«Als wäre ich in einer Blase»

Di, 30. Jul. 2019
«Es fühlt sich an wie eine Form von Meditation» – Bertrand Chamayou FOTOS: RAPHAEL FAUX/GSTAADPHOTOGRAPHY.COM

An nicht weniger als fünf Konzerten tritt Bertrand Chamayou am Gstaad Menuhin Festival auf. Der diesjährige Artist in Residence des Gstaad Menuhin Festival verrät im Interview mit dieser Zeitung, was in seinem Kopf und Körper passiert, wenn er das Klavier zum Klingen bringt.

SARA TRAILOVIC
Ich traf den französischen Pianisten am letzten Donnerstag nach der Hauptprobe zu seinem ersten Konzert «Le violoncelle français – Semaine française I», einem Duett mit Cellistin Sol Gabetta. Während dem sie auf der Bühne der angenehm kühlen Kirche in Saanen noch weiterübte, setzte sich Bertrand Chamayou neben mich auf eine Kirchenbank. Er sprach geduldig und mit leuchtenden Augen über seine Rolle am diesjährigen Gstaad Menuhin Festival.

Sie spielen heute Abend bekannte Stücke von Chopin, Poulenc and Debussy. Wie viel Freiraum haben Sie bei der Interpretation?
Die Freiheit zur Interpretation ist immer eine grosse Frage. Man kann lernen, jede Note korrekt zu spielen und sich mit dem Stil des Komponisten bekannt machen, doch ab einem gewissen Punkt rückt all dies in den Hintergrund. Es geht darum, herauszufinden, welche Geschichte das Stück erzählen möchte. Diese Geschichte kann man immer wieder etwas anders formulieren. Ich entdecke immer wieder neue Facetten in Stücken. Je öfters ich beispielsweise Chopin spiele, desto freier fühle ich mich. Ich mag, dass alles sich ständig verändert – Musikstücke sollten nicht wie Bilder in einem Museum sein.

Wie reagiert das Publikum auf experimentelle Teile?
Wir verändern ja grundsätzlich nichts an den Noten, wir interpretieren sie nur auf unsere Art und Weise. Schlussendlich geht es darum, das Publikum mit deiner Geschichte abzuholen. Die Menschen sollen der Musik folgen können, mit Emotionen wie Angst und Freude dabei sein. Es reicht nicht, wenn das Publikum am Ende sagt: «Sie haben gut gespielt.» Selbst wenn man genau das spielt, was auf dem Notenblatt steht, bedeutet es für jeden etwas anderes. Ein einfaches Beispiel: Stellen Sie sich vor, mehrere Leute lesen ein und dasselbe Buch mit denselben Wörtern. Die Buchstaben bedeuten für jeden dasselbe und gleichzeitig etwas ganz anderes, denn jeder Leser assoziiert die Wörter mit seinen persönlichen Erfahrungen – dasselbe gilt auch für die Musik.

Was geschieht eigentlich in Ihrem Kopf und Körper, wenn Sie auf der Bühne spielen?
Das ist schwierig zu erklären. Über die Jahre hat sich dieser Zustand auch verändert. Heute würde ich den idealen Zustand am Klavier so beschreiben, als wäre ich in einer Blase. Es fühlt sich fast ein wenig wie eine Form von Meditation an. Die Töne formen dabei einen Kreis und ich versuche, den Mittelpunkt davon zu erreichen. In dieser Blase bin ich fast blind. Ich konzentriere mich völlig auf das, was ich höre und spüre. Es ist, als könnte ich nicht nur die Tasten, sondern auch die Klänge anfassen.

Das tönt, als wären Sie während des Spielens paralysiert. Geht dabei nicht die Verbindung zum Publikum verloren?
Es stimmt, dass ich das Publikum visuell verschoben wahrnehme. Aber ich denke, je mehr man versucht mit den Leuten direkt zu kommunizieren und sie zu verführen, desto weiter entfernt man sich von ihnen. Am stärksten ist meine Verbindung zum Publikum, wenn ich mich ganz in meiner Blase befinde und einzig durch die Musik mit den Menschen verbunden bin. Blicke sind dabei zweitrangig. Manchmal bekomme ich selbst Hühnerhaut, wenn ich merke, dass diese Magie geschieht.

