«Der gesunde Menschenverstand sollte walten
06.10.2026 GesellschaftHerbstzeit ist Jagdzeit. Auch im Saanenland zieht es dann Jäger:innen an, nicht zuletzt wegen des Hirschvorkommens. Für Jäger:innen zählen dabei nicht nur gesetzliche Regeln, sondern auch ethisches Verhalten. Tom Schild, Präsident des Jagd- und Wildschutzvereins Saanenland, erzählt ...
Herbstzeit ist Jagdzeit. Auch im Saanenland zieht es dann Jäger:innen an, nicht zuletzt wegen des Hirschvorkommens. Für Jäger:innen zählen dabei nicht nur gesetzliche Regeln, sondern auch ethisches Verhalten. Tom Schild, Präsident des Jagd- und Wildschutzvereins Saanenland, erzählt im Interview, welche Rolle Anstand und Weidgerechtigkeit für ihn auf der Jagd spielen und warum Jagd für ihn mehr als nur ein Hobby ist.
MAXIME VÖGELE
Im Kanton Bern gilt die Patentjagd und nicht die Revierjagd. Wie geläufig ist es, dass Jäger nicht vor der eigenen Haustür, sondern weiter weg jagen gehen?
Das ist ziemlich geläufig. Als wir im Saanenland noch keine Hirsche hatten, sind viele von uns ins Haslital oder in Richtung Habkern zur Jagd gegangen. Gerade für die Rehjagd fahren auch einige Saaner ins Unterland, zum Beispiel ins Emmental. Weil wir jetzt hier den Hirsch haben, kommen viele aus dem Unterland zu uns auf die Hirschjagd.
Welche Probleme sind in der Vergangenheit aufgetaucht, wenn auswärtige Jäger:innen mit Praktiken kommen, die hier nicht üblich sind?
Wenn ich an einem anderen Ort auf die Jagd gehe, informiere ich mich vorher und suche den Kontakt zu einheimischen Jäger:innen. Ich spreche ab, wo ich jagen könnte, damit ich Rücksicht auf ihr Gebiet nehme, weil ich dort fremd bin. Genau das wünschen wir uns auch, wenn Jäger:innen aus dem Unterland zu uns kommen. Es gibt viele, die diesen Respekt zeigen, aber auch solche, die das nicht tun. Sie kamen teilweise, ohne Rücksicht auf die einheimischen Jäger:innen zu nehmen, und das hat zum Teil für böses Blut gesorgt.
Inwiefern?
Böses Blut entsteht, wenn sie in ein Gebiet kommen, wo auch einheimische Jäger:innen sind, und dort rücksichtslos jagen. Sie kamen und erlegten Hirsche auf eine Art und Weise, welche mit weidmännischer Jagd nicht mehr viel zu tun hatte. Sie schossen zum Beispiel Muttertiere von ihren Jungen weg und wollten um jeden Preis Beute machen. Sie fuhren mit den Autos überall hin, ob Fahrverbot oder nicht. Wir haben zwar die Jägervignette, die uns berechtigt, gewisse Strassen wie Forstwege zu befahren. Sie fuhren aber überall hin und stellten die Autos zum Teil auf die Felder. Die Bauern beklagten sich und dann hiess es nur noch «die Jäger». Ich würde aber sagen, dass ein ganz grosser Teil der Jäger diesen Anstand hat.
Können Sie uns die Weidgerechtigkeit erläutern?
Die Weidgerechtigkeit ist der Anstand gegenüber den anderen Jäger:innen, der einheimischen Bevölkerung, aber auch das angemessene Verhalten und die Ethik gegenüber dem Wild.
Gibt es Anstrengungen, Massnahmen einzuleiten?
Man hat versucht, mit den Jäger:innen das persönliche Gespräch zu suchen. Zudem haben wir einen Brief verfasst, den wir allen Jagdvereinen im Kanton Bern zugeschickt haben. Darin haben wir geschrieben, dass uns das Verhalten teilweise befremdet und dass die Jäger, die zu uns kommen, dies zwar dürfen, aber mit uns Kontakt aufnehmen und auch bei uns die Anstandsund Verhaltensregeln, also die Weidgerechtigkeit, leben sollen, welche sie in der Jagdausbildung gelernt haben. Der Brief ist im Grossen und Ganzen sehr gut angekommen. Ob er viel genützt hat, kann ich am Ende der Jagd sagen.
Sind das vor allem Einzelpersonen oder gibt es auch Gruppen, die sich so verhalten?
