Der junge Blick im Gemeinderat
28.07.2026 PolitikElio von Grünigen ging ohne grosse Erwartungen in die Gemeindepolitik – dafür mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Knapp zwei Jahre nach seiner Wahl spricht das jüngste Mitglied des Saaner Gemeinderats mit dem «Anzeiger von Saanen» über seinen ungewöhnlichen Einstieg, ...
Elio von Grünigen ging ohne grosse Erwartungen in die Gemeindepolitik – dafür mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Knapp zwei Jahre nach seiner Wahl spricht das jüngste Mitglied des Saaner Gemeinderats mit dem «Anzeiger von Saanen» über seinen ungewöhnlichen Einstieg, den Wert der Sachpolitik und warum politische Mitsprache für ihn weit vor dem Wahltag beginnt.
MAXIME VÖGELE
«Viele Leute kannten mich noch gar nicht», erinnert sich Elio von Grünigen an seinen Wahlkampf für den Saaner Gemeinderat. Eigentlich habe er sich vor allem als Kandidat für die Zukunft präsentieren wollen: «Dann haben alle den Namen schon einmal gehört.» Doch im Verlauf des Wahlkampfs seien seine Chancen spürbar gestiegen. Heute ist der 1998 geborene Architekt das jüngste Mitglied des Gemeinderats von Saanen. Vor der Wahl habe er sich vor allem gefragt, ob sein Alter zum Hindernis werden könnte. Diese Sorge habe sich jedoch nie bestätigt: «Dieses Gefühl hatte ich vom ersten Tag als Gemeinderat an keine Sekunde.» Knapp zwei Jahre später ist Elio von Grünigen längst im politischen Alltag angekommen.
Quereinsteiger
Dass Elio von Grünigen überhaupt für den Gemeinderat kandidierte, geht auf den Schönrieder Grossrat Hans Schär (FDP) zurück. «Ich weiss nicht, wie er die Leute findet», sagt von Grünigen schmunzelnd, «Aber er setzt sich dafür ein, dass sich mehr Leute für Politik interessieren.» Schär sei auf ihn zugekommen und habe ihn schliesslich für eine Kandidatur «überschnurret». Obwohl der damals 26-Jährige anfangs kaum mit einer Wahl gerechnet hatte, liessen ihn positive Rückmeldungen im Verlauf des Wahlkampfs zunehmend erkennen, dass ein Sitz im Gemeinderat durchaus möglich war.
Politisch war von Grünigen damals ein Quereinsteiger. «Die gesamtschweizerische Politik interessierte mich als Beobachter», sagt er. Ein politisches Amt oder ein parteipolitisches Engagement hatte der Schönrieder zuvor nie ausgeübt. Gerade deshalb habe ihn die Gemeindepolitik gereizt. Dort gehe es weniger um Parteipolitik als um konkrete Lösungen für die Gemeinde.
Jung und unvoreingenommen
Seinen Wahlerfolg erklärt er sich auch damit, dass viele Stimmberechtigte bewusst auf eine jüngere Stimme im Gemeinderat setzen wollten: «Es gibt Leute, die den heterogenen Altersmix gut finden.» Gerade weil er jünger sei und weniger Erfahrung mitbringe, könne er andere Blickwinkel einbringen.
«In zehn Jahren hätte ich als erfahrenere Person der Gemeinde vielleicht mehr gebracht», sagt er rückblickend. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass auch seine Generation im Gemeinderat vertreten sein sollte und Perspektiven einbringen kann, die sonst womöglich weniger Gewicht erhielten.
Seinen Einstieg beschreibt der Gemeinderat selbst mit den Worten: «Ich bin sehr blauäugig in das Thema eingestiegen.» Er habe sich vor der Wahl auch nicht gross erkundigt, was ihn als Gemeinderat erwarten würde: «Ich habe auch nicht gross nachgefragt», sagt er. Ohne feste Erwartungen habe er sich Schritt für Schritt in die politischen Abläufe eingearbeitet. «Für mich war primär wichtig: Wenn ich kandidiere, dann ziehe ich es durch.» Für ihn sei von Anfang an klar gewesen, dass eine Kandidatur auch die Bereitschaft bedeute, das Amt im Falle einer Wahl mit voller Verantwortung zu übernehmen.
Zwischen Saanenland und Hauptstadt
Dass Elio von Grünigen unter der Woche in Bern lebt und arbeitet, wurde im Wahlkampf immer wieder thematisiert. Zwar hat er seinen Wohnsitz in Schönried, seinen Arbeitsort jedoch in Bern.
