Wie kommt die Musik auf den Berg? – Unterwegs mit Argyle am Slopesound 2026
01.04.2026 KulturBevor auf der Bühne die ersten Töne erklingen, ist am Slopesound Festival längst viel passiert. Wir begleiteten den schottischen Musiker Argyle von den ersten Vorbereitungen bis zu seinem Auftritt und erhielten einen Einblick in das, was hinter den Kulissen des Festivals ...
Bevor auf der Bühne die ersten Töne erklingen, ist am Slopesound Festival längst viel passiert. Wir begleiteten den schottischen Musiker Argyle von den ersten Vorbereitungen bis zu seinem Auftritt und erhielten einen Einblick in das, was hinter den Kulissen des Festivals passiert.
SONJA WOLF
Samstagmorgen, 10.30 Uhr. In drei Stunden ist der erste Auftritt des heutigen Tages. An der Talstation treffen sich drei gute Freunde: Der schottische Sänger und Songwriter Argyle ist mit seinem Keyboarder Dimitri Gamboni mit dem Auto aus dem Aargau angereist, seine Managerin Carmen Schoder kommt mit dem Zug und einem grossen Koffer voller Merchandise-Artikeln aus Zürich an. Argyle fröstelt – so kalt wie hier ist es in seinem Oberrohrdorf nicht –, aber er freut sich total auf seinen Auftritt. Auf einer Piste hat er noch nie gespielt!
Das komplette OK vom Slopesound ist sehr hilfsbereit und an jeder Station parat. Managerin Carmen hat den genauen Plan und weiss, wer sie jeweils an welcher Station empfängt. Zuerst schleust ein Mitarbeiter die drei einschliesslich ihrer Instrumente an den wartenden Schneesportlern vorbei. Die Instrumente werden auf das Pistenfahrzeug verladen, die Musiker dürfen in die nächste Gondel einsteigen. Dort gibts erst einmal die Eintrittsarmbändchen von Carmen.
Am Iglu-Dorf angekommen freut sich Argyle wie ein Schneekönig. Was für ein Aufführungsort! Die atemberaubende Sicht auf das Saanenland, all die aus Schnee und Eis geformten Skulpturen einschliesslich seiner Bühne ... Er geniesst erst einmal den Moment.
Dann folgt gleich die nächste Überraschung: sein Backstagebereich. Im Holzofen flackert heimelig ein Feuerchen und liebevoll haben ihm die Mitarbeitenden des Iglu-Dorfes alles so parat gemacht, dass ihm die Zeit bis zum Auftritt nicht zu lange wird: Es gibt Getränke, Obst, Knabbereien, Gemüse mit Dips ... und sogar Wärmepads! Schliesslich soll keiner der Künstler aufgrund von zu kalten Gliedmassen den Spass an seinem Auftritt verlieren. «Eine Backstage wie die ist wirklich herzig!» sagt der Schotte in seinem sympathischen Schweizerdeutsch.
Bis die Instrumente ankommen, ist noch ein Moment Zeit.
Den nutzt das Team, um schnell noch das Iglu-Dorf von innen zu besichtigen. Gute Stimmung und lockere Sprüche in der Suite mit dem Privatjacuzzi. Man merkt immer wieder: Die drei sind nicht nur Teamkollegen, sondern auch gute Freunde. Dimitri und Argyle spielen schon seit fünf Jahren zusammen.
Auch ein kleines Problem der Künstler wird von OK-Präsident und Iglu-Dorf-Standortleiter Marius Mosimann schnell gelöst: Leider hatten Managerin Carmen und auch Argyle keine Sonnenbrillen dabei und die Morgensonne auf dem Saanerslochgrat ist schon recht gleissend... Eine Brille für beide zu organisieren: ein Kinderspiel.
Der Soundcheck ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Anfangs ertönen erst einmal viele Störgeräusche, die an Kabeln, Anschlüssen, Geräten oder Buchsen liegen können. «Man muss beim Soundcheck jedem Instrument und jeder Frequenz den Raum geben, den sie brauchen», erklärt Managerin Carmen. Und gibt zu bedenken: «Besonders knifflig heute: Die Temperaturen sind tief, an der Sonne ist es aber warm – wie reagiert da die akustische Gitarre?»
