Wer Verantwortung ernst nimmt, sucht Lösungen
08.05.2026 LeserbriefeAls Landwirt mit über 30 Jahren Erfahrung und Gründer der Kobi Ei Gstaad GmbH kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ernsthaft gefordert wird, die Bevölkerung der Schweiz auf 10 Millionen zu begrenzen – besonders in einer Region, die vom Tourismus, der Landwirtschaft und ...
Als Landwirt mit über 30 Jahren Erfahrung und Gründer der Kobi Ei Gstaad GmbH kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ernsthaft gefordert wird, die Bevölkerung der Schweiz auf 10 Millionen zu begrenzen – besonders in einer Region, die vom Tourismus, der Landwirtschaft und dem Baugewerbe lebt.
Unsere Realität ist klar: Ohne zusätzliche Arbeitskräfte funktioniert dieses System meiner Meinung nach nicht. Weder in der Landwirtschaft noch auf dem Bau oder im Gastgewerbe. Gerade in den intensiven Saisonzeiten sind wir zwingend auf Arbeitskräfte angewiesen, die nicht aus der Region kommen – oft auch nicht aus der Schweiz. Wer das ignoriert, hat den Bezug zur Praxis verloren.
Die Schweiz hat aktuell eine Arbeitslosenquote von rund drei Prozent. Ich finde, das ist kein Zeichen von «zu vielen Menschen», sondern im Gegenteil: ein Zeichen von Arbeitskräftemangel in zentralen Branchen. Trotzdem wird politisch über pauschale Obergrenzen diskutiert, als liesse sich komplexe Realität mit einer Zahl auf dem Papier steuern.
Eine fixe Bevölkerungsgrenze löst kein einziges strukturelles Problem. Sie verschärft sie sogar: weniger Personal bedeutet weniger Produktion, höhere Preise, mehr Importabhängigkeit und am Ende weniger Versorgungssicherheit – genau das Gegenteil dessen, was behauptet wird.
Auch die häufig genannten Probleme wie Wohnungsdruck oder überlastete Infrastruktur sind real, aber sie haben konkrete Ursachen und brauchen konkrete Lösungen: mehr und schnellerer Wohnungsbau, bessere Raumplanung, Investitionen in Verkehr und Infrastruktur sowie eine konsequente Arbeitsmarktintegration. Wer stattdessen eine Obergrenze fordert, bekämpft Symptome mit Symbolpolitik.
Beim Asylsystem wird zusätzlich so getan, als könne die Schweiz frei entscheiden, wie viele Menschen aufgenommen werden. Doch die Schweiz ist an die Genfer Flüchtlingskonvention gebunden. Schutzsuchende können nicht einfach nach politischen Wunschzahlen gesteuert werden. Und das europäische Dublin-System zeigt seit Jahren seine Grenzen.
Man kann nicht gleichzeitig günstige Lebensmittel, funktionierenden Tourismus und ein starkes Gewerbe wollen – und dann die Realität der Arbeitskräfte ausblenden, die all das überhaupt möglich machen.
Wer Verantwortung ernst nimmt, sucht Lösungen. Wer nur Zahlen fordert, liefert keine.
KOBI ZELLER, GSTAAD
