Zwischen Arbeit und Musse – Gottes Spuren im Sommer entdecken
29.05.2026 KircheWenn wir unsere Agenda öffnen, müssen wir jetzt im Monat Juni nachschauen, welche Termine eingetragen sind.
Schon naht der längste Tag in diesem Jahr. Kurz vor sechs Uhr leuchtet ein erster Sonnenstrahl im letzten Schnee an der Scheibe (Berg in Oberwil) auf. Ein wunderbares ...
Wenn wir unsere Agenda öffnen, müssen wir jetzt im Monat Juni nachschauen, welche Termine eingetragen sind.
Schon naht der längste Tag in diesem Jahr. Kurz vor sechs Uhr leuchtet ein erster Sonnenstrahl im letzten Schnee an der Scheibe (Berg in Oberwil) auf. Ein wunderbares Bild, rötlich und golden. Es ist, als würde die Sonne den Menschen und den Tieren einen Gruss senden vom Schöpfer aller Dinge.
Auch wenn ein strenger oder sogar ein sorgenvoller Tag vor uns liegt, darf uns mit diesem Bild zugesagt sein: Gott/ Jesus Christus will mit uns sein.
Ein Psalmdichter, eventuell König David, hat einmal folgendes Lied gedichtet (wir finden diese Worte in Psalm 19): «Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagts dem andern, und eine Nacht tuts kund der andern, ohne Sprache und Worte; unhörbar ist ihre Stimme. Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt. Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn.»
In diesen langen Tagen wartet viel Arbeit auf die Bauern. Zum Beispiel das Vorbereiten für die Alpauffahrt. Das erste Mähen fürs Silieren oder das erste Heu mähen.
Auch auf den verschiedenen Baustellen werden die langen Tage ausgenutzt mit zusätzlichen Arbeitsstunden. Trotzdem ist es gut, wenn wir uns hie und da ein wenig Zeit nehmen für eine kürzere oder längere Wanderung. Wie wohltuend ist es, über den weichen Boden zu gehen, unter dem Schatten einer oder mehrerer Tannen. Wie hübsch ist doch das kleine weisse Buschwindröschen am Waldesrand. Nach einer längeren Wanderung dürfen wir uns an den Alpenlumen freuen. Alpenrosen, Enziane und an der schattigen Felsenwand eine Flühblume mit ihrem feinen Duft.
Zurück von der Wanderung kommen wir müde und doch bereichert. Vielleicht haben wir im Herzen noch das Staunen über all die Schönheit in den Bergen und den weiten Ausblick in die Ferne. Vielleicht haben wir noch den Gesang einer Lerche im Ohr.
Dann steigt eine demütige Dankbarkeit in uns hoch. Ja, sogar Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Unsere Arbeit wird dann zu einem Gebet und wir sind uns bewusst: Jeder Grashalm erwacht geheimnisvoll und nicht durch unsere Kraft. Wir dürfen einfach Gärtner und Gärtnerinnen sein.
Aber haben wir heute überhaupt noch Zeit, uns solchen Überlegungen zu widmen?
Darüber musste sich Andrea auch irgendwann Gedanken machen. Sie war eine tüchtige Berufsfrau in den Vierzigern. Täglich ging sie früh ins Büro. Am Abend nahm sie regelmässig noch einen Stapel Arbeit mit nach Hause und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.
Auch an den Wochenenden gönnte sie sich keine Ruhepausen. Der Haushalt musste gemacht sein und auch der Umschwung gepflegt werden. Schliesslich hatte sie das schöne Haus von ihren Eltern übernommen.
Andrea fühlte sich geschmeichelt, wenn sie von den Kolleginnen und Kollegen bewundert wurde, wie sie alles unter einen Hut bringe. Sie genoss es, im Mittelpunkt zu sein, wenn sie vor vielen Menschen ihr grosses Wissen weitergeben konnte.
An einem Tag durfte sie sogar eine besondere Ehrung entgegennehmen.
In der Nacht darauf wachte Andrea schweissgebadet auf und sie fühlte sich richtig krank. Das war für Andrea ungewohnt. Tags darauf ging es ihr so schlecht, dass es ihr unmöglich war, ins Büro zu gehen, und sie musste ihre Ärztin um einen Termin bitten. Nach mehreren Untersuchungen riet die Ärztin Andrea, sich für längere Zeit krankschreiben zu lassen.
