«Beim Goldpreis greifen viele Zahnräder ineinander»
06.03.2026 WirtschaftDer Goldpreis kennt im Moment nur eine Richtung: nach oben. Ist der Einstieg jetzt noch sinnvoll? Wir haben mit Gianluca Biggi, Leiter Portfoliomanagement der Saanen Bank AG, gesprochen, um eine Expertenmeinung zur aktuellen Lage zu erhalten.
JONATHAN SCHOPFER
...Der Goldpreis kennt im Moment nur eine Richtung: nach oben. Ist der Einstieg jetzt noch sinnvoll? Wir haben mit Gianluca Biggi, Leiter Portfoliomanagement der Saanen Bank AG, gesprochen, um eine Expertenmeinung zur aktuellen Lage zu erhalten.
JONATHAN SCHOPFER
Der Goldpreis ist aktuell hoch. Wird Gold überbewertet?
Ein hoher Kurs sagt allein noch nicht, ob etwas «teuer» ist. Wie sich der Goldpreis bildet, ist komplex. Bei Aktien kann man Gewinne und Cashflows bewerten, bei Immobilien Mieteinnahmen, bei Obligationen Coupons. Bei Gold ist das anders: Es generiert keinen laufenden Ertrag.
Wann ist die Investition sinnvoll?
Gold kann als Diversifikation im Portfolio sinnvoll sein, gerade in Stressszenarien. Als grobe Orientierungsgrösse halte ich eine Beimischung in der Grössenordnung von rund fünf bis zehn Prozent vertretbar. Die passende Gewichtung hängt aber stark von der individuellen Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ab, also davon, wie viel Wertschwankung jemand aushält, und von der persönlichen Einschätzung der Weltlage und wirtschaftlichen Erwartungen.
Welche Faktoren treiben den Goldpreis in die Höhe?
Ein zentraler Treiber des Goldpreises ist die geopolitische Lage. In Phasen erhöhter Spannungen steigt die Nachfrage nach Gold als «sicherem Hafen». Darüber hinaus spielen Inflationserwartungen eine wichtige Rolle, da Gold von vielen Investor:innen als Absicherung gegen Kaufkraftverluste betrachtet wird. Ein weiterer Faktor sind die hohen Staatsverschuldungen, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Sie nähren langfristig Zweifel an der fiskalischen Stabilität und können das Vertrauen in staatliche Papierwährungen beeinträchtigen. Seit der Finanzkrise ist zudem die Geldmenge deutlich ausgeweitet worden. Diese anhaltende monetäre Expansion verstärkt bei manchen Marktteilnehmenden die Sorge vor einer strukturellen Entwertung von Währungen – wovon Gold als wertbeständiger Vermögensspeicher häufig profitiert.
Wieso gilt Gold als Inflationsschutz?
Wenn die Teuerung steigt und die Zinsen, wie zum Beispiel auf dem Bankkonto, nicht Schritt halten, sinken die realen Renditen. Geld verliert an Kaufkraft. In solchen Phasen suchen Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer eher nach einem Wertspeicher wie Gold, statt Geld unverzinst oder zu tief verzinst auf dem Konto zu lassen – vereinfacht gesagt.
Ein hoher Goldpreis kann auch ein Misstrauensvotum gegenüber dem Staat sein?
Eine hohe Verschuldung wie in den USA kann die Frage aufwerfen, wie tragfähig ein System langfristig ist, also ob und wie Schulden real zurückbezahlt werden. Wenn das Vertrauen in einen Staat sinkt, suchen Investorinnen und Investoren häufiger nach Wertspeichern, die nicht von einem einzelnen Staat oder einer einzelnen Währung abhängen. Gold hat historisch genau diese Rolle.
Welche Bedeutung haben die Zentralbanken der USA und von China?
Die Zentralbanken sind ein wichtiger Faktor, direkt, weil sie Gold als Währungsreserve kaufen oder verkaufen können und indirekt über ihre Geldund Zinspolitik. Donald Trump möchte einen schwachen Dollar und fordert von der Fed, der Zentralbank der Vereinigten Staaten, einen tiefen Zins. Er möchte damit die Wirtschaft ankurbeln. China diversifiziert seine Reserven teils stärker weg vom Dollar und Gold kann dabei eine Rolle spielen. Solche Käufe können den Preis stützen.
Wenn sich die Weltlage entspannen würde: Wie stark könnte der Goldpreis fallen, gibt es eine Untergrenze
Am Ende wird der Preis stark durch Angebot und Nachfrage sowie Erwartungen bestimmt. Einen groben Anhaltspunkt liefern die Förderkosten, also die Kosten, Gold aus Minen zu gewinnen. Das kann grob eine Untergrenze liefern und ist je nach Mine und Geologie sehr unterschiedlich. Grob liegen diese Kosten in einer Bandbreite von etwa 1000 bis 1800 Dollar pro Unze.
Was ist wichtig für Privatanlegerinnen und Privatanleger?
Gold ist komplexer, als es auf den ersten Blick wirkt. Beim Goldpreis greifen viele Zahnräder ineinander: Geopolitik, Vertrauen in Währungen, Zentralbankpolitik, Inflation und Realzinsen. Eine Investition kann je nach Anlageprofil sinnvoll sein, aber es ist kein Selbstläufer.
GOLD UND SEINE GESCHICHTE
Der Goldbergbau ist seit der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. nachgewiesen. Als Zahlungsmittel wurde es spätestens seit Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. eingesetzt.
Zwei Gewinnungsarten
• Primärgold (Bergbau): Gewinnung aus Lagerstätten im Gestein, teils bis zu rund 1500 Metern unter Tage.
• Sekundärgold (Flussgold): In kristallinen Gesteinen gebundenes Gold wird durch Erosion freigesetzt, vom Wasser transportiert und wieder abgelagert.
Nicht alles ist goldig
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt in Konflikt- und Risikogebieten der Welt in der Goldgewinnung wiederholt schwere Menschenrechtsverletzungen fest, darunter Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Finanzierung bewaffneter Gruppen. Geldwäsche und Bestechung erschweren zudem die Transparenz über die tatsächliche Herkunft des Metalls.
Schweiz: Drehscheibe im Goldhandel
• Raffination: Ein grosser Teil des weltweit geförderten Goldes wird in der Schweiz eingeschmolzen, verarbeitet und in anderer Form wieder exportiert. Schätzungen zufolge läuft rund zwei Drittel des global geförderten Goldes über die Schweiz. Vier der weltweit führenden Goldraffinerien befinden sich in der Schweiz.
• Import und Export: Die Schweiz zählt weltweit zu den grössten Goldimporteuren und ist zugleich der grösste Exporteur von Gold nach Wert.
• SNB: Die Schweizerische Nationalbank besitzt rund 1040 Tonnen Gold. Rund 70 Prozent davon werden in der Schweiz aufbewahrt.
JSC
Quellen: Dr. Alexandra Krenn-Leeb (Universität Wien): Faszination Gold; ETH Zürich: Swiss Gold Trade; www.snb.ch; OWZE/OECD: Leitlinien zu Lieferketten für Minerale aus Konflikt- und Hochrisikogebieten.



