Wie kam der Kranich in die Wappen der Gemeinden im Saanenland und im Pays-d’Enhaut?

  25.08.2023 Region

Im Pays-d’Enhaut und im Saanenland gibt es keine Kraniche. Aber wieso zieren sie unsere Wappen? Der Biologe und Vogelschutzfachmann Dr. Roland Luder aus der Lenk ist – unter anderem – dieser Frage auf den Grund gegangen. «Dieser Artikel ist keine wissenschaftlich fundierte Abhandlung. Ich habe frei und einfach zugängliche Informationen überflogen und ein paar Sachen herausgepickt», so Luder. Entstanden ist ein Leserbeitrag voller spannender Infos.

Als ob es gestern gewesen wäre, erinnere ich mich an meine erste Begegnung mit Kranichen. Es war an einem schönen Frühlingstag in den 1980er-Jahren in Socorro im Bundesstaat New Mexico im Südwesten der USA. Der Himmel war plötzlich andauernd erfüllt von hohen, rauen Vogellauten. Wir sichteten einen riesigen Schwarm von Kranichen, die sich nach und nach im nahegelegenen Vogelreservat Bosce del Apache zum Nächtigen niederliessen. Am nächsten Tag flogen sie weiter in Richtung ihrer Brutgebiete im Norden.

In den Wappen der Gemeinden des Saanenlands und des Pays-d’Enhaut steht ein Kranich. Aus ornithologischer Sicht wollen Kraniche gar nicht in diese Gegend passen, denn in der Schweiz haben wohl nie Kraniche gebrütet. Wie kommt es dazu?

Der Kranich – ein majestätischer Vogel
Zuerst lohnt sich ein Blick auf das Tier selbst. Kraniche sind grosse, hochbeinige Vögel mit langem Hals und Schnabel. Es gibt 15 Arten von Kranichen, die fast weltweit verbreitet vorkommen. Der eurasische Kranich brütet in grossflächigen Feuchtgebieten von Nordeuropa bis Ostsibirien (Wald- und Waldsteppenzone). Die Kraniche Nordeuropas überwintern zu einem grossen Teil in Spanien und Nordafrika. In der Schweiz kann er einzeln oder in Gruppen als durchziehender Vogel beobachtet werden, jedoch nur ausnahmsweise im Berggebiet. Beobachtungen aus dem Saanenland sind grosse Ausnahmen. Erwachsene Kraniche leben paarweise und bleiben ihr Leben lang zusammen. Zu Beginn der Brutsaison umwirbt das Männchen seine Auserwählte mit ausdauernden Tänzen und Rufen. Die aus den Winterquartieren zurückkehrenden Kraniche sind Vorboten des Frühlings. Bereits in frühzeitlichen Kulturen ordneten die Menschen den Kranichen zahlreiche positive Eigenschaften zu. Kraniche werden mit Sonne, Licht, Fruchtbarkeit, langem Leben und Glück in Verbindung gebracht.

Der Kranich – auf der Baustelle
Der Kranich auf der Baustelle ist der Kran. Bemerkenswert ist, dass für Kranich und Kran in vielen Sprachen dasselbe Wort verwendet wird (englisch/amerikanisch: the crane; französisch: la grue; italienisch: la gru; spanisch: la grúa; portugiesisch: a grua; schwedisch und dänisch: kranen; niederländisch: de kraan). Selbst in der ostafrikanischen Sprache Swahili heissen Kranich und Kran «kreni». «Grue» ist auf das lateinische Wort «grus» zurückzuführen. Der eurasische Kranich ist mit dem wissenschaftlichen Namen Grus grus der Prototyp der Kraniche. Beim Baukran steht das Aussehen des hochbeinigen Vogels mit seinem langen Schnabel Pate. Auch wenn das Saanenland heutzutage bisweilen den Eindruck einer Kranlandschaft erweckt, hat es der Kranich nicht deswegen in die Gemeindewappen des Saanenlands und des Pays-d’Enhaut geschafft.

