Zwischen Tradition und Zeitgeist – ein Blick in die Welt der Freimaurerei
24.02.2026 GesellschaftDie Freimaurerloge «Phönix im Orient von Thun» gewährt einen seltenen Einblick in eine Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten auf festen Ritualen und gemeinsamen Werten basiert. Der Besuch zeigt, wie Begegnung, Dialog und persönliches Wachstum den Logenalltag ...
Die Freimaurerloge «Phönix im Orient von Thun» gewährt einen seltenen Einblick in eine Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten auf festen Ritualen und gemeinsamen Werten basiert. Der Besuch zeigt, wie Begegnung, Dialog und persönliches Wachstum den Logenalltag prägen – und welche Bedeutung diese Prämissen für die Mitglieder heute haben.
In einer Welt, die sich immer schneller dreht, in der Werte oft verhandelbar erscheinen und echte Begegnung seltener geworden ist, stellt sich die Frage: Was kann eine Hunderte Jahre alte Gemeinschaft wie die der Freimaurerloge Phönix heute noch bieten? Welche Werte vertritt diese Loge und warum entscheiden sich Menschen in unserer Zeit dafür, Teil davon zu werden? Auch im Saanenland gibt es einige Freimaurer, doch weder Namen noch Gesichter der Mitglieder werden preisgegeben. Dafür hat die Loge einen Einblick in ihre Geschichte, ihre Rituale und Gepflogenheiten gegeben, sie erklärte auch, warum sie, in den Augen ihrer Mitglieder, gerade jetzt aktueller ist denn je.
Ein Ort der Stille und der Symbolik
Wenn man die Loge Phönix in Thun betritt, öffnet sich ein Raum, der mehr ist als reine Architektur: Es ist ein Ort der Stille und der Symbolik. Der Versammlungsraum empfängt Besucherinnen und Besucher mit einer Atmosphäre der Würde. An den Seiten des Raumes sind die Sitzplätze der «Brüder» angeordnet, während der sogenannte «Meister vom Stuhl» am Tischende sitzt. Weiter gibt es einen kleinen, besonderen Tempelraum. Dieser Ort stehe für Wahrheit, Weisheit und das Streben nach innerer Erleuchtung. Die Wände und Möbel sind schlicht, aber durchdrungen von Bedeutung: Werkzeuge wie Zirkel, Winkelmass oder Hammer sind nicht nur Dekoration, sondern Ausdruck moralischer Prinzipien und geistiger Arbeit. Drei symbolische Säulen – der Weisheit, der Stärke und der Schönheit – erinnern an die Grundpfeiler der freimaurerischen Lehre. Man spürt: Diese Räume sind geschaffen als Bühne, hier soll sich der Mensch zu einer inneren Reise aufmachen, um sich selbst zu erkennen und zu veredeln.
In diesen Räumlichkeiten dürfen wir ein Interview mit drei Freimaurern führen. Antworten gibt uns der «Meister vom Stuhl» (MvSt), auch Stuhlmeister oder Logenmeister genannt. Er ist der Vorsitzende einer Freimaurerloge und übernimmt die Leitung sowie die repräsentative Funktion innerhalb der Gemeinschaft. In der Loge sprechen sich die Mitglieder traditionell als «Bruder» an, was die brüderliche Verbundenheit symbolisieren soll.
Was sind die Werte der Freimaurer und inwiefern haben sie sich über die Zeit hinweg verändert?
Seit über dreihundert Jahren sind unsere Werte unverändert geblieben. Sie bilden das Herzstück unserer Gemeinschaft, unverrückbar und zeitlos. Die Ideale «Liberté, Égalité, Fraternité» – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – sind uns besonders nah. Sie stammen aus der Zeit der Französischen Revolution (1789–1799) und spiegeln bis heute unseren ethischen Kompass wider. Wir interpretieren sie nicht neu, sondern leben sie fort als modernen Markenkern, getragen durch die Jahrhunderte. Unsere Rituale und Symbole haben dabei ihren festen Platz. Sie sind keine blosse Tradition, sondern lebendige Praxis. Jedes Symbol hat seine Bedeutung auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Rituale öffnen den Geist, schenken neue Perspektiven und fördern die persönliche Entwicklung. Die grundlegenden Werte unserer Loge bilden das stabile Fundament, auf dem wir unsere Arbeit aufbauen. Dennoch gab es in unserer Geschichte Momente, in denen wir unsere Daseinsberechtigung verteidigen mussten.
Wie sahen solche Momente aus und welche Bedeutung hatten sie?
