Wie Wahrnehmung, Emotionen und Substanzkonsum Gewalt befeuern
17.04.2026 InterviewEine Auseinandersetzung, wie sie im Alltag vorkommen kann, mit weitreichenden Folgen: Wir haben mit Dr. phil. Daniel Regli, Leiter Weiterbildung, klinischer Mitarbeiter und Supervisor an der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern, darüber ...
Eine Auseinandersetzung, wie sie im Alltag vorkommen kann, mit weitreichenden Folgen: Wir haben mit Dr. phil. Daniel Regli, Leiter Weiterbildung, klinischer Mitarbeiter und Supervisor an der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern, darüber gesprochen, wie solche Situationen eskalieren, welche Rolle Wahrnehmung, Emotionen und Gruppendynamik spielen und warum sich solche Fälle oft nur schwer eindeutig einordnen lassen.
JOCELYNE PAGE
Wie kann es aus psychologischer Sicht passieren, dass eine alltägliche Situation ohne erkennbaren Konflikt so schnell in Gewalt umschlägt?
Zuerst möchte ich betonen: Solche Vorfälle sind aus meiner Sicht nichts Aussergewöhnliches. Sie kommen im Alltag vor und lassen sich ohne den konkreten Kontext oft nur schwer eindeutig einordnen. Man muss vorsichtig sein, daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen. Dennoch lassen sich einige Faktoren benennen, die eine Rolle spielen können, wie beispielsweise Alkohol. Er senkt die Hemmschwelle und verändert die Wahrnehmung, was impulsives Verhalten begünstigt. Dazu kommen individuelle Faktoren wie persönliche Erfahrungen oder Prägungen. Aus forensisch-psychologischer Sicht sieht man häufig, dass solche Delikte unter Substanzeinfluss passieren. Zudem kann es generell in bestimmten Situationen zu Auslösern kommen, die mit persönlichen Empfindlichkeiten oder Verletzungen zusammenhängen. Wenn etwa der Selbstwert oder das eigene Selbstkonzept betroffen sind, kann dies in Kombination mit Alkohol zu einer Eskalation führen.
Gibt es typische Auslöser oder Muster, die solche Eskalationen begünstigen?
Ich würde nicht von typischen Mustern sprechen. Es gibt Situationen, die bereits aufgeheizt sind, etwa in bestimmten Gruppenkonstellationen wie der Hooliganszene. Dort kann eine reduzierte Hemmschwelle gegenüber Aggression eine entsprechende Dynamik auslösen und verstärken. Auf der Ebene des Individuums spielt aus psychologischer Sicht oft die Bedrohung der eigenen Identität eine Rolle. Menschen reagieren unterschiedlich darauf. Auch gesellschaftliche Strömungen wie die sogenannte «Manosphere» (siehe Kasten) können Einfluss auf Gewaltbereitschaft haben.
In diesem Fall waren zwei Brüder beteiligt: Welche Dynamiken entstehen, wenn Menschen nicht allein, sondern gemeinsam handeln?
In einer Gruppe oder auch zu zweit fühlt man sich oft stärker. Entscheidend ist auch, in welchem Verhältnis die Personen zueinanderstehen und welche gemeinsame Geschichte sie haben. Wie sind sie aufgewachsen? Gemeinsame Erlebnisse? Das kann die Dynamik einer Eskalation zusätzlich beeinflussen.
Inwiefern verstärkt eine solche Konstellation die Bereitschaft zur Gewalt?
Wenn eine enge Beziehung besteht, etwa zwischen Geschwistern, kann ein Schutzmechanismus greifen. Man greift ein, um die andere Person zu verteidigen. Das kann ein erlernter Reflex sein, insbesondere wenn in der Vergangenheit ähnliche Situationen erlebt wurden. Je näher man sich steht, desto eher ist man bereit, einzugreifen.
Beim vorliegenden Fall schilderten die Beteiligten den Vorfall im Nachhinein anders, als ihn die Beweise zeigen. Wie lässt sich das psychologisch erklären?
Das menschliche Gedächtnis ist kein objektiver Speicher, sondern dient auch dem Selbstschutz. Menschen ordnen Erlebnisse so ein, dass sie zum eigenen Selbstbild passen. Wenn eine grosse Diskrepanz entsteht, etwa weil das eigene Verhalten nicht zum Selbstbild passt, werden Informationen teilweise ausgeblendet oder umgedeutet. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Man sieht das auch in anderen Kontexten, etwa in Paartherapien, wo zwei Personen dieselbe Situation völlig unterschiedlich schildern.
Welche Bedeutung haben denn Emotionen wie Kränkung, Ehrgefühl oder vermeintliche Provokation in solchen Momenten?