Der Kranich – im Wappen
In der Wappenkunde ist der Kranich das Symbol der Vorsicht und der Wachsamkeit. Viele verschiedene Vogelarten sind Wappentiere. Das Wappen der Gemeinde Habkern bei Interlaken ziert ein Habicht (Mundart: Habch), ein schwarzes Huhn findet sich im Wappen von Finsterhennen im Berner Seeland, im bernischen Rapperswil zeigt das Wappen einen Raben und gleich zwei Adler sind im Wappen der waadtländischen Gemeinde Aigle abgebildet. Die erwähnten Vogelarten kommen in diesen Gemeinden auch tatsächlich vor. Ohne viel Fantasie ist nachvollziehbar, dass im Wappen der süddeutschen Gemeinde Lörrach eine aufwärtsfliegende Lerche dargestellt ist. Im Norden und Osten Deutschlands, wo mehr als 10’000 Kranichpaare brüten, kommt der Kranich in mehreren Gemeindewappen vor. Im ostafrikanischen Uganda hat es der Kronenkranich sogar auf das Landeswappen geschafft. Der Kranich und die Schweiz im Allgemeinen sowie das Greyerzer- bzw. das Saanenland im Einzelnen wollen aber gar nicht zusammenpassen. Die Greyerzer bzw. Saaner Kranichwappen sind übrigens die einzigen in der Schweiz.

Legenden sind Geschichten mit einem wahren Kern, mit Bezug zu einem Ort und in Verbindung mit konkreten Namen. Sie beruhen nicht vollständig auf wissenschaftlich überprüfbaren Daten und können sich entsprechend dem Zeitgeist in Teilen wandeln. Der Legende zufolge wurde Gruyères 400 Jahre n.Chr. durch Gruerius, «Vandalenkönig» und Vorfahre der Grafen von Greyerz, gegründet, denn es habe ihm im Greyerzerland besonders gut gefallen. Man bedenke dabei: Das Greyerzerland war damals noch kaum besiedelt und viel stärker bewaldet als heute, durchzogen von ungebändigten Flüssen und Schluchten. Es gab weder Strassen noch Telekommunikation. An einem Abend sah er einen Kranich (franz. «grue») vor blutrotem Himmel vorbeifliegen und entschied, genau dort seine Stadt zu bauen, das heutige Greyerz. Aus diesem Grund zeigt das Wappen der Gemeinde Greyerz einen Kranich vor rotem Hintergrund. Eine andere Variante besagt, dass Gruerius für das Schloss Greyerz als sicheren Hort den aus seiner Sicht strategisch richtigen Ort auswählte und ihm der Kranich erst später begegnet sei. Vom 11. bis ins 16. Jahrhundert herrschten die Grafen von Greyerz als Nachfahren von Gruerius über das Gebiet und pflegten das Kranichsymbol weiter. Der Vogel hat sich in den Wappen der ganzen Region bis heute gehalten, insbesondere auch im Paysd’Enhaut und den drei seit dem Jahr 1555 bernischen Gemeinden Lauenen, Gsteig und Saanen.

Aus ornithologischer Sicht ist Gruerius’ Beobachtung äusserst unwahrscheinlich. «König» Gruerius scheint jedoch von seiner Vogelbeobachtung beeindruckt und überzeugt gewesen zu sein. Er wusste möglicherweise aufgrund seiner Herkunft im Norden, was Kraniche sind und dass Kraniche auf die Menschen seit Ewigkeiten eine sehr positive Ausstrahlung haben. Vielleicht handelte es sich bei seiner Beobachtung um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, ein Wunschdenken, eine Erinnerung, die er aus seiner ursprünglichen Heimat ins neu eroberte Gebiet mitgenommen hat.

