Zwischen Höhenmetern und Gemeinschaft – der Prolog
23.06.2026 SportDas Frauenrennradevent La Reine ist in diesem Jahr auf drei Tage angewachsen. Ein Tag vor dem grossen Radmarathon erklimmen die Teilnehmerinnen beim Einzelzeitfahren das Vordere Eggli. Oben angekommen zeigt sich, was den Anlass neben der sportlichen Herausforderung ausmacht: Gemeinschaft, ...
Das Frauenrennradevent La Reine ist in diesem Jahr auf drei Tage angewachsen. Ein Tag vor dem grossen Radmarathon erklimmen die Teilnehmerinnen beim Einzelzeitfahren das Vordere Eggli. Oben angekommen zeigt sich, was den Anlass neben der sportlichen Herausforderung ausmacht: Gemeinschaft, internationale Begegnungen und die Vorfreude auf den Renntag.
MAXIME VÖGELE
Auf der Promenade ist ein roter Teppich ausgerollt. Die Sonne scheint auf Gstaad herab, während sich eine Rennradfahrerin nach der anderen am Freitag vor dem Start versammelt. Der Aufstieg aufs Vordere Eggli ist Teil des neuen Prologs, den La Reine in diesem Jahr erstmals durchführt. Damit ist der Anlass auf drei Tage angewachsen. Für Organisator Alex Beeler geht es dabei um mehr als einen zusätzlichen Wettkampf. Der Freitag solle «viel ruhiger als der Samstag, besinnlicher, aber sicher sehr schön» werden, sagte er beim Gespräch mit dem «Anzeiger von Saanen» im Vorfeld. Einen Tag vor dem grossen Radmarathon stellen sich bereits einige Teilnehmerinnen den rund 600 Höhenmetern aufs Vordere Eggli. Eine nach der anderen klickt in die Pedale und macht sich auf dem roten Teppich bereit für den Einzelstart. Während einige Passanten den Fahrerinnen zujubeln, schauen andere fragend dem Geschehen zu und kommen dabei den Teilnehmerinnen fast in die Quere.
Einzelzeitfahren aufs Vordere Eggli
Nach einem kurzen Einfahren beginnt nach der Abzweigung auf die Chalberhönistrasse die Zeitmessung. Nun gilt es, ordentlich in die Pedale zu treten. Die ersten Kilometer führen durch den Wald. Den Schatten können die Fahrerinnen bei rund 25 Grad gut gebrauchen.
Entlang des Bachs und durch den Wald kämpfen sich die Fahrerinnen den Berg hinauf. Etwas flacher wird es zwar später, dafür fällt der Schatten weg. Auf halber Strecke warten Helfende mit einem kleiner Durstlöscher und motivierenden Hopp-Rufen. Nach dem Chalberhöni folgt mit dem Hintereggliweg noch einmal ein steiles Stück, bevor die Teilnehmerinnen beim Vorderen Eggli schnaufend die Ziellinie überqueren.
«Saanenland pur»
«Mega toll, aber anstrengend», fasst eine Teilnehmerin die Fahrt zusammen. Die Anstrengung hat sich gelohnt: Oben wartet ein herzliches Apéro, musikalisch umrahmt von einem volkstümlichen Trio – bei schönstem Wetter und bester Aussicht aufs Saanenland. «Saanenland pur», nennt es Alex Beeler. Züpfe, Hobelkäse und Meringues gehören bewusst zum Konzept. Denn La Reine versteht sich nicht nur als sportlichen Wettkampf. «Es ist sicher Lifestyle, Socializing, und Community. Das Erlebnis ist es, das gemeinsam zu machen», sagt Beeler. Die Teilnehmerinnen sollen ein Gesamtpaket erleben, das von anspruchsvollen Strecken ebenso geprägt ist wie von regionalem Genuss und gemeinsamen Erlebnissen.
Ein internationaler Anlass
Nach dem Einzelzeitfahren ist oben Zeit für den gemeinsamen Austausch. Dabei wird nicht nur Schweizerdeutsch gesprochen. Zwischen den Tischen wechseln die Gespräche mühelos zwischen Deutsch und Englisch, auch die Moderation erfolgt zweisprachig. Die internationale Ausrichtung des Anlasses ist auf dem Vorderen Eggli kaum zu übersehen. Für Organisator Alex Beeler ist das kein Zufall. Bereits bei der ersten Austragung sei rund die Hälfte der Teilnehmerinnen aus dem Ausland oder aus der internationalen Expat-Community in der Schweiz gekommen. Die internationale Ausstrahlung Gstaads passe gut zum Konzept von La Reine. Eine vergleichbare Veranstaltung hätte an einem weniger bekannten Ort wohl deutlich weniger internationale Anziehungskraft, sagte Beeler schmunzelnd: «In Trubschachen würde das nicht funktionieren.»