Sowohl als auch. Aber manchmal reicht eine Einzelperson, um das Ganze durcheinanderzubringen. Ich denke etwa an den Fall, bei dem ein Jäger fünf Hirsche erlegte. Diese wurden dann mit dem Heli zu einem Platz neben einer Strasse oder einem Wanderweg geflogen und dort auf einen Haufen geworfen. Wenn das die falsche Person sieht, gerät die Jägerschaft in ein sehr schiefes Licht. Wo ist da die Wertschätzung gegenüber dem Wild?
Wo liegt für Sie das eigentliche Problem?
Muss ich wirklich fünf Hirsche auf einmal erschiessen, und das innerhalb von 10 bis 15 Minuten? Habe ich nach ein oder zwei nicht genug? Das hat mit weidmännischer Jagd nichts mehr zu tun. Man könnte die Tiere auch schön hinlegen und ein wenig Ehrfurcht vor ihnen zeigen, statt sie einfach an einer Strasse auf einen Haufen zu legen, wo Leute vorbeigehen, die mit der Jagd nichts zu tun haben.
Welche Auswirkungen hat so ein Verhalten auf verschiedene Gruppen?
Das hat Auswirkungen auf die ganze Jagd. Man muss verstehen, dass wir eine kleine Minderheit in unserer Gesellschaft sind. Ich habe aber das Gefühl, dass die Akzeptanz für die Jagd im Saanenland allgemein sehr gross ist. Aber das sind Fälle, durch die die ganze Jägerschaft wegen einzelner Täter in Mitleidenschaft gezogen wird. Einen solchen Fall gab es kürzlich in Graubünden, als ein Jäger ein Pferd erschossen hat. Dann heisst es: «Die Jäger schauen nicht hin und schiessen auf alles, was sich bewegt.» Die Jägerschaft wird pauschal verunglimpft und das benötigt dann sehr viel Aufklärungsarbeit, um solches Fehlverhalten wieder einigermassen geradezubiegen. Zudem gibt es Gruppierungen von Jagdgegner:innen, die sich auf solche Dinge stützen, um die Jagd abzuschaffen.
Wie wichtig ist der Umgang mit Bildern der Jagd in der Öffentlichkeit?
Wenn ich mir vorstelle, dass jemand neben diesen aufeinandergeworfenen Hirschen vorbeifährt, ein Foto macht und das zum Beispiel dem «Blick» schickt, dann haben wir den Schaden. So lernt der Jungjäger, die Jungjägerin schon in der Ausbildung: «Ihr dürft ein Foto machen, wenn ihr ein Tier erlegt habt, aber postet es nicht auf Instagram oder anderen Kanälen.» Das ist gefundenes Fressen für Jagdgegner:innen. So versucht man, die Weidgerechtigkeit auch in der Öffentlichkeit zu leben, erlegtes Wild ehrfurchtsvoll zu behandeln und diese ungeschriebenen Gesetze wirklich einzuhalten.
Haben Sie im Verein Massnahmen, um bei den Jungjäger:innen unerwünschte Situationen und Verhaltensweisen zu verhindern?
Das ist bereits Teil der Jagdausbildung. Als Verein können wir unerwünschtes Verhalten aber nicht verhindern. Wenn einem Jäger oder einer Jägerin etwas auffällt, spricht man die fehlbare Person darauf an. Manchmal zeigt das Wirkung, manchmal bleibt die gewünschte Wirkung aber aus.
Sehen Sie Handlungsbedarf, Teile der Weidgerechtigkeit rechtlich einzubetten?
Das ist sehr schwierig. Wenn ich zum Beispiel ein Tier erlegt habe, gehe ich ehrfurchtsvoll damit um. Das kann man gesetzlich schwer festlegen. Es gibt Bräuche wie den letzten Bissen, bei dem man dem erlegten Tier einen Zweig ins Maul legt. Das kann ich machen oder auch nicht, ohne gesetzlich etwas falsch zu machen. Aber es ist eine gewisse Ehrerbietung gegenüber dem Tier. Die einen sagen: «Ich möchte ein schönes Foto, lege das Tier schön hin und gebe ihm den letzten Bissen», so macht es der grösste Teil der Jägerschaft. Die anderen sagen: «Das ist Fleisch, das ich für den Winter habe.» Für mich ist es viel mehr, es ist ein Erlebnis. Am Ende bedarf es unserer Meinung nach nicht mehr Gesetze. Der gesunde Menschenverstand sollte walten.
Sie sagen, dass die Jagd für Sie ein Erlebnis sei. Was macht sie so besonders?
