«Arbeiten ist immer schön»
25.08.2017 GstaadGildo Bocchini ist dem Gstaad Palace während 49 Jahren treu geblieben. Kurz vor der Pensionierung mit 70 Jahren gibt er einen Einblick in sein Schaffen, die Gäste von damals und seine Leidenschaft, das Singen.
BLANCA BURRI
Der gebürtige Italiener Gildo Bocchini, weltweit bekannt als Gildo, hat nicht mit 65 Jahren aufgehört zu arbeiten, wie es üblich ist. Nein, er ist bereits siebzig und steckt mit viel Elan in seiner letzten Saison als 1. Maître d’Hôtel im Gstaad Palace. Wieso er über das Pensionsalter hinaus arbeitet, weiss er selber nicht so genau: «Ich war stets gesund und die Familie Scherz hat es geschätzt, dass ich geblieben bin. Es hat sich einfach ergeben.»
Vier Saisons pro Jahr
Während Jahren hat Gildo Bocchini in der Sommer- und Wintersaison im Gstaad Palace, in der Zwischensaison in einem Ferienresort in Abano Terme (westlich von Venedig) gewirkt. «Arbeiten ist immer schön», begründet er die enorme Anstrengung, die er jahrelang auf sich genommen hat. «Ich bin gesund und arbeite gerne, ich kann mich einfach nur bedanken (zeigt gegen den Himmel), dass ich in einem solch schönen Ort arbeiten darf.» In der heutigen Zeit ist es aber schon eher ungewöhnlich, dass man ein Arbeitsleben lang im selben Betrieb bleibt – und genau das hat Gildo getan. Er ist dem Gstaad Palace während 49 Jahren treu geblieben. «Nun ja, das Palace hat etwas, das man nicht genau beschreiben kann – es ist etwas Spirituelles, das mich gebunden hat.» Gildo vergleicht dieses Etwas mit einer grossen Liebe. Im Leben kenne man unterschiedliche Arten von Liebe, erklärt er. Zum Beispiel die Liebe für die Familie, für den Partner oder eben diese für die Arbeit sowie den Arbeitsort. «Wenn man mit Freude arbeitet, verfliegen die Jahre und für mich waren es sehr schöne Jahre, das kann ich sagen.» Ein Betrieb wie das Gstaad Palace sei mit keinem anderen zu vergleichen. Das Palace sei besonders interessant und man lerne täglich etwas Neues. «Wenn man die Augen zum Sehen und die Ohren zum Hören benutzt, so kann man stetig lernen, fast so, als wäre man an einer Universität», lächelt er.
Der Sänger
Für Gildo hat es aber nicht nur die Arbeit, sondern auch die Freizeit gegeben. In dieser widmete sich Gildo seiner Familie – er hat eine Frau und zwei erwachsene Töchter – und der Musik. Um genauer zu sein: der Oper. Mit seiner Baritonstimme sang er in verschiedenen Chören und zwar meist in seiner Heimat Italien. In einem Kloster in der Nähe seines Wohnortes sang er auch gregorianische Choräle. In Gstaad aber singt er vor allem für seine Gäste: «Nach der Roy Emerson Tenniswoche haben wir jeweils eine Abschiedsparty, dann singen wir alle zusammen, Mitarbeiter und Gäste. Das ist amüsant.» Gildo zu Ehren wurde sogar das Restaurant «Gildo’s Ristorante» benannt.
La Belle Epoque
Gildo hat Gstaad in seiner Blütezeit in den 70er bis 80er Jahren erlebt, als viele Filmsternchen, Industrielle etc. nach Gstaad kamen und wie eine Familie ihre Ferien gemeinsam verbrachten. Er erinnert sich an David Niven, Curd Jürgens und viele mehr. «Die Leute damals hatten Stil und Klasse», erinnert sich Gildo wehmütig. Das habe sich in den letzten Jahrzehnten schon verändert. Die alten Zeiten wünscht er sich trotzdem nicht zurück, denn die Welt müsse sich entwickeln und mit ihr die Menschen – auch in Gstaad.
Missgeschick
In den vielen Jahren hat Gildo viel Erfreuliches und manchmal auch Schwieriges erlebt. Nach einer Anekdote gefragt, kräuselten sich seine Lippen schon bald zu einem Schmunzeln. Mit einem herzhaften Lachen erzählte er schliesslich von einem Geburtstag eines Gastes. Die Brigade kam mit einem schön dekorierten Kuchen mit brennenden Kerzen an den Tisch des Gastes und sang «Tanti Auguri». Der Gast klärte sie dann auf, dass der Geburtstag leider schon vorbei sei, sie sollten es doch nächstes Jahr wieder versuchen und fügte trocken an: «Aber vergesst dann nicht, eine Kerze mehr in den Kuchen zu stecken.»
Die Palacefamilie
Gildo kennt einige Familien, die seit 49 Jahren Stammgäste im Gstaad Palace sind und somit hat er die Kinder aufwachsen und die Eltern älter werden sehen. Gildo wurde von den Gästen in die ganze Welt eingeladen. Er hat sie aber selten angenommen. «Ich liebe alle meine Gäste, aber sie bleiben Gäste.» Er wolle kein Spiel spielen, das ihm nicht liege, viel mehr wolle er in der Rolle des Gastgebers bleiben. In dieser hat er viele tolle Momente erlebt, doch natürlich sei nicht alles, was glänzt immer Gold. In schwierigen Momenten habe er immer versucht, den Ball flach zu halten und pragmatische Lösungen zu finden. Wichtig sei ihm gewesen, dabei sein Lachen und den Humor nicht zu verlieren. «Das rettet schon die halbe Situation.» Die Probleme, welche man im Gastgewerbe zu lösen habe, seien nicht wirklich gross im Vergleich zu anderen Problemen, zum Beispiel in der Weltpolitik. Familie Scherz hält er in grossen Ehren. Nur dank ihr sei das Gstaad Palace heute so erfolgreich. Gildo hofft, dass das Hotel noch viele Jahre im Familienbesitz bleibt.
Reiseführer
Das Saanenland sei heute zwar dichter bebaut als früher und die meisten einheimischen Geschäfte seien aus der Promenade verschwunden, doch ansonsten habe sich in den letzten 50 Jahren wenig verändert. «Die wunderschönen Berge, die frische Luft und die offene und freundliche Bevölkerung sind dieselben geblieben», meint er. Und so bezeichnet Gildo die Lebensqualität der Region als sehr hoch, so wie früher schon.
Nach der Pensionierung wird es Gildo nicht langweilig, denkt er. Zu Hause in Italien ist er in der kulturellen Vereinigung «Italia Nostra», bei der er weiterhin aktiv mitarbeiten will. Zudem macht er im nahgelegenen Cesena Führungen durch das grosse bekannte Kloster Santa Maria Del Monte, von dem Papst Pius VII., der damals Napoleon nicht krönen wollte, erkoren wurde.
HEUTE AKTUELL
VIDEO
unter folgendem Link
www.anzeigervonsaanen.ch
Video: https://tinyurl.com/y9ewws5n



