Wieviel Luxus braucht Gstaad? Über die Tugend der Mässigung
27.02.2026 KircheWir befinden uns in hysterischen und masslosen Zeiten: Die Medien leben davon, dass jedes Ereignis hochgeputscht wird, die Nerven sind in ständiger Aufregung. Die Wirtschaft muss immer weiterwachsen und die Kosmetikindustrie verspricht im Wochenrhythmus neue Produkte, auf dass wir ...
Wir befinden uns in hysterischen und masslosen Zeiten: Die Medien leben davon, dass jedes Ereignis hochgeputscht wird, die Nerven sind in ständiger Aufregung. Die Wirtschaft muss immer weiterwachsen und die Kosmetikindustrie verspricht im Wochenrhythmus neue Produkte, auf dass wir schöner und schlanker werden.
Bei vielen von uns finden sich vollgestopfte Kleiderschränke und überquellende Spielzeugregale; Zweit- und Drittautos verstopfen die Autobahnen. «Ehrsucht» und «Gefallsucht» sind altmodische Worte für den modernen Zwang nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und in Gstaad werden immer mehr Luxus-Hotels gebaut; teure Boutiquen, Restaurants und Galerien verdrängen die Mittelschicht. Sind ein «Gstaad House» und ein 300-Millionen-Chalet wirklich nötig?
Wo also liegt das rechte Mass? Wie viele Schuhe braucht der Mensch? Wie entkommen wir den Stricken der Hysterie und der Masslosigkeit?
Die Mitte finden
Ein alter Mythos erzählt: Wenn das Auge des Adlers trübe wird, dann macht sich der Adler auf den Weg in die Höhe und fliegt, bis er zur Sonne kommt. Dort verbrennt er sich die Flügel, stürzt hinab in die Tiefen und löscht das Feuer in den Fluten des Wassers. Danach ist sein Auge wieder frisch und klar und die Kraft der Jugend ist zurückgekehrt.
Diese Legende lehrt: Das rechte Augenmass und einen scharfen Blick bekommt ein Wesen nur dann, wenn es die ganze Weite des Himmels und der Erde, wenn es Feuer und Wasser kennt. Die Mitte findet nur, wer an den Rändern war.
Gelassen werden
Der Prophet Jesaja sagt: «Die auf den Herrn harren, werden sein wie Adler.» (Jes 40,31) Mit anderen Worten: Die auf Gott hoffen, werden einen gelassenen Blick haben, der aus einer inneren Ruhe kommt. Ihr Auge wird nicht verschleiert sein von kleinlichem Klagen, sie werden ihre Kräfte nicht erschöpfen in pedantischem Meckern, sie werden nicht blind sein vor Zorn oder Ärger. Nein, sie werden ihr Leben aufgehoben wissen im weiten Horizont der Wahrheit Gottes. Denn sie erkennen: Von Gott komme ich her und zu ihm kehre ich zurück. Da wird relativ, was gerade so wichtig scheint oder so furchtbar störend wirkt.
Die Weite Gottes erkennen
Das rechte Mass findet also, wer sein Leben in die Weite Gottes stellt. Die Mässigung ist eine Tugend, die am Ostermorgen beginnt: Kein Stein verstellt den Blick, kein Tränenschleier liegt über den Augen und der Tod setzt keine Grenze mehr. Gelassenheit und Trost, meine Mitte finde ich, wenn ich den auferstandenen Christus erkenne.
Das rechte Mass treffen
Aber: Mässigung ist keine einfache Sache. Die meisten kennen die Verlockung des Immer-mehr. Noch eine Jacke. Noch ein Stück Schokolade. Und nein, es ist nicht so, dass ich auf alles verzichten will, es geht mir nicht darum, das Immer-mehr in ein zwanghaftes Immer-weniger umzuwandeln. Mir ist daran gelegen, das richtige Mass zu treffen. Wann ist genug? Was brauche ich? Was ist übertrieben? Ich habe manchmal das Gefühl, dass uns als Gesellschaft, als westliche zumal, der Rhythmus und das rechte Mass abhandengekommen sind. Gewiss, in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist unser Leben schneller, bequemer und praktischer geworden – aber ist es das, was wir brauchen?