Unter Frauen
Viele der Teilnehmerinnen kennen sich bereits vom Social Ride am Donnerstagabend – einer kürzeren Ausfahrt in moderatem Tempo. Die Stimmung wird von mehreren Fahrerinnen ähnlich beschrieben: «unterstützend und positiv». Eine andere sagt: «Der Vibe ist cool unter uns Frauen, dass man einander zieht.» Genau diese Mischung aus sportlichem Anspruch und gegenseitiger Unterstützung macht für Organisator Alex Beeler den Kern von La Reine aus. Es gehe nicht darum, die Herausforderung kleiner zu machen. Im Gegenteil: Den Frauen werde mit der anspruchsvollen Strecke bewusst etwas zugetraut. Gleichzeitig unterscheide sich der Anlass von vielen klassischen Radrennen. La Reine sei «die sportliche Herausforderung, aber ohne das ewige Messen mit den Männern», meinte Beeler.
Lokale Beteiligung
Zu den Fahrerinnen, die diesen Gemeinschaftsgedanken bereits am Donnerstag mitprägten, gehört Yolanda Bielmann, aufgewachsen in der Lauenen. Sie war schon im Vorjahr dabei und führte beim Social Ride eine der Gruppen als Guide an. «Neu sind wir fünf Frauen aus dem Saanenland, die mitmachen. Letztes Jahr waren wir nur zwei», sagt sie. Dass es nicht mehr Einheimische seien, erklärt sie damit, dass im Saanenland generell nur wenige Frauen Rennrad fahren. Meistens sei sie alleine unterwegs. Umso mehr geniesse sie Anlässe wie La Reine. «Man beginnt miteinander zu reden und vergisst, dass man am Velofahren ist.» Trotzdem sei die Strecke, die am Samstag wartet, «nicht zu unterschätzen».
Für den Abend haben die Fahrerinnen einfache Pläne: ans Apéro gehen, gut schlafen und die Beine massieren. Am Samstag wartet die grösste sportliche Herausforderung des Wochenendes. Wie die Frauen den Samstag meisterten, erfahren Sie im Erlebnisbericht.
DER ANLASS
La Reine entstand 2021 im Rahmen des Road Bike Summit in Gstaad. Während sich die Veranstaltungsreihe in den von der Pandemie geprägten Jahren nicht etablieren konnte, blieb ein Element bestehen: ein Rennradmarathon ausschliesslich für Frauen.
Mit dieser Idee betrat Organisator Alex Beeler Neuland. Entsprechend gross war die Skepsis, ob ein solcher Anlass überhaupt funktionieren würde. Heute zählt La Reine mit rund 500 Teilnehmerinnen zu den grössten Frauenradrennen Europas. Rund die Hälfte der Fahrerinnen reist aus dem Ausland an.
Der Kern des Events ist der Radmarathon am Samstag. Die Teilnehmerinnen können zwischen einer Strecke über 90 Kilometer mit 1800 Höhenmetern und einer Strecke über 140 Kilometer mit 3000 Höhenmetern wählen. Rund um das Rennen hat sich der Anlass in den vergangenen Jahren zu einem dreitägigen Event entwickelt.
Die internationale Ausstrahlung Gstaads sei dabei ein wichtiger Erfolgsfaktor, sagt Beeler. Viele Teilnehmerinnen verbinden den sportlichen Wettkampf mit einem verlängerten Aufenthalt im Saanenland.
Auf die Entwicklung blickt der Organisator mit Genugtuung zurück: «Ich bin stolz, dass wir unseren eigenen Weg gegangen sind.»
MAV
MOTORISIERTE HELFER
Damit die Teilnehmerinnen sicher ans Ziel kommen, ist am La Reine auch die MotoCrew Switzerland im Einsatz. Die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins übernehmen die Streckensicherung und unterstützen die Veranstalter entlang der Strecke.
