37. Country Night: Amber Rae feiert Premiere in Gstaad
15.09.2026 KulturZwei Abende, ein Zelt voller Cowboystiefel und Fransenjacken: Am 11. und 12. September ging im Festivalzelt Gstaad die 37. Ausgabe der Country Night Gstaad über die Bühne. Der Samstagabend war schon Wochen zuvor ausverkauft, für den Freitag gab es an der Abendkasse noch einzelne ...
Zwei Abende, ein Zelt voller Cowboystiefel und Fransenjacken: Am 11. und 12. September ging im Festivalzelt Gstaad die 37. Ausgabe der Country Night Gstaad über die Bühne. Der Samstagabend war schon Wochen zuvor ausverkauft, für den Freitag gab es an der Abendkasse noch einzelne Tickets.
CLAUDIA HEINE
Zum Auftakt beider Abende stand mit Amber Rae eine junge Schweizerin auf der Bühne, ehe mit Drake Milligan, der «Appalachian Road Show» und schliesslich Countrylegende Dwight Yoakam das internationale Schwergewicht des Abends folgte.
Amber Rae: von der Zuschauerin zur Bühnenkünstlerin
Für die grösste Aufmerksamkeit im Vorfeld sorgte ausgerechnet die Künstlerin, die um 18 Uhr eröffnete: Amber Rae, 28, feierte in Gstaad ihre Festivalpremiere. Die im thurgauischen Frauenfeld lebende Sängerin mit amerikanischen Wurzeln hat sich in den letzten Jahren mit Songs wie «Come A Little Closer» und ihrem Debütalbum «Cowgirl Goodbye» in der Schweizer Countryszene einen Namen gemacht.
Wie sie dem «Anzeiger von Saanen» am Freitagabend nach ihrem Auftritt erzählte, sass sie vor vier Jahren selbst noch als Zuschauerin im Festivalzelt. Nun stand sie auf genau jener Bühne, auf der einst ihr Vorbild Carly Pearce spielte (siehe Artikel «Vor vier Jahren habe ich hier nur zugeschaut – heute stehe ich auf der Bühne», Seite 5).
Zwei weitere Bands heizen im Zelt ein
Zwei weitere Formationen sorgten für aufgeladene Stimmung: Der Texaner Drake Milligan, ein aufstrebender Entertainer, heizte dem Publikum bereits kurz nach Amber Rae ein. Nach seinem Erfolg bei «America’s Got Talent» im Jahr 2022 schaffte er den internationalen Durchbruch und tourt derzeit mit seiner «Tumbleweed» World Tour durch Deutschland.
Am späteren Abend folgte mit der «Appalachian Road Show» ein hochkarätiges Ensemble. Der Grammy-nominierte Banjospieler und Leadsänger Barry Abernathy und seine Band überzeugten mit Bluegrass-Klängen und virtuosem Saitenspiel. Die Band interpretierte schwungvoll und melodisch die Geschichten der amerikanischen Appalachen-Region.
Dwight Yoakam: die Rückkehr einer Legende
Den Hauptact des Abends bildete niemand Geringerer als Dwight Yoakam. Der mehrfache Grammy-Gewinner, der weltweit über 25 Millionen Tonträger verkauft hat, stand bereits 1992 – in den Anfangsjahren der Country Night, damals noch im Zelt beim Eggli – als Headliner auf der Bühne und kehrte nun nach 34 Jahren zurück nach Gstaad.
Mehr als nur Musik: das Rahmenprogramm auf dem Gelände
Wer nicht nur wegen der Konzerte kam, fand auf dem Festivalgelände einiges zu entdecken: Auf dem Aussengelände lockten diverse Stände, Verpflegung, zwei Aussenbars sowie ein Lunapark mit Fahrgeschäften. Wie in den Vorjahren gab es ebenfalls den beliebten Kinderbereich mit Hüpfburgen. In der vollen Festhalle erwartete die Gäste ein grosses Festwirtschaftsangebot, dazu mehrere Bars im Westernstil und natürlich diverse Stände, um beispielsweise Cowboyhüte oder Westernstiefel einzukaufen.
Marcel Bachs Fazit: Dank, Erinnerung und Ausblick
Zum Abschluss des Wochenendes richtete OK-Präsident Marcel Bach am Samstagabend seine traditionelle Schlussrede ans Publikum. Er erinnerte an den 25. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001, der auf den Eröffnungsabend des Festivals fiel, und gedachte der im August verstorbenen Countrylegende Dolly Parton. Bach dankte allen Künstlerinnen und Künstlern sowie dem freiwilligen Helferteam für ihren Einsatz.
Für den «Anzeiger von Saanen» zog Bach zudem Bilanz: «Über das Ganze gesehen hatten wir eine gute Show mit vielen begeisterten Besuchenden», sagt er. Einzig beim Freitagabendauftritt von Dwight Yoakam habe es Lautstärkeprobleme gegeben, die am Samstag behoben werden konnten. Ein einzelnes Highlight will er nicht benennen: «Ich verstehe die Show als ganzes Programm.»
Grössere Neuerungen seien für die nächste Ausgabe nicht geplant. Die 38. Ausgabe findet 2027 nochmals im gewohnten Rahmen statt, ehe das Festival 2028 bis 2030 voraussichtlich auf den Flugplatz Saanen ausweicht – bevor mit der neuen Gstaad Concert Hall eine «grosse Verbesserung» folgen soll. Für 2027 kündigt Bach bereits ein grosses Abschiedskonzert im Alpengalazelt mit einem Best-of der 37-jährigen Festivalgeschichte an, dazu «einen speziellen Leckerbissen für die Jungen» am Samstagabend.
