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Wieso sich Bio längerfristig lohnt

| Fr, 12. Apr. 2019

Matthäus von Grünigen ist seit zwanzig Jahren überzeugter Biobauer. Er spricht über die Anfänge der Knospe-Bewegung im Saanenland und die momentane Lage des Marktes.

SARA TRAILOVIC
«Bauern und Konsumenten stehen in einer viel grösseren Verantwortung, als sie denken», so Matthäus von Grünigen. Der Bauer sieht die Lebensmittelindustrie in einer spannenden Lage. «Durch chemische Hilfsmittel und Massenproduktion haben wir in relativ kurzer Zeit viel zerstört. Nun gilt es, nachhaltige Methoden zu entwickeln.»

Als Bio in den Kinderschuhen steckte
Als Jungbauer reiste Matthäus von Grünigen nach Nicaragua und Neuseeland, wo seine Brüder als Projektleiter und als Landwirte im grossen Stil wirtschafteten. Er spielte selbst mit dem Gedanken, auszuwandern, doch was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht: Massentierhaltung und Monokulturen prägten die Betriebe. «Ich sah, was es heisst, wenn aufgrund solcher Methoden Falsches oder gar nichts mehr wächst. Viele Krankheiten kommen nur vor, wenn man einseitig produziert, da nützt alle Effizienz der Welt nichts», so der Biobauer. Seine Reisen gaben ihm den Anstoss, es selbst anders zu machen.

In den 80er-Jahren formte sich im Saanenland eine Gruppe Andersdenkender, welche schliesslich auch die Bio-Knospe in die Region holte. «Anfänglich waren die meisten Biobauern Quereinsteiger mit grossen Visionen», erzählte Matthäus von Grünigen beim Gespräch in seinem Wohnzimmer. «Sie reisten mit Ross und Wagen an die Versammlungen», schmunzelt der Landwirt. «Man muss schon ein wenig extrem sein, sonst ist man nicht überzeugt. Ich wollte nach deren Ideen produzieren, aber in einem normalen Rahmen.»

Von Grünigen betont, dass die biologische Landwirtschaft keine Neuerfindung sei, sie werde lediglich erst seit Kurzem klar ausgelegt. Heute gebe es unzählige Labels für umweltfreundliche Produkte mit unterschiedlichen Standards. Nicht so 1992, als die Familie von Grünigen den Betrieb auf Bio umstellte. Entweder ganz oder gar nicht, lautete die Devise. Der Bauer aus Schönried ist deshalb bis heute nicht stolz auf sein Knospe-Zertifikat, sondern auf seinen Betrieb an sich.

Ein nachhaltiger Kreislauf
«Ich habe nie jemandem gesagt, dass seine Produktion schlecht ist, aber ich denke auch nicht, dass mein Betrieb schlechter ist.» Er wolle mit Bio nicht die Welt umkehren, sondern einfach so produzieren, wie er es vertreten könne.

Matthäus von Grünigen setzt dabei auf Grasland basierte Fleischproduktion und Artenvielfalt, ein schlüssiges Gesamtpaket. «Mir ist wichtig, dass meine Landwirtschaft den natürlichen Kreislauf unterstützt.» So unterhält der Bauer auch Hecken, Bäume und seltene Tier- und Pflanzenarten wie das Appenzeller Barthuhn. Dafür bekomme er zusätzliche Beiträge, allerdings glaubt man von Grünigen aufs Wort, wenn er sagt: «Ich mache das alles nicht nur fürs Geld, ich sehe einen Sinn dahinter.»

Aus diesem Grund hat die Tierzucht für ihn nicht erste Priorität. «Die Tiere müssen auf den Betrieb passen, nicht einem Ideal entsprechen.» Vieles sei durch Umdenken möglich, meint der Biobauer. «Ich habe zum Beispiel zwei Jersey-Kühe, deren Milch mehr Eiweiss und Fett enthalten. Durch das Mixen mit der Milch meiner Simmentaler Tiere kann ich den Vorgaben auch ohne Zufütterung gerecht werden.

