Zwei Generationen, eine Kaffeekapsel
27.02.2026 KolumneRANDNOTIZ
JOCELYNE PAGE
Kaum ein Thema polarisiert so sehr wie der Klimawandel. Die einen warnen eindringlich, die anderen winken ab. Dazwischen: viel Emotion. Angst. Wut. Trotz. Hoffnung. Und manchmal auch einfach Überforderung.
Besonders hitzig wird es ...
RANDNOTIZ
JOCELYNE PAGE
Kaum ein Thema polarisiert so sehr wie der Klimawandel. Die einen warnen eindringlich, die anderen winken ab. Dazwischen: viel Emotion. Angst. Wut. Trotz. Hoffnung. Und manchmal auch einfach Überforderung.
Besonders hitzig wird es zwischen den Generationen. Die Jüngeren werfen den Älteren vor, zu lange weggeschaut, zu sorglos gelebt, zu viel verbraucht zu haben. Die Älteren wiederum fühlen sich pauschal verurteilt. Schliesslich habe man gearbeitet, aufgebaut, verzichtet. Und vieles von dem Wissen, das heute selbstverständlich ist, war damals schlicht nicht vorhanden.
Was mich stört: dieses Schwarz-Weiss. Dieses «Ihr seid schuld» gegen «Ihr übertreibt». Als würden sich ganze Jahrgänge in zwei Schubladen pressen lassen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen. Nicht auf «die Alten» oder «die Jungen». Sondern auf einzelne Lebensgeschichten.
Vor Kurzem durfte ich den Lebenslauf meines Grossvaters verfassen. 93 Jahre alt wurde er. Zweiter Weltkrieg. Rationierung. Als ältester Sohn musste er Geld verdienen, statt eine Lehre zu machen. Luxus war ein Fremdwort. Was man hatte, wurde gepflegt. Vom Schwein ass man alles. Der Garten lieferte Bohnen und Kartoffeln. Weggeworfen wurde nichts. Und dann kamen wir Kinder und Enkel mit unserer Vorstellung von Komfort.
Vor zehn Jahren schenkten wir ihm eine Kaffeemaschine mit Kapselsystem. Ein kleines Stück Moderne. Als ich ihn einmal besuchte, wollte ich uns beiden einen Kaffee machen. «Du darfst dann eine neue Kapsel nehmen», sagte er von der Eckbank aus. Ich nickte irritiert. Selbstverständlich, dachte ich.
Er klärte mich auf: Eine Kapsel reiche locker für zwei, manchmal drei Tassen. Man müsse sie nur ein zweites Mal durchlassen. Ich stand da mit meinem Nachhaltigkeitsbewusstsein der Generation Mehrwegbecher und Bio-Baumwolle und fühlte mich plötzlich erstaunlich verschwenderisch. Er hingegen dachte weder an CO2 noch an Recyclingquoten. Er dachte an den Preis pro Kapsel. Und daran, dass man Dinge nicht einfach wegwirft, solange noch etwas drin ist.
Der zweite Kaffee hatte mit «Aroma» nur noch lose Bekanntschaft geschlossen. Eher ein lauwarmer Gruss aus der Bohne. Aber für ihn war klar: Solange noch Farbe ins Wasser kommt, wird nichts entsorgt.
Natürlich: Eine einzelne wiederverwendete Kaffeekapsel rettet nicht das Klima. Und ja, wir stehen vor grossen Herausforderungen. Die Wissenschaft zeigt klar: Handeln ist nötig. Aber vielleicht täte der Debatte etwas mehr Demut gut. Und etwas weniger moralische Überlegenheit. Nicht jede ältere Person ist eine Umweltsünderin. Und nicht jede junge ein Klimaengel.
Vielleicht sollten wir weniger übereinander reden und mehr miteinander. Am besten bei einem Kaffee.
Mit frischer Kapsel.
Oder viel Zucker. Ansonsten ist es ungeniessbar.
Glauben Sie mir. Ich habe es getestet.
jocelyne.page@anzeigervonsaanen.ch
