Zwischen Unsicherheit und Reiselust: Was bringt der Sommer?
08.04.2026 TourismusIn den vergangenen Wochen war der Nahostkonflikt allgegenwärtig – in den klassischen Medien ebenso wie in den sozialen Netzwerken. Die Bilder, Einschätzungen und Meldungen reissen nicht ab. Wir stehen vor einer Sommersaison, deren Entwicklung derzeit schwer abzuschätzen ist ...
In den vergangenen Wochen war der Nahostkonflikt allgegenwärtig – in den klassischen Medien ebenso wie in den sozialen Netzwerken. Die Bilder, Einschätzungen und Meldungen reissen nicht ab. Wir stehen vor einer Sommersaison, deren Entwicklung derzeit schwer abzuschätzen ist – und sich zudem schnell ändern kann. Dennoch lassen sich erste Tendenzen erkennen, die wir als Gstaad Saanenland Tourismus einordnen möchten.
Zurück zur Nähe
Die beruhigende Nachricht vorneweg: Rund 70 Prozent unserer Gäste stammen aus der Schweiz. Die Fern- und europäischen Märkte machen insgesamt nur etwa 30 Prozent aus. Diese breite Verankerung im Heimatmarkt ist eine unserer grossen Stärken – gerade in Zeiten erhöhter Unsicherheit.
Für die Sommersaison erwarten wir, dass Herr und Frau Schweizer ihre Ferien vermehrt im eigenen Land oder im nahen Ausland verbringen. Gereist wird bevorzugt mit dem Auto oder dem Zug. Diese Reiseformen bieten Flexibilität, Sicherheit und die Möglichkeit, bei Bedarf rasch wieder zu Hause zu sein. Dieses Verhalten haben wir bereits während der Pandemie beobachtet. Eine schrittweise Normalisierung im Herbst erscheint uns aus heutiger Sicht möglich.
Auch Gäste aus europäischen Märkten werden sich verstärkt für nahe Destinationen innerhalb Europas entscheiden. Gleichzeitig verteuert der starke Franken Ferien in unserem Land. Der Wettbewerb innerhalb Europas dürfte entsprechend intensiver werden.
Flugverkehr eingeschränkt
Besonders stark betroffen ist aktuell der internationale Flugverkehr. Mehrere Fluggesellschaften haben ihre Verbindungen in den Nahen Osten reduziert oder ausgesetzt. Da Drehkreuze wie Dubai und Doha zentrale Funktionen für Verbindungen aus Asien erfüllen, hat dies Auswirkungen auf die internationalen Touristenströme nach Europa.
Nur noch wenige Flugkorridore sind offen, teils mit erheblichen Umwegen von mehreren Stunden. Das belastet Kapazitäten und Kostenstruktur der Fluggesellschaften gleichermassen. Steigende Kerosinpreise verteuern das Reisen zusätzlich. Entsprechend reagieren internationale Gäste sensibel, Buchungen werden hinausgezögert oder die Ferien ganz abgesagt. Für den Tourismus bedeutet das vor allem eines: geringere Planbarkeit. Für uns relativiert sich diese Entwicklung jedoch: Wir bearbeiten den asiatischen Markt nicht aktiv und sind entsprechend weniger stark von diesen Strömen abhängig.
Fernmärkte unter Druck
Spannend bleibt die Entwicklung im US-Markt, unserem aktuell zweitwichtigsten Markt. Hier wird viel vom Wechselkurs abhängen. Klar ist aber auch: Wer aus den USA in die Schweiz reist, ist häufig ein Premiumgast und damit in gewissem Mass weniger preissensibel. Das Preis-Leistungs-Verhältnis unseres Landes bleibt aus unserer Sicht stark.
Differenziert fällt der Blick auf den GCC-Markt aus, also auf Gäste aus den Golfstaaten. Schweiz Tourismus zeichnet derzeit ein eher düsteres Bild und rechnet mit einem markanten Rückgang der Logiernächte um bis zu 58 Prozent. Wir teilen diese Einschätzung nur teilweise. Viele Gäste aus dieser Region haben weiterhin den Wunsch zu reisen – nicht zuletzt, um den extremen Sommertemperaturen in ihren Herkunftsländern zu entfliehen. Zudem ist die Situation nicht überall gleich: Für den für uns bedeutenden Markt Saudi-Arabien sehen wir derzeit weniger grosse Herausforderungen, da wichtige Flugverbindungen, etwa ab Riad, stabil geblieben sind.
Kurzfristig erwarten wir eher Auswirkungen auf die Frühlingssaison. Die Monate April bis Juni sind traditionell eine Reisezeit, in der unter anderem indische Gäste unterwegs sind. Dieser Markt ist stark von Fluggesellschaften aus dem Mittleren Osten abhängig, die gute Anbindungen bieten und häufig von Gruppenreiseveranstaltern genutzt werden – unter anderem auch für Besuche auf dem Glacier 3000. Wenn diese Achsen nicht wie gewohnt funktionieren, hat das unmittelbare Konsequenzen. Gleichzeitig beobachten wir, dass in Teilen Asiens alternative Destinationen stärker beworben werden. Mit der Botschaft «Travel in the right direction» lenken Reiseveranstalter die Nachfrage gezielt nach Japan, Australien oder Südostasien.
Stärken der Schweiz
Für die Fünf-Sterne-Hotellerie mit stärkerer internationaler Ausrichtung dürfte die kommende Sommersaison anspruchsvoller werden als für die Gesamtdestination. Diese profitiert weiterhin vom starken Schweizer Markt.
Grundsätzlich gilt: Die Schweiz profitiert in Krisen von ihrem Ruf als sicheres, stabiles Reiseland. Gleichzeitig verstärken sich die bestehenden Trends: Die Sommer im Mittelmeerraum werden zunehmend heisser, während kühlere Bergregionen an Attraktivität gewinnen.
Reiselust bleibt
Was wir aber betonen möchten: Die Menschen wollen reisen! Die Möglichkeiten sind derzeit zwar teilweise eingeschränkt, die Reiselust bleibt jedoch ungebrochen.
Das stimmt uns trotz aller Herausforderungen optimistisch: Die kommende Sommersaison wird kein Selbstläufer, bietet aber Chancen – insbesondere für Destinationen wie die unsere, die für Stabilität und gleichbleibend hohe Qualität stehen.
FLURIN RIEDI
TOURISMUSDIREKTOR
flurin.riedi@gstaad.ch