Als Artist in Residence 2019 sollten Sie das Thema des Gstaad Menuhin Festivals repräsentieren. Sie sind aber ursprünglich aus dem Süden Frankreichs, nicht aus Paris. Wie kamen Sie zu dieser Position?
Ich war während der Planung des Festivals oft der erste Ansprechpartner von Artistic Director Christoph Müller, einem guten Freund von mir. Er bat mich oft um Ratschläge in Sachen Stückauswahl und Programm. Ich bin, was die Musik anbelangt, sehr französisch aufgewachsen – unter anderem mit Werken von Poulenc, Ravel und Saint-Saëns – und ich lebe seit 25 Jahren in Paris. Deshalb bat Christoph mich um Ratschläge in Sachen Stückauswahl und Programm. Dass ich selbst auftreten werde, war von Beginn weg klar, doch mit der Zeit erboten sich weitere Konzerte. So kam ich eigentlich ungeplant in eine zentrale Position. Ich bin Christoph sehr dankbar, dass er meine Arbeit unterstützt und mir diese einmalige Möglichkeit bietet.

Was macht französische Musik aus?
Sie ist sehr subtil. Man könnte Melodien mit einer Landschaft vergleichen, die sich durch die vorüberziehenden Wolken und Sonnenstände ständig leicht verändert, im Grundsatz jedoch die gleiche bleibt. Die Kompositionen bewegen sich horizontal fort, ohne den Anspruch auf eine extreme Klimax. Damit stehen sie in einer gewissen Weise im Gegensatz zu russischen und deutschen Kompositionen.

Was bedeutet es für Sie als Künstler, in Form einer Residenz hier zu sein?
Als Artist in Residence habe ich die Möglichkeit, verschiedene Seiten von mir zu zeigen und Teil der Planung zu sein – ein grosses Privileg. Die Position öffnet mir viele Türen, auch was meine Karriere anbelangt. Ich habe mich als Musiker erst vor zirka fünf Jahren international etabliert und bin beim Schweizer Publikum noch eher unbekannt.

Sie streben also nach Berühmtheit.
Es geht nicht um Ruhm. In meinem Job bedeutet berühmt sein, dass man mehr Raum bekommt, das eigene Universum auszudrücken und das ist schön.

Vor grossem Publikum, im Studio, alleine … In welcher Umgebung spielen Sie am Liebsten?
Wie gesagt mag ich Veränderungen. Es fällt mir deshalb schwer, einen Lieblingsort festzulegen. Ich weiss, was mir nicht gefällt. Aber was ich mag, kann sehr verschieden sein, je nach Situation. Kirchen wie diese in Saanen gefallen mir sehr. Die Kombination zwischen den Mineralien und dem Holz spricht mir sehr zu. Bei der Hauptprobe hallte es für meinen Geschmack noch etwas stark, doch am Konzert wird der Klang durch das Publikum gedämpft. An Orten wie diesem vergeht mir die Lust am Spielen nie – auch, weil ich nahe am Publikum bin.

Was bedeutet es für Sie, Ihr erstes Konzert am Gstaad Menuhin Festival mit Sol Gabetta spielen zu dürfen, einer Musikerin, die schon seit fast zwanzig Jahren in Gstaad mitwirkt?
Die Beziehung zwischen Sol und mir ist aussergewöhnlich. Wir haben uns bereits als Teenagers befreundet und sind seither wie Bruder und Schwester. Als wir dann vor etwa 15 Jahren zusammen spielten, wurde sofort klar, dass wir musikalische Zwillinge sind. Ich sprach vorhin über die unsichtbare Verbindung zum Publikum. Auch Sol Gabetta und ich schauen uns während dem Spielen kaum an, wie es andere Duettpaare tun. Für uns wäre das ein Theaterspiel, etwas würde verloren gehen. Es ist ausserdem eine grosse Ehre für mich, mit einer so ikonischen Musikerin ins Festival zu starten, die seit fast zwanzig Jahren in Gstaad auftritt.

