«Wenn ich mich krank fühle, geht es mir nach dem Training besser»
29.12.2025 SportMit ihrem aussergewöhnlichen Ehrgeiz und einem Trainingsplan, der kaum Platz für Freizeit lässt, arbeitet die 15-jährige Leonie Steffen unbeirrt an ihrem grossen Ziel: der Teilnahme an der U18-EM 2026. Die talentierte Leichtathletin aus Saanen ist diszipliniert, ...
Mit ihrem aussergewöhnlichen Ehrgeiz und einem Trainingsplan, der kaum Platz für Freizeit lässt, arbeitet die 15-jährige Leonie Steffen unbeirrt an ihrem grossen Ziel: der Teilnahme an der U18-EM 2026. Die talentierte Leichtathletin aus Saanen ist diszipliniert, ambitioniert und der festen Überzeugung, dass TikTok völlig überbewertet ist.
PAULA H. MITTAG
«Mein Ziel ist es, an der U18-EM 2026 in Italien teilzunehmen», erklärt mir Leonie Steffen begeistert. Doch ich höre nicht zum ersten Mal von ihrem ambitionierten Ziel. Schon bevor wir überhaupt einen Termin vereinbart hatten, sagte mir eine Kollegin, dass Leonie hohe Ziele habe und ein vielversprechendes Leichtathletiktalent sei. Ihr Ehrgeiz und Biss seien bemerkenswert.
Sportbegeisterte Familie, sportbegeisterte Leonie
Doch von vorne. Es ist ein kalter Morgen und man sieht überall Raureif auf den Wiesen. Keine Menschenseele ist auf den Strassen zu sehen, ausser der jungen Leonie Steffen, die mich in ihr Zuhause einlässt. Mit einem freundlichen Lächeln führt sie mich in die Küche, wo sie mir etwas zu trinken anbietet. Die Küche ist gemütlich warm und ein Holztisch bildet das zentrale Stück. Wenn man sich umschaut, kann man gleich erkennen, dass diese Familie sehr sportlich ist. Überall liegen Sportutensilien, wie ein Springseil oder ein paar Gewichte. Leonie Steffen teilt die sportliche Begeisterung ihrer Familie: «Ich habe schon früh mit Ski- und Velofahren angefangen. Als ich die Leichtathletik für mich entdeckt habe, hat sie mir von Anfang an grossen Spass gemacht und es lief auch überraschend gut», erzählt mir die 15-Jährige zu Beginn noch schüchtern.
Fantasy-Romane als Ausgleich
«Ich habe immer viel Energie und grosse Lebensfreude», erklärt sie auf die Frage, wie sie sich selbst beschreiben würde. Ihre Lebensfreude spürt man sofort. Trotz ihres anspruchsvollen Sports versucht sie täglich, mindestens fünf Kapitel in einem Buch vor dem Schlafengehen zu lesen. «Ich lese gerne, das hilft mir zu entspannen. Ich schlafe schlechter, wenn ich zuvor nicht gelesen habe», sagt sie begeistert. Fantasy ist ihr Lieblingsgenre, besonders gerne mag sie die Ravenhall-Academy-Bücher. «Fantasy-Romane sind spannend und trotzdem wirken sie nicht zu brutal. Auch wenn schlimme Dinge passieren, weiss ich, dass es nicht real ist», erklärt sie mit Bedacht. Sie könne sich gut in die Figuren hineinversetzen und ihre Abenteuer miterleben, was ihr besonders gefalle. «Sie geben mir viel Platz für eigene Vorstellungen und sind eine schöne Abwechslung zum Alltag.»
15 und kein Social Media
Normalerweise sind Jugendliche eher auf Social Media oder auf Streamingplattformen unterwegs, doch Leonie Steffen kann den Serien und Filmen nicht sonderlich viel abgewinnen. Von TikTok hält sie ebenfalls nicht viel und auch Instagram benutzt sie selten. «Ich finde TikTok unnötig, man hat keinen Mehrwert davon. Es bringt einen ausserdem nur in Versuchung, mehr am Handy zu sein und das ist nicht unbedingt von Vorteil», erläutert sie mit erwachtem Selbstvertrauen.
