Ende Juni und Mitte August seien jene Wochen, auf denen das Vieh auf der Alp sei und man generell nicht den grössten Ansturm an Schlachtvieh habe. »Ab Mitte August geht es wieder richtig los, aber auch in ‹normalen› Jahren.»
Die Alpschweine seien schon länger angemeldet und hätten betreffend Mengen keinen speziellen Einfluss. Kälber seien auch aufgrund des schlechten Milchpreises mehr geliefert worden im Vergleich zum Vorjahr. «In den letzten acht Wochen waren es 14 Kälber.» Acht Rinder und Kühe mehr seien im Vergleich zum Vorjahr im selben geliefert worden, zum Teil seien sie auch früher als geplant gebracht worden. «Trotzdem sind die Plätze für Rinder und Kühe bis Weihnachten schon fast besetzt.» In Bezug auf Lämmer sei der Verlauf ähnlich wie im Vorjahr.
«Gerade Rinder und Kühe können wegen Trächtigkeit zu dieser Jahreszeit nicht einfach beliebig geschlachtet werden», erklärt von Siebenthal. «Unabhängig von der aktuellen Trockenheit sind wir extrem dankbar für die von Jahr zu Jahr gesteigerte und gefestigte Zusammenarbeit mit der regionalen Landwirtschaft sowie mit der Kundschaft, die diese Mengen in den verschiedenen Kanälen abnimmt.» Was alles andere als selbstverständlich sei. Regional sei das Angebot und die Nachfrage von Fleisch in unserer touristischen Region etwas versetzt, was immer eine Herausforderung sei mit der ganzen Rohmaterialbilanz. Viel abgefangen werden könne mit selber produzierter Ware.
Preisschwankungen
Bezüglich der Preise richte man sich in den meisten Fällen an die vorgegebenen von Proviande, welche in der Schweiz von verschiedenen Branchenvertretern zusammengestellt und laufend anpasst würden. «Im Jahresvergleich sind aktuell die Kälberpreise schon recht hoch, Rinder- und Kuhpreise waren schon letzten Sommer hoch. Aktuell sind die Preise auf dem Niveau des letzten Jahres oder etwas tiefer.» Die Lammpreise seien hingegen schon ziemlich gesunken. «Bei den Schweinen ist der Preis aktuell immer noch tief.» Allerdings bezahle man jedoch einen massiven Aufschlag für die regionalen Alpschweine.
ANITA MOSER