Ein markantes Beispiel ist die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Freimaurerei mit schweren Anschuldigungen konfrontiert wurde, insbesondere durch den Nationalsozialismus. In der Schweiz zeigte sich dieser Druck in der sogenannten Fonjallaz-Initiative von 1933/34, die sich explizit gegen die Vereinsfreiheit und damit auch gegen die Freimaurer richtete. Die Initiative war geprägt von völkischem Gedankengut, Antisemitismus und einer Ablehnung der liberalen Demokratie. Sie wurde jedoch mit deutlicher Mehrheit abgelehnt: Zwei Drittel der Stimmberechtigten votierten dagegen. Das war ein starkes Zeichen für die demokratische Haltung unseres Landes in einer Zeit, in der im Norden und Süden Europas faschistische Regimes die Macht übernommen hatten. Diese Phase war eine grosse Krise für die Freimaurerei. Sie führte zu einer stärkeren Betonung von Vaterlandsliebe, Landesverteidigung und Wohltätigkeit – Themen, die damals im Vordergrund standen, heute jedoch an Bedeutung verloren haben. Heute liegt der Fokus stärker auf dem Menschen selbst: auf individueller Entwicklung, Toleranz gegenüber anderen Denkweisen und Religionen sowie auf persönlicher Reflexion. Die Loge ist heute nicht nur ein Ort der Gemeinschaft, sondern ein Raum für geistiges Wachstum und ethische Orientierung.
Viele Religionen, spirituelle Traditionen und moderne Bewegungen versprechen heute geistiges Wachstum. Was verstehen die Freimaurer darunter und wie wird das gelebt?
Ein besonderes Ritual ist die Tempelfeier – ein Moment der Sammlung und Besinnung. Insgesamt kennt man zwölf Rituale, die jedoch nicht bei jeder Begegnung stattfinden. Regelmässig trifft man sich zu Arbeitsabenden, manchmal zu rituellen Feiern. Die zentralen Werte bleiben zeitlos: Freiheit, Toleranz und Humanität. In einer Zeit, die oft von Polarisierung und vorschnellen Urteilen geprägt ist, sind diese Tugenden aktueller denn je. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ohne sofort zu urteilen, ist ein zentraler Beitrag der Freimaurerei. Inmitten der Hektik unserer Zeit sind wir ein ruhender Pol. Auch die Bewahrung der Grundrechte – etwa Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden – bleibt wichtig. In vielen Teilen der Welt werden diese Rechte heute missachtet. Gerade deshalb bietet die Freimaurerei Orientierung und erinnert an die Kraft des Humanismus. Innerhalb der Loge begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen. Entscheidend ist, dass man einander zuhört, respektiert und die Perspektive des anderen als Bereicherung empfindet. So entsteht Dialog, nicht Streit. Auch wenn Meinungen auseinandergehen, können wir offen diskutieren und danach gemeinsam essen, trinken und lachen. Unterschiedlichkeit ist keine Bedrohung, sondern eine Einladung zum Austausch. Unsere Diskussionen folgen einem klaren Ritual, das auf Respekt und Reflexion beruht. Man überlegt sich, was man sagen möchte, meldet sich an, steht auf, spricht und tritt dann wieder zurück. Dieser strukturierte Prozess schützt vor Impulsivität und fördert Tiefe im Austausch. Wir sind keine politische Arena. Was Platz hat, ist gedanklicher Dialog – ohne Parolen, ohne Polarisierung. Unser Wirken geschieht im Stillen: durch Haltung, Vorbild und tägliches Tun. Auch im Bereich der Wohltätigkeit handeln wir zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Bei jedem Anlass sammeln wir Mittel für soziale und kulturelle Zwecke. Einige Brüder engagieren sich zusätzlich in eigenen Projekten oder Stiftungen – leise, aber nachhaltig.
Was braucht es, um Mitglied bei den Freimaurern zu werden?
Ein schöner Satz beschreibt, was man sich von neuen Mitgliedern wünscht: «Ein freier Mann, von gutem Ruf und edlem Streben.» Wobei «frei» heute bedeutet: frei im Denken, offen für neue Perspektiven, bereit zur Reflexion. «Von gutem Ruf» steht für Integrität und Verantwortungsbewusstsein. «Edles Streben» meint die innere Haltung, sich ethisch und geistig weiterzuentwickeln. Interessierte können sich jederzeit bei uns melden. Nach einem ersten Gespräch und einer Vorstellung der Beweggründe stimmen die Brüder über eine mögliche Aufnahme ab. Fällt die Entscheidung positiv aus, folgt ein feierliches Aufnahmeritual. Wir wenden uns an Menschen, die Sinn und Tiefe suchen, Menschen, die sich über das Oberflächliche hinaus mit Lebensfragen auseinandersetzen möchten.