So, nun wirds ernst: Die Instrumente sind da! Bitte einmal auspacken und an die gefühlt 100 Kabel anschliessen. Mit der Technik hilft OK-Mitglied und Plausch-Events-Vorsitzender Nick Krebs. «Die Technik ist zentral geregelt», sagt Krebs. «Genauso wie das Booking und die Artistbetreuung.» Für den Aufbau der Bühnen und die Gastronomie sind dagegen die jeweiligen Schneebars der Slopesound-Spielorte selbst zuständig.
Wie kam das OK dazu, Argyle anzufragen – und all die anderen Acts des Slopesound Festivals? Dazu Sandro Pantano, der Zuständige fürs Booking: «Wir versuchen, ein breites Publikum anzusprechen, einen Abend eher die älteren, einen Abend die jüngeren Zuschauer.» Und wie kam er auf Argyle? «Es gibt nichts Passenderes, als die aktuell hoffnungsvollste Stimme der Schweiz hier zu haben, wenn auch unsere Sponsoren da sind», so Pantano.
Derweil baut Carmen den Merchtisch – bzw. das Merchfass – neben der Bühne auf für die mitgebrachten Vinylplatten, Shirts und Hoodies. Mit Klebeband und Textmarkern lassen sich Preise anschreiben und T-Shirts aussen am Fass anhängen. «Der Künstler soll sich ganz auf seine Kunst konzentrieren können, ich mache den Rest im Hintergrund... und improvisiere, wenns sein muss!», sagt Carmen lachend.
Noch 20 Minuten bis zum Auftritt. Nun kommt schon ein wenig Nervosität auf. Während sich Dimi noch schnell an der bereitgestellten heissen Suppe gestärkt hat und nun das Song-Lineup nochmals durchgeht ... macht Argyle Einsingübungen.
Und dann gehts los! Argyle und Dimitri liefern ab und begeistern die Massen. Beim letzten Song dann die einzige kleine Panne: Der Verstärker für Argyles Gitarre fällt aus – vermutlich streikt die Batterie wegen der Kälte. Dimitri rettet mit einem beherzten Keyboard-Solo. Anerkennender Applaus für die einstündige Leistung der beiden vom Publikum. Und weiter gehts für die zuschauenden Schneesportler zur nächsten Bühne am Passatiempo mit der Band «Annie Taylor» – die vom Slopesound-Team sicher genauso professionell bis zu ihrem Auftritt begleitet wurde.
Immer dezent irgendwo am Bühnenrand: Managerin Carmen mit einem Satz Ersatzsaiten in der Hand. Für den Fall, dass bei der Kälte eine der Gitarrensaiten reisst...
ÜBER ARGYLE
Argyle ist ein schottischer Sänger und Songwriter, der seit 2015 in der Schweiz lebt. Der 31-Jährige wuchs in einer Kleinstadt als Sohn eines indischen Vaters und einer schottischen Mutter auf und brachte sich das Gitarrenspielen als Teenager selbst bei – mithilfe von Youtube-Videos.
Mit 18 zog er nach Amsterdam, wo er als Strassenmusiker seinen Lebensunterhalt verdiente. Dort lernte er eine Schweizerin kennen und kam schliesslich in die Schweiz. Auch nach dem Ende der Beziehung blieb er hier – und entdeckte unter anderem das Snowboarden für sich.
In der Schweizer Musikszene hat sich Argyle inzwischen etabliert. Er arbeitet mit Künstlern wie Linda Elys, Marius Bear, Dana oder Remo Forrer zusammen, dessen ESC-Beitrag «Watergun» er mitverfasst hat.
Seine Musik ist geprägt von Ehrlichkeit, persönlichen Erfahrungen und einem feinen, oft schwarzen Humor – begleitet von seinem unverkennbaren schottischen Akzent. Privat setzt er auf Ausgleich durch Kampfsportarten wie Thaiboxen und Jiu-Jitsu. Ein bisschen Schweizerdeutsch spricht er inzwischen auch.
SWO