Wenig Zeit für Freunde, aber trotzdem Spass
Der Sport ist für die Leichtathletin sowohl Alltag als auch eine Lebenseinstellung. «Der Sport nimmt momentan den grössten Teil meines Lebens in Anspruch, weshalb ich nicht sonderlich viel Zeit für meine Freunde habe. Aber es macht mir sehr viel Spass, immer wieder zu trainieren und mich selbst herauszufordern.» Um die Schule und das Sportleben unter einen Hut zu bekommen, besitzt Leonie eine Swiss Olympic Talentcard, welche es ihr ermöglicht, für das Leichtathletiktraining gezielt in der Schule zu fehlen. Neben den ohnehin schon anstrengenden Sprint-, Lauf- und Koordinationstrainings trainiert sie mittwochs und samstags eigenständig Kraft. «Ich habe eigentlich nur sonntags frei», so Leonie Steffen.
Keine Lust gibt es nicht
Als ich sie frage, ob sie auch manchmal keine Lust auf das Training habe, schüttelt sie energisch den Kopf. «Ich habe eigentlich immer Lust und Spass, da bin ich auch froh darüber. Meistens, wenn ich mich krank fühle, geht es mir nach dem Training besser.» Für Leonie zählen die Ausreden «es regnet» oder «es ist zu schlechtes Wetter» nicht. Sie trainiert bei Wind und Wetter und sogar öfters im Schnee. «Das ist ein anderer Untergrund», erzählt sie mir belustigt, als ich sie geschockt anschaue. Scheinbar ist der Schnee ein gutes Training für die 15-Jährige und eine schöne Abwechslung.
Durchgetakteter Trainingsplan
Um so gut wie Leonie zu werden, braucht es neben viel Disziplin und Willenskraft auch noch einen diversen und anspruchsvollen Trainingsplan. Sie trainiert montags und freitags im Saanenland. «Hier machen wir mehr Ausdauer- und Hügelläufe, auch Koordinationsleiterübungen sind dabei.» Am Dienstag und Donnerstag nutzt sie ihren Talentpass und fährt eine Stunde lang nach Thun, um dort ebenfalls für zwei Stunden zu trainieren. «In Thun machen wir mehr Startübungen und Sprünge. Wir arbeiten auch viel mit dem Schlitten, welchen man hinter sich herzieht.» Dieses harte Training lässt sie jedoch nur noch glücklicher strahlen: «Es ist eine schöne Abwechslung zur Schule, denn da muss man den ganzen Tag nur rumsitzen.»
Wovon träumen die jungen Menschen im Saanenland und wie gestalten sie ihr Leben? Die Serie «Jung und ...?» gibt ihnen eine Stimme.
QUALIFIK ATION EUROPAMEISTERSCHAFT
Léonie Steffen hat sich noch nicht für die U18-Europameisterschaften 2026 qualifiziert. Sie hat sich jedoch das Ziel gesetzt, daran teilzunehmen.
Um sich für die EM zu qualifizieren, muss eine vom europäischen Leichtathletikverband festgelegte Limite erreicht werden. Pro Nation und Disziplin dürfen maximal zwei Athletinnen oder Athleten starten. Sollte es vorkommen, dass mehr als zwei Schweizerinnen oder Schweizer diese Limite erfüllen, werden sogenannte Trials durchgeführt – ein Wettkampf, bei dem sich die zwei Schnellsten für die EM qualifizieren.
Nach einer erfolgreichen Qualifikation würde Léonie mit dem Schweizer Nationalteam reisen. Der gesamte Ablauf wird von Swiss Athletics organisiert und es werden auch Trainerinnen und Trainer des Verbandes zur Verfügung gestellt.
PAM
ZUR PERSON
Léonie Steffen ist 15 Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in Saanen. Sie wurde in Thun geboren und geht auf das Gymnasium in Gstaad. Neben ihrer vielversprechenden Leichtathletikkarriere liest die junge Sportlerin viele Fantasy-Romane. Jedoch nimmt der Sport den grössten Teil ihres Alltags ein. Wenn sie nicht dabei ist, bei Wind und Wetter ihre Runden zu laufen, geht sie auch gerne mal mit Freunden aus und unternimmt etwas. In der Leichtathletik kann sie sich mit mehreren Medaillen schmücken, besonders in der 400-Meter-Langsprint-Disziplin, auf die sie sich spezialisiert hat. Jedoch hat sie auch in der 600-Meter-Langsprint-Disziplin eine Bronzemedaille an der U16-Schweizermeisterschaft gewonnen. Bei Wettkämpfen wird sie meist von ihrer Mutter begleitet, da diese auch Trainerin ist.
PAM