«Eine eigene Linie ist wichtig, denn ein Biobetrieb funktioniert nur durch Beständigkeit.» Trotzdem bleibe er offen für Neues. Matthäus von Grünigen kauft zum Beispiel sojafreies Hühnerfutter, das erst seit Kurzem in der Schweiz erhältlich ist.

Direktvermarktung für Nischenprodukte
Der Bauernbetrieb der Familie von Grünigen in Schönried setzt hauptsächlich auf den Direktverkauf ihrer Produkte. «Wenn ich nur so viel produziere, wie ich selbst verkaufen kann, wirtschafte ich besser, als beim billigen Verkauf von grossen Mengen», begründet Matthäus von Grünigen das Geschäftsmodell. Er wolle auch nicht den Normalbauern konkurrenzieren, sondern eine Marktlücke füllen. «Es nützt nichts, wenn ich so produziere, dass ein anderer weniger verkaufen kann. Vielmehr möchte ich Kunden ansprechen, die sonst vielleicht gar nichts gekauft hätten.»

Von Grünigen hat viele Käufer/innen, die sonst vegetarisch essen, weil sie die gängige Produktion nicht mehr unterstützen wollen. «Bio steht für mich für ein gesundes Verhältnis zur Nahrung.» Der Fleischkonsum gehört zur menschlichen Ernährung, aber in einem normalen Mass ohne Massenproduktion.» Von Grünigen bringt all seine Tiere selbst zum Schlachthof und begleitet sie bis zur letzten Sekunde ihres Lebens. Ein Problem sei auch, dass die Leute nicht mehr wissen, wie man frisches Fleisch verarbeite, weshalb viele auf aufbereitete Produkte aus dem Supermarkt setzen würden.

Auf die Bemerkung, dass biologisch produzierte Nahrungsmittel für viele Menschen nicht erschwinglich seien, antwortet der Bauer: «Bioprodukte sind meist gar nicht teurer, wenn man die Qualität genauer betrachtet. Bei einem Vergleich unter Kollegen kam heraus, dass mein Fleisch bei der Verarbeitung viel weniger schrumpfte als anderes. Leider zählt in der Lebensmittelindustrie oft die Oberfläche.»

Der Mehraufwand lohnt sich
Matthäus von Grünigen gibt zu, dass die biologische Landwirtschaft einige Herausforderungen mit sich bringt. «Wir müssen unser Unkraut mechanisch behandeln, eine andere Möglichkeit gibt es in den Bergregionen noch nicht. Doch die Blacken sieht man, gefährlich sind die unsichtbaren Gifte, die schlussendlich in den Produkten landen und den Boden zerstören.»

Die Biostandards fordern auch den schonenden Einsatz von Medizin. Von Grünigens Betrieb hat schon vor 20 Jahren angefangen, mit alternativen Heilmethoden zu tüfteln. «Damals haben die Leute gelacht, heute ist es Trend», erinnert sich der Biobauer aus Schönried. «Ich hätte zu Beginn auch nie geglaubt, dass Homöopathie etwas bewirkt, doch das tut es.» Mut und Geduld brauche es für einen konsequenten Biobetrieb.

Von Grünigen ist davon überzeugt, dass sich der Mehraufwand lohnt. «Es gibt die doppelten Absetzfristen bei Antibiotika. Mir geht es aber darum, gar keines zu brauchen.» Daher züchte er keine extremen Tiere mit der grösstmöglichen Leistung, sondern setze auf robuste, langlebige Rassen. «Langfristig gesehen mache ich so weniger Verlust und kann den natürlichen Kreislauf aufrechterhalten.»

