Mit der bevorstehenden Sömmerung steigt die Sorge vor dem Wolf

  24.04.2025 Region

Zwei Wolfsrisse vor gut zehn Tagen an Nutztieren in den Kantonen Bern und Waadt sorgen für Diskussionen. Auch im Saanenland treffen Nutztierhalter erhöhte Sicherheitsmassnahmen und der Naturschutz fordert die Akzeptanz der Koexistenz.

KEREM S. MAURER
«Die Saison der Wolfsrisse hat begonnen», schreibt der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband (SAV) in einer Medienmitteilung und vermeldet, dass Wölfe «in den letzten Tagen in mehreren Regionen der Schweiz» Nutztiere gerissen hätten, obschon diese korrekt geschützt gewesen seien. Auf Anfrage dieser Zeitung präzisiert SAV-Präsident und SVP-Grossrat, Ernst Wandfluh, es gehe um die Mitte April in Schattenhalb gerissenen Esel und um – im gleichen Zeitraum – gerissene Schafe in der Waadt. Jetzt, da die Alpvorbereitungen im Gang seien und erste Nutztiere bald auf die Sömmerungsweiden gebracht würden, beobachteten die Alpbewirtschafter:innen das Geschehen mit Sorge, denn die Wolfssituation sei «eine der grössten Herausforderungen für die Alpwirtschaft».

Keine Vorkommnisse im Saanenland
Ein Blick auf das Wolfsmonitoring des Bernischen Jagdinspektorats zeigt, dass bislang im Saanenland noch nie Nutztiere von Wölfen gerissen worden sind. «Das mag schon sein, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit», sagt David Perreten, Präsident der landwirtschaftlichen Vereinigung Saanenland (LVS), auf Anfrage. Er bestätigt, dass die Nutztierhalter, insbesondere die Schafhalter, sehr wachsam seien und Zeit sowie Geld in den Schutz ihrer Tiere investierten, denn: «Es geht ja nicht nur darum, die Tiere vor dem Wolf zu schützen, sondern vor allen Grossraubtieren. Auch vor dem Luchs.» Der Schutz sei wichtig, doch müsse davon ausgegangen werden, dass die Wölfe sämtliche Schutzmassnahmen über kurz oder lang zu umgehen verstünden, denn, so Perreten: «Der Wolf ist extrem lernfähig.» Er wisse von Schafhaltern, die eine tiefer gelegene Alp neu dazu gepachtet hätten, um mit ihren Tieren ausweichen zu können, sollte die eigentliche Sömmerungsalp für die Nutztiere zu unsicher werden.

Für ein konfliktarmes Nebeneinander
Seit dreissig Jahren sei der Wolf in der Schweiz wieder heimisch, schreibt Pro Natura in einer Mitteilung und fordert die Akzeptanz der Koexistenz mit dem Beutegreifer. Seit dem ersten Wolfsnachweis in der Schweiz im Jahr 1995 habe sich eine Population von rund 300 Tieren oder 36 Rudeln (inklusive grenzüberschreitender Tiere) entwickelt. Parallel dazu habe sich der Schutz der Nutztiere durch Hirtinnen und Hirten, Zäune und Schutzhunde massiv gebessert. Die notwendigen Massnahmen für ein konfliktarmes Nebeneinander seien hinlänglich bekannt; ebenso die Tatsache, dass es kein einfaches Patentrezept gebe, so Pro Natura, und: «Ein möglichst flächiger, von der öffentlichen Hand weitgehend finanzierter Herdenschutz bleibt das A und O.» Gezielte, auch proaktive Eingriffe und Abschüsse von problematischen Einzelwölfen seien breit akzeptiert.

Wölfe leben gefährlich
Das Leben als Wolf in der Schweiz ist, obschon die Tiere unter Schutz stehen, sehr gefährlich. Im vergangenen Winter wurde laut Pro Natura rund jeder Dritte Wolf in der Schweiz abgeschossen. Auch die natürliche Sterblichkeit, Strassenunfälle und die Wilderei forderten ihren Tribut.

Apropos Wilderei: Eben ist bekannt geworden, dass die in Schattenhalb vor einer Woche gewilderte Wölfin mit fünf Jungen trächtig war. Ob es sich dabei um denselben Wolf handelt, der zuvor zwei Esel gerissen hatte, ist nicht bestätigt. Wer ein geschütztes Tier wildert, begeht ein Offizialdelikt und kann mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder einer Busse bestraft werden. Der Wertersatz für einen illegal getöteten Wolf beträgt gemäss kantonaler Jagdgesetzgebung 10000 Franken.

Die Naturschutzorganisation fordert eine neue Normalität im Umgang mit dem Wolf. Diese müsse wirksamen Herdenschutz umfassen, sachliche Berichterstattungen, notwendige und legitime Wolfsabschüsse, Aufklärung der Bevölkerung und richtiges Verhalten bei Wolfsbegegnungen, und: Unauffällige Wolfsrudel sollen in Ruhe gelassen werden. Der ökologische Beitrag des Wolfes an gesunde Wildhuftierbestände und (Schutz-)Wälder müsse wertgeschätzt werden.


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