Zwischen Handwerk und Gewissen: Martin Oesch mit «Fleischeslust» in Gstaad
16.06.2026 KulturAm vergangenen Mittwoch war der Illustrator, Metzger und Autor Martin Oesch mit seiner Graphic Novel «Fleischeslust» zu Gast beim Literarischen Herbst Gstaad. Kurz zuvor war er mit dem Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Comicdebüt ausgezeichnet worden. ...
Am vergangenen Mittwoch war der Illustrator, Metzger und Autor Martin Oesch mit seiner Graphic Novel «Fleischeslust» zu Gast beim Literarischen Herbst Gstaad. Kurz zuvor war er mit dem Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Comicdebüt ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung gilt als wichtigster Preis für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum.
Erzählen mit Bildern
Graphic Novels gehören seit einigen Jahren regelmässig zum Programm des Literarischen Herbsts Gstaad. Aber was ist eigentlich eine Graphic Novel? Martin Oesch selbst verwendet verschiedene Begriffe für sein Werk: Graphic Novel, Comic oder ganz einfach Buch mit Bildern. Anders als bei klassischen Kindercomics vom Kiosk, setzen Graphic Novels auf längere literarische Erzählformen, bei denen Bild und Text die Geschichte gemeinsam tragen.
Entsprechend stand auch bei der Lesung nicht allein der Text im Zentrum. Während die Bilder aus «Fleischeslust» auf dem Bildschirm erschienen, übernahm Martin Oesch die Dialoge und Erzählstimmen. Die hochdeutschen Wortblasen interpretierte er auf Mundart und verlieh den Figuren mit unterschiedlichen Stimmen und Eigenheiten Leben. Das sorgte immer wieder für humorvolle Momente und Lacher im Publikum.
Ein Metzger im Pensionsalter
Im Zentrum der Graphic Novel steht der Metzgermeister Erwin, der gemeinsam mit seiner Frau Margrit auf ein langes gemeinsames Berufsleben zurückblickt. Die ersten Szenen zeigen die beiden am frühen Morgen in ihrem Alltag. Der Metzger hat wieder mit dem Rauchen begonnen, sehr zur Missbilligung seiner Frau. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, wie es mit dem Geschäft weitergehen soll. Die Pensionierung rückt näher, doch wer will schon eine Metzgerei übernehmen?
Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass der Metzger seinem Beruf gegenüber ambivalenter geworden ist. Der regelmässige Besuch bei der Kadaverabgabestelle wird nicht zur Routine, sondern zu einer zunehmend belastenden Erfahrung.
Die Begegnung mit dem Biobauern Joni hinterlässt ebenfalls Spuren. Erwin erachtet seine Ansichten zum Tierwohl zunächst mit Skepsis, wie soll denn das noch rentabel sein.
Gleichzeitig stellt die Geschichte Fragen, die weit über den einzelnen Metzger hinausweisen. Während sich viele Menschen Gedanken über Tierwohl und Nachhaltigkeit machen, soll Fleisch weiterhin möglichst günstig verfügbar sein – im Restaurant, im Supermarkt oder im Imbiss um die Ecke.
Ein Meerschweinchen lässt nicht los
In einer zentralen Szene ist ausgerechnet ein Meerschweinchen im Zentrum. Ein Mann bringt ihm ein Meerschweinchen und fragt, ob er das Tier töten könne. Denn beim Tierarzt kostet das Einschläfern zu viel. Als der entscheidende Moment näher rückt, zieht sich der Besitzer dann zurück. Töten ja – aber bitte ausser Sichtweite.
Später kehrt das Meerschweinchen in einem Albtraum zurück. In den grossformatigen Bildern entwickelt sich daraus eine ebenso absurde wie beklemmende Sequenz. Die Szene verdichtet viele der Fragen, welche die Graphic Novel aufwirft: Wer übernimmt Verantwortung? Wer schaut hin? Und wie weit sind wir bereit, die Konsequenzen unseres Konsums auszublenden?
Vom Metzger zum Graphic-Novel-Autor
Im anschliessenden Gespräch berichtete Martin Oesch von seinem eigenen Werdegang. Nach einer Lehre als Metzger studierte er Illustration und war später am Aufbau einer Bio-Metzgerei in Bern beteiligt. Heute bewegt er sich zwischen beiden Welten.
Dabei betonte er, dass «Fleischeslust» weder Anklage noch Abrechnung sein wolle. Vielmehr verstehe er das Buch auch als Hommage an einen Beruf, den er nach wie vor schätzt und der ihn bis heute prägt. Gleichzeitig sei es ihm wichtig, Fragen rund um Fleischproduktion und Fleischkonsum sichtbar zu machen. Viele Menschen hätten den Bezug dazu verloren, was es tatsächlich bedeutet, Fleisch zu essen und Tiere zu töten.
Ein aufwendiger Prozess
Auch die Entstehung der Graphic Novel war Thema des Abends. Die grossformatigen Doppelseiten entstanden mit Filzstiften in Rot, Blau, Grün und Gelb. Die Farbwahl sei weniger theoretisch begründet als vielmehr von der Arbeitswelt der Metzgerei inspiriert, von den farbigen Kunststoffkisten ebenso wie von den Markierstiften für Verkaufstafeln.
Da jede Farbe einzeln aufgetragen werden musste, war der Arbeitsprozess aufwendig. Fehler liessen sich kaum korrigieren. Passierte auf der letzten Farbschicht ein Missgeschick, musste eine beinahe fertige Doppelseite unter Umständen komplett neu gezeichnet werden.
Auch die Geschichte selbst entstand nicht nach einem starren Plan. Einzelne Szenen und Anekdoten – teilweise von eigenen Erfahrungen inspiriert – bildeten Fixpunkte, zwischen denen sich die Erzählung nach und nach entwickelte.
Unterhaltung, die Fragen stellt
Die anschliessende Diskussion mit dem Publikum drehte sich um Fleischkonsum, Tierhaltung, Verantwortung und den kreativen Prozess des Erzählens. Dabei zeigte sich, dass «Fleischeslust» weniger Antworten liefern als Fragen stellen will.
Gerade darin liegt die Stärke der Graphic Novel. Sie betrachtet ein gesellschaftlich präsentes Thema aus einer ungewohnten Perspektive und lädt dazu ein, über Gewohnheiten, Widersprüche und Verantwortung nachzudenken. So wurde der Abend zu einer ebenso unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Begegnung mit einem Werk, das weit über die Welt der Metzgerei hinausweist.
LITERARISCHER HERBST GSTAAD/MARKUS ISELI



