Wer am 29. Januar den historischen Saal des Alten Landhauses in Saanen betrat, geriet mitten hinein in ein Gespräch über die drängenden Fragen unserer Zeit. Ein ehemaliger Bundesrat und ein Kommunikationsprofi trafen dort anlässlich einer ...
Zwischen Authentizität und Weltpolitik: Eine dichte Lesung im Alten Landhaus in Saanen
02.02.2026 KulturWer am 29. Januar den historischen Saal des Alten Landhauses in Saanen betrat, geriet mitten hinein in ein Gespräch über die drängenden Fragen unserer Zeit. Ein ehemaliger Bundesrat und ein Kommunikationsprofi trafen dort anlässlich einer Lesung aufeinander. Im Mittelpunkt standen zwei sehr unterschiedliche Bücher, die sich im Kern überraschend nahe kamen: «Être soi pour convaincre» von Stefan Bannwart sowie «Ruptures – Plaidoyer pour une dynamique de la paix» und «La Suisse cardinale» von Joseph Deiss.
CLAUDIA HEINE
Zu Beginn des Abends stellte Kommunikationsberater Stefan Bannwart sein Buch «Être soi pour convaincre» vor – ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass echte Überzeugung nur dort entsteht, wo ein Mensch wirklich er selbst ist. Bannwart, seit Jahren in der Unternehmenskommunikation tätig und geprägt von der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs, zeigte, wie Körper, Emotion und persönlicher Rhythmus die Grundlage glaubwürdiger Kommunikation bilden. «Kommunikation scheitert immer», sagte er und liess eine kurze Pause, «aber wenn man sich gut vorbereitet, scheitert sie ein bisschen weniger». Der Saal reagierte mit Lachen, dann mit zustimmendem Murmeln.
Er grenzte sich klar vom Rollenund Maskenspiel vieler öffentlicher Auftritte ab: Wer eine Figur spiele, verliere Resonanz. «Ihr Publikum spürt sofort, ob Sie einen Panzer tragen oder wirklich da sind», erklärte er. An Beispielen von Winston Churchill über Roger Federer bis zu Hollywood-Stars machte er den schmalen Grat zwischen bewusst gestalteter Präsenz und bloss gespielter Pose sichtbar. Überzeugung bedeute nicht, das Gegenüber zu besiegen, betonte er: «Es geht darum, gemeinsam eine kleine, geteilte Siegessituation zu schaffen – das ist der eigentliche Sinn von ‹convincere›: zusammen gewinnen.»
Ein ehemaliger Bundesrat über Brüche und Frieden
Dann übernahm Joseph Deiss, alt Bundesrat und einst Präsident der UNO-Generalversammlung. Er sass an diesem Abend nicht hinter Mikrofonreihen in New York, sondern auf einem einfachen Stuhl im Alten Landhaus – doch sein Thema blieb global. In «Ruptures – Plaidoyer pour une dynamique de la paix» analysiert er moralische, technologische, wirtschaftliche und ökologische Brüche, die die Weltordnung erschüttern.
Besonders eindrücklich war seine Bemerkung, er hätte sich nie vorstellen können, «dass ein Staat, der die UNO-Charta unterschrieben hat, einen anderen UNO-Staat militärisch angreift». Gerade deshalb suche er nach einer neuen Vorstellung von Frieden: «Frieden darf nicht nur Abwesenheit von Krieg sein. Er muss zu einer Bewegung werden, etwas, das ansteckend wirkt.» Mit «La Suisse cardinale» zeigte Deiss eine andere Seite: Er schilderte, wie er die Schweiz zu Fuss durchquerte, begleitet von der fiktiven Figur Gothard. Diese Figur gab ihm, wie er sagte, «die Freiheit, nicht dauernd ich selbst sein zu müssen – und trotzdem sehr persönlich zu schreiben». In seinen Schilderungen klangen die Freude am Gehen, der Blick für kleine Begegnungen und ein leiser Humor mit, der den Saal immer wieder auflachen liess.
Politische Masken, Fake News und die Sehnsucht nach dem Echten
Richtig lebendig wurde die Diskussion, als sich das Gespräch der Frage zuwandte, wie authentisch Politik heute überhaupt noch sein kann. Deiss erzählte von seinen «drei C» – compétence, conviction und chaleur –, die ihn im Bundesrat geleitet hätten. Heute, bekannte er, fühle er sich freier: «Ich bin nicht mehr an eine Rolle gebunden. Das macht mich vielleicht weniger wichtig – aber ehrlicher.»
Der Bogen spannte sich rasch zu den Inszenierungen der Gegenwart, zu medialen Echokammern und zur Figur Donald Trump. Bannwart warnte vor «gespielter Authentizität»: «Wenn jemand sagt: ‹Ich bin einfach so, wie ich bin›, und gleichzeitig jede Geste im Spiegel einstudiert, spüren wir den Widerspruch.» Deiss schilderte, wie schwierig es geworden sei, mit internationalen Akteuren zu verhandeln, deren Wort nicht mehr als verlässlich gilt, und verwies auf Molières «Le Misanthrope», in dem radikale Wahrhaftigkeit und gesellschaftliche Kompromisse unversöhnlich aufeinanderprallen.
Aus dem Publikum kam die Frage, ob echte Authentizität in Zeiten von Fake News überhaupt noch erkennbar sei. Bannwart antwortete ohne Zögern: «Der Körper verrät uns viel. Innere und äussere Kongruenz – das bleibt das beste Kriterium.» «Mehr ich selbst sein» bedeute nicht Ego-Show, ergänzte er, «sondern Frieden mit dem eigenen Körper und dem eigenen Rhythmus. Erst dann entsteht Raum für ein echtes Gegenüber.»
Zusammenarbeit, die Vertrauen stiftet
Eine besondere Dynamik erhielt der Abend durch einen Schwenk in die gemeinsame Vergangenheit von Deiss und Bannwart: Kennengelernt hatten sie sich bei Alstom Suisse, wo Deiss als Präsident amtete und Bannwart die Unternehmenskommunikation leitete. Über mehrere Jahre arbeiteten sie an heiklen Themen wie Umweltauflagen, wirtschaftlichen Umbrüchen und der öffentlichen Wahrnehmung eines Industrieunternehmens.
«Ich brauchte jemanden, der mir widerspricht», sagte Deiss rückblickend. «Ein Sparringpartner, der nicht nach dem Mund redet, sondern nachfragt, nachschärft – und mich zwingt, klar zu werden.» Bannwart wiederum betonte, wie wichtig Mut, Prioritätensetzung und Respekt vor der begrenzten Aufmerksamkeit aller Beteiligten seien. An diesem Abend wurde spürbar, dass aus der beruflichen Zusammenarbeit ein fortdauernder Dialog gewachsen ist, in den das Publikum im Alten Landhaus miteinbezogen wurde.
Am Ende dieses Abends blieb der Eindruck, einem doppelten Gespräch beigewohnt zu haben: zwischen einem Praktiker der Authentizität und einem Denker der Weltpolitik – und zwischen Bühne und Publikum, das spürte, wie nah die grossen Fragen plötzlich an den eigenen Alltag heranrücken.



