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Auf dem Weg zum Knospe-Zertifikat

| Fr, 12. Apr. 2019

INTERVIEW

Wie stellt man einen Betrieb auf Bio um? Daniel Reichenbach aus Saanen teilt seine ersten Erfahrungen mit Homöopathie und Biokursen.

SARA TRAILOVIC

Herr Reichenbach, Anfang letzten Jahres überliess Ihnen der Vater den Betrieb und Sie nahmen sofort die Umstellung auf Bio in Angriff. Was hat Sie dazu bewegt?
Meine Produktion wäre als Normalbetrieb einfach nicht mehr rentabel. Ich strebe einen selbsttragenden Betrieb an, den ich auf lange Sicht ohne Verlust führen kann. Dank Bio erhalte ich höhere Subventionen. Ausserdem möchte ich der Region mehr Schaffleisch in umwelt- und tiergerechter Qualität bieten. Der Gedanke der biologischen Landwirtschaft sagt mir sehr zu. In den letzten Jahren wurde ich mir bewusst, dass viele chemische Hilfsmittel unüberlegt eingesetzt werden. Was passiert mit dem Wurmmittel, wenn es aus dem Schaf rauskommt? Es sickert in die Erde und verseucht Bodenlebewesen und Grundwasser. Man kann nicht das eine abtöten, ohne das andere zu schädigen.

Wie hat das Umfeld auf Ihr Vorhaben reagiert?
Mein Vater war sofort einverstanden. Und auch sonst stiess ich auf Unterstützung. Die Zeiten sind vorbei, in denen Biobauern als «Körnlipicker» bezeichnet wurden.

Bioproduktion bringt zwar Subventionen, erfordert aber auch einen finanziellen Mehraufwand …
Das stimmt, ich habe mehr Auslagen bei den Futtermittel, weil ich diese nun in Bioqualität kaufe. Kürzlich waren die Mais-Siloballen ausverkauft, da musste ich auf getrockneten Biomais ausweichen, der schon ziemlich teuer ist. Bio Suisse ist sich des Mehraufwands in vielen Bereichen bewusst und trägt deshalb einen Teil der Kosten.

Wie läuft die Zertifizierung genau ab?
Im Oktober 2018 besuchte ich den eintägigen Umstellungskurs an der Bio-Schule Schwand in Münsingen, einem Ableger vom Inforama, dem Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrum für Land- und Hauswirtschaft im Kanton Bern. Dabei besichtigten wir zwei Beispielbetriebe und erhielten Adressen von erfahrenen Höfen und informativen Webseiten. Danach musste ich mich schriftlich bei Bio Suisse anmelden, kompliziert war das zum Glück nicht. Im Februar 2019 kam ein Berater zu mir nach Saanen, der mir betriebsspezifische Tipps gab.

In welchem Bereich des Betriebs müssen Sie am meisten verändern, um den Richtlinien gerecht zu werden?
Auf meinem Betrieb muss ich nichts Grossartiges verändern, allerdings einige entscheidende Details. Besonders die erforderte Sorgfalt im medizinischen Bereich fordert mich heraus. Ich kann nicht mehr jeden Frühling flächendeckend Wurmkuren verabreichen, sondern muss immer zuerst Kotproben einschicken, um sicherzustellen, dass überhaupt ein Wurmbefall vorliegt. Auch Antibiotika dürfen maximal zwei Mal jährlich eingesetzt werden. Deshalb werde ich in Zukunft wann immer möglich auf Alternativmedizin setzen.

Haben Sie damit bereits erste Erfahrungen gesammelt?
Kürzlich hatte eine Aue mit einem frischgeborenen Lamm hohes Fieber. Zuerst versuchte ich sie mit homöopathischen Mitteln zu behandlen, was tatsächlich ein wenig half. Doch ich wollte das Leben von Mutter und Lamm nicht gefährden, weshalb ich schlussendlich doch ein Antibiotikum einsetzen musste. Ich muss mich auch erst an die Alternativmedizin gewöhnen und an meiner Geduld arbeiten.

Welchen Herausforderungen stehen Sie sonst noch gegenüber?
Ich muss mich nach Abnehmern für Bioschaffleisch in der Region umsehen. Dabei denke ich an Restaurants und Hotels. Das Problem ist, dass diese Betriebe nur die guten Stücke wie den Rücken wollen, obwohl man aus dem Restfleisch delikate Wurstwaren und Ragouts machen könnte. Ich hoffe natürlich, dass die Nachfrage in der Region bestehen wird, sodass ich meine Tiere nicht an weit entfernten Orten schlachten lassen muss. Auch der Direktverkauf ist eine tolle Option.

Werden Sie in dieser Hinsicht von Bio Suisse und Inforama unterstützt?
Sobald mein Betrieb mit der Bio-Suisse-Knospe zertifiziert ist, werde ich ins Verzeichnis der Biobetriebe aufgenommen. Es gibt ausserdem einen Onlinebörse für Biobauern, an der man mit Futter und Endprodukten handeln kann. Dort kann ich dann zum Beispiel angeben, dass ich Wolle zu bieten habe und so einen Käufer finden.

Wann dürfen Ihre Produkte denn das Knospe-Label tragen?
Ich befinde mich gerade in der zweijährigen Umstellungsphase. In nächster Zeit wird ein Kontrolleur vorbeikommen, um sicherzustellen, dass ich die erforderten Standards einhalte. Dazu werden auch regelmässige Weiterbildungen verlangt. Vor kurzem habe ich einen lehrreichen Kurs zum Thema Düngen und Misten besucht. Als nächstes steht ein mehrtägiger Kurs bezüglich der Umstellung auf Bio von Schafund Geissbetrieben an.

Auf was können sich Ihre Schafe als Nächstes gefasst machen?
Am Alltag der Schafe ändert sich nicht viel. Wie immer werden sie den Sommer alleine auf der Alp verbringen. Ich wandere jede Woche zu ihnen hoch, damit ich sicher bin, dass es meinen Tieren gut geht.

Die Region Saanenland-Obersimmental hat den höchsten Anteil an Biohöfen im Kanton. Woran könnte das liegen?
Ich denke das liegt vor allem daran, dass es im Saanenland viele Kleinbetriebe gibt, die ohne Subventionen kaum rentabel wären. Viele meiner Kollegen haben ihre Höfe auch schon als Biobetriebe von den Eltern übernommen, was beweist, dass die Überzeugung für Bio schon vor dem grossen Boom vorhanden war.

Kaufen Sie Bioprodukte aus der Region?

Klar, bei jeder Gelegenheit
67% (18 Stimmen)
Ich kaufe Bioprodukte unabhängig von der Herkunft
0% (0 Stimmen)
Regionalität ist mir wichtiger als Labels
33% (9 Stimmen)
Nein, die sind mir zu teuer
0% (0 Stimmen)
Gesamtstimmen: 27

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