Dorthin führte ihn sein beruflicher Weg nach der Lehre als Zeichner im Saanenland und einem zweisprachigen Architekturstudium in Freiburg. Bewusst entschied er sich, erste Berufserfahrungen ausserhalb der Region zu sammeln. «Für mich ist es beruflich eine extrem wichtige Erfahrung, jetzt noch in einem anderen Umfeld, mit einer anderen Baukultur zu arbeiten», sagt er.
Die Übernahme des Ressorts Projekte im Gemeinderat passt zu seinem Beruf. Als Architekt sei er es gewohnt, Entwicklungen langfristig zu denken und Projekte über Jahre zu begleiten: «Bei Grossprojekten musst du ab der ersten Idee mindestens zehn Jahre rechnen, bis du anfangen kannst, irgendetwas zu erstellen.»
Gut organisiert
Dass sich Beruf und Gemeinderatsmandat so gut miteinander vereinbaren lassen, habe ihn selbst überrascht. Dank eines kulanten Arbeitgebers, der ihm ermöglicht, im Homeoffice zu arbeiten, und der Rücksicht der Gemeindeverwaltung auf seinen Terminkalender, liessen sich Sitzungen und berufliche Verpflichtungen gut koordinieren.
«Ich bin erstaunt, wie leicht sich das organisieren lässt», sagt der Gemeinderat. Trotz seiner Arbeit in Bern verbringt er möglichst viel Zeit im Saanenland. Die Zeit in der Hauptstadt versteht er als wertvolle Etappe für seine berufliche Entwicklung – nicht als endgültigen Lebensmittelpunkt.
Ausgleich in der Natur
Wer Elio von Grünigen zuhört, merkt schnell: Freie Zeit ist in seinem Alltag rar. Auf die Frage nach dem Ausgleich antwortet er mit einem Schmunzeln: «Vielleicht arbeite ich mehr als ich sollte.» Sowohl sein Beruf als Architekt als auch das Gemeinderatsmandat hätten das Potenzial, unendlich viel Zeit in Anspruch zu nehmen. «Am Abend hat man nie das erledigt, was man sich vorgenommen hat», sagt er. Überlastet fühle er sich deshalb aber nicht. Entscheidend sei, diesen Umstand akzeptieren zu können: «Es gibt einen Unterschied zwischen viel zu tun haben und Stress. Wenn man weiss, dass man persönlich sein Bestes gibt, muss viel Arbeitsaufwand nicht belastend sein.»
Den Ausgleich findet der 28-Jährige, wenn es die Zeit zulässt, draussen in der Natur. «An den Wochenenden mache ich sehr viel Sport und bin viel draussen.» So schaffe er einen Gegenpol zu seinem Berufs- und Politikalltag.
Selbst die regelmässigen Fahrten zwischen Bern und dem Saanenland empfindet er nicht als Belastung. Im Gegenteil: «Wenn ich im Auto sitze, kann ich Musik oder Nachrichten hören und bin nicht abgelenkt. Das entschleunigt mich.» Die Fahrten seien für ihn bewusste Ruhephasen. Dass er für Sitzungen jeweils eine Stunde ins Saanenland und wieder zurück fährt, störe ihn deshalb nicht: «Es ist eine Sache der Einstellung.»
Teamarbeit
Dass Elio von Grünigen die Arbeit im Gemeinderat so positiv erlebt, führt er auch auf das gute Miteinander im Gremium zurück. «Man ist von Anfang an angenommen worden», meint er. Sowohl die Verwaltung als auch seine Ratskolleginnen und -kollegen hätten ihm den Einstieg in die Politik erleichtert.
Die Atmosphäre im Gemeinderat beschreibt der 28-Jährige als offen und dynamisch. Man verstehe sich auch persönlich gut und diskutiere respektvoll miteinander. «Dadurch, dass bis zum Ratsältesten alle geistig jung geblieben sind», hätten sich keine Lager gebildet, sagt er schmunzelnd. «Die Partei ist genau am Wahltag ein Thema. Danach merkt man davon fast nichts. Es ist die Sachpolitik, die wir lokal machen», meint von Grünigen über die Zusammenarbeit, «Es gibt vielleicht ein, zwei Witzchen am Feierabend, aber sonst geht es um die Sache.»
Politik zum Mitreden
Erst mit seinem Eintritt in den Gemeinderat wurde Elio von Grünigen bewusst, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich auch als Bürgerin oder Bürger auf kommunaler Ebene einzubringen: «Ich habe nicht gewusst, wo man überall mitreden kann.»