Suche nach Sinn und Tiefe, nach Antworten auf Lebensfragen – auch das sind Themen, die viele, auch religiöse oder spirituelle Gemeinschaften, beschäftigen. Als was genau versteht sich die Loge der Freimaurer?
Die Freimaurerei ist keine Religion, kein Businessclub, keine Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine weltumspannende Bruderschaft, die Menschen verbindet – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Kultur. Wir pflegen Kontakte zu Logen in der Schweiz, Deutschland, Finnland, Schottland, Amerika und vielen weiteren Ländern. Wer einmal an einem internationalen Treffen teilnimmt, spürt sofort die tiefe Verbundenheit, die uns vereint – selbst ohne gemeinsame Sprache. Ein Beispiel gelebter Toleranz war ein Abend mit Sufis, Rosenkreuzern und Freimaurern: drei spirituelle Wege im offenen Austausch. Niemand musste alles teilen, doch jeder konnte etwas lernen.
Wie sieht der Weg der Freimaurer mit Blick in die Vergangenheit aus – wo hat die Loge ihre Ursprünge?
Anfang achtzehntes Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung kamen Männer zusammen und sagten: «Alle Menschen sind gleich. Jeder darf glauben, was er möchte.» Diese Haltung war damals revolutionär und sie bleibt es bis heute. «Unsere Wurzeln reichen bis zu den Baubruderschaften des Mittelalters, die Kathedralen errichteten, daher rührt auch der Name Freimaurer. Heute bauen wir nicht mehr aus Stein, sondern an uns selbst, an Gemeinschaft und Menschlichkeit. In einer Welt, in der alles schnell und laut geworden ist, bietet die Freimaurerei einen Kontrapunkt. Bei uns läuft die Zeit langsamer. Die Rituale sind im Kern heute fast die gleichen wie vor fünfzig Jahren, nur die Musik mag sich verändert haben. Unsere Gemeinschaft ist generationenübergreifend.» Junge und ältere Brüder sitzen gemeinsam im Tempel, lernen voneinander und teilen ihre Erfahrungen. Wer länger dabei ist, wird geehrt – nicht aus Stolz, sondern aus Verbundenheit
Nach dem Blick in die Anfänge noch ein Blick in die Zukunft: Wie gehen Sie mit dem Wandel der Zeit um?
In einer Gesellschaft, in der Beziehungen oft abrupt enden und Urteile schnell gefällt werden, schafft die Freimaurerei Raum für respektvolle Begegnung und echten Dialog. Wir sind kein Netzwerk für geschäftliche Zwecke. Entwicklung und Entfaltung stehen bei uns über dem Nutzen. Unser Ziel ist nicht materieller, sondern geistiger und menschlicher Fortschritt. Was wir bieten, ist ein Raum für Reflexion, Entwicklung und Begegnung. Das zeigen auch unsere Informationsanlässe, wie der Tag der offenen Tür am 5. März 2026, bei dem wir Interessierten Einblicke in unsere Arbeit geben werden. Jede Loge wird vom «Meister vom Stuhl» geprägt, der für drei Jahre gewählt wird. Danach übernimmt ein neuer Bruder und so bleibt die Loge lebendig, offen für Wandel und stets dem gleichen Fundament verpflichtet.
Auch wer sich den Freimaurern anschliesst, macht sozusagen einen Wandel durch. Wie sieht das genau aus?
Wer neu zur Loge kommt, beginnt als Lehrling. Diese Phase dauert meist ein bis zwei Jahre. Danach kann, bei gegenseitigem Einverständnis, der Gesellengrad folgen, später der Meistergrad. Dabei steht nicht die Hierarchie im Vordergrund, sondern die vertiefte Erfahrung und die persönliche Entwicklung, die ein Freimaurer erreicht hat. Der Meister kann neue Aufgaben übernehmen, Rituale mitgestalten und andere Brüder begleiten. Doch eines bleibt immer: Man ist ein Leben lang Lehrling. Diese Haltung der Offenheit und des Lernens begleitet uns dauerhaft – im Tempel und im Alltag.
MICHAEL SCHINNERLING/FRUTIGLÄNDER
Am 5. März 2026 führt die Loge Phönix um 19.30 Uhr im Schloss Thun in der Unternehmerlounge einen Anlass für Interessierte durch (Inserat folgt).