War Gruerius als Feldornithologe sattelfest (ohne Feldstecher!)? Nannte sich Gruerius schon vor der schicksalhaften Beobachtung so? Hat er sich den Kranichnamen erst nach dem Schicksalsereignis zugelegt oder wurde er ihm später verliehen oder angedichtet? Eine schöne Geschichte, auch wenn wir uns eigentlich weniger fragen müssten, wie der Kranich in den Wappen im Saanenland und im Pays-d’Enhaut landen konnte, sondern eher, wie er sich im Kopf von Gruerius einnistete.

Der Kranich – in unserer Zeit
Der Kranich verbreitet seine glückbringenden Eigenschaften weltweit:
• Schon 700 v.Chr. hielt der griechische Dichter Hesiod fest, dass es Zeit für die Aussaat sei, sobald man aus den Wolken den Ruf der Kraniche vernimmt, welche die Winterschauer ankündigen.
• Im Himalayaland Bhutan, wo das Bruttoinlandglück höher bewertet wird als volkswirtschaftliche Kennzahlen, überwintern Schwarzhals-Kraniche Grus nigricollis. Zu Ehren dieser heiligen Wintergäste findet jeweils am 11. November ein Kranichfest statt. Kinder im Kranichkostüm führen Tänze nach Kranichart aus.
• Auf den glücksbringenden Kranich vertrauen mehrere Fluggesellschaften. So prangt u.a. auf Flugzeugen der deutschen Lufthansa, der LOT Polish Airlines und der Japan Airlines ein Kranichlogo.
Im Pays-d’Enhaut und im Saanenland gibt es keine Kraniche. Die Wappen-Kraniche können uns in der heutigen Zeit jedoch im übertragenen Sinn vermitteln, dass nicht nur Kraniche, sondern Vögel ganz generell mit viel Gutem verbunden sind. Das einzigartige Federkleid, die erstaunlichen Sinnesleistungen, der faszinierende Vogelzug und der Vogelgesang können uns immer wieder zum Staunen bringen und beflügeln. Wer sich einmal bewusst eine Elster mit ihrem schillernden Federkleid näher anschaut, erlebt ein vielfarbiges Wunder. Wer mitbekommt, wie die Vögel im Frühling nach der Stille der Nacht in der Morgendämmerung zu singen beginnen, hat etwas für den ganzen Tag erlebt. Wir dürfen uns über die Alpendohlen freuen, die während der kalten Jahreszeit jeden Tag vom Gebirge in die Dörfer herunterfliegen und keck von den Dächern auf uns herunterschauen. Mit ihren täglichen Retourflügen vom Gebirge ins Tal haben sie einen besonderen Weg gefunden, um den Winter zu überstehen. Es ist tief berührend, zwei Krähen zuzuschauen, die sich abwechselnd mit dem Schnabel zärtlich im Nacken kraueln. Wer es versteht, auf das saisonale Kommen und Gehen der Vögel zu achten, begreift ewige kleine und grosse Kräfte und Kreisläufe der Natur. Wir tun gut daran, den Vögeln mit Bewunderung, Respekt und Demut zu begegnen. Umso schöner ist es, dass mit dem Kranich ein Repräsentant der Vögel als Glücksbote und Schutzpatron in den Gemeindewappen verankert ist.

DR. ROLAND LUDER,

BIOLOGE/VOGELSCHUTZFACHMANN

Quellen: https://xeno-canto.org/species/Grus-grus www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegelder-schweiz/kranich">https://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegelder-schweiz/kranich https://interaktiv.tagesanzeiger.ch/2022/diefaszinierende-vielfalt-der-schweizer-wappen/ https://de.wikipedia.org/wiki/Kranich_(Wappentier) https://fribourg.ch/de/la-gruyere/sagen-undmaerchen/die-ankunft-von-gruerius/ www.gruyere-traditions.ch/">https://www.gruyere-traditions.ch/ leblouissante-legende-de-gruerius https://fribourg.ch/de/la-gruyere/architekturund-denkmaeler/staedtchen-gruyeres/ https://static.mycity.travel/manage/ uploads/7/35/30788/3/gruyeres-d.pdf


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