Zusammen mit ihrer Freundin reiste sie für ein paar Wochen ans Meer. Sie liebte es, am frühen Morgen an den Strand zu gehen und längere Zeit dort zu verweilen oder zu spazieren. Immer wieder ging ihr Blick über das Meer. Nachdenklich schaute sie, wie die Wellen schäumend ans Ufer prallten und sich wieder zurückzogen. Andrea blickte weit hinaus über das Meer, bis zum Horizont. Ungewohnt lange blieb sie an einem Morgen am Meeresufer stehen. Auf einmal sprach sie zu sich selbst: «Wie wunderschön, so gewaltig ist das Meer. Ist nicht Jesus einmal über das Wasser gegangen, damals über den See Genezareth?» Sie nahm sich vor, diese Stelle in ihrer mitgenommenen Bibel nachzulesen. Nach dem Frühstück nahm Andrea die Bibel aus dem Koffer und schlug das Johannesevangelium auf. Schon bald fand Andrea die gewollte Bibelstelle.
Weil die beiden Frauen gute Freundinnen waren, konnte Andrea ihrer Freundin die Bibelstelle vorlesen. Dort steht: «Am Abend aber gingen seine Jünger hinab an den See, stiegen in ein Boot und fuhren über den See nach Kapernaum. Und es war schon finster geworden und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Und der See wurde aufgewühlt vom starken Wind.» Bei diesen Worten blickte Andrea auf und sagte zu ihrer Freundin: «Genau so geht es mir. Ich fühle mich oft wie in einem Sturm oder Gewitter.» Dann las ihre Freundin weiter: «Wie sich die Jünger fürchteten, als sie Jesus über das Wasser gehen sahen und zu ihnen ins Boot stieg. Er aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht.»
Am Abend, als Andrea zu Bett ging, wagte sie, ein Gebet zu verrichten. Jesus Christus ihre Ängste und ihre Müdigkeit darzulegen.
Als Andrea wieder zu Hause war, riet die Ärztin ihr, sich noch zwei drei Wochen zu schonen. Darum beschloss sie, noch ein paar Tage in die Berge zu gehen. In dem Bergdorf, wo sie als Kind und Jugendliche mehrere Male zusammen mit ihren Eltern die Ferien verbracht hatte, konnte sie bei einer Bauernfamilie eine kleine Ferienwohnung mieten.
Sie wurde von der Bäuerin eingeladen, für ein paar Tage auf die Alp zu kommen, auf welcher die Familie den Alpsommer verbrachte.
Auch hier wanderte Andrea gerne frühmorgens auf den Grat. Wenn die Sonne im Osten aufging, konnte Andrea sich kaum an diesem wunderschönen goldenen Glanz sattsehen
Einmal, als sie sich hingesetzt und die Zeit fast vergessen hatte, kam die Bäuerin zu ihr herauf. Die beiden Frauen, fast im gleichen Alter, kamen ins Gespräch. Andrea wagte das erste Mal, dieser fast unbekannten, aber so ruhigen Frau ihr Herz auszuschütten. Sie erzählte ihr, wie sie sich schäme, sie habe auf der ganzen Linie versagt. Die Bäuerin schwieg einen Moment. Dann erzählte sie ein wenig aus ihrem arbeitsreichen Leben. Sie erzählte auch, wie ihr Schwiegervater fest darauf beharrt hatte, dass die Familie wenn möglich den Feierabend rechtzeitig einhielt, und das habe ihr Mann auch beibehalten. Zuerst habe sie das fast lächerlich gefunden. Aber heute sei sie ehrlich froh darum.
Mit einem Lächeln meinte die Bäuerin am Schluss: «Sonst könnten wir die schöne Bergwelt ja gar nie geniessen und würden dies in unserem Leben verpassen.
«Ja», stimmte Andrea ihr zu, und weiter: «In einem Interview sagte der ehemals bekannte deutsche Sänger Udo Jürgens in etwa: ‹Wir brauchen beides, das Wissen und die Sehnsucht – darin besteht offensichtlich die Kunst des Lebens. Wer nur in seiner Sehnsucht lebt, kann sich verbrennen. Wer nur im Wissen lebt, für den wird alles kalt. Wir brauchen die Sehnsucht, damit in die kalte Welt unseres Wissens Wärme hineinströmt.›»
Vielleicht können wir diese Gedanken noch ergänzen: Wir brauchen die Arbeit und die Musse. Die gute Balance zwischen den beiden, liebe Leserin, lieber Leser, wünsche ich Ihnen in diesen Sommertagen.
HILDE TEUSCHER