Gibt es ein Stück, auf welches Sie sich besonders freuen?
Ich freue mich auf alle Konzerte und Stücke, aber mein Highlight ist wahrscheinlich «Quatuor pour la fin du Temps» von Olivier Messiaen. Es ist ein Meisterwerk für Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier, auf das oftmals eine grosse Stille folgt. Die Leute können nicht sprechen, manchmal nicht einmal applaudieren. Ich mag auch, dass es fast eine Stunde dauert. Ich bin ein Marathon-Liebhaber.

* * *

Die musikalische Verbundenheit von Chamayou und Sol Gabetta war am Abend nach dem Interview in der Kirche Saanen zu hören und spüren. Ihr Zusammenspiel offenbarte sich weder in absoluter Harmonie noch in einem Tauziehen. Vielmehr hörte es sich wie ein Tanz an, bei dem mal der Flügel, mal das Violoncello führte.
Die Bänke der Kirche Saanen waren trotz des Wochentages sehr gut besetzt. Das Publikum brachte die beiden renommierten Musiker mit anhaltendem Applaus und einer Standing Ovation für zwei Zugaben auf die Bühne zurück.

Es schien, als würden die Schwingungen ihres Instruments direkt auf ihren Körper übertragen. Wenn Gabetta den Bogen behutsam über die Saiten gleiten liess, so ging auch eine sanfte Welle durch ihren Oberkörper. Bei den gezupften Noten der drei Cellosonaten hingegen zuckte Gabetta zusammen, sie vibrierte, ihr zierliches Gesicht nahm kraftvolle Züge an. Ihr Duettpartner brachte seine Emotionen deutlich dezenter zum Ausdruck und verschmolz damit in französischer Manier mit der Musik. www.gstaadmenuhinfestival.ch


ZUR PERSON

Bertrand Chamayou ist 1981 in Toulouse (F) geboren. Mit 15 Jahren wechselte er vom Konservatorium seiner Heimatstadt nach Paris. Bekannt wurde er durch seine Konzertreisen in Frankreich, Deutschland, Japan und Hongkong. Als Kammermusiker tritt er gemeinsam mit Renaud und Gautier Capuçon, mit Sol Gabetta, Antoine Tamestit und dem Quatuor Ebène auf. Im Jahr 2014 erschien sein erstes Album, auf dem er das Werk von Saint-Saëns zusammen mit dem Nationalorchester von Frankreich vertont hat. In der Erscheinungswoche gelangte es auf Rang 1 der französischen Klassikcharts. Chamayou erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen wie 2016 den «Echo Klassik» für seine Einspielung des pianistischen Gesamtwerks von Maurice Ravel.


ARTIST IN RESIDENCE

Bei «Artists in Residence» handelt es sich um ein Programm, das es Künstlern und Künstlerinnen ermöglicht, ausserhalb ihres gewohnten Umfeldes tätig zu sein. Über Stipendien oder Einladungen von Institutionen wie Galerien, Museen, Theatern, Künstlerhäusern oder Hochschulen kann sich der Artist in Residence mit Kunstschaffenden – insbesondere denen des Gastlandes – austauschen und sich weiterentwickeln.

Category: 

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Die Emailadresse wird nicht veröffentlicht oder an dritte weitergegeben. Sie wird nur zu Kontaktzwecken im Zusammenhang mit diesem Kommentar verwendet.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses

Trending

1

Brand eines Bauernhauses

Am Mittwochabend ist in Saanenmöser ein Bauernhaus in Brand geraten. Verletzt wurde niemand. Ermittlungen zur Brandursache wurden aufgenommen. Die Kantonspolizei Bern sucht Zeugen.

Am Mittwoch, 16. September, kurz nach 20.30 Uhr ging bei der Kantonspolizei Bern die Meldung ein, dass es in einem Bauernhaus in Saanenmöser brenne. Beim Eintreffen der Feuerwehren stand das Gebäude bereits in Vollbrand. Ein Übergreifen auf die nebenstehende Scheune konnte durch die Feuerwehren...