Die starke Vermarktung missfällt
«Ich sehe im Saanenland viele Betriebe, die von einer Umstellung profitieren könnten, gerade kleinere Betriebe. Viele Bauern sagen: ‹Ich bin ja eigentlich Bio.› Bis sie ein phosphatfreies Waschmittel brauchen oder auf den Antibiotikaeinsatz bei Euterinfektionen verzichten müssen.» Matthäus von Grünigen sieht im hiesigen Absatzmarkt noch viel Potenzial. Wenn das Geld, das in der Region im Umlauf ist, etwas mehr in die Ernährung investiert würde, könnten alle Produkte, die hier produziert werden, hier bleiben.

«Es sind spannende Entwicklungen im Gange. Organisationen wie der Demeter-Verband und IP-Suisse leisten neben dem Dachverband Bio Suisse tolle Arbeit und machen die Landwirtschaft interessant und lebendig.»

Andere Tendenzen gefallen dem Biobauern nicht. «Heute ist Bio politisch gesteuert, dadurch geht die Glaubwürdigkeit ein wenig verloren.» Normalbetriebe würden nicht mehr rentieren, weshalb viele relativ überstürzt auf Bio umsteigen, so von Grünigen. Das habe zur Folge, dass einige Betriebe für eine kurze Zeit viel biologische Produkte produzieren und dann wieder auf den Normalbetrieb umstellen. Dadurch falle der Markt regelmässig zusammen. Für den eigenen Betrieb sei der Bioboom natürlich positiv, die starke Vermarktung störe ihn aber.

Mehr Bürokratie
Bei der Umstellung des Saalihofs auf Bio in den 90er-Jahren seien die wenigen Richtlinien direkt von den Bauern der Knospe-Bewegung gekommen, erzählt Matthäus von Grünigen. Heutzutage komme mindestens einmal jährlich ein Inspektor oder eine Inspektorin von Bio Suisse für eine Betriebskontrolle vorbei.

In den letzten Jahren sei der Papierkrieg extremer geworden. Das Ausfüllen von Protokollen und Formularen erfordere mehr Aufwand vonseiten der Landwirte. «Ich bin natürlich lieber draussen bei den Tieren als am Bürotisch, aber die Bürokratie ist heute nötig. Wenn Knospe drauf ist, soll Knospe drin sein.»

Der Saalihof liefert ca. zehnmal jährlich direkt vor die Haustüre. Kontakt und mehr Informationen unter: http://tinyurl.com/y5qzjrvj


ZUR PERSON

Matthäus von Grünigen kam als einer von zehn Kindern auf dem Saalihof in Schönried zur Welt. Sein Vater legte schon damals Wert auf Vielseitigkeit und hielt viele verschiedene Tiere und Pflanzen gleichzeitig. Nach einem Landwirtschaftslehrjahr im Kanton Waadt besuchte der Jungbauer Matthäus von Grünigen zwei Winter lang die Landwirtschaftsschule in Bergbauernschule Hondrich. Nach seiner Rückkehr übernahm er den Elternbetrieb und stellte sogleich auf die damals neuen Biostandarts um. Seit 1994 tragen die Produkte des Saalihofs das offizielle Bio-Knospe-Zeichen. Matthäus und Gisela von Grünigen und ihre vier Kinder bewirtschaften den Saalihof mit Hühnern, Kühen, Kaninchen, Schweinen, Schafen und Geissen. Die grosse Biodiversität erfordert die Mitarbeit der ganzen Familie.


 

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Kommentare

Mich beeindruckt M. von Grüningen. Ich würde mir wünschen, dass es nur noch solche Bauern gäbe. Ich wäre sofort seine Kundin, wenn ich im Saanenland wohnen würde. Doch auch in Zürich gibt es Märkte und dort findet man mich regelmässig am Bio-Stand. Die Sachen sind einfach schmackhafter und besser als von konventionell betriebenen Höfen. Ein hervorragender Artikel! Vielen Dank. Bertha Aellen

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