«Vor vier Jahren habe ich hier nur zugeschaut – heute stehe ich auf der Bühne»
Vor vier Jahren sass Amber Rae noch als Zuschauerin im Zelt der Country Night Gstaad und sagte zu ihrem Mann: «Irgendwann möchte ich hier auch auftreten.» Am Freitag wurde der Traum der 28-jährigen Sängerin Realität. Im Interview sprach sie über ihre amerikanischen Wurzeln, ihren Alltag als Lehrerin und aufstrebende Künstlerin sowie ihre musikalischen Pläne.
CLAUDIA HEINE
Auf die Frage, ob sie immer schon in der Schweiz gelebt habe, überlegt Amber Rae kurz. «Meine Mama ist Amerikanerin, und dadurch bin ich sehr mit der amerikanischen Tradition aufgewachsen – aber in der Schweiz», erzählt sie. «Wir haben zu Hause nur Englisch gesprochen.» In den Ferien sei die Familie regelmässig zu Verwandten nach Arizona gereist – «Wild West», wie sie lachend anfügt. Durch ihre amerikanischen Wurzeln sei die Countrymusik quasi automatisch Teil ihres Lebens gewesen. «Ich mag die ganze Bandbreite des Country. Für mich ist es im Grunde Singer-Songwriter-Musik.»
Vom Hochzeitssingen zur Bühne
Schon als Kind habe sie Theater gespielt und Gedichte geschrieben, erzählt sie, «an jedem Familienfest haben wir etwas vorgesungen». Mit elf, zwölf Jahren habe sie zu tanzen begonnen und schon bald an Hochzeiten gesungen – «ziemlich jung», wie sie selbst festhält. Über ein Musikstudium sei dann alles zusammengekommen. Heute ist sie 28 und lebt mit ihrem Mann Dennis, der zugleich ihr Gitarrist ist, in Frauenfeld.
Von der Zuschauerin zur Headlinerin
Besonders persönlich wird es, als sie von ihrem letzten Besuch der Country Night Gstaad erzählt. «Als Zuschauerin bin ich schon mal da gewesen, vor vier Jahren. Carly Pearce war einer der Headliner und ich bin ein riesiger Fan von ihr», sagt sie. Damals sei sie mit ihrem Bruder, dessen Frau und ihrem Mann angereist, man habe im Hotel übernachtet. «Ich weiss noch, wie ich ins Zelt zum Carly-Pearce-Auftritt hineingegangen bin und zu meinem Mann gesagt habe: ‹Irgendwann möchte ich hier auch auftreten.› Und jetzt, vier Jahre später, stehen wir auf der Stage», sagt sie und schüttelt selbst leicht ungläubig den Kopf. Gebucht worden sei sie, weil sie mit ihrer Single und ihrem Album in den vergangenen zwei Jahren zunehmend Bekanntheit erlangt habe. «Die Leute sind auf mich aufmerksam geworden.» Backstage teilen sich laut Amber Rae alle Künstlerinnen und Künstler denselben Bereich, «aber vor der Show ist jeder ein bisschen für sich». Umso mehr freute sie ein Kompliment des Schlagzeugers von Drake Milligans Band: «Hey, sounds great.»
Alltag zwischen Klassenzimmer und Minivan
Vom grossen Bühnenleben ist Amber Rae unter der Woche weit entfernt: Sie arbeitet weiterhin zu 70 Prozent als Lehrerin, «und am Wochenende sind wir immer im Auto unterwegs, an irgendwelche Feste» – mit der ganzen Band in einem Minivan, nicht im Tourbus. «Recht cool», findet sie das selbst. Finanziell trage vor allem Social Media die Karriere: «Man muss immer zeigen, was man gerade macht. Wenn jemand auf meine Seite geht und sieht, es läuft mega viel, dann wollen sie mich auch für ihren Event buchen. Wenn ich ein halbes Jahr nichts mache, fragen sich die Leute: Macht sie überhaupt noch Musik?» Der Gstaad-Auftritt war zugleich ihr letzter Termin des Sommers – «jetzt haben wir zwei Wochen Pause».
Texas, Nashville und die Pläne fürs zweite Album
Richtig aufgeregt wird Amber Rae, wenn sie von den kommenden Monaten spricht. Im Oktober reist sie mit der Band erstmals in die USA: Sie ist für einen internationalen Country Award in Texas nominiert, in welcher Kategorie, steht noch nicht fest – «vielleicht Best Female Artist, Best Performance», mutmasst sie. Danach geht es weiter nach Nashville, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann und verschiedenen professionellen Songwritern an neuem Material schreibt – organisiert über ihren Musikverlag, der auch Sessions in Deutschland vermittelt hat. Über den Winter stehen zudem weitere Konzerte an, unter anderem in Zürich. Ausserdem läuft eine Kooperation im benachbarten Liechtenstein. Für das geplante nächste Album, das eher in zwei-, dreijährigem Rhythmus statt jährlich erscheinen soll, kündigt sie einen neuen, poppigeren Sound an: «Das Ziel ist, dass es nicht nur die Countryszene anspricht.» Auf die Frage, was als Nächstes passiere, lacht sie: «Keine Ahnung, aber sicher grössere Bühnen, mehr Konzerte. Mal schauen.»