Beim Prolog waren sechs Personen im Einsatz, am Samstag zehn. Die Helfer engagieren sich in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten. Als Entschädigung erhalten sie lediglich das Benzingeld. «Es ist eine Herzenssache», sagt Stefan Feuz von der MotoCrew.
MAV
Wenn das grösste Frauen-Radrennen der Welt vor der Haustür stattfindet
Bereits die ganze letzte Woche fiel auf: Im Saanenland sind auffallend viele Rennradfahrerinnen unterwegs. Der Grund: La Reine, das grösste Frauen-Rennradrennen der Welt, fand direkt vor unserer Haustüre statt. Gemeinsam mit vier Kolleginnen nahm ich bereits zum zweiten Mal an diesem tollen Event teil.
Am Samstagmorgen herrschte in der Promenade in Gstaad eine besondere Atmosphäre. Über 450 Teilnehmerinnen aus aller Welt versammelten sich zum Start. Bunte Trikots, ein breiter Altersmix und die Mischung aus Vorfreude und Nervosität prägten das Bild. Schnell kam man ins Gespräch und tauschte sich über die bevorstehenden Kilometer aus.
Pünktlich um 7.30 Uhr fiel der Startschuss. Die Hälfte der Teilnehmerinnen entschied sich für den Medio Fondo mit 90 Kilometern und 1800 Höhenmetern, die andere Hälfte für den Gran Fondo über 140 Kilometer und 3000 Höhenmeter. Der erste anspruchsvolle Anstieg auf den Mittelberg wartete bereits zu Beginn. Oben angekommen waren die ersten 800 Höhenmeter geschafft – ein erster Grund zum Feiern.
Das Wetter war traumhaft, die Stimmung grossartig. Überall sah man glückliche Gesichter, Frauen, die sich gegenseitig anfeuerten, gemeinsam Fotos machten und Erfolge feierten. Besonders schön: Die Zeitmessung erfolgt nur auf einzelnen Abschnitten oder konnte ganz weggelassen werden. So entstand kein Zeitdruck und es blieb genügend Raum für Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und die feine Verpflegung, wie beim ersten Posten im Restaurant Zitbödeli in Abländschen.
Über Jaun und Charmey führte die Route nach Broc, wo sich die beiden Strecken trennten. Während ein Teil unserer Gruppe die kürzere Variante wählte, nahmen meine Kollegin Yolanda und ich die Gran-Fondo-Strecke unter die Räder. Ein besonderer Höhepunkt war der Verpflegungsposten beim Haus von Organisator Alex Beeler, wo Mitorganisatorin Franziska Beeler die Fahrerinnen mit selbst gebackenen Brownies, Bananenbrot und Zitronenkuchen, frischem Pfefferminztee und Wassermelonen versorgte, die perfekte Stärkung für die folgenden 40 Kilometer rund um Bulle.
In Gruyères vereinten sich die beiden Strecken wieder, bevor in Montbovon der letzte grosse Anstieg zum Hongrin-Stausee wartete. Bei sommerlichen Temperaturen von über 30 Grad verlangten die letzten 600 Höhenmeter nochmals alles ab. Oben angekommen, sah man überall fröhliche Gesichter. Man gratulierte sich gegenseitig – das letzte harte Stück war geschafft. Mit dem höchsten Punkt oberhalb des Hongrin endete auch die letzte Zeitmessung. Danach ging es grösstenteils bergab über Château-d’Oex und Rougemont zurück ins Saanenland. Zeit, sich nochmals auszutauschen, beim letzten Verpflegungsstand Linzer- und Nusstorte zu geniessen und gemeinsam ins Ziel in Saanen einzufahren. Dort wurde jede Fahrerin vom Treichlerclub empfangen und mit grossem Applaus gefeiert. Jede Einzelne galt als Gewinnerin – die Stimmung konnte kaum schöner sein.
Der Tag endete an diesem Sommerabend bei feinem Risotto und kühlen Getränken. Die Siegerinnen wurden geehrt und gemeinsam liessen wir den Tag Revue passieren. Schon jetzt ist klar: Nächstes Jahr sind wir wieder dabei – und hoffen auf noch mehr Fahrerinnen aus der Region. Denn das grösste Frauen-Rennradrennen der Welt findet schliesslich direkt vor unserer Haustüre statt.
KATRIN HALDI/GSTAAD SAANENLAND TOURISMUS