Es ist eine riesige Passion. Jagd bedeutet für mich viele schöne Naturerlebnisse, Kameradschaft und auch Naturschutz. Als Jäger oder Jägerin tue ich sehr viel für unsere Fauna und Flora. Das Tüpfli auf dem i ist dann, wenn ich im Herbst auf der Jagd Erfolg habe. Aber auch alles andere gehört zur Jagd dazu und ist genauso schön. Das kann ein schöner Sonnenaufgang sein oder eine besondere Wildbeobachtung. Zurzeit kann man irgendwo hinsitzen, und dann hört man überall die Hirsche röhren. Da schmelze ich (schmunzelt). Das ist etwas so Eindrückliches und Ehrfurchtvolles. Ich gehe vielleicht zwanzig Mal auf die Jagd und habe nur ein einziges Mal Erfolg, aber bei den anderen Malen habe ich unzählige solcher Naturerlebnisse.
Man sieht beim Erzählen richtig die Passion in Ihren Augen.
Sicher nicht nur bei mir. Die Jagdpassion ist etwas, was für viele Partner:innen von Jäger:innen wahrscheinlich eine grosse Herausforderung ist und des Öfteren grosses Verständnis verlangt (lacht).
Gibt es etwas, was Sie sich für die Zukunft der Jagd wünschen?
Dass wir im Saanenland weiterhin ein gutes Verhältnis zur nichtjagenden Bevölkerung haben, das ist mir ein grosses Anliegen. Dass wir nicht nur als Jägerschaft, sondern alle zusammen Sorge für unsere Natur tragen, damit wir die verschiedenen Tierarten auch in Zukunft noch beobachten können. Und dass sich alle Jäger:innen bewusst sind, welche Funktion und Position sie haben. Dass man versucht, sich seiner Verantwortung als Jäger:in jederzeit bewusst zu sein. Da schliesse ich mich selbst ein. Dass ich mich auch so verhalte, wie ich es von den anderen erwarte. Da kann man immer an sich selbst arbeiten.
JAGD- UND WILDSCHUTZVEREIN
Der Jagd- und Wildschutzverein Saanenland deckt ein breites Aufgabenfeld ab. Dazu gehört die Mithilfe im Betrieb der Jagdschiessanlage Dorfrütti in Saanen. Er stellt Schiessinstruktoren, mit welchen auch Jungjäger während der Ausbildung trainieren können. Der Verein übernimmt verschiedene Arbeiten in den Bereichen Wildunfallverhütung, Wildschadenverhütung und Biotophege, also der Aufwertung von Lebensräumen.
Weitere Aufgaben sind die Jagdhundeausbildung, damit verletztes Wild fachgerecht nachgesucht werden kann, sowie die Rehkitzrettung, die von Mai bis Juli fast täglich im Einsatz ist. Zudem tragen die Jäger mit der Jagd über die vom Kanton festgelegten Abschusszahlen zum Schutz des Waldes bei.
Verbindliche Vorgaben wie Abschusspläne werden nicht vom Verein selbst festgelegt, sondern auf kantonaler Ebene durch das Jagdinspektorat und die Jagdkommission, in der unter anderem Vertreter:innen von Forst und Jägerschaft sitzen. Auf Anliegen aus der Zivilbevölkerung oder von Landwirt:innen versucht der Verein aber, wo möglich zu helfen, zum Beispiel mit alljährlichen Vereinsjagden auf der Wispile zur Reduktion des Schwarzwildes (Wildschweine), das dort in den letzten Jahren grosse Wildschäden verursacht hat. Zudem erlegen einige Jäger:innen auf Anfrage einzelne Füchse oder Dachse, die Schaden anrichten.
MAV
ZUR PERSON
Tom Schild ist in Brienzwiler aufgewachsen und kam 1990 als Lehrer nach Gsteig. Heute ist er Schulleiter der Schule Gsteig-Feutersoey und unterrichtet Schüler:innen der 6. bis 9. Klasse.
Er sass ein knappes Jahrzehnt im Gemeinderat von Gsteig. Zudem war er über zwei Jahrzehnte in der Feuerwehr Gsteig tätig, einen Grossteil davon als Kommandant.
Seine Leidenschaft für die Jagd entfachte sein Grossvater, der ihn schon als Kind mitnahm. 1996 erwarb Schild selbst das Jagdpatent. Seit 2022 hat er das Präsidium des Jagd- und Wildschutzvereins Saanenland inne. Zudem ist er Mitglied der Ausbildungskommission des Berner Jägerverbandes und Verantwortlich für die Jungjägerausbildung für die Region Oberland West.
MAV