Diese Emotionen spielen eine zentrale Rolle. Wenn sich jemand gekränkt oder in seiner Identität bedroht fühlt, kann das ein starker Auslöser sein. Es ist gut möglich, dass solche Gefühle die Eskalation entscheidend beeinflussen, unabhängig davon, was objektiv passiert ist.
Wie ordnen Sie es ein, dass die Zuschreibung, jemand sei schwul, in einer heute grundsätzlich offeneren und liberaleren Gesellschaft offenbar immer noch als Provokation wahrgenommen wird und sogar Gewalt auslösen kann?
Es gibt eine Zunahme von Hate Crime gegen die LGBTQ+-Community, wobei auch eine höhere Sensibilität und Anzeigebereitschaft eine Rolle spielen dürfte. Im konkreten Fall lässt sich ohne genaue Kenntnis der Umstände und der Gerichtsunterlagen schwer beurteilen, was tatsächlich gesagt wurde. Solche Situationen können sich gegenseitig hochschaukeln, sodass die Beteiligten in eine Eskalationsspirale geraten und die Kontrolle verlieren. Ich würde es aber auch als irritierend bezeichnen, dass «schwul» in gewissen Kontexten noch immer als Schimpfwort dient.
Warum fällt es vielen Menschen schwer, die eigene Verantwortung in solchen Situationen anzuerkennen?
Die eigene Schuld anzuerkennen, kann das Selbstbild stark belasten. Menschen möchten sich in einem positiven Licht sehen. Wenn sie Verantwortung übernehmen, müssen sie sich mit eigenen Fehlern auseinandersetzen. Deshalb neigen viele dazu, Ursachen nach aussen zu verlagern. In der Psychologie spricht man von Attribution: Man erklärt ein Verhalten entweder mit eigenen Eigenschaften oder mit äusseren Umständen. Die Verschiebung nach aussen schützt das Selbstbild, verhindert aber oft eine echte Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten.
Welche präventiven Ansätze könnten helfen, solche Eskalationen frühzeitig zu verhindern?
Es gibt verschiedene Ansätze, etwa Anti-Aggressionstrainings oder Massnahmen im Umgang mit Alkohol. Wichtig ist, Probleme früh zu erkennen. Menschen, die Schwierigkeiten haben, Konflikte verbal zu lösen, können lernen, alternative Strategien zu entwickeln. Dazu gehören Techniken zur Emotionsregulation und Deeskalation. Auch strukturelle Massnahmen, etwa Einschränkungen beim Alkoholkonsum in bestimmten Kontexten, können einen Einfluss haben.
WAS IST «MANOSPHERE»?
Die «Manosphere» – deutsch Mannosphäre – bezeichnet ein loses Netzwerk von Online-Foren, Blogs und Communities. Dort tauschen sich vor allem Männer über Themen wie Beziehungen, Selbstbild und gesellschaftliche Rollen aus. Der Begriff «Manosphere» tauchte laut Studien erstmals 2009 im Blogumfeld auf und wurde später von den Medien und der Wissenschaft aufgenommen.
Ein Teil dieser Inhalte ist stark von antifeministischen Haltungen geprägt. Häufig geht es um traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, etwa Dominanz, Kontrolle und Abgrenzung gegenüber Frauen. In einigen Bereichen werden auch Strategien diskutiert, wie Männer mehr Einfluss in Beziehungen oder im Dating erlangen können. Die Inhalte sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Selbstoptimierung bis hin zu problematischen und teils extremen Ansichten über Geschlechterrollen.
Eine extreme Figur in diesem Umfeld ist der britisch-amerikanische Influencer Andrew Tate. Er wurde durch provokante Aussagen zu Männlichkeit, Frauen und Erfolg bekannt und gilt als prägender Vertreter dieser Online-Szene. Gegen ihn laufen seit Jahren in mehreren Ländern Ermittlungen, unter anderem wegen Vorwürfen wie Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Geldwäsche. Es sind aktuell noch Verfahren hängig.
Auch in der Popkultur wird das Thema zunehmend aufgegriffen. Die Netflix-Serie «Adolescence» etwa beschäftigt sich mit Jugendlichen, die mit Online-Inhalten zu Männlichkeit und Zugehörigkeit konfrontiert sind. Sie wurde international vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit mehreren Emmy Awards und Golden Globes, und hat eine breite öffentliche Debatte ausgelöst. So wurde sie etwa auch von politischen Akteuren als Ausgangspunkt genutzt, um über toxische Männlichkeitsbilder und den Einfluss von Online-Subkulturen auf junge Männer zu diskutieren.
PD/JOP