Heute weiss er, dass politische Mitsprache weit über Wahlen und Gemeindeversammlungen hinausgeht.
Als besonders wertvoll bezeichnet er die Parteiversammlungen vor den Gemeindeversammlungen. Dort stellen die Politiker:innen die anstehenden Geschäfte vor und diskutieren sie mit den Parteimitgliedern. Auch Personen ohne politisches Amt können Fragen stellen, Anregungen einbringen oder auf Aspekte hinweisen, die den Verantwortlichen bisher entgangen sind: «Das gibt uns sinnvolle Denkanstösse.» Oft hätten solche Rückmeldungen mehr Einfluss, als vielen bewusst sei.
Von Grünigen wünscht sich deshalb, dass mehr Bürgerinnen und Bürger diese Möglichkeiten kennen und nutzen. Gerade weil die Hemmschwelle an den Parteiversammlungen tiefer sei als an einer Gemeindeversammlung, sieht er darin eine gute Möglichkeit, sich politisch einzubringen.
Offen für die Zukunft
Dass seine Zukunft im Saanenland liegt, steht für den 28-Jährigen ausser Frage. Ob ihm seine Arbeit in Bern den Blick auf das Saanenland erschwere? «Vielleicht verpasse ich alltägliche Themen, am Mittagstisch, im Büro oder beim Feierabend», sagt der Gemeinderat. Auf die Qualität seiner Arbeit im Amt habe das aus seiner Sicht jedoch keinen Einfluss.
Wie lange ihn die Politik begleiten wird, lässt von Grünigen offen. Die Legislatur dauert noch bis Ende 2028. Eine weitere Amtszeit oder auch andere politische Aufgaben schliesst er nicht aus. Für ihn steht dabei jedoch nie das Amt im Vordergrund: «Ich will nicht in die Politik, dass ich dort meinen Lohn bekomme und damit meinen Alltag finanzieren kann.» Er wolle sich dort einbringen, wo er einen Beitrag leisten könne.
ZUR PERSON
Elio von Grünigen (FDP), wurde 1998 geboren und wuchs in Schönried auf. Nach einer Lehre als Zeichner absolvierte er ein zweisprachiges Architekturstudium in Freiburg. Heute arbeitet er als Architekt in Bern, behält seinen Wohnsitz aber im Saanenland. 2024 wurde er in den Gemeinderat von Saanen gewählt. Dort leitet er das Ressort Projekte und ist Vizepräsident der Bauplanungskommission. In seiner Freizeit verbringt er möglichst viel Zeit draussen in der Natur. Der Sport hat in der Familie von Grünigen einen besonderen Stellenwert. Vater Mike von Grünigen zählt zu den erfolgreichsten Riesenslalomfahrern der Skigeschichte. Bruder Noel von Grünigen startete mehrere Jahre im Weltcup, Bruder Lian bestritt Rennen auf FIS- und Europacup-Stufe. Elio von Grünigen schlug einen anderen Weg ein und engagiert sich heute in der Gemeindepolitik.
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RESSORT PROJEKTE
Im Gegensatz zu klassischen Ressorts wie Finanzen oder Bildung verfügt das Ressort Projekte über kein festes Tagesgeschäft. Stattdessen begleitet es bereichsübergreifende Vorhaben und dient als Bindeglied zwischen verschiedenen Ressorts und der Verwaltung. Je nach Bedarf können darunter Projekte aus den unterschiedlichsten Bereichen fallen – von Kultur bis Infrastruktur. Aktuell prägen jedoch vor allem Entwicklungs- und Bauprojekte das Ressort. «Ich habe Kontakt zu allen und niemandem allein», beschreibt Elio von Grünigen seine Aufgabe.
Zu den aktuellen Dossiers gehören unter anderem die Arealentwicklung ehemaliges Spital, die Gesamtsanierung des Eisbahnareals in Gstaad, die Wohnbaustrategie, die Verkehrslenkung und Parkplatzstrategie Gstaad sowie die Gewerbezonen Tomi und Dorfrütti. Neben seiner Funktion als Ressortvorsteher Projekte ist von Grünigen Vizepräsident der Bauplanungskommission. Dort arbeitet er eng mit Gemeinderätin Patricia Matti zusammen. Gemeinsam prüfen sie Baugesuche auf ihre Rechtmässigkeit und ihre Verträglichkeit mit dem Ortsbild, bevor die Kommission darüber befindet. Die konstruktive Zusammenarbeit mit Matti und der gesamten Kommission schätze er sehr.
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