Sich aus der Hand geben
Wie also können wir es besser machen? Ich bin der Meinung, wir machen es besser als solche, die, mit dem Propheten Jesaja zu reden, «auf den Herrn harren». Wir blicken von uns selbst weg und erkennen die Weite Gottes, wir geben uns aus der Hand und empfangen uns neu. Mässigung hat zu tun mit Loslassen und der Suche nach dem inneren Gleichgewicht. Mässigung hat zu tun mit Nüchternheit, mit Gelassen und Unaufgeregt sein.
Im «Jetzt» leben
Ich finde: Masslosigkeit ist kein Zeichen für ein reiches und intensives Leben. Im Gegenteil: Masslose fürchten nichts mehr als den Aufschub. Masslose wollen immer alles – und zwar sofort. Deshalb sind sie immer auf dem Sprung und halten Ausschau nach dem nächsten Was-auch-immer. Sie können nicht verweilen, sondern sind stets zappelig, rastlos und ungeduldig. Masslosigkeit ist immer auf Zukunft aus, mit der Gegenwart tut sie sich schwer. Wer so lebt, kann nicht verweilen und geniessen, er oder sie verpasst den Moment.
Verzichten können
Die Haltung des Masses, die Mässigung dagegen, lässt sich bei den Geniessern studieren. Genuss lebt vom Aufschub und von Phasen des Verzichts. Ausschweifung und Fülle sind nur dann grossartig, wenn wir sie nicht auf Dauer haben. Überangebote und der ständige Zugang zu allen Freuden erzeugen keinen Genuss, sondern Überdruss. Zum Beispiel: Ein frisch gezapftes Bier oder ein kühles Glas Weisswein schmeckt dann und nur dann wunderbar, wenn ich es nicht jeden Tag trinke. Das Erlebnis der Fülle braucht die Erfahrung von Knappheit.
Sich berühren lassen
Freilich: Mässigung richtet sich auch, aber nicht nur, auf den Umgang mit Dingen und Wünschen. Mässigung hat vor allem zu tun mit der Hoffnung auf Gott; wir erinnern uns an den Propheten Jesaja: «Die auf den Herrn harren werden sein wie Adler.» Einem Zustand innerer Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Kraft, strebe ich dann nach, wenn ich Gott den Grund und das Ziel meines Lebens sein lasse – nichts und niemanden sonst. Martin Luther sagt es so: «Du sollst Mensch sein und nicht Gott.» Knapper geht es nicht. Was für eine Entlastung von überzogenen Selbstansprüchen. Ich muss mich nicht selbst erlösen, rastlos und masslos, durch immer neue Kicks, durch Formen krankhafter Selbstsorge oder die Suche nach dem perfekten Augenblick. Nein, ich lasse mich berühren und finde meine Mitte.
BRUNO BADER
DIE LEHRE VON DEN TODSÜNDEN …
… wurde in der Alten Kirche zunächst als Leitbild für Mönche entworfen, im Mittelalter wurde sie ausgebaut und weiterentwickelt. Der italienische Dichter und Philosoph Dante Alighieri formte sie in seiner «Göttlichen Komödie»: Hier führen die einzelnen Verhaltensweisen zunächst in das Fegefeuer und dann in die Hölle; im Falle einer Läuterung freilich kann das Schlimmste abgewendet werden und der Weg führt dann doch ins Paradies.
Die sogenannten Todsünden bezeichnen Grundgefährdungen des Menschen; sie meinen ein Verhalten, das auf Dauer nicht zum Glück, sondern zum Unglück führt. Die Todsünde ist ein Gebaren, das anderen und mir selbst schadet.
Im Einzelnen lauten die Todsünden:
– Hochmut (Stolz, Eitelkeit, Übermut)
– Geiz (Habgier, Habsucht)
– Wollust (Ausschweifung, Genusssucht, Begehren, Unkeuschheit)
– Zorn (Jähzorn, Wut, Rachsucht)
– Völlerei (Gefrässigkeit, Masslosigkeit, Unmässigkeit, Selbstsucht)
– Neid (Eifersucht, Missgunst)
– Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Überdruss, Trägheit des Herzens)
DIE EVANGELISCHEN TUGENDEN…
…bezeichnen ein Verhalten, das mir selbst und anderen guttut. Sie lauten im Einzelnen:
– Glaube
– Liebe
– Hoffnung
– Mässigung/Besonnenheit
– Demut
– Nächstenliebe/Barmherzigkeit
– Gerechtigkeit
– Tapferkeit
– Weisheit/Klugheit
– Höflichkeit/Sanftmut
– Haltung des Herzens
– Freimut
– Dankbarkeit
– Gebet
– Humor
